Nördliches Höllhorn, Jochspitze Westgrat, Muttekopf (2284 m)


Published by Ben77 , 13 December 2020, 18h38.

Region: World » Germany » Alpen » Allgäuer Alpen
Date of the hike:12 August 2019
Hiking grading: T5 - Challenging High-level Alpine hike
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: D   A 
Time: 12:00

Ein paar Worte vorab
 
Der nachfolgende Bericht enthält bis auf wenige, eher unbedeutende Details keine Informationen, die es nicht schon auf diesem oder anderen einschlägigen Foren zu finden gibt. Es handelt sich daher eher um einen persönlichen Erlebnisbericht als um eine Tourenbeschreibung, in der ihr Neues zu bisher unveröffentlichten Routen erfahren könnt.
 
Leser mögen mir außerdem verzeihen, dass ich die Tour nicht streng nach bergsteigerischen Geboten durchgeführt habe. Ich bin nicht in aller Früh gestartet, ich habe sie trotz Wetterumschwung nicht rechtzeitig abgebrochen und ich habe gegen alle Vernunft das Zeitlimit überschritten. Alle diese Aspekte bargen unnötige Risiken, die einzugehen ich mit meinem Bericht nicht propagieren möchte.
 
Die Wegpunkte im Überblick
 
Oberstdorf – Käseralpe – Wildenfeldhütte – Wildenfeldscharte – Nördliches Höllhorn – Jochbachtal – Hornbachjoch – Schwabkarle – Jochspitze Westgrat – Grüner Kopf – Hellscharte – Muttekopf (2284 m) – Lechler Kanz – P. 2257 m – Seichereck – Älpelesattel – Käseralpe – Oberstdorf
 
Meine ursprünglich geplante Runde bezog zusätzlich noch den Höfats-Ostgipfel mit ein. Außerdem hatte ich vor, vom Muttekopf aus das Rauheck über dessen Nordostgrat zu ersteigen. Beides konnte ich jedoch nicht realisieren.
 
Startbedingungen
 
Ich lieh mir für diese Unternehmung in Oberstdorf ein E-Bike aus und vereinbarte in Antizipation einer zeitlich ausufernden Runde für dessen Rückgabe von vornherein den Folgetag. Auch hatte ich mich im Ort einquartiert, um ein „Basislager“ zu haben. Der 20. Juli war ein überaus heißer Tag. Ich war nicht sonderlich früh, aber auch nicht arg spät aus der Unterkunft losgekommen. Bis ich allerdings noch einige notwendige Besorgungen gemacht hatte, inklusive eines obligatorischen Espressos, war es fast schon wieder später Vormittag geworden. Dann brauste ich los auf dem geliehenen „Speedbike” und rauschte durchs Oytal wie ein Blitz über Stock und Stein bis zur berühmten Käseralp. Geil, diese E-Bikes!
 
Quellen
 
An Wegbeschreibungen hatte ich folgende dabei:
 
Für den Abschnitt Wildenfeldscharte bis Nördliches Höllhorn sowie den Felsdurchlass ins Jochbachtal:
- festivaltour.de: Von Hinterhornbach auf den Kleinen Wilden (2.306m) und das Nördliche Höllhorn (2.145m)
- Boris Stephan (gipfelsuechtig.de): Kleiner Wilder (Gipfelliste Allgäuer Alpen)
Für den Abschnitt Hornbachjoch bis Muttekopf:
- gipfelsuechtig.de: In der nördlichen Krottenspitzgruppe (Kanzberg-Überschreitung)
- festivaltour.de: Jochspitze (2.232m), Muttekopf (2.284m), Südliches Höllhorn (2.145m)
Für den Abschnitt Muttekopf – Rauheck:
- Andy84 (hikr.org): 4 Tage in der Hornbachkette (4/4) - Rauheck, Muttekopf, Kanzberg
 
Diesen Tourenbeschreibungen entnahm ich jeweils nur Versatzstücke und las sie quasi von hinten nach vorn.
 
Kurze Verortung – und los geht‘s
 
Diese Bergfahrt führte mich in jenen Teil der Allgäuer Berge, der stark durch das klotzige Wildenmassiv geprägt ist und der mir eindrückliche Blicke bescherte auf die bizarren Formen der beiden Höllhörner sowie auf solch abgelegene Gebiete wie das Salbtal und den hinteren (westlichsten) Abschnitt des Hornbachtals.
 
Jenen Teil der Allgäuer Berge auch, der relativ versteckt liegt und in den kein erschlossener Wanderweg führt. Obgleich er von Abschnitten des Wanderweges 431 gestreift wird, den ich als Zubringer gerne nutzte: Der verlängerte Weg 431 führt von der Käseralp zur Wildenfeldhütte. Dort gabelt er sich. Und während es weglos hinauf zur Wildenfeldscharte geht, leitet ein Seitenast des Wanderwegs nach rechts (südsüdöstlich) zum Hornbachjoch und in der Folge hinab ins Jochbachtal, wo ich später noch einmal auf ihn treffen werde. Dazu aber weiter unten mehr.
 
Aufstieg zur Wildenfeldscharte und Abstieg ins Kar östlich des Kleinen Wilden
 
Auf dem steilen Geröllhang hinauf zur Wildenfeldscharte beeindruckte mich vor allem die imposante, stark gebankte Nordflanke des Kleinen Wilden, in der ein riesiges, höhlenartiges Loch klafft. Gut, dass es hier etwas zu bestaunen gibt, denn ansonsten ist dieser Aufstieg vor allem eines: ein Schinder. Insbesondere auf dem letzten Abschnitt ist es steil und man tut gut an einem intakten Sohlenprofil.
 
Jenseits der Scharte geht es sodann hinab über eine „breite Schotterrinne” (vgl. Festivaltour), in die man über teils splittrigen und brüchigen Untergrund sowie einige steile, plattige Abschnitte nicht ganz so bequem gelangt (I bis II). Ist man erst einmal in der Rinne, durchsteigt sie sich aber gut. Unten angekommen, erblickt man rechterhand das beinahe schnurgerade Band, das unterhalb der mächtigen Ostwand des Kleinen Wilden entlangführt. Aufgrund der Überhänge dürfte die Steinschlaggefahr auf dem Band selbst kurioserweise nicht so hoch sein. (Worauf die Autoren von Festivaltour hinweisen.)
 
Weiter zum Nördlichen Höllhorn
 
Nach der Bandquerung wanderte ich querfeldein über Schutt, Gras und karstige Abschnitte auf einer durch das Gelände vorgegebenen Route hinüber zum Fuß des Nördlichen Höllhorns. Boris Stephan schreibt dazu: „Auf selbsterklärender Route [...] bis knapp unterhalb des Sattels zwischen Nördlichem Höllhorn und Kleinen Wilden. Ein Abstecher von hier auf das von dieser Seite unschwierig über Schutt und leichte Grasschrofen erreichbare Nördliche Höllhorn (teilweise Trittspuren) ist wegen der schönen Aussicht, insbesondere auf die faszinierende Kulisse der Höfats, sehr empfehlenswert.”
 
Auf halbem Weg geriet ich jedoch ins Stocken und hinterfragte mein Vorhaben, da sich die Situation am Himmel alles andere als vertrauenerweckend entwickelt hatte: Von Nordwesen her verdichteten sich die Wolken zu einer brodelnden Mixtur variierender Grautöne. Dazu kam die Schwüle und der spürbar erhöhte Luftdruck. Da braute sich etwas zusammen, entgegen der Wettervorhersage.
 
Die Frage, die ich mir angesichts dessen stellte, war, ob ich das Höllhorn besser auslassen und mich gleich auf die Suche nach dem Durchlass ins Jochbachtal machen sollte, wo ich ein Gewitter besser aussitzen können würde. Zurück zur Wildenfeldscharte und Wildenfeldhütte zu gehen wäre zwar natürlich auch möglich gewesen. Es wäre nach all dem Aufwand, den ich betrieben hatte, um dorthin zu gelangen, wo ich war, jedoch einem herben Verlust gleichgekommen.
 
Und wie es nun manchmal so ist, wenn man etwas will, sucht man nach Zeichen, die einem in seinem Tun bestätigen. Und tatsächlich schaute ich von da an überwiegend nur auf die Teile des Himmels, die noch blau waren, und entschied, dass diese die Oberhand über das Gebiet, in dem ich mich befand, zumindest vorerst behalten würden. Und so stieg ich, schwachen Begehungsspuren folgend, problemlos auf den Gipfel des Nördlichen Höllhorns, welcher mit einem skurril anmutenden, windschiefen Holzkreuz geschmückt ist. Ich weiß nicht, wieso, aber irgendwie erinnerte es mich an das vermoderte Steuerrad eines Schiffswracks.
 
Die Suche nach der Felsrinne
 
Nun galt es, möglichst rasch ins Jochbachtal zu kommen. Dabei geriet ich jedoch beinahe in Verzweiflung, da es mir zunächst nicht gelang, den besagten Felsdurchlass zu finden. Vom Fuß des Nördlichen Höllhorns ausgehend, erkundete ich, mehr oder weniger auf Höhe bleibend, das etwas unübersichtliche, größtenteils grasige Gelände, das in Richtung Jochbachtal stufenweise abfällt. Dabei hielt ich stets Ausschau nach Rinnen oder Einschnitten, die dem besagten Durchlass entsprechen könnten.

Aufgrund der Geländestufen kann man jedoch nicht bis zum äußeren Rand sehen, unter dem das Gelände final zum Jochbachtal abbricht, wo sich der Felsdurchlass also befinden musste. Trotzdem vermied ich es an dieser Stelle noch, zu weit abzusteigen, um ein Auf und Ab zu vermeiden, denn ich war mir einfach nicht sicher, wo genau in Bezug zum Nördlichen Höllhorn, der Felsdurchlass zu finden war.

Den einzigen Anhaltspunkt, den ich hatte, war ein Foto aus dem Bericht von Festivaltour, auf dem man sieht, wie die Umgebung oberhalb des Austritts der Felsrinne aussieht. Ich versuchte daher immer wieder, meine Position mit einigen Details auf diesem Foto abzugleichen. Das war jedoch vergeblich, da ich einfach noch zu weit oben war.

Statt jedoch abzusteigen, lief ich zunächst seitlich in nördlicher Richtung, und zwar so weit, bis ich zu der großen Rinne gelangte, die von der Wildenfeldscharte hinabzieht. Auch diese Rinne leitet ja in Richtung Jochbachtal. Aber sie ist so steil und verläuft an solch mächtigen Wandfluchten entlang, dass letztere in den Tourenbeschreibungen erwähnt gewesen oder abgebildet worden wären. Das konnte sie nicht sein.

Eine weitere, weiter südlich gelegene Rinne kraxelte ich an, aber auch diese passte nicht. Sie war auch viel zu steil und führte ins Ungewisse. Das Gleiche traf auf ein oder zwei andere, weiter südlich gelegene Rinnen zu. Und so ging ich schließlich wieder zurück zum Fuß des Nördlichen Höllhorns, um von dort das Gelände noch einmal neu zu sondieren, inklusive der Option, von dort direkt (südlich) ins Tal abzusteigen, was aber definitiv zu steil ist.

Ich entschied mich daher, die relativ flachen Geländestufen nun weiter abzusteigen (östlich/leicht nordöstlich) und dort, wo steilere Abbrüche ein Weiterkommen verhindern, nach dem Durchlass zu suchen. Hier hatte ich dann Erfolg, und zwar im südöstlichen Randbereich der Grasflächen, die man vom Nördlichen Höllhorn aus relativ leicht erreichen kann. Ganz oben am Austritt der richtigen Rinne befindet sich auch ein kleiner Steinmann und, an einem Felsen gegenüber, sogar eine verblasste Markierung. Aufgrund dieser beiden etwas unscheinbar wirkenden Wegmarken, weiß man, dass man richtig ist.

Und das war Gold wert. Denn kaum hatte ich die Felsrinne betreten, fing es an zu tröpfeln, was mir insofern half, als dass es mir klar machte, dass ich hier nicht lange fackeln können dürfte, sondern so rasch wie möglich absteigen müsste.
 
Hinsichtlich der Einzelheiten des Durchstiegs verweise ich auf die beiden zitierten Berichte und möchte diese hier nur um meine subjektive Einschätzung zu zwei nicht ungefährlichen Stellen ergänzen:
 
1. Der sich im mittleren Teil befindende steile, plattige Abschnitt enthält einen fast senkrechten Abbruch (in Abstiegsrichtung rechts), den man auf kleinen aber festen Tritten hinabkraxeln muss (II) und der mir aufgrund seiner Steilheit volle Konzentration und etwas Überwindung abverlangte. Es sind zum Glück nur vier, fünf Meter.
 
2. Die Querung vom Austritt der Rinne bis zum flacheren Gelände (in Gehrichtung rechts) erfolgt auf schmalen grasigen Bändern, die durch die Steilwand führen und auf denen man nicht viel Spielraum hat (T5). Hier sind daher abermals erhöhte Aufmerksamkeit und Trittsicherheit erforderlich.
 
Potzblitz
 
Zum Glück war es vorerst bei den paar Regentropfen geblieben, und so pausierte ich im Jochbachtal erst einmal, unweit des Weges 431. Es war nun bereits 16.30 Uhr. Ungefähr eine halbe Stunde später machte ich mich an den Aufstieg zum Hornbachjoch. Ein Blick in den Himmel verlautbarte indessen nichts Gutes: Die dunklen Wolken hatten sich zwischenzeitlich enorm verdichtet und ausgebreitet. Es bestand nun kein Zweifel mehr, dass es bald ordentlich schütten und wohl auch krachen würde.

Aber was sollte ich tun? Nach Hinterhornbach absteigen? Im Prinzip eine Sackgasse. Also über das Joch auf dem Wanderweg zur Käseralp wandern? Das würde jedoch mindestens eine Stunde, eher 1,5 Stunden dauern; das Wetter würde mich also unterwegs erwischen und ich wäre auf weiten Teilen des Weges potenziellem Blitzschlag schutzlos ausgesetzt. So blieb mir nur eine sinnvolle Option: das Gewitter irgendwo unter einem Felsvorsprung oder etwas Ähnlichem auszusitzen.
 
Und ich hatte Glück. Nach einigem Auf und Ab (ich war bereits zum Gratrücken zwischen Karlespitze und Jochspitze gelangt und dann wieder etwa 50 Höhenmeter nordöstlich abgestiegen), fand ich eine Stelle zwischen zwei isoliert in der Landschaft stehenden, recht großen Felsklötzen, von denen einer einen Überhang hatte, der ausreichte, um sich darunter zu setzen. Durch die Neigung des Geländes war es allerdings etwas unbequem, dort Balance zu halten, aber es ging. Der Überhang war auch nicht breit genug, um seitlich einströmenden Regenfall abzuhalten. Aber auch damit konnte ich leben, da der zweite Felsklotz diesen etwas abhielt (ich befand mich in der Mitte zwischen den beiden Felsen). Mit am unangenehmsten war jedoch der Temperaturfall, und darauf war ich nicht richtig vorbereitet. Ich hatte zwar eine Daunenjacke dabei, aber nur eine relativ dünne Hose an. Und als diese nass wurde, fröstelte es mir bald.
 
Am schlimmsten jedoch war die Panik, die mich erfasste, als es – nachdem es bereits stark zu regnen angefangen hatte – ständig und unbarmherzig blitzte und donnerte. Ich merkte sehr deutlich, welch fürchterlichen Kräften ich gerade ausgesetzt war. Die Nische, die mir zwar Schutz bot, erschien mir auf einmal viel zu klein und pathetisch. Vor einem schräg einschlagenden Blitz hätte sie mich nicht geschützt. Zu allem Übel tröpfelte es immer eindringlicher von oben in meine Schutzstellung hinein. Und so entschied ich, auf der anderen Seite des Felsens in eine tiefere aber enge Lücke zwischen Fels und Boden zu kriechen. Da war es noch trocken, gleichzeitig erfasste mich dort jedoch eine Art Platzangst.
 
Es dauerte über eine Stunde bis Blitz und Donner durchgezogen waren und nun weiter südlich, im östlichen Lechtal und Wetterstein, wüteten. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich schon fast wie neugeboren. Ich war wirklich sehr dankbar, dass der Spuk vorbei war und wurde mit einem großen, kräftig leuchtenden Regenbogen „entlohnt“.
 
Den Hals nicht vollbekommen können
 
Leider war es nun bereits 19 Uhr. Was sollte ich nun tun? Pi mal Daumen sollte es von meinem Standpunkt aus eigentlich nicht viel länger dauern, anstelle direkt zur Käseralp zu gehen, dem Muttekopf noch rasch den geplanten Besuch abzustatten, dann von diesem über das Rauheck zum Älpelesattel zu wandern und von dort schließlich zur Käseralp abzusteigen. Bis etwa 22 Uhr hat man um diese Jahreszeit ja Tageslicht (mehr oder weniger) und von der Käseralp könnte ich mit Stirn- und Fahrradlampe problemlos durchs Oytal fahren. Letztlich hatte ich also noch drei Stunden Spielraum.
 
Dabei beachtete ich jedoch zwei Dinge nicht hinreichend: Erstens ist der Übergang vom Muttekopf zum Rauheck keine leichte Angelegenheit – das würde ich mir vor Ort möglicherweise gar nicht zutrauen. Und zweitens, was ich nicht ahnte, kommt man über die Geländestufen unterhalb des Lechler Kanzes, der Linie zwischen Jochspitze und Rauheck, vermutlich nirgends sicher zu den Eisseen und in der Folge weglos abkürzend vermutlich auch nicht rasch zur Talsohle (wobei man ab den Eisseen dann auch den Weg 433 als Option hätte). Diese Abkürzung über die Geländestufen unterhalb des Lechler Kanzes hatte ich mir als Notlösung zurechtgelegt, für den Fall, dass mir der Aufstieg zum Rauheck zu gefährlich erscheinen würde. Dass sie nicht funktionierte, brachte mich später zum zweiten Mal an diesem Tag in eine brenzlige Situation.
 
Gegen 19.45 Uhr hatte ich über den Westgrat der Jochspitze – wo ich mich seitlich über triefend nasse Grastritte entlang gemogelt hatte – den Lechler Kanz erreicht, über den es dann immer der Nase nach und eigentlich in gemütlicher Manier über saftiges Grün weitergeht. Dabei überschreitet man einen Gupf namens Grüner Kopf (2097 m) und steuert in der Folge die deutliche Senke im Grat zwischen Muttekopf und Rauheck an, die Hellscharte. Auch diese erreicht man problemlos.
 
Die folgende Gratstrecke zum Muttekopf ist größtenteils grasbewachsen und stellenweise etwas luftig (Umgehung des Gipfelaufschwungs auf Trittspuren links). Den Gipfel erreichte ich um 20.15 Uhr – pünktlich zum Samstagskrimi … Wenn man sich beeilt, dauert der Weg von der Jochspitze also nur etwas mehr als eine halbe Stunde. Leider kann man den Muttekopf zwecks Unterscheidung nicht einfach „Allgäuer Muttekopf“ nennen, denn es gibt ja noch einen in der Peischelgruppe. Aber wie dem auch sei, auf dem Gipfel hat man eine tolle Aussicht über einen sehr ruhigen Winkel des Gebirges und auf das eindrucksvolle Bollwerk der Hornbachkette.
 
Hoch pokern – und verlieren. Aber ein Happy End am Schluss
 
Auf dem Weg zum Muttekopf hatte ich schon gesehen, dass ich das Rauheck wohl nicht vom Grat werde ersteigen können. Dafür hätte ich Probierzeit benötigt, an der es mir jetzt definitiv fehlte. Außerdem waren alle grasigen Passagen nass. Auch eine seitliche Querung durch die Nordostflanke sah mir zu gewagt aus. Das Gelände unterhalb des Lechler Kanzes jedoch erschien mir nicht so abweisend: keine allzu steil wirkenden Grasflächen, Schutthalden und Schneefelder. Über eine schmale Schneeauflage, welche nordöstlich, genau in der Ecke zwischen Rauheck und Lechler Kanz, hinabzog, sollte ich passabel auf die nächsttiefere Ebene gelangen können und von dort dann hoffentlich auch weiter – dachte und hoffte ich.
 
Also stieg ich schnellen Schrittes, und noch frohen Mutes, etwa 300 Höhenmeter ab, größtenteils auf der Schneeauflage. Wo diese endete, folgte noch ein Streifen mit hüfthohem Gras, durch welchen ich mich bereits mit einem mulmigen Gefühl durcharbeitete. So gelangte ich zu einer Abbruchkante und steuerte noch zu einem schmalen, steil abfallenden Einschnitt durch diese. Den Einstieg und Verlauf dieses Einschnitts konnte ich aufgrund des rutschigen und zunehmend steilen Geländes jedoch nicht genau inspizieren. Zwar waren einige Gämsen, die ich aufgescheucht hatte, hier irgendwie weitergekommen; mir jedoch bot sich dafür dort keine erkennbare Möglichkeit. Auch in der Umgebung sah ich keine Option. Überall nur Steilgelände. Möglicherweise ist es nicht unmöglich, von dort weiterzukommen und zu den Eisseen zu gelangen – aber ich hatte keine Zeit mehr, das auszukundschaften.
 
Meine Verzweiflung war nun groß, denn ich war in einer Sackgasse gelandet. Doch ich musste eine Lösung finden, und zwar sofort. Die nächstbeste Option schien mir, zu versuchen, direkt auf den Kamm zwischen Rauheck und Älpelesattel zu kraxeln. Sollte sich das als zu steil herausstellen, wäre ich zumindest wieder weitestgehend nach oben gekommen und könnte zurück zu meinem Ausgangspunkt, dem Lechler Kanz, queren.
 
Also bin ich von meinem Standpunkt aus in westsüdwestlicher Richtung zunächst noch relativ problemlos aufgestiegen, auf den letzten 100 Höhenmetern dann jedoch über zunehmend abschüssiges, mit losem Schotter durchsetztes Gelände gekraxelt. Das war zum Teil heikel, vor allem wegen des rutschigen Untergrunds und meiner nassen Schuhsohlen. Auch ist das Gelände vermutlich weitgehend unbegangen, so dass sich immer wieder einige Steine lösten. Entsprechend groß war meine Erleichterung als ich den Kamm erreichte und auf dem befestigten Wanderweg stand, dem ich nun bis zur Käseralp folgen konnte. Die Zeit: Es war nun bereits 21.30 Uhr.
 
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich bei der Käseralp ankam, aber es muss noch eine ganze Weile gedauert haben. Als ich dann da war und mich erschöpft auf einen der Klappstühle setzte und mir schlapp wie ich war die Reste einer Tüte Studentenfutter einverleibte, war ich zu schläfrig, um meine Erleichterung gedanklich auszukosten und merkte, dass ich es wohl etwas übertrieben hatte. Trotzdem war es irgendwo auch ein Wahnsinnsgefühl, eine solch strapaziöse Unternehmung durchgemacht zu haben, vor allem natürlich in der Rückschau.
 
Zusammenfassung der Schwierigkeiten
 
- Der Aufstieg zur Wildenfeldscharte ist zum Teil steil und trittarm und verläuft vor allem im oberen Bereich auf brösligem, brüchigem Untergrund.
- Der Abstieg von der Wildenfeldscharte über die breite Schotterrinne ist insbesondere beim Einstieg in die Rinne etwas unangenehm (I-II).
- Der Abstieg zum Jochbachtal durch den rinnenartigen Felsdurchlass ist steinschlaggefährdet und zum Teil recht steil. Die Schlüsselstelle ist eine steile Platte bewertet mit II und ausgesetzt.
- Am Austritt des Durchlasses muss man an einer abdrängenden Platte entlang sowie in der Folge über schmale ausgesetzte Grasbänder steigen (T5).
- Der Abstieg von der Jochspitze über deren Westgrat erfordert etwas Kraxelei (I+) und vollzieht sich dann seitlich über ausgesetzte Grastritte (T5).
- Anstieg zum Muttekopf über einen schmalen, teilweise luftigen Grasgrat ist eher noch T4.
- Aufschluss zum Kamm/Weg 433 aus dem dem Rauheck nordöstlich vorgelagerten Gras-Schottergelände: trittarm, unbegangen und zum Teil ausgesetzt (T5, I-II)
 
Zeitbedarf (soweit bekannt)
 
Von Oberstdorf zur Käseralp (mit E-Bike): 45 Min.
Weiter zur Wildenfeldscharte: 2 Std.
Weiter zum Nördl. Höllhorn: 1 Std.
Abstieg ins Jochbachtal: 1 Std. 45 Min. (davon mind. 45 Min. für die Suche geopfert)
Aufstieg Jochspitze: 45 Min.
Übergang zum Muttekopf: 45 Min.
Übergang zum Rauheck: 1 Std. 15 Min.
Abstieg zum Älpelesattel: k. A.
Abstieg zur Käseralp: k. A.
Rückfahrt nach Oberstdorf: k. A.
 
Nachtrag
 
Erst nachdem ich diesen Bericht verfasst hatte (weit über ein Jahr nach der Tour), fand ich auf Hikr noch drei einschlägige Berichte, die nähere Informationen zum Nordostgrat des Rauhecks liefern. (Siehe nachfolgende Links.) Dies ist mir zum Zeitpunkt meiner Recherchen leider durch die Lappen gegangen. Ulf (quacamozza) hat den Grat mit T5+/II bewertet und detailliert beschrieben. Und in einem Kommentar in Nik Brückners Bericht schreibt jemand (User „retep”), dass er (wie ich) das Rauheck ausgelassen hat und in der Folge über die Eisseen weitergegangen ist. Ich weiß allerdings nicht, ob er erst hinauf zum Kamm gekraxelt ist und dann vom Seichereck über den Wanderweg zu den Eisseen gelangte, oder ob er sie vom Lechler Kanz aus weglos erreichte. Und auch das Nördliche Höllhorn (Zustieg aus dem Jochbachtal über den Felsdurchlass und Ersteigung über den Normalweg) hat seit 2018 schon einen eigenen Bericht auf Hikr.
 
Bemerkenswert finde ich noch, dass der Muttekopf wohl generell meist Teil ausgedehnter Touren ist und nicht unbedingt als alleiniges Ziel auserkoren wird. Was aufgrund seiner Abgelegenheit natürlich auch Sinn macht.
 
Weitere Hikr-Berichte mit Infos zum Nordostgrat des Rauhecks
 
Nik Brückner, 2014, Große Runde ums hintere Hornbachtal mit ÜS von Kanzberg, Karle-, Jochspitze und Rauheck + Muttekopf
https://www.hikr.org/tour/post85402.html
 
Sven86, 2014, Versuch Rauheck (2384m) von Hinterhornbach
https://www.hikr.org/tour/post86681.html
 
quacamozza, 2018, Kanzberg-Runde mit Gipfel-Garnitur
https://www.hikr.org/tour/post134469.html

Hike partners: Ben77


Minimap
0Km
Click to draw, click on the last point to end drawing

Gallery


Open in a new window · Open in this window


Comments (4)


Post a comment

Nyn says:
Sent 13 December 2020, 19h11
Fesches Programm
Werde ich im Verlauf des Winters in aller Ruhe lesen
VG, Nyn

Ben77 says: RE:
Sent 13 December 2020, 22h52
:) Danke dir. Viel Spaß
Beste Grüße
Benjamin

Nic says:
Sent 13 December 2020, 19h18
Wir waren vor win paar Jahren aus dem Jochbachtal auf dem Nördlichen Höllhorn. Um die richtige Rinne hinab zu finden, sollte man sie besser vom Aufstieg bereits kennen. Hast Glück gehabt. Nicht zur Nachahmung empfohlen.

Gruß Nico

Ben77 says: RE:
Sent 14 December 2020, 23h08
Du sprichst einen wichtigen Punkt an. Ich habe das in meinem Bericht nun präzisiert. Ich hatte ja die zitierte Beschreibung von Festivaltour dabei. So wusste ich, wie die Rinne und ihr Einstieg aussehen. Am Einstieg gibt es auch einen Steinmann und eine Markierung - aber wohl nur dort, nicht schon in dem Gelände darüber.


Post a comment»