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Vom Hundsstall auf den Großen Hundsstallkopf


Published by Toni83 , 17 October 2020, 17h01.

Region: World » Austria » Nördliche Ostalpen » Wetterstein-Gebirge und Mieminger Kette
Date of the hike: 1 August 2020
Hiking grading: T6+ - Difficult High-level Alpine hike
Climbing grading: III (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: A   D 
Height gain: 2000 m 6560 ft.
Height loss: 2000 m 6560 ft.

Manche meiner Abenteuer brauchen eine halbe Ewigkeit zur Reifung. Bei anderen genügen wenige Tage vor sie zur Umsetzung kommen können. Allen gemeinsam ist die natürliche Entwicklung welche sie zu durchlaufen haben. Meine Touren müssen auf zwanglose Weise geboren werden, und können nicht wie ein Kaiserschnitt ins Leben gezerrt werden.

Der Zweifel mit dem ich in meine vorige Tour gestartet bin, wäre heute angebracht gewesen. Weil ich mir aber gedanklich einfach nur einen schönen Tag vorgestellt habe, der mich endlich in zwei Kare führt, von denen ich schon Ewigkeiten träume, werde ich von den Herausforderungen dann doch ziemlich überrascht.
 
Hmpf, a bissl skeptischer hatt i schon sein können, denke ich mir, zweieinhalb Stunden nach meinem Aufbruch, in der Oberreintalscharte stehend. Der Blick nach Norden, vor allem die unmittelbar nächsten Meter wollen mir so gar nicht gefallen. Des bricht ja schon mit anschaun alles zamm. Dieser früher von Schmugglern genutzte Übergang lässt sich nur mit allerhöchster Aufmerksamkeit absteigen. Einigermaßen glücklich schaffe ich es ins Oberreintalkar hinunter. Achtung, Genuss einschalten! So lang wie i schon an dem Platz stehn' wollt, muss i's a bissl einwirken lassen.
Das Kar schnürt sich nach unten zusammen wie eine Sanduhr, um sich danach wieder zu öffnen. Nur recht unbeholfen lässt sich über den Schotter abfahren, soweit, bis ich nach links auf die grüne Hundsstallscharte ansteigen kann. Diese erlaubt den Übertritt in das nächste von mir lang ersehnte Kar, den Großen Hundsstall.
 
Herrliche Grasflächen zeigen sich, und was bimmelt denn da so? Schafe! Sachen gibt's, wie kommen die hier her? Wilde Berggestalten türmen sich vor meinen Augen auf, um aber einen Blick auf meinen Schlussanstieg zu erlangen, muss ich erst etwas höher hinauf. 
Bei dem, was sich da aufzubauen beginnt, wird meine Haltung zum heutigen Tag zunehmend auf die Probe gestellt und ich frage mich schon, wie ich aus der Nummer heraus komme, ohne da rauf zu müssen! Meine Lust auf dieses Bergabenteuer steht mit einem mal auf sehr wackeligen Beinen. Trotz allem ringe ich mir das Zugeständnis ab, erst einmal ganz bis zum Schnee und der Mauer zurück zu gehen um mir aus der Nähe ein genaueres Bild zu machen  (weil wenn i schon da bin).
 
"Da steh' ich nun ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor." Hinter dem harten Schneefeld hat sich eine Randkluft gebildet die mich an die pralle Einstiegswand heranlässt. Durch sie führt ein gut kletterbarer Einschnitt hinauf. Ich habe nun genau zwei Möglichkeiten: umdrehen und mich ewig grämen es nicht versucht zu haben, oder es einfach machen und spätestens am Gipfel am Dach der Welt angekommen zu sein. Ich entscheide mich für Zweiteres, für die Wand, für den Sieg, aber auch für die Ungewissheit! Der Linie die ich mir von unten besehen als die Beste (die Einzige) in den Berg hinein gedacht habe, kann ich gut nach oben folgen. Aber wie heikel es hier ist. Im unteren Teil glattgeschliffen, oben alles Bruch, so geht es in Verschneidungen, dann in der offenen Flanke und schließlich am Grat hinauf zum Großen Hundsstallkopf. Und an was denke ich, wenn ich überhaupt weiter als zum nächsten Meter denke? An die traurige Ballade "Mein Freund, der Baum" (wegen deinem Link Nyn!). Dieses Lied sollte eigentlich nicht zum Soundtrack der Tour mutieren, aber ich krieg' es einfach nicht mehr aus dem Kopf heraus.
 
Echt dankbar stehe ich schlussendlich am höchsten Punkt des Tages. Von hier sehe ich mein stolzes Tagwerk ausgebreitet daliegen, die Anspannung lässt nach, ein Grinsen zeichnet sich mir ins Gesicht.

Hike partners: Toni83


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Comments (4)


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hannes80 says:
Sent 17 October 2020, 17h22
Eine echte Toni-Unternehmung ;-) Well done!

Nyn says: RE: Am Dach der Welt
Sent 17 October 2020, 19h48
Gratulation, Toni - saubere Sach' und toll geschriebener Bericht.

Nach so viel Fels (und Ungemach), nach der Ungewissheit und Anspannungen am Gipfel, am Dach der Welt! an etwas Liebes und Lebendiges zu denken, das ist doch mehr als natürlich. Wie schön, wenn du zu einem lieben Menschen zurückkehren kannst nach solcher Tat...

Und sei es nun dort an einen Song mit einem Baum zu denken, der im Sterben liegt, ..das hat doch etwas höchst Poetisches!
Sry, das ich Dir mit dem Link zu Alexandras Song "Mein Freund der Baum" offenbar einen kleinen Flausen ins Ohr oder den Kopf gesetzt hatte....

Eine gewisse Wehmut überkommt mich auch oft, wenn ich die kargen Höhen betrete oder dieselben nach gehörigem Raufen (s.Frauen- und Tauberspitze) wieder zurück ins "Grün" komme. Mir vorstelle, wie ein Baum hoch oben am Abgrund jahrein, jahraus den Unbillen der Natur trotzt - (georgb hat da einen ganz Besonderen!!) - wogegen wir Kurzlebige auch nur kurz eintreten in diese Gefilde...

VG, Markus



Toni83 says: RE: Am Dach der Welt
Sent 18 October 2020, 09h36
Ja, Markus. Eine Bergtour ist so vielschichtiger als die Summe aus Wegstrecke + Höhenmeter.

Toni83 says: RE:
Sent 18 October 2020, 09h31
Danke Hannes! Auch wenn es meine Berichte nicht zeigen, aber ich kann auch Normal :)


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