Zwei Gipfel über dem Seßladjoch


Published by rele , 20 July 2020, 07h02.

Region: World » Austria » Zentrale Ostalpen » Verwallgruppe
Date of the hike: 2 July 2020
Hiking grading: T5- - Challenging High-level Alpine hike
Climbing grading: I (UIAA Grading System)
Waypoints:

Die hübsch gelegene Niederelbehütte bietet, obwohl für Viele nur Durchgangsstation in der Verwall-Runde, auch viele Möglichkeiten für diverse Wanderabenteuer. Ein solches hatte ich mir anhand des alten AV-Führers (Letztauflage 2005) wie folgt zurecht gelegt: Aufstieg zur Madaunspitze, Traverse zur Seßladspitze unter Umgehung der schwierigeren Türmchen, dann weiter dem Grat entlang zum Rugglekopf und der Rugglescharte mit Abstieg zum Hoppe-Seyler-Weg.

Nun sollte heute Nachmittag schlechtes Wetter kommen, und der Hüttenwirt schlägt uns als Kurzversion den Aufstieg ins Madaunjöchle mit anschließender Überschreitung der Seßladspitze vor -- Madaunspitze und Rugglekopf seien sowieso unangenehm brüchig. Gesagt getan! Wir stehen extra früh auf und lassen auch das Hüttenfrühstück sausen, um auf jeden Fall genug Zeit übrig zu haben -- falsche Entscheidung, wie sich noch herausstellen soll. Wir spazieren also ein paar Minuten auf dem Wanderweg in Richtung Seßladjoch. Wo der Weg den Bach überquert, halten wir uns rechts und queren auf grobem Geröll mit mäßiger Steigung in das Kar unterhalb des Madaunjöchli. Es liegt noch viel Schnee (recht trittfest, der Tageszeit entsprechend), sodass wir angenehm unter das Jöchli aufsteigen können. Hier fängt es jedoch an zu regnen! Der Schlussanstieg ins Joch ist steil und etwas mühsamer (T5-), die letzten rutschigen Meter lassen sich gut mit Felskraxelei umgehen (UIAA I). Der Nordgrat zur Seßladspitze sieht von hier aus kurz und einladend aus (UIAA II laut AV-Führer, sieht jedoch eher nach I aus) -- aber nichts bei Regen! Also steigen wir schweren Herzens wieder hinunter und nehmen stattdessen den Wanderweg zur Kreuzjochspitze unter die Füße (bereits gut auf hikr beschrieben, daher lasse ich ihn hier aus). Ironie des Schicksals: Das Wetter bessert sich zusehends -- und ganz entgegen aller Vorhersagen lacht am Nachmittag die Sonne vom Himmel! Naja, wir lassen uns das am Gipfel der Kreuzjochspitze gefallen.

Anderntags ist dann wirklich Schlechtwettertag, und am Morgen darauf steht der Übergang zur Darmstädter Hütte auf dem Programm. Wir entscheiden uns für die Variante übers Seßladjoch, wo wir sowohl die Seßladspitze und den Rugglekopf noch einmal in Augenschein nehmen können.

Oben am Joch angekommen, wenden wir uns zuerst nach rechts und steigen auf deutlichen Trittspuren den zunächst schottrig breiten Südgrat zur Seßladspitze hinauf. Später wird der Grat felsiger und schmaler, kurz vor dem Gipfel dürfen wir in festem Fels auch mal die Hände benutzen (I, T4). Von weitem sehen wir allerdings schon einen Trupp kapitaler Steinböcke auf dem grasigen Gipfel, die sich dort augenscheinlich überaus wohl fühlen! Als wir langsam näher kommen, mustern sie uns zunächst eindringlich, um sich dann betont gemächlich etwas unterhalb des Gipfels zu bewegen. Wir bewegen uns ebenfalls betont gemächlich, während wir uns dem Gipfel langsam aber stetig zu nähern versuchen... irgendwann wird's einem alten Bock doch ungemütlich, und er stößt einen Warnpfiff aus. Wir warten. Wie auch die Böcke. Keiner von ihnen hat offenbar Lust, seinen grasigen Sonnenplatz am Gipfel ausgerechnet uns zu überlassen... im Gegenteil, sie sichern sich wieder den obersten Gipfelbereich. Na denn! Wer sind wir schon, dass wir den Herren hier ihre verdiente Vormittagsruhe streitig machen wollten? Also genießen wir die schönen Blicke wenig unterhalb, lassen uns von ein paar ungenierten Schaukämpfen der Herren beeindrucken -- und machen uns schließlich ungegipfelter Dinge auf den Rückweg. Aber ein bisschen schade war's doch, hätt ich doch ganz gern noch mal in den Nordgrat hinabgeschaut...

Zurück im Joch möchte ich doch nicht ganz unbegipfelt weiter hinab, bekomme ein bisschen Zeit zugestanden und mache mich an den zerfurchten, zunächst breiten Nordgrat zum Rugglekopf. Wegspuren sind hier im Gegensatz zur Seßladspitze kaum vorhanden, auch Steinmandln selten, jedoch grade am breiten Anfang noch hilfreich für die beste Linie. Zuerst am blockigen Grat weiter und hinunter in einen Einschnitt. Nun das erste Mal Hand anlegen (I+). Manche Aufschwünge können (meist rechts, westlich) umgangen werden (T4) -- oft ist jedoch die Variante direkt am Grat nicht nur am schönsten, sondern auch am geschicktesten. Insbesondere versteige mich einmal kurz vorm Gipfelaufbau westlich unterhalb des Grates und lande beim Wiederaufstieg in unangenehmem II-er-Bruch. Hingegen ist die Felsqualität am Grat selbst meist ok. Das letzte Stück zum Gipfel ist wieder eher schuttig, und ich ziele in die gut gangbare Scharte zwischen nördlichem und mittlerem Gipfel. Nun einmal kurz auf jeden der drei Gipfel gehüpft und die Blicke genossen, dann ist auch schon wieder Abstiegszeit. Meinen Verhauer am Hinweg umgehe ich auf eleganter Linie direkt am Grat, und auch sonst ist der Abstieg quasi 'a gmahde Wiesn'.

Im Joch geht es dann weiter am Wanderweg hinab, bald treffe ich wieder auf meine pausierende Begleitung, und wir machen uns auf in Richtung Darmstädter Hütte, dem Andi und seinen legendären Klößen...

Fazit: Vom Hüttenverbindungsweg am Seßladjoch aus sind beide Gipfel gut "mitzunehmen" (T4, UIAA I); die Seßladspitze ist dabei die formschönere, spaßigere und weniger brüchige Variante. Viele Wanderer wird man auf keinem der beiden Gipfel treffen! Die Überschreitung der Seßladspitze wäre sicherlich eine einsame und lohnende Halbtagestour (T5-, nach Bedarf erweiterbar) von der Niederelbehütte aus, auch wenn wir den hübschen Nordgrat leider nicht selbst betreten konnten (UIAA II laut AVF).

Hike partners: rele


Minimap
0Km
Click to draw, click on the last point to end drawing

Gallery


Open in a new window · Open in this window

T3+
PD-
29 Jun 15
Drei Gipfel über der Niederelbehütte · Heidelberger Gipfelsammler Ötzi II
T4 F I PD

Comments (7)


Post a comment

sven86 says:
Sent 20 July 2020, 15h13
Sehr schöne Dokumentation! Die Sesslad über den S-Grat (wohl „Normalweg“) würde mich auch mal reizen. Sicherlich achtest Du als Kletterer nicht so sehr darauf, aber wie würdest du denn die Ausgesetztheit am Grat einordnen? Zumindest das Schmalstück kurz unterm Gipfel schaut ja schon recht luftig aus?
VG Sven

rele says: RE:
Sent 20 July 2020, 16h23
Servus Sven, dank Dir! Bis 20m unterm Gipfel würde ich wirklich sagen, dass der Südgrat überhaupt nicht ausgesetzt war. Und auch danach sah es für mich nicht so aus, als würde sich das sehr wesentlich ändern. Aber wie gesagt, geklettert bin ich da nicht mehr ;) Ich denke aber ehrlich gesagt, das sollte für Dich kein Problem sein -- zumal ich Deinen Bericht vom Schrottenkopf gelesen habe! Da fand ich den Abstieg wirklich unangenehm... Offenbar ging Dir das ja überhaupt nicht so ;)
Also nix wie rauf auf die Seßlad!
LG, rele

sven86 says: RE:
Sent 21 July 2020, 15h06
Danke für die Einschätzung. Dank E-Bike wäre das für mich mittlerweile auch eine ganz dekadente Spritztour von Kappl aus ;)

Ja der Schrottenkopf war noch in meinen „wilden Jahren“ ;) vielleicht würde ich heute für das Gelände schon eher einen oberen T4er geben. Wobei ich ja auch „teils recht anspruchsvolle rutschige Gehpassagen“ erwähne. Wie würdest Du es denn einschätzen?
Über einen Bericht würde ich mich dazu natürlich auch freuen - wie ich dich kenne bestimmt in der Überschreitung vom Schrottenkegel, oder wie das Ding da heisst...

rele says: RE:
Sent 22 July 2020, 10h37
Ha, da haste mich voll durchschaut ;)
Bericht folgt noch, wie auch noch ein paar andere von dort. Oberer T4er passt, würde ich sagen. Aber sehr brüchig...
Dann viel Spaß bei der dekadenten Spritztour ;) Bin ja ehrlich gesagt kein so großer Fan der E-Mobilität in den Bergen... aber das ist wohl die Zukunft, muss ich mich mit anfreunden!
LG, rele

sven86 says:
Sent 14 August 2021, 21h51
Habe heute den schönen Gipfel realisieren können. Danke nochmal für den hilfreichen Bericht. Seit wenigen Tagen mit schönem neuem Kreuz und Buch, doch schon 3 Besucher seitdem. Wird wohl also gar nicht mal so selten besucht. Vielleicht in dem Zusammenhang wurden auch durchgängig Markierungen angebracht (wenn auch noch nicht das allererste Stück am Joch), die es angesichts der Trittspuren eigentlich nicht braucht. Jedenfalls führt die Route auf dem letzten Gratstück etwas durch die rechte Flanke - wo bei dir ja noch Schneefelder waren - sodass man die Kletterei am Grat eigentlich komplett umgeht. Ich denke du bist ja direkt am Grat geblieben? Jedenfalls tendiere ich auf der Route schon zu einem unteren T4er, streng genommen könnte man auch über einen oberen T3er nachdenken. Persönlich fand ich den erdig-sandigen Wanderweg unterhalb des Joches (Paznauner Seite) deutlich unangenehmer.

Ich bin ja übrigens mal gespannt ob du in diesem ja leider wettermässig eher bescheidenem Sommer noch den einen oder anderen Verwall-Kracher raushauen kannst!

Beste Grüße, Sven.

rele says: RE:
Sent 17 August 2021, 23h58
Hallo Sven, das freut mich sehr, dass Du es jetzt mal machen konntest, und hier berichtest! Interessant, da scheint sich ja Einiges verändert zu haben seitdem... in der Tat etwas schade mit den Markierungen -- wirklich mit Farbe oder nur Steinmandln? Und die Gratkraxelei war in meiner Erinnerung eigentlich sehr schön -- vielleicht auch ein bisschen schade, dass das nun umgangen wird. Naja, das klingt dann nun doch eher nach T3. Aber sicher immer noch eine nette Unternehmung, oder?

Und wieder hast Du mich durchschaut... ich war im Frühsommer ja wieder eine Woche dort von Hütte zu Hütte unterwegs und habe neben der schon eingestellten Pflunspitze noch zwei weitere möglicherweise beschreibenswerte kleine Touren unternommen, einmal die Gratüberschreitung vom Schrottenkopfplateau über die Fädnerspitze zur Friedrichshafener Hütte, und dann den "neuen" Ludwig-Dürr-Weg über die Rauteköpfe... der Küchlferner ist ja seit letztem Jahr gesperrt. Das könnte auch noch ne Beschreibung wert sein, obwohl ja "nur" ein markierter Wanderweg...
LG, rele

sven86 says: RE:
Sent 21 August 2021, 12h43
Danke - also die Tour habe ich auch so als absolut lohnenswert empfunden. Es gab Markierungen und Steinmandl, letztere ja vermutlich auch schon länger. Ich denke, auch angesichts der Trittspuren hätte ich so oder so die Umgehung durch die Flanke gewählt und auch ohne Markierungen leicht gefunden, ich klettere ja gar nicht so gerne und bin eher der Fußgänger. Wer möchte, kann ja dennoch direkt auf dem Grat herumturnen und sich für den Abstieg direkt die SO-Flanke herunterwühlen, oder man geht gleich auf die Madaunspitze ;)

Das hört sich bei Dir ja in der Tat nach berichtenswerten Unternehmungen an!
VG, Sven


Post a comment»