Grober Klotz oder sanfter Riese? - Pelmo


Published by ZvB , 12 October 2019, 08h50.

Region: World » Italy » Veneto
Date of the hike: 3 October 2019
Hiking grading: T5 - Challenging High-level Alpine hike
Climbing grading: II (UIAA Grading System)
Waypoints:
Geo-Tags: I 
Time: 10:00
Height gain: 1230 m 4034 ft.
Height loss: 1230 m 4034 ft.
Route:7,2 km
Access to start point:Von Bruneck, Cortina oder Zoldo zum Staulanzapass. Dort großzügige Parkmöglichkeit - zumindest im Herbst.
Accommodation:Das Gasthaus am Staulanzapass ist am 01.10. bereits geschlossen. U.u. findet sich noch etwas in Pecol. Winterraum Rif. Venezia am Fuß des Pelmo.
Maps:Tabacco 015, www.wanderreitkarte.de

Überall sagt der Wetterbericht Wolken, Regen und Schnee voraus. Nur die Dolomiten strahlen uns mit einer dicken, gelben Sonne aus dem Alpenvereinswetterbericht heraus an. Also auf in die Dolos! Dort, wo die Sonne schon im Wetterbericht strahlt, ist es ganz sicher besonders warm und trocken. Das spricht für leichtes Gepäck ohne Eisausrüstung und ohne wetterfeste Wechselwäsche...

Das Pustertal begrüßt uns mit tief hängenden Wolken und Regen. Bruneck vertrömt an diesem Tal so viel Wärme wie der örtliche INTERSPAR. Ist die Kleidung doch zu dünn ausgewählt? Egal, ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Vor lauter Freude über die geliebten Dolomiten fährt mein Unterbewusstsein uns zunächst in Richtung Pederü. Als ich meinen Irrtum bemerke, haben meine Spezln schon eine ganze Menge vom für sie neuen Gebirge kennengelernt. Nun sind wir aber endlich auf dem Highway to Corvara. Um diese Jahreszeit sind dort, in dem mondänen Skiort, die Fensterläden zu- und die Bürgersteige hochgeklappt. Der Stopp an einer Pizzeria erweist sich als Flop. Gleiches gilt für die Auskunft, die uns in erbrochenen Worten auf das angeblich, letzte noch geöffnete Lokal hinweist. Wir lassen Corvara lieber hinter uns ...

Hinter dem Berg, also genauer gesagt jenseits des Campolongopasses, ist das Wetter gleich viel schöner. Schöner, nicht wärmer. In Arraba hat das Hotel Wolf noch geöffnet. Die Pizza Wolf schmeckt köstlich. Ich wusste gar nicht, dass der Schinken von Carnivoren so gut schmeckt ... ach, der war vom Schwein, das der Wolf neulich ... auch nicht? ... egal! Hat geschmeckt und Kaffee können die Italiener sowieso immer gut!

Auf der weiteren Fahrt zum Staulanzapass halten wir noch oft an und bestaunen die massiven Sturmschäden aus dem November 2018. Ganze Berge bzw. deren Bewaldung sind großflächig umgeknickt. Die großen Gipfel wie Civetta oder Pelmo stehen aber zum Glück noch immer an Ort und Stelle. Wir durchfahren pittoreske Dörfer, halten endlich auf den Staulanzapass zu und unsere Köpfe wandern immer weiter in den schmalen Winkel zwischen Windschutzscheibe und Armaturenbrett, um die ganze Größe des gewaltigen Pelmo erfassen zu können. Endlich erreichen wir nach vielen Kehren und mit mehrfach überdrehtem Genick den Staulanzapass.

Die Rucksäcke werden gepackt und ein letztes Mal zurechtgestopft. Jeder hat mindestens 4½ Liter Wasser dabei. Für einen darfs aber auch ein Flascherl mehr sein. Immerhin müssen zwei Übernachtungen mit Frühstück und Winterraumvollpension abgesichert werden. Die üblichen Landkarten und auch das Internet versprechen nur wenig frisches Wasser am und um den Pelmo herum.

 
  Hinweise für Wasserträger:


  In der näheren Umgebung der Rif. Venezia gibt es keine zuverlässige Quelle.

  Nach Regenfällen oder bei Tauwetter kreuzt der Zustiegsweg ca. 500m südlich
  der Hütte einen Bachlauf. Den gleichen Bachlauf kreuzt man auch beim
  Queren der ersten Rinne des Ball-Bandes.

  Die zuverlässigste Wasserquelle wird mit dem Rio Bianco auf der
  Südwestseite des Pelmo, nahe des Abzweigs zur Rif Palafavera, erreicht.

 


Wir wollen, nein, wir müssen heute noch zur Veneziahütte. Die liegt vom Staulanzapass aus gesehen quasi auf der anderen Seite des Pelmo. Also umrunden wir den Pelmo so wie die Tibeter ihren Kailash und erreichen nach einem angenehmen Auf und Ab noch vor Sonnenuntergang die Hütte (2:15h, 7,6km, ↑346m, ↓170m, T2).

Das Wetter bessert sich von Minute zu Minute. Die Sonne verabschiedet sich mit einem roten Feuerwerk. Noch einmal Schlafen - im Winterraum - und dann geht es auf zum Pelmo.

 
  Winteraumfakten Rif. Venezia:


  10 Lager mit Kopfkissen und Decken,
  ein Tisch,
  keine Stühle,
  kein Ofen,
  Außentoilette in den Latschen.
  Kein elektrisches Licht und keine Fenster!
  Ein Schrank enthält Thermobiwaksäcke für Notfälle.

 


Wir wachen am nächsten Morgen auf. Irgendwie fühle ich mich nicht ganz so gut. Ein Blick vor die Tür verrät den Grund dafür. Der Himmel ist grau verhangen und ein unangenehmer Wind weht aus Norden.
Meine Kameraden lassen sich von solchen Befindlichkeiten natürlich nicht abhalten und ich ergebe mich dem Gruppenzwang in mein Schicksal.
Der Einstieg in das Ballband ist nach ca. 15 Minuten bereits erreicht. Die 'Attacco'-Beschriftung ist bereits von Wind(!) und Wetter verblasst, aber ein leuchtend roter Pfeil auf dem Fels zeigt an, dass es ab jetzt nur noch nach oben geht.
Nun gut, daas stimmt nicht ganz. DIe erste IIer-Stelle wird noch in Aufwärtsrichtung gewonnen, doch dann schwenkt man bereits in die Waagerechte des Ballbandes ein. Wir bewegen uns nach Süden. Rechts Wand nach oben, links Wand nach unten, dazwischen oft weniger als ein ca. 30cm breiter Felssims. Wir finden sogar einige Schlag- und Bohrhaken. Man könnte am laufenden bzw. gleitenden Seil gehen. Wir verzichten in Anbetracht von Rost und Zeitverlust darauf.
In der weiteren Folge des Ballbandes sind insgesamt drei markante schluchtartige Einschnitte zu queren. Die ausgesetzten Stellen sind mit Fixseilen versehen, die aus der Ferne eher wie Hanfstricke aussehen und bei näherem Hinsehen auch schon recht verwittert sind. Die Sanduhren, an denen die Fixseile z.T. befestigt sind, sind oft nur mittelfingerdick. Es genügt zum Festhalten. Einen Sturz sollte man hier jedoch völlig vermeiden.

Nach ca. einer Stunde verlassen wir endlich die beklemmende Enge des Ballbandes. Um einen Pfeiler herum öffnet sich das Gelände und gibt den Blick auf den weiteren Anstieg in Schutt und Geröll frei. Der unangenehme und kalte Wind frischt nochmals auf. Eine Windrichtung lässt sich hier im Felsenkessel nicht ausmachen, ebenso wenig wie der Zeitpunkt des Auftretens einer hinterhältigen Windböe. Mich trifft es öfter und zwar immer dann, wenn nur ein Fuß auf dem Boden und einer in der Luft ist. Irgendwann denke ich sogar ans Umkehren...

Irgendwie habe ich den oberen Rand der Schuttflanke doch erreicht und winde mich über eine Felsstufe (I). Oben angekommen, erwarten mich die Kameraden bereits im schneegefüllten Kessel, der von Spalla Sud, Hauptgipfel und Spalla Est umrahmt wird. Welch ein Wunder, die hohen Wolken verziehen sich und der Wind flaut ab. Ich wittere wieder Morgendämmerung...

Steinmänner, sehr zahlreiche Steinmänner, zieren den weiteren Weg zu einer höher gelegenen, großen Felsplatte, die einerseits den Einstieg in den Schlussanstieg markiert und andererseits den Blick in die Ferne und die gewaltige Tiefe freigibt. Es ist jetzt bereits fast windstill. Die Luft ist klar. Wir können neben der Marmolada sogar die Königspitze ausmachen...

Ich klammere mich mit letzter Kraft an den Fels und versuche auf der mit Eis übergossenen Felsplatte unter mir Halt mit den Schuhen zu finden. Die Sohlen rutschen auf dem glasigen Nass. Ich spüre, wie mir langsam die Kraft ausgeht. Frank redet mir gut zu. Das hilft. Irgendwie, ich weiß nicht mehr wie, schaffe ich es dann doch Millimeter für Millimeter das schräg abfallende Band zu überwinden. Den Gedanken an den Rückweg verdränge ich jetzt lieber mal.

Im Sommer, bei trockenem Fels wäre der Schlussanstieg fast ein Kinderspiel. Aber das Sandwich aus Schnee, Eis und Fels mahnt uns zur Vorsicht, selbst an einfachen Gehpassagen.
Bald ist ein markanter Felssporn erreicht. Der Blick in die Nordwand des Pelmo wird zum ersten Mal freigegeben. Das ist gewaltig und tief, gewaltig tief!
Eine letzte, kleine, ca. 2m hohe Felsstufe stellt sich uns in den Weg. Uns wird bewusst, dass Dolomiten IIer viel härter sind als übliche IIer. Ich wurschtle ein Bein irgendwie über die Kante und verdränge den Gedanken an den Abstieg erneut. Wir erreichen mit wenigen Schritten im Schnee den Gipfel des Pelmo. Von hier aus kann man fast die gesamten Dolomiten überschauen. Nur der Blick auf die Drei Zinnen ist verstellt. Ich vermute sie hinter der Sorapiss.

Beim Abstieg lasse ich mich gerne ins Seil nehmen. Die trügerische Sicherheit beflügelt die Schritte. Ich werde wieder über die Mitte der Felsstufe gescheucht. Alleine würde ich es etwas weiter außen probieren. Dort schaut es kurze Haxen leichter aus.
Das Eis auf dem schrägen Felsband wurde von der Sonne bereits aufgeweicht. Wir erreichen wieder das plattige Plateau unter dem Gipfelgrat.
Mit einer neuen Abstiegsvariante ohne Steinmänner werden meine Nerven nochmal auf die Probe gestellt. Man hätte einfach den Aufstiegsspuren folgen sollen.

Der Abstieg über die lose Schuttflanke erfolgt fast leichtfüßig. Trotzdem kommt doch noch der Rückweg über das Ballband. Hier ist wieder volle Konzentration gefordert. Zumindest bin ich nicht zu feige, hier von meiner Angst zu sprechen. Auf dem Ballband benötigt man ein gesundes Maß an Angst, um nicht leichtsinnig oder überhastet zu agieren. Fehler verzeiht das Ballband nämlich nicht. Wenn du hier fliegst, dann landest du erst wieder am Fuß der Wand im Schutt.

Die Hütte ist wieder erreicht. Bernis gepimptes Risotto aus der Tüte schmeckt vorzüglich.

Als der letzte die Stirnlampe ausschaltet, liege ich noch lange wach im Schlafsack. Ist der Pelmo nun ein sanfter Riese oder ein grober Klotz? So einfach lässt sich das nicht beantworten. Auf jeden Fall ist der Pelmo auch auf seinem Normalweg ein anspruchsvoller, anstrengender Berg, aber er ist auch wunderschön...

 
  Hinweise zur Ausrüstung:


  Ein Klettersteigset ist am Pelmo völlig fehl am Platze. Helm und Gurt mit Selbstsicherungs-
  schlinge sind zunächst ausreichend. Mit zwei bis drei Exen*) könnte man auf dem Ballband
  am laufenden Seil gehen.


  *) für die gesamte Seilschaft, nicht pro Person, Paco!


 
  Hinweise zu den angegebenen Gehzeiten und Höhenmetern:


  Die
Angaben des Berichtskopfes beziehen sich lediglich auf den Aufstieg von der Rif. Venezia.
  Die Zeitangabe beschreibt die Gesamtdauer. Für den Aufstieg muss man mit ca. fünf Stunden
  rechnen.



Hike partners: ZvB, Paco


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 46377.gpx Pso. Staulanza - Rif. Venezia
 46378.gpx Rif. Venezia - Pelmo

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Comments (9)


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Sent 12 October 2019, 12h50
Wunderschöne Fotos, genialer und unterhaltsamer Bericht von einem beeindruckendem Berg! Vielen Dank dafür, hat wie immer bei deinen Berichten viel Spaß gemacht zu lesen.

Der Pelmo fasziniert mich durch seinen Auftritt, dass Ball-Band ist aber leider nichts für meine Psyche...

ZvB says: Sag niemals nie!
Sent 12 October 2019, 22h07
Ein Seil und gutes Wetter können der Psyche erheblich auf die Sprünge helfen!?

hannes80 says: RE:Sag niemals nie!
Sent 13 October 2019, 13h21
Gutes Wetter spielt wirklich eine erstaunlich wichtige Rolle in Sachen Psyche!

Schöner Bericht, wie gewohnt von dir! Der Pelmo ist schon eine besondere Bergpersönlichkeit ...

alpstein Pro says:
Sent 12 October 2019, 16h59
Wirklich ein super Bericht! Amüsant zu lesen und tolle Fotos.

Unser Südtiroler HIKR-Kollege hatte mit seiner Empfehlung, Deine Berichte gehören zu den besten, absolut recht.

Grüße
Hanspeter

georgb Pro says:
Sent 12 October 2019, 20h50
Zing hat nur einen Fehler, er nimmt den Südtiroler Kollegen zu selten mit. Dann wären seine Berichte wirklich nicht mehr zu toppen ;-)

ZvB says: Och Schorsch,
Sent 12 October 2019, 22h15
ich habe immer Angst, Dir mit meinen Tourenvorschlägen nicht genug Geröll und Schutt bieten zu können. Na, vielleicht probieren wir es mal mit Törggelen im Steingarten ...
... und denk an Allerheiligen!

Grüße
Zing

ZvB says: Danke
Sent 12 October 2019, 22h10
Servus Hanspeter,

mal sehen welche Rechnung mir der Südtiroler HIKR-Kollege für die uneigennützige Werbung präsentiert! :-)

Beste Grüße
Zing

ADI says:
Sent 4 November 2019, 11h20
Ein Postkartenbild nach dem anderen....unglaublich!
*****

LG!

ADI

ZvB says: RE:
Sent 4 November 2019, 17h27
Oh, danke. Endlich weiß jemand zu schätzen, wie mühsam es war die Postkarten in Cortina zu kaufen und anschließend in nächtelanger Arbeit abzufotografieren ... 8-O

MbG
Zing


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