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Ortler 3905m - den Hintergrat rauf und runter im Frühjahr


Published by alpensucht , 15 July 2017, 23h35.

Region: World » Italy » Trentino-South Tirol
Date of the hike:27 May 2017
Mountaineering grading: AD+
Climbing grading: IV (UIAA Grading System)
Snowshoe grading: WT5 - Alpine snowshoe hike
Waypoints:
Geo-Tags: I 
Time: 21:00
Height gain: 1300 m 4264 ft.
Height loss: 1300 m 4264 ft.

Ortler Hintergrat - eine der ganz großen kombinierten Touren in den Ostalpen! Wir haben uns für eine sehr beschwerliche Variante entschieden und steigen nicht den Normalweg ab.

Tagwache um 1:40 Uhr. Heute soll endlich der Traum in Erfüllung gehen.

Start eine Stunde später. Gut, dass wir am Vortag schon viel Material zum Einstieg gebracht haben. So beginnen wir die ersten 600Hm mit sehr leichtem Gepäck bis zum Depot.


Zustieg zum Depot  WS+, WT5, 45°  2h
Dem welligen Gelände zunächst etwas ausweichend halten wir uns rechts in der Senke. Einen kleinen Aufschwung gibt es, bevor man denjenigen zur Moräne erreicht. Später im oberen Firnkessel halten wir uns nun weiter links auf den Lawinenfeldern, da das aufsteilende Gelände durch die Eisbrocken super gestuft wird. Das schont die Wadenmuskulatur. Ein zweites Eisgerät wäre bei der Firnqualität nicht verkehrt gewesen!

Bereits um 4:20 Uhr erreichen die ersten von uns das Depot. Umpacken - nur zwei Halbseile nehmen wir mit, etwas trinken - und weiter geht's. 5:15 Uhr. Da wir uns mit der rechten Eisrinne nicht sicher sind, queren wir zunächst links über bockharten Firn (um 45°) zu einer schwach ausgeprägten Felsrippe. Von dieser gehts schräg links wieder über Firn zum Einstiegsbereich des Grats, den wir nach 10min erreichen.

Hintergrat hinauf  ZS+, IV, A0, 50°   7h 30min
Etwas brüchig steigen wir im II. Grad gemütlich aufwärts. Der Morgen beginnt zu grauen, als wir den Hintergrat erreichen. Die besten Momente erleben wir gerade in dieser Zeit. Nach dem ersten kombinierten Abschnitt links des Grats, ersteigen wir kurz vor 6 Uhr über Firn eine Schneekante genau den Grat, wo uns die Sonne das erste Mal heute trifft! Für diese Momente gehen wir (so zeitig) bergsteigen!

Zunächst geht's wieder flach und breiter werdend aber gefährlich überwechtet in eine Senke, hinter der sich eine breite Firnflanke aufsteilt (ca. 30-35°). Oberhalb davon führt der wieder schmaler werdende Grat etwas brüchig hinüber zum Aufschwung am Signalkopf. Während der Versuche, die Beschreibungen im Gelände aufzulösen (rechts über die Graterhebung direkt über steilen Firn oder links unterhalb im brüchigen Fels vorbei queren), überholt uns die zweite Seilschaft. Sie zögert nicht lange und nimmt die Querung links unter Verwendung mehrerer Friends in Angriff.

7:30 Uhr. Torge probiert es rechts über den Firn (50°) - und findet ganz oben vor der Rinne nach genau 60m einen guten Ringhaken. Wir folgen ihm. In die Rinne (II-III und kombiniert mit sehr steilem Eis) steigen wir vorsichtig und vom Standplatz gesichert ab. Es gibt einen Haken und eine verlängerte Schlinge, die mental sehr hilfreich sind. Unten auf dem deutlichen Band queren wir nach rechts vorbei an zwei-drei guten Haken und gelangen über ein kurzes ausgesetztes Gratstück an die unangenehme Schlüsselstelle in Form eines abdrängenden und sehr abgespeckten Risses. 9 Uhr.

Die steigt Horst souverän ohne Rucksack und mit Steigeisen (Zeit sparen - darüber wird's wieder kombiniert - es ist Mai!) vor. Ich habe einige Probleme, schaffe es dann im zweiten Versuch (III, A0) ganz gut mit Rucksack nachzusteigen.

Hier zeigt sich einmal mehr, welch harte Hunde die Erstersteiger gewesen sein mussten!!

Kurz danach kommt ein grober Riss (fast schon wie ein kurzer Kamin) im III. Grad, durch den ich mich gerade so mit Rucksack durchzwängen kann, der sich aber ansonsten gut auflöst.

Dann geht's nochmals kurz kombiniert und sehr ausgesetzt weiter bis wir das zweite ziemlich steile Eisfeld betreten. 10:10 Uhr. Darüber geht es nochmal im Fels zur Sache (eine SL III). Im Hochsommer, wenn man weite Strecken ohne Steigeisen klettern kann, gehen einige Stellen sicherlich etwas besser zu gehen. Noch etwas weiter oben erklimmen wir die zweite Schlüsselstelle - eine ganz kurze überhängende Felsstufe (IV-), gut abgesichert, die sich doch super auflöst.
Irgendwie kam es mir nicht wirklich überhängend vor, weil ich mich irgendwie - ähnlich wie manchmal im Elbsandstein - dran vorbei schummeln konnte. Danach steige ich den Rest (ca. 4 SL) bis zum Gipfel vor, wobei wir leider sämtliche Seillängen durchsichern, obwohl das nicht wirklich nötig gewesen wäre (Konzentration noch gut und Gelände ausgesetzt, kombiniert und II). So kommen Horst und ich erst 45min nach den anderen beiden am Gipfel an: 13 Uhr!

Hintergrat hinab!   ZS+, II, 50°   10h 30min
Nach 40min - die Normalweg-Seilschaften sind längst am Absteigen - beginnen wir den Abstieg zunächst am langen Seil. An der ersten Abseilstelle warten Torge und Till auf Horst und mich. Wir müssen gemeinsam abseilen, da wir insgesamt nur zwei 60er Halbseile dabei haben. Das kostet nun insgesamt enorm viel Zeit, da an jeder Stelle vier abseilen müssen...

Um 15:30 Uhr erreichen wir das obere Eisfeld. Nach vielen weiteren gemeinschaftlichen Abseilaktionen (nur eine Reepschnur zurück gelassen) sind wir wieder an der Querung unter dem Signalkopf (17 Uhr), wo Horst die Rinne wieder vorsteigt. Diese Seillänge bringt ein letztes Mal heute nochmal richtigen Klettergenuss, obwohl es bereits nach 18 Uhr ist. Oben nach dem Abseilen über den steilen Firn verhängt sich unser Seil beim Abziehen. Torge holt es schnell und vorsichtig - der Firn ist schon ziemlich weich geworden.

Seilfrei gehen wir nun mit nachlassender Konzentration bis oberhalb der Einstiegsrinne. Hier können wir das Seil um einen sehr guten Block legen und ohne weiteren Materialverlust erneut abseilen. 20:30 Uhr. Die nun aufgeweichte Firntraverse zurück zum Depot sichern wir lieber wieder, auch wenn es nun alles ermüdend lange dauert. Wir brauchen sicher jetzt keine Konzentrationsfehler oder abrutschende Schneebretter. Langsam friert die Oberfläche des Firns wieder an. Einmal noch verhängt sich das Seil beim Abziehen.

Horst sichert mich die letzte Länge zum Depot (21:30 Uhr), wo ich soviel Material wie möglich einsammle und am vorhandenen Seil abseile, bis es zu Ende ist. "Seilfrei!" und schon steige ich so schnell es geht rückwärts die steile Flanke ab. Hin und wieder hüpfen und fliegen kleine Eisbröckchen von den anderen ab. So im Abstiegstrott steige ich aus Versehen am Schneeschuhdepot vorbei und bin sehr dankbar, dass Till und Torge mir meine mitbringen.

Weiter unten ruft es plötzlich von oben "Stein!". Voll im Einzugsbereich des Steinschlags befinde ich mich gerade und haste mit großen Sätzen links herüber und schmeiß mich in den Firn. Horst scheint mal wieder, einem Schrei nach zu urteilen, getroffen worden zu sein (ihn trifft es andauernd, wenn auch zum Glück nie gefährlich).

Danach gehe ich weiter und werde auch im Gesicht und am Arm von dem einen oder anderen (kleinen) Eisstückchen erwischt. Weiter unten wird es flacher, dafür sinkt nun jeder zweite Schritt tief ein. Der Rest des Abstiegs wird zur mentalen Prüfung nach 19h in den Beinen. Unten im Kessel ziehe ich nochmal Schneeschuhe an - und sinke trotzdem manchmal ein. Wir teilen die letzten Schlücke wohltuende Spezi (vom Depot :D), steigen schweigend die letzte Steilflanke hinab auf die Moräne, wo wir alle auf Schneeschuhe wechseln.

Die Orientierung erweist sich in absoluter Finsternis als nicht ganz trivial. Doch mit Hilfe der Spuren vom Zustieg finden wir den richtigen Abzweig und sinken nun trotz Schneeschuhe teilweise weit übers Knie ein. Immer wer vorn geht, sinkt irgendwann ein und während er sich rauskämpft, geht der nächste vor. So geht das bis zur Hütte, die wir schließlich kurz nach Mitternacht ziemlich fertig erreichen, nachdem wir noch beinahe im Sulzsumpf des Sees gestiegen wären.

Man kann das so machen, doch sollte man deutlich mehr am gleitenden Seil gehen und soviele Seile mitnehmen, dass man zwei 2er-Seilschaften im Abstieg hat. 60m Abseillänge ist obligatorisch, wenn man da wieder runter will, außer man ist mental und technisch so fit eine IV frei abzuklettern ;)

Ansonsten erwies sich das späte Eintreffen am Depot unten schlussendlich insofern als günstig, da der Firn im steilsten Bereich bereits wieder gefroren war und somit zumindest keine Schneebrettgefahr mehr bestand. Wegen der Länge im Abstieg und der jahreszeitlich bedingten Häufung an kombiniertem und sehr exponiertem Gelände habe ich an das Hintergrat-typische ZS ein + gehängt.

Ein Tourengeher ist an diesem Tag sogar durch die durchgehend verfirnte Südostwand auf den oberen Teil des Grats gestiegen, was sicherlich fast nur zu dieser JAhreszeit geht. Uns war es für reine Firn- und Eistouren an diesem Wochenende deutlich zu warm (auch nachts)...



Der alternative Zustieg zur Hintergrathütte im Frühjahr von zwei Tagen zuvor

Hike partners: alpensucht


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AD IV PD
29 Jun 19
Ortler Hintergrat · Matthias Pilz
AD IV
T5 AD IV PD+
T5 AD IV
T5 AD IV

Comments (4)


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mannvetter says: Wow!
Sent 16 July 2017, 09h20
Ich bin den Hintergrat im Sommer gegangen. Aber bei diesen kombinierten Verhältnissen - ein ganz anderes Kaliber! Und das auch noch runter, Respekt.

alpensucht says: RE:Wow!
Sent 16 July 2017, 10h38
Danke danke. Aber - naja bei dieser Taktik und der Gesamt-Gehzeit war es eigentlich beinahe eine Nummer zu hoch für uns! Wir waren heilfroh, dass sich niemand runterzu einen Konzentrationsfehler geleistet hat... Aber gutes Training für Weisshörner war es allemal :)

Sent 1 September 2017, 11h24
Tolle Leistung! Bei der Begehung des Hintergrates im Sommer fand ich keine IV- vor! Liegt das an der Jahreszeit oder seid ihr anders geklettert? An der einzigen IV--Stelle hing eine Schlinge, an der ich mich hochzog, musste daher diese nicht technisch kletternd überwinden!

alpensucht says: RE:Hintergrat
Sent 7 September 2017, 20h37
Genau die Schlüsselstelle mit der Kette ist die IV- (lt. Literatur). Ok zugegeben soll sie eigentlich eine III sein, wenn man sie A0, also "technisch" klettert und die Kette benutzt. Meine subjektive Bewertung tendiert dennoch zum unteren Vierer. Schließlich ist dort alles total speckig und erst Recht mit Steigeisen und Rucksack und sowieso und überhaupt :D


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