Ich kenne ein Spiel, das ich nie verliere. Es liegen Streichhölzer auf dem Tisch, und wer das letzte wegnimmt hat verloren. Man spielt um denjenigen zu bestimmen, der die nächste Runde Bier bezahlt, also zum Beispiel in Berghütten, in schummrigen Hafenkneipen, oder auf Weltreisen wenn das Geld ausgeht. Das Spiel ist simpel und daher attraktiv.
Selbst wenn Einstein höchstpersönlich mir gegenüber sitzt, werde ich nicht verlieren; es wird schlimmstenfalls unentschieden enden, und Einstein und ich bezahlen unser eigenes Bier. Jeder andere kann das auch. Wenn du und ich uns nächstes Mal auf einem Berg oder bei einer Radtour treffen, zeige ich dir wie es geht. Zuerst spielen wir, du bezahlst mir fünf Bier; dann verrate ich dir das Geheimnis.
Vermutlich fragst du dich jetzt, warum ich mit diesem bomben-sicheren Spiel nicht reich geworden bin. Ganz einfach. Spätestens nach fünf Runden hat mein Gegenüber die Schnauze voll, und gibt auf. Das ist ok; mehr trinke ich normalerweise nicht.
Wer sich bis hier durch den Essay gequält hat, ahnt es schon. Ich gewinne das Spiel, weil ich die Regeln setze. Die Regeln garantieren, dass ich gewinne, egal wie mein Gegenüber tickt.
So funktioniert auch der kürzlich veröffentlichte Post: Initiative für mehr Respekt - Konfliktlösung. Die Regeln, wer was wann in dem Thread sagen darf, kennt nur der Autor. Vier der fünf ‘offiziellen‘ Regeln werden gleich über den Haufen geworfen. Was gut oder richtig ist; ob ein Teilnehmer reflektiert hat oder nicht; wie der Diskurs zu laufen hat; Vergangenheitsbewältigung; all das entscheidet der Urheber des Posts. Kritik wird gelöscht. Selbst-Moderation verschmilzt zum Meinungsdiktat.
Dabei ist das Anliegen völlig legitim: Hasstiraden und Missachtung in Hikr zu verringern.
Der Wanderer, der trotz Corona-Warnung in die Berge ging, wird als Egoist beschimpft. Der, der die Maßnahmen der Regierung gutheißt, ist plötzlich auch ein Egoist, weil er nicht an die Benachteiligten denkt. Wenn es nach den Bloggern geht, gibt es keinen Ausweg.
Es ist Zeit eine Behauptung aufzustellen: In meiner Wahrnehmung – durchaus anfechtbar – sorgen sich diejenigen am lautesten um die Kommunikations-Hygiene, die sie am meisten verschmutzen. Es gilt Aug um Aug; es schallt in den Wald wie hineingerufen wurde; Unterstellungen (du sagt das nur weil…); Eingriffe in die Privatsphäre (kinderlos…); und Diskriminierung als Flachländer (tatsächlich misst der höchste Berg der Eifel stolze 747 Meter). Ich werde beschuldigt, mich nicht um das Wohl der leidenden Menschen zu sorgen, arrogant zu sein oder klug zu scheißen. Mathematiker sind diese Vorwürfe gewohnt. Ich kann dir versichern: die Präferenz, einen Sachverhalt in einem Diagramm darzustellen, ist kein Zeichen von sozialer Inkompetenz. Und, um der nächsten Eskalation gegenzusteuern: auch Mathematiker haben Sex; sehr guten sogar.
Ein gestriger und prompt gelöschter Kommentar enthielt: if you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Ich würde es ähnlich sagen: Wenn du auf die Bühne trittst, musst du damit rechnen vorgeführt zu werden.
Nichts gegen den manchmal passierenden Ausrutscher. Jeder kann mal übertreiben. Das Internet 2020, und wir alle, können das vertragen.
Aber Missachtung der Persönlichkeit muss enden. Zumindest auf hikr. Wir können unser Missfallen an einem Kommentar oder einer Meinung ausdrücken, ohne die Person zu missachten. Nur weil ich mich in Widersprüche verwickele, ist der andere nicht ein Besserwisser. Jeder Beleidigte hat ein Recht zu erfahren warum er beleidigt wurde. Oder warum sein letzter Kommentar als beleidigend empfunden wurde. Löschen ist nicht cool. Niemand braucht einen Maulkorb; und niemand braucht zu beleidigen. Der Dialog muss weitergehen.
Ich erwarte keine Kommentare. Eventuelle Kommentare werden gnadenlos beantwortet.






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