Warum besteigt man einen Berg? - Wanderung im Wasserschloss


Publiziert von rojosuiza , 23. September 2015 um 17:50.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:21 September 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 9:00
Aufstieg: 1800 m
Abstieg: 1800 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Biel
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Biel
Unterkunftmöglichkeiten:Biel

Warum besteigt man einen Berg? – Weil man ihn sieht! Dies ist natürlich der allerbeste Grund, einen Berg zu besteigen. – Weil  man von ihm gehört oder gelesen hat? Auch so kann man dazu kommen, einen Berg zu besteigen oder eine Gegend zu erkunden. So war rojosuiza literaturgetrieben an der Derborence, und eigentlich ist er es wieder bei seiner Wasenhorn-Erkundung. Nur dass es hier Literatur aus hikr war, die die Anregung vermittelt hat – und ein anderes Wasenhorn.

rojosuiza hat zuvor in zwei Anläufen endlich das Wasenhorn ob dem Simplonpass geschafft; das zeichnet sich durch besonders kurze Anmarschwege aus, wenn man das Postauto nicht verschmäht wenigstens. Kurz darüber las er wohl den reizvollen Bericht von 360. Heia! noch ein Wasenhorn! Und das nur wenige Kilometer vom ersten entfernt. Wie das wohl zugeht? Das will einer sich doch einmal ansehen.
Gibt es Wasenhörner wie es Mittagshörner gibt? – In jeder Talschaft eins, denn die Sonne steht immer am Mittag über irgendeinem Berg. Mittagshorn allenthalben,  und Dents du Midi gibt es ja auch.  Bei den Wasenhörnern gibt es aber schliesslich doch nur zwei, das am Simplon und das im Goms.

War rojosuiza also auf dem Wasenhorn II? Leider nicht so ganz. Schon bei der Wegfindung am Morgen tat er sich etwas schwer, sodass er schon bald auf seinem eigenen Weg unterwegs war, als brav den Schildern zu folgen, aber eigentlich fehlte bei Selkigerchäller das wesentliche Schild nach Frutt ja ganz. So kam es, dass er schon ab 1685 Metern  frei ging, am orographisch rechten Ufer des Selkigerbachs. Auf etwa 1740 Metern schon traf er auf einen kleinen Riegel, der auf der oberen Innenseite ganz mit Grünerlen bewachsen war – rojosuizas alte Freunde, die sowohl helfen beim Klettern und Hangeln, aber das Vorwärtskommen auch sehr behindern können.  Beim Abstieg am Nachmittag stellt sich das Hindernis als ein Kunstwesen heraus, Teil der Lawinenverbauung von Biel Nach der Passage wechselt er bei zirka 1900m hinüber auf die östliche Seite und steigt dort wild hinauf auf den Weg, den die Karte hoch über dem Fluss angibt. Er trifft auf ihn, aber bald wird der Weg wieder unklar und undeutlich. Es liegen zwar kreuz und quer Steine herum, wie man sie hier zu finden erwartet, aber das Erdreich ist umgewühlt. Er erreicht die Hütte bei Frutt, und da stellt sich der Grund der Wühlerei heraus: eine neue Wasserfassung.

Nach der Wanderung habe ich den Bericht von 360 noch einmal gelesen, da stand alles schon. Wie so manchmal auf der Karte nach der Wanderung so viel mehr Details stehen als vor der Wanderung, so geht es mir auch beim Lesen von Wanderberichten.

Linea recta steigt rojosuiza auf am weissen Strich des Wasserlaufes, der vom Hangend Gletscher herab kommt.  Den Gletscher sieht man aus der Ferne noch, ein kleines Rudiment; wenn man näher kommt, verschwindet er ganz, und nur das Wasser zeugt von seiner Existenz. Wo das Wasser einen kleinen Sprung tut, schwenke ich nach rechts um das Gebiet Unnerbärg auf 2700 Metern zu erreichen. Jetzt blicke ich in den Felskessel. Vor mir das Vordere Galmihorn mit seinem Gletscher obendrauf wie ein weisser Deckel. Darunter ein Hängegletscher, dessen letzte Jahre geschlagen haben. Irgendwo im Nordwesten die Lücke, aber hoch, hoch oben.

Noch ist dies ein Wasserschloss, Wasser allenthalben. Grössere und kleinere Bächlein, immer  Rieseln und Rauschen im Ohr. Alles ist Eisschmelze, denn geregnet hat es in der vergangenen Zeit nur wenig.  Man überquert die Bäche hin und her, Achtung! Damit man nicht ausrutscht und im Wasser landet. Wie wird das Gebiet hier aussehen, wenn die letzten Eisvorräte einmal verschwunden sind und die Sommer wüstenähnlich trocken sein werden?  Was tun die Leute im Tal, wenn die neue Wasserfassung einst kein Wasser mehr fasst?

Nach sechs Stunden Wanderzeit fehlt rojosuiza jetzt der Saft. Das Gelände wird ihm wohl auch zu rauh. Es tut etwas weh, wenn man umdrehen muss, und nicht wenigstens zum Trost auf der anderen Seite hinabblicken kann.
 Aber auch auf dieser Wanderung bleibt der Trost nicht aus: es ist die magisch schöne Schwemmebene.  Es ist der Ballsaal im Wasserschloss. Man glaubt es gern, dass einer hier Zeit verliert, umgeben von so vielen Wundern.  Wer auf dem Rückmarsch ist, und jetzt plötzlich über die Zeit ganz frei verfügt, kann alles doppelt geniessen:  Das Wollgras, die mäandrierenden Bäche, die ausgetrockneten Arme auf der Ebene.
Kurzzeitig stellt rojosuiza sich die Schneeschmelze hier vor: wie bezaubernd, wie reich, das Rauschen allüberall; dort, wo es jetzt strömt und fliesst; und auch daneben, wo es jetzt trocken ist,  auch dort gibt es dann überall Wasser. Da bleibt kein Fuss trocken, man würde lieber Vogel sein.

Der Vorteil des Scheiterns ist: Zeit! Zeit zum Verweilen, Zeit zur Betrachtung. Was ist der Vorteil des Scheiterns sonst noch? Man kommt  zeitig ins Café, zu dem, was man auf dem Berg erträumt hat: dem doppelten Caffè Macchiato…  

Tourengänger: rojosuiza


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