Furcia Rossa (2791m), Vallon Bianco (2687m) - unterwegs in großartiger Fanes-Landschaft


Publiziert von gero Pro , 23. September 2015 um 18:27.

Region: Welt » Italien » Trentino-Südtirol
Tour Datum:21 September 2015
Wegpunkte:
Geo-Tags: I 
Aufstieg: 920 m
Abstieg: 1985 m
Strecke:Biv. della Pace - Furcia Rossa Spitze 3 - Vallon Bianco - Furcia Rossa Spitze 2 - Gr. Fanesalm - Tadegajoch - Col de Locia - Cap. Alpina - Sciare (19,0 km)
Kartennummer:Tabacco (Naturpark Fanes-Sennes-Prags 1:25.000); Freytag & Berndt WKS 5 (Cortina d'Ampezzo 1:50.000); Kompass Nr. 55 (Cortina d'Ampezzo 1:50.000)

Gestern bin ich von Sciare zum Bivacco della Pace (2760 m) aufgestiegen, stand auf den Hüttenbergen Monte Cavallo und Monte Casale; für heute ist die Überquerung des Furcia Rossa Klettersteiges bis hinüber zum Vallon Bianco geplant (zur meines Erachtens nicht einfachen Geografie der Furcia Rossa Spitzen vgl. meine Erläuterungen am Ende des Textes).

Wie üblich wache ich auch heute bereits um 6 Uhr auf - der innere Schweinehund hält mich jedoch im warmen Daunenschlafsack gefangen: die Nacht war wolkenlos, sternenklar und dementsprechend kalt. Aber dann sehe ich durch die Fenster der Biwakhütte die Morgendämmerung aufziehen, und mich hält nichts mehr: raus jetzt !

Teil 1: Klettersteig Furcia Rossa (Fotos 1-33)

Rucksack packen, ein kurzes Frühstück - und schon geht es los, zunächst mit einem Abstieg durch grobes Geröll hinunter in den namenlosen Sattel (2675 m) zwischen Monte Castello und Südlicher Furcia Rossa Spitze (2792 m). Unter deren bastionartiger Westabbruch quert der Steig, nach wie vor absteigend, bis zur Höhenkote 2619 m (s. Tabacco-Lk); ab Bivacco della Pace sind also etwa 140 Hm abzusteigen.

Anmerkung:
kommt man durch das Valun Blanch herauf und möchte den Klettersteig ohne Biwak machen, so ist es nicht notwendig, bis zum Biv. della Pace aufzusteigen; etwas oberhalb des Felsenlabyrinthes zweigt auf einem Geländebuckel bei einer großen, weithin sichtbaren Stange ein Steiglein ab, welches - etlichen Steimnännern folgend - direkt hierher zu oben erwähnter Kote 2619m führt.

Nun steigt das gut sichtbare Weglein steil an; nächster Zielpunkt ist ein weiterer Fußpunkt der Westbastion der Südlichen Furcia Rossa Spitze, dort beginnt mit einigen Leitern der Klettersteig (45 Min.; man steigt also nicht unmittelbar aus oben erwähntem Sattel zur Südlichen Furcia Rossa Spitze an, diese wird sowieso nicht erstiegen, sondern westseitig umgangen. Hört sich komplizierer an, als es ist - immer dem markierten Steig, den Leitern und Versicherungen folgen).

Der Klettersteig überwindet zunächst mit etlichen Leitern die glatten Felsplatten, er nutzt dabei geschickt die aufwärts führenden Bänder aus und führt durch grandiose Szenerien. Der Steig ist mit Fixseilen hervorragend gesichert und nicht schwer, allerdings exponiert und hochalpin. Nach einiger Zeit erreicht man leichteres Gehgelände; immer den Markierungen folgend, traversiere ich die nun geröllige Westflanke der Furcia Rossa Spitzen 5 und 4, bis ich die namenlose Scharte zwischen den Spitzen 3 und 4 erreiche. Hier überwindet der Steig mittels weiterer Leitern den nächsten Felsabsatz, der wieder auf Gehgelände führt. Selbiges aufwärts steigend erreiche ich die Forcia Rossa Spitze 3 (2791m, knapp 2 Std. ab Biwak). Aus Achse und Rädern eines alten Kriegsgerätes wurde hier oben eine Sitzbank geschmiedet - makaber, heute sitzte ich in der phantastischen Spätsommersonne und freue mich meines Daseins, während vor Jahrzehnten bedauernswerte Soldaten sommers wie winters um ihr Überleben besorgt sein mußten.

Etwas unterhalb der Spitze verzweigt der Steig: Richtung Süden komme ich vom Biwak, nach Norden geht es für mich weiter Richtung Vallon Bianco (Markierung VB), und nach kurzer Zeit finde ich eine Steinmarkierung, die über Westflanke der Spitze zum "Passo Limo" hinunterzeigt. Dieser Schnellabstieg ist auf keiner Lk verzeichnet, und ich habe auch später beim Abstieg seinen Mündungspunkt am Wandfuß nicht wahrgenommen.

Ich gehe weiter Richtung VB; der Steig verläuft einige Zeit nahezu horizontal, bis ich mich plötzlich hoch über dem  Nordabsturz dieser Spitze 3 wiederfinde. Ein kurzes nervöses Schlucken, dort gehts jetzt hinunter - aber keine Bange, nun setzen wieder Fixseile und Leitern an, sie leiten steil hinab in den Sattel zwischen der 3. und 2. Spitze. Ein etwa 10m hohes Wandl wird mittels einiger Krampen überwunden; dies ist die Schlüsselstelle des Furcia Rossa Klettersteiges. Schließlich stehe ich unter der südseitigen Bastion  der Forcia Rossa Spitze 2, aber dort gehts nicht hinauf (jenseits steht das Biv. Furcia Rossa, von dort kann man NICHT hierher absteigen!).

Vom namenlosen Sattel zwischen den Spitzen 3 und 2 leitet der Steig erneut abwärts (Gehgelände), bis er weiter drunten mit Hilfe von Fixseilen und 3 weiteren Leitern (letzte Kraxelei) die westseitigen, unteren Felsbänder der Furcia Rossa Spitze 2 erklimmt (wiederum unschwierig, bestens markiert; Achtung: ein Direktabstieg zum drunten sichtbaren Weg Richtung Fanesalm erscheint mir wegen diverser Felsabbrüche kaum möglich - und auch unnötig, es geht nunmehr wieder mit Gehgelände weiter bis zum Schluß).

Der Steig führt weiterhin unschwierig, aber hochalpin westseitig um die Spitze 2 herum, dabei sind einige plattige Passagen unter reizvollen Überhängen zu begehen. Absteigend erreiche ich 1 Std. nach der Spitze 3 die Wegverzweigung, an der es wahlweise hinab geht zur Fanesalm - oder hinauf zum Vallon Bianco. Ich bin bis zu dieser Stelle gut 2 Std. seit Biv. della Pace unterwegs.

Für mich gibt es überhaupt kein Zaudern: das Wetter ist phantastisch, der Tag noch jung - und mein Auftrieb grenzenlos. Ich beschließe sofort, auch den Vallon Bianco noch zu erklimmen - eine weise Entscheidung, denn der bisher schon überaus eindrucksvolle Klettersteig findet nun eine logische Fortsetzung und eine weitere landschaftliche Steigerung.

Teil 2: Aufstieg zum Vallon Bianco (Fotos 34-65)

Um es gleich vorweg zu schreiben: der Anstieg zum VB ist kein Klettersteig im Sinne dieses Wortes, sondern ein versicherter Weg (ehemaliger Kriegssteig). Fast bin ich geneigt, ihn als Bergautobahn zu bezeichnen: man braucht zwar nicht unbedingt ein Klettsteigset, aber absolute Schwindelfreiheit, vollkommene Trittsicherheit und stellenweise durchaus Mut: die manchmal 1m breite Bergautobahn führt über etliche Holz- und gleich zu Beginn eine Stahlfachwerkbrücke durch die Westseite des Berges. Unnötig zu erwähnen, daß es absolut trocken sein sollte, damit die vielen Holzbrücken (teilweise exponiert ! ) nicht rutschig sind (dies ist vor allem für den Abstieg wichtig).

Überhaupt drängt sich beim Begehen ein Vergleich mit dem Alpinisteig bei Sexten auf: ähnlich großartige Landschaft, ähnlich hochalpin, ähnlich beklemmend in historischer Hinsicht.

Der Wegweiser gleich zu Beginn (Abzweig des FR-Klettersteiges) motiviert: in nur 70 Min. wird man auf dem Vallon Bianco stehen. Kaum zu glauben - und doch wahr! Einigen Kehren folgend, wird ein weiterer Abzweig erreicht, von dem aus man das Biv. Furcia Rossa erreicht (ich werde später auch dieses Ziel mitnehmen).

Es wird nun zunächst die Westseite der Furcia Rossa Spitze 1 traversiert, dabei müssen 50 m Höhenverlust in Kauf genommen werden. Der problemlose Steig mündet in der Scharte zwischen Furcia Rossa 1 und Vallon Bianco. Von hier aus sieht man bereits die Steiganlage durch die Westflanke des Berges und die vielen Holzbrücken, welche mir den Charakter einer Bergautobahn vermitteln.

Ziemlich zu Beginn führt eine schmale Stahlfachwerkbrücke über eine Schlucht. Es sind zwar nur 10m hinüber zur anderen Seite, aber ..... hier schlucke ich im ersten Moment schon ein bißchen. Nur zu - hält schon, und schon bin ich drüben.

Dann folgen viele Holzbrücken (immer etwa 1m breit), manchmal mit Fixseil, manchmal ohne. Einmal ist eine Brücke ohne Geländer zu traversieren, man geht hier wieder einmal über einen Abgrund. Ist DAS ein blödes Gefühl - hier darf absolut nichts passieren, vor allem auch später beim Abstieg nicht (nochmals: obwohl tehnisch unschwierig, sind absolute Schwindelfreiheit, totale Trittsicherheit und Trockenheit zwingend erforderlich - nichts für zarte Gemüter ! ).

Es geht nun immer die Bergautobahn hinauf, und schließlich stehe ich auf dem Kreuzgipfel des Berges (Gipfelbuch). Gleich gegenüber sind allerdings noch einige Kuppen, deren erste nochmals 5 m höher als der Kreuzgipfel ist. Also - hinüber zum Hauptgipfel des Vallon Bianco (2687 m). Die Aussicht ist phänomenal, der exponierten Lage des Berges entsprechend - ich denke, die Fotos sprechen für sich.

Der Abstieg erfolgt auf gleicher Route, und bald stehe ich wieder tief drunten, dort, wo es hinaufgeht zum Biv. Furcia Rossa (2620m, ehemals Biv. Baccon Barborka). Mein Auftrieb ist immer noch ungebrochen, zumal zusätzlich zum Wegweiser am Fels angeschrieben ist: in 15 Min. ist man droben. Außerdem sieht man die Biwakschachtel bereits, sie liegt unmittelbar unter einem droben am Grat sichtbaren Kreuz. Tatsächlich - in einer Viertelstunde bin ich droben. Diese Biwakschachtel ist tatsächlich eine solche - von der geräumigen Pracht des Biv. della Pace ist hier nichts zu spüren, die Lager sind Holzpritschen ohne Matratzen, das Hüttchen besser als Notunterkunft denn als planmäßige Übernachtungsstätte zu bezeichnen.

Von hier aus tragen mich die Beine dann noch auf die benachbarte Furcia Rossa Spitze 2 (2703m) - wieder phantastische Aussicht, tief hinab ins Val Travenanzes und gegenüber zu den Tofanen. Unmittelbar gegenüber die 90m höhere Spitze 3, zu der man von hier aus NICHT direkt gelangen kann.

Ja, und dann kommt der laaaaaange Rückmarsch, hinab zur Fanesalm, südwärts hinaus zum Col de Locia und schließlich hinunter zum Ausgangspunkt der 2-tägigen Bergtour in Sciare (1654 m).

Ein Bergerlebnis der Superlative ist Vergangenheit - wäre der Anmarsch nicht so weit, dann müßte man hier öfter unterwegs sein !!!


Teil 3: Geografie der Furcia Rossa Spitzen

Ich habe dazu sehr unterschiedliche Angaben gefunden, die teilweise uneinheitlich sind bzw. sich widersprechen:

1) In der Tabacco-Lk sind die Pizes de Furcia Rossa mit 5 Höhenkoten angegeben, die von Nord nach Süd lauten: 2644m, 2703m, 2791m, 2806m, 2792m. Die nördliche Biwakschachtel (im Text Biv. Furcia Rossa genannt) ist hier nicht vermerkt.

2) Die Kompass-Karte zählt zu den Pizes de Furcia Rossa ebenfalls 5 Höhenkoten mit gleicher Reihenfolge 2644m, 2703m, 2791m, 2806m, 2792m. Das Biv. Furcia Rossa liegt etwas nördlich der ersten Kote.

3) In der Freytag & Berndt Karte gibt es 4 Koten für die Furcia Rossa Spitzen: 2666m (Nördl.), 2703m (Mittl.), 2792m (Südl.) Die Örtlichkeit des Biv. Furcia Rossa (es hieß früher wohl Biv. Baccon Barborka, 2620m) ist leicht südlich der erstgenannten Höhenkote.

4) Im Internet steht auf einschlägigen Portalen, daß man im Zuge des Furcia Rossa Klettersteiges (nur) die Spitze III (2791m) ersteigt.

5) In einem englischsprachigen, außerordentlich genauen Führer sämtlicher Dolomiten-Klettersteige ist ebenfalls die Ersteigung der Spitze III (2791 m) beschrieben. Dort wird weiterhin ausgesagt, daß man vom Biv. Furcia Rossa (auch hier unter dem Namen Biv. Baccon Barborka, 2620m, erwähnt) die Spitze I ersteigen kann (sie würde hier gegenüber der Spitze III liegen, somit wohl keine Spitze II existieren, was mir widersinnig erscheint).

6) Selbst nach der Begehung des Klettersteiges ist mir nicht 100%ig klar, wie die genaue Geografie zu interpretieren ist. Von der Neunerspitze konnte ich aus der Ferne mindestens 4, wenn nicht sogar 5 oder 6 Gipfel erkennen (s. zu Beginn nachfolgend das erste Foto).

7) Ich meine nun, folgende Erkenntnis ist richtig, konsequent und einleuchtend:
- am nördlichsten liegt die Furcia Rossa Spitze 1 (2644m); nicht ersteigbar (?)
- es folgt die Spitze 2 (2703m); sie ist vom Biv. Furcia Rossa problemlos ersteigbar
- danach folgt Spitze 3 (2791m); sie wird bei Begehung des Klettersteiges erreicht
- die anschließenden Spitzen 4 (2806m) und 5 (2792m) werden nicht erstiegen; der Klettersteig quert sie weit unterhalb ihrer Gipfel auf der Westseite.

8) Zuletzt: der Furcia Rossa Kamm ist die Grenze zwischen den Provinzen Südtirol (westseitig) und Belluno (osteitig).

Tourengänger: gero


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Geodaten
 27215.gpx Unterwegs auf dem Furcia Rossa Klettersteig

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Kommentare (1)


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georgb Pro hat gesagt:
Gesendet am 23. September 2015 um 20:04
Da hast du wirklich zwei traumhafte Tage gehabt. Respekt Georg, ein tolles Unternehmen! Davon kannst du lange zehren bis zum nächsten Südtirolabenteuer!


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