Piz Cazarauls 3063m - ein Lehrstück in Glarner Wetterkunde


Publiziert von Bergamotte Pro , 13. September 2015 um 15:21.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:12 September 2015
Wandern Schwierigkeit: T5- - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   CH-GR   CH-UR   Claridengruppe   Tödigruppe 
Zeitbedarf: 9:45
Aufstieg: 3100 m
Abstieg: 3100 m
Strecke:37km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:PW ins Tierfehd, evtl. Alpentaxi nach Hinter Sand
Kartennummer:1193 Tödi

Zunächst wollte ich an diesem Prachtstag einige Gipfel in der Schiltregion überschreiten. Aber hey, dachte ich mir am Vorabend, das geht auch im Oktober. Mach was "Richtiges", so wie die grossen Muttsee-Bergfahrten letzten September: hoch, weit, einsam, alpin. Die Wahl fiel auf den Piz Cazarauls im Dreiländereck mit Uri und Graubünden: technisch einfach, aber einer der abgelegensten Gipfel auf Glarner Kantonsgebiet. Dass der Gipfel trotzdem regelmässig Besuch erhält, verdankt er bloss der unmittelbaren Nähe zur Planurahütte.

Natürlich, bei ausgeprägter Föhnlage so weit in den Glarner Süden vorzustossen, mag fragwürdig sein. Gerade bei Konstellation wie heute hat die Wetterprognose der Alpennordseite für diese Region kaum Gültigkeit. Gemäss Hüttencrew liegt die Chance, bei Föhn im Whiteout zu sitzen, bei etwa 50% (im Sommer). In den restlichen Fällen befinde man sich hingegen direkt auf der Wetterscheide, in Kombination mit der hochalpinen Hüfiarena ein Spektakel sondergl eichen. Soviel vorweg, meine Rechnung ging nicht auf. Nach einer Achterbahn der Gefühle und Verhältnisse - innert kurzer Zeit vom Sommer zu Sturmwinden, 20cm Neuschnee und Whiteout - kann ich im nachhinein trotzdem von einem gelungenen Tourentag sprechen.

Nach einer miserablen Nacht starte ich Punkt sieben Uhr im Tierfehd (805m). Eigentlich bin ich kein grosser Verfechter von Bike&Hike. Passt man nicht auf, verbrennt man schnell unnötig Energie. Auch die Zeitersparnis hält sich, gerade für einen Abwärtsjogger wie mich, oft in Grenzen. Aber für den 6km-Tschumpel nach Hinter Sand (1300m) ist der Vorteil eines Velos angesichts des hohen Flachanteils nicht von der Hand zu weisen. Natürlich fluche ich in den Schiebepassagen, während mich mitleidige Blicke aus dem Alpentaxi treffen. Umso beschwingter - weil nun 13kg leichter - düse ich die folgenden 600Hm nach Ober Sand (1937m) hoch.

Natürlich hatte ich bereits unten in Mitlödi die Föhnwalzen am Tödi gesehen - hielt aber stur an meinem Plan fest. Hier nun die definitive Gewissheit, meine Ziele liegen allesamt in den Wolken. Aber wenn's nur das wäre: ein starker Föhnwind pfeift talauswärts und zerrt gewaltig an Nerven und Kräften. Ich drück mächtig auf die Tube, um nicht auszukühlen. Irgendwann steh ich im feuchten Schnee, die Füsse nass. Meine Laune erreicht einen Tiefpunkt nach dem anderen. Warum in Gottes Namen muss ich Esel - wider besseren Wissens - die vermutlich einzige Gegend auf der Alpennordseite auswählen, wo nicht eitel Sonnenschein herrscht!? Irgendwann erreich ich dann doch die Planurahütte SAC (2947m). Übrigens, der Föhnwind hatte sich etwa bei Erreichen der Wolkenfront auf ein erträgliches Mass abgeschwächt. Vor der warmen Stube steht aber noch der Piz Cazarauls (3063m) auf dem Programm, sonst bringt mich nachher keiner mehr rauf. Eigentlich wär das eine unschwierige Gratwanderung (bis T4). Der Schnee hingegen macht die Schifferplatten am Schlussgrat äusserst schmierig, aufpassen! Auf dem Vorgipfel (P. 2992) der vielleicht schönste Moment des Tages: Die Wolken lüften sich und geben kurz den Blick auf Hüfifirn und Himmel frei.

Auf dem Weg zurück kreuze ich die Hüttengehilfin. Sie bedankt sich für die Spur und wartet mit allerhand Tourentipps auf. So kann zum Beispiel der Hinter Spitzalpelistock direkt durch ein Couloir auf der Westseite begangen werden (was ich nachher ausprobiere). Auch der Grat Heimstock - Piz Cazarauls werde mehrmals pro Jahr überschritten. Zurück in der Hütte gibt's eine Portion Hörnli und die Laune bessert sich rasch. Neben mir sitzen nur noch zwei Holländer in der Stube, welche eine 4-Hütten-Tour von Braunwald ins Tierfehd absolvieren. Sie interessieren sich für meine Erfahrungen, wie zum Beispiel:  "Tragen Sie in den Bergen immer Sonnenglas?"  :-)

Mit frischen Kräften steige ich in den grossen Windkessel ab, den man durch einen Schlenker nach rechts (Osten) einfach erreicht, um den Hinter Spitzalpelistock (3007m) zu ersteigen. Wie schon beim Piz Cazarauls gilt auch hier: Ohne GPS hätte ich die Sache angesichts einer Sichweite von teils unter zehn Metern bleiben lassen. Das erwähnte Couloir ist aber auch auf Sicht kaum zu verfehlen. Mühsam steige ich eine steile Geröllhalde hoch, das bewegt sich im Bereich bis T5-. Erst ganz zuoberst bedarf es eines einzigen, aber mühsamen Kletterzugs (knapp III), um die Rinne zu verlassen. Im Abstieg wohl angenehmer. Von dort in wenigen Schritten auf den Hauptgipfel mit Steinmann. Zum Ostgipfel (P. 2949) kann fast alles dem Grat gefolgt werden. Noch einfacher geht's in der Südflanke. Übrigens, wer schnellstmöglich zurück in den Windkessel absteigen will, findet schon vor dem Joch beim Ostgipfel eine geeignete Scharte. Ich hingegen lass mir die unbedeutende Kote nicht entgehen, weil ich mir dort etwas Aussicht erhoffe. Bei den aktuellen Verhältnissen können 100m über Sein oder Nichtsein... äh Sehen oder Nichtsehen entscheiden. Für einmal habe ich Glück. Und wie auf Knopfdruck erreicht der Föhn wieder Sturmniveau.

Anschliessend über die Normalroute durch den gigantischen Windkessel zurück Richtung Planurahütte, wo der lange Abstieg Richtung Tierfehd beginnt. Die gute Laune hält weiter an und so entschliesse ich spontan noch den Umweg via Ochsenstock (2265m) anzuhängen. Dass ich damit die magische 3000Hm-Grenze knacke, realisiere ich erst zuhause. Vom unscheinbaren Gipfel oberhalb der Fridolinshütten SAC (2111m) geniesst man einen herrlichen Blick auf Tödi, Bifertenstock, Selbsanft, Hinter Sand etc. Lange kann ich nicht pausieren, denn während auf Röti geschützt durch den Tödi vorübergehend sommerliche Temperaturen herrschten, fährt auf dieser Seite des Bifertengrätli ein eiskalter Föhnwind in Mark und Bein. Drum alles im Laufschritt zurück nach Hinter Sand. Ab hier düse ich per Bike rasant zu Tale und werfe den überholten Wanderern mitleidige Blicke zu...


Zeiten (Hinter Sand retour: Bike)
5:00  Piz Cazarauls
1:00  Hinter Spitzalpelistock
2:20  Ochsenstock
1:25   Tierfehd

Tourengänger: Bergamotte

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Kommentare (4)


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Primi59 hat gesagt:
Gesendet am 13. September 2015 um 20:13
wie du siehst hatt unser Älterster einiges auf Lager uns sorgt für schönes Wetter für die im Tal geblieben.... ;-)

Gruss Priska

Schlomsch hat gesagt:
Gesendet am 14. September 2015 um 18:53
Gratulation zur Tour. Dem Wetter zum Trotz bringst Du beste Bilder mit!

Auch ich bleibe an diesem Tag stur: Von Elm-Nideren durchs Martinsloch hinüber zur Fuorcla Raschaglius und via Piz Dolf, Piz Sardona, Piz Segnas und Segnespass zurück nach Nideren. Oberhalb von 2500m durchwegs in Wolken und mit extrem viel Wind.

Wir beide sind dem Wetterbericht "im Tagesverlauf aufkommender Föhn" auf den Leim gegangen. Vor Ort wissen wir beide es aber besser, bleiben stur und gehen trotzdem.

Gruss an den kleinen Esel von Schlomsch, dem ganz grossen Esel.

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 15. September 2015 um 12:08
Ha, gut zu wissen, dass ich nicht der einzige Esel an diesem Samstag war, so fühlte es sich nämlich an. Immerhin, diese Tour werde ich nicht so schnell vergessen im Gegensatz zu irgendwelchen 0815-Tschumpeleien; das ist auch was wert.

Stellst Du noch einen Bericht rein zu Deiner Trilogie?

Schlomsch hat gesagt:
Gesendet am 1. Mai 2016 um 20:10
Ja, ich habe heute diesen Bericht publiziert.


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