Ein 20km Alpinwander-Grat im Pamir


Publiziert von Delta Pro , 15. September 2015 um 19:36.

Region: Welt » Kirgisistan
Tour Datum:31 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Zeitbedarf: 2 Tage 15:00
Aufstieg: 2350 m

Fantastische 2-Tages Gratwanderung über unzählige einsame Gipfel: Von Sary Mogul nach Sary Tash

Da die Arbeiten auf dem Gletscher schneller als erwartet abgeschlossen waren, blieben uns unerwartet noch ein paar Bonus-Tage im Pamir. Nach einer Übernachtung im Dörfchen Sary Mogul zogen unsere Kollegen nach Bishkek weiter. Ein Gedanken-Experiment führte uns in einer Speed-Tour auf den eindrücklichen 7000er Pik Lenin, gleich gegenüber von Sary Mogul. Dank unserer Akklimatisation wäre es bei guten Verhältnissen vielleicht sogar zu schaffen gewesen, den Auf- und Abstieg mit drei Übernachtungen (vor dem Rückflug in die Schweiz) zu schaffen. Die grossen Schneemengen, sowie das nach wie vor schlechte Wetter brachten uns aber bald zur Vernunft und wir sahen uns nach sinnvolleren Alternativen um. Da Wolken die Gipfel verhüllten war der klassische Ansatz, den schönsten Berg auszusuchen nicht anwendbar. Auf der (ungenauen) Karte, die uns vorlag, sprang uns aber ein rund 20 Kilometer langer Bergkamm, durchgehend zwischen 3700 und 4000 Metern hoch, ins Auge, der sich entlang der Ebene von Sary Mogul bis nach Sary Tash zieht. Wäre dieser Grat begehbar? Wie lange würde man dafür brauchen? Würden wir Wasser finden? Herausforderung genug – nichts wie los!

Tatsächlich haben wir eine wunderschöne und über weite Strecken unschwierige Grattour entdeckt. Sozusagen Voralpen-Wandern im Pamir. Parallelen zum allseits bekannten Brienzergrat sind nicht allzu weit hergeholt, ausser natürlich, dass man sich 2000 Meter höher und in komplett unerschlossenem Gelände befindet. Insgesamt führte uns die Wanderung in zwei Tagen über mehr als ein Dutzend Gipfel (irgendwann hörte ich auf zu zählen). Die zwingenden Passagen übersteigen (bis auf den letzten Abschnitt) T4 nirgends. Hinauf zu den höchsten Spitzen darf jeweils noch etwas gekraxelt werden. Leider stellten uns die letzten drei Gipfel vor dem Ziel doch noch vor unlösbare Schwierigkeiten, weshalb wir die Tour nicht bis zum Ende durchziehen konnten – doch es reichte auch so.


Schon der Weg zum Ausgangspunkt ist ein kleines Abenteuer: Etwa 7 Kilometer müssen auf der Strasse zurückgelegt werden, bevor man beim Dörfchen Taldy-Suu zum Grat aufsteigen kann. Kein Problem – Autostopp. Denkste, wenn die Strasse nur gerade von einem Auto pro Viertelstunde befahren wird… Auf jeden Fall wandern wir einige Kilometer auf Asphalt, bevor man uns mitnimmt. Die Stichstrasse nach Taldy-Suu ist dann ausser von Heuwagen gar nicht mehr befahren und die halten an und fragen, was wir denn hier wollten. Nach Sary Tash wandern?! Zu Fuss?! Man nehme doch die Strasse! Man würde uns sogar hinbringen! OK, Prinzip von Bergsteigen nicht ganz verstanden, was den Leuten ja nicht zu verübeln ist. Nach einer längeren Diskussion kommt dann jeweils ein wenig überzeugtes „Ah“ und das Gespräch ist abgeschlossen. Nach mehreren solchen Szenen finden wir schliesslich den Dorfladen von Taldy-Suu um Brot zu kaufen. Leider ausverkauft, wie schon in Sary Mogul. Die Verkäuferin entlässt uns, hat aber bald darauf Mitleid und lädt uns zu sich ein, wo wir Unmengen von feinem Brot mit Tee aufgetischt kriegen. Frisch gestärkt, doch schon mit etwas Verzögerung verlassen wir die Zivilisation um 12 Uhr und steigen gegen „unseren“ Grat hinauf. Laaaang und spannend sieht er aus.

In angenehmem, aber mit schwerem Rucksack doch anstrengendem Aufstieg geht es über abgerundete Wiesenkämme auf einen ersten Gipfel auf rund 3500 m.ü.M. aufwärts. Die Aussicht über die riesige Hochebene wird immer eindrücklicher. Leider verhüllen nach wie vor dichte Wolken den Pik Lenin und seine vergletscherten Trabanten. Auf 3800 m.ü.M. finden wir erste Schneereste der nächtlichen Niederschläge und schöpfen Hoffnung doch zu Wasser zu kommen heute Abend. Einen ersten Gipfel erreichen wir nach kurzer Kraxelei. Ein ansehnlicher Steinhaufen ist dort errichtet worden und zeigt an, dass die Region nicht ganz so verlassen ist wie andere Berggebiete des Pamirs. Nun ist die Grathöhe erreicht, ein stetiges Auf und Ab über grasige Höcker und vorbei an felsigen Zacken setzt ein. Obwohl wir gut an die Höhe gewöhnt sind, ermüden die vielen Aufstiege mit der Biwakausrüstung am Rücken dennoch – mit ultralight ist leider nichts, da die Nacht auf 4000 Metern empfindlich kalt sein wird und wir bei dem schlechten Wetter und der unbekannten Route Sicherheiten mitführen müssen, so auch zusätzliches Wasser. Und schliesslich wäre da auch wieder einmal das Wetter, welches Sorgen bereitet: Nebelschwaden ziehen hinauf, es ist kühl und windig und ab und zu fallen Schneeflocken. Nach ca. dem dritten Gipfel schauen wir uns nach einem Biwakplatz um. Eine geröllige Querung bringt uns in einen Sattel, wohl der einzige ebene Platz weit und breit, wo ein Zelt aufgestellt werden kann. Zuerst sind wir etwas skeptisch, an diesem windexponierten Ort zu campieren, doch unser Sattel stellt sich als erstaunlich gut geschützt heraus. Da der weitere Verlauf unserer Route im nun zerklüfteten und sehr unübersichtlichen Gelände alles andere als klar ist, steigen wir ohne Rucksack auf unseren Hausberg, Pik Camp. Ein „Durcheinander“ von Gipfeln folgt und der Nebel macht die Szenerie nicht viel einladender. Über Bänder scheint man zum nächsten Gipfel zu kommen. Während mein Kollege zum Zelt absteigt und Schneereste zur Trinkwasserproduktion zusammenkratzt, wandere ich zum nächsten Gipfel um die Route für morgen zu auszukundschaften. Um 18 Uhr verziehen wir uns definitiv aus der windigen, unfreundlichen Kälte ins Zelt und geniessen das Abendessen.

Die Nacht war sehr kalt und ab und zu schneite es leicht. Der Morgen begrüsst uns aber mit Sonne. Was für eine geniale Stimmung! Endlich sind die weiss überzuckerten Gipfel zu sehen und glänzen unter dem blauen Himmel. Bis wir genügend Schnee geschmolzen und das vereiste Zelt abgebaut haben, dauert es etwas länger als gewohnt und erst um halb acht Uhr starten wir. Nach nur wenigen Minuten öffnet sich das wohl grossartigste Panorama der Kirgistan-Reise: Der direkte Blick auf die Höhen des Pik Lenin, der wie aus einer anderen Welt über den Wolken zu schweben scheint. Was für ein Anblick! Wir tauchen ein in das Labyrinth aus Graten und Bändern und sind erstaunlich wie einfach sich immer wieder ein Durchschlupf findet. Offenbar wird der Grat ab und zu von Schafen begangen, die zwischen den Weiden wechseln und so findet man fast immer schwache Trittspuren. Diese leiten oft raffiniert um die felsigen Aufschwünge und umgehen die Schwierigkeiten. Leider hält das schöne Wetter nicht lange an. Schon nach einer Stunde stecken wir wieder in den Nebelschwaden und der nächste Gipfel (kurzer Abstecher im Fels ohne Rucksack) ist nicht sonderlich lohnend.

Nach einer längeren, flachen Passage überschreiten wir einen abgerundeten Felsgipfel und umgehen die Aufschwünge des Ostgrates auf Bändern der Südflanke. Der nächste Gipfel ist formschön und wird von einem Vermessungssignal gekrönt (kurze Kletterei). Schliesslich beginnt das Gelände wieder stärker anzusteigen (die nächsten Gipfel liegen wieder auf fast 4000 m.ü.M.) und wird felsiger. Einige weitere Kuppen werden überschritten und schliesslich erreichen wir den dritten kotierten Punkt auf unserer Karte. Während unserer Rast kreisen zwei riesige Adler über uns. Nach wie vor ist das Wetter grau, doch mittlerweile hat sich die Nebeldecke etwas gehoben, so dass wir wenigsten etwas Aussicht haben, auch wenn die erhofften Blicke auf den Pik Lenin ausbleiben. Über einen weiteren Gipfel gelangen wir an den Fuss des Aufstiegs zum höchsten Punkt unserer Kette. Dieser wird über Gras und Geröll, zuletzt etwas steiler, ziemlich anstrengend erreicht. Da nun endlich wieder etwas Sonne durch die Wolken dringt, steigt die Stimmung. Ein Ende des Grates ist abzusehen, wir können es schaffen!

Für die nächste Stunde kommen wir sehr gut voran, da die Einschnitte zwischen den Gipfeln weniger tief sind als noch zuvor. Doch die Felsklötze vor uns, welche sich immer deutlicher herausschälen, bereiten uns Kopfzerbrechen. Könnten wir diese ebenfalls so problemlos überschreiten wie die Berge zuvor? Bald wird klar, dass der Spaziergang zu Ende ist. Unser Kamm entwickelt sich nun zu einem richtigen Grat mit teils schmalen, ausgesetzten Felspassagen und brüchigen Aufschwüngen (T5-T6-). Mit einigen Umgehungen geht es aber und wir finden uns auf einem schönen Gipfel wieder, der den Blick auf die drei gewaltigen Monolithen vor uns freigibt. Hindernisse in unserem Grat, die ohne Ausrüstung nicht überwindbar sind. Mit grossräumigen Umgehungen hätten wir uns noch weitermogeln können, doch von Norden zieht eine Schneefront heran. Grund genug, es beim Erreichten zu belassen. Nach über sieben Stunden Auf und Ab am Grat sind wir auch schon ein wenig angezählt. Zügig steigen wir durch die felsige Südflanke ab und erreichen bald die sanften Wiesenkämme, welche uns eindrücklich in die Ebene hinunterbringen. Vorbei an einer Jurte gelangen wir zur Strasse in kompletter Einsamkeit. Schon nach einer Viertelstunde hält ein Kleinwagen an. Pech gehabt: Fünf Leute drin. Kein Problem in Kirgistan, man rutscht halt etwas zusammen. Wir fahren los und stoppen bald wieder um die erste Runde Wodka zu trinken (natürlich inkl. Fahrer). Mit einem Riesengaudi geht’s zurück gegen Sary Mogul. Weitere Wodkas und viel Gelächter folgen und die Herren wollen uns kurzerhand mit ihren Frauen verheiraten, so dass wir froh sind nach einer halben Stunde am Ziel zu sein – Autostopp in Kirgistan.

Tourengänger: Delta


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