Statt Galenstock rund ums Gross Bielenhorn


Publiziert von Fico , 4. September 2015 um 23:10.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:13 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: L
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Klettersteig Schwierigkeit: WS
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 800 m
Abstieg: 800 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Furkapass Galenbödmen
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Furkapass Galenbödmen
Kartennummer:1231 (Urseren)

Der Galenstock gilt als einer der schönsten und markantesten Gipfel der Zentralschweiz. Seine Besteigung sei „ein Höhepunkt im Leben eines Bergsteigers“, fanden die Autoren des legendären Buches „Zürcher Hausberge“ in der 5. Auflage von 1979. Es war in jenen Jahren, als in mir der Wunsch keimte, irgendwann auf diesem Gipfel zu stehen. Die Hoffnung, dass er sich je erfüllen könnte, hatte ich längst aufgegeben. Vor zwei Jahren, als ich mit Jonas, dem Bergführer, bei bester Fernsicht auf dem Clariden stand, erkannte ich ihn sogleich wieder an seiner weissen Kappe. Halb im Scherz, halb im Ernst sagte ich zu Jonas: „Das nächste Mal gehen wir zusammen auf den Galenstock.“ Dabei hatte ich noch keine Ahnung, wann und auf welcher Route und ob ich das überhaupt schaffen würde.
 
Seither ging mir der Galenstock nicht mehr aus dem Kopf. Der Entschluss war gefasst, damals auf dem Gipfel des Clariden. Was fehlte, war die passende Gelegenheit, um das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Im Laufe dieses Jahres sprach ich Jonas nochmals darauf an. Er schlug mir Mitte August als möglichen Zeitpunkt vor. Als dieser nahte, verfolgten wir aufmerksam die Wetterlage, die leider alles andere als stabil war. Gehen oder verschieben? Erst am Tag vor der Abreise, als laut Vorhersagen aufkommende Gewitter erst für den späteren Donnerstagabend oder gar Freitag zu erwarten waren und die Prognose als sicher eingestuft wurde, fiel der Entscheid: Wir wagen es!
 
Nach dem Abendessen in der Sidelenhütte steigen wir ein Stück Richtung Obere Bielenlücke hinauf. Es ist besser, bei Tageslicht zu schauen, wo genau die Route hingeht. Unser Vorhaben: Über den Klettersteig zur Oberen Bielenlücke und von dort über den SE-Grat auf den Gipfel, im Abstieg dann über die Abseilpiste wieder auf den Sidelengletscher hinab und zurück zur Hütte. Diese Route wird im SAC-Führer als „sehr lohnende kombinierte Tour“ bezeichnet. Meine Vorfreude ist gross. Gleichzeitig verspüre ich eine gewisse Spannung im Hinblick auf die alles andere als geringe Herausforderung, die auf mich zukommt.
 
Jonas setzt ein paar Steinmänner, um sich morgen früh in der Dunkelheit besser orientieren zu können. Er macht die Tour zum ersten Mal. Wenn der Bergführer sich in einem ihm unbekannten Gelände zurecht finden muss, hat das für den Gast durchaus seinen Reiz. Für mich steigert dieser Hauch von Abenteuer die Intensität des Erlebnisses. Wieder in der Hütte legen wir uns bald einmal schlafen. Angesichts der wenig stabilen Wetterlage wollen wir am nächsten Morgen so zeitig wie möglich los. So wären wir auf der sicheren Seite und vor allfälligen Überraschungen gefeit. Zumindest glauben wir das.
 
Im Schein der Stirnlampen machen wir uns auf den Weg. Es ist 4:15 Uhr und damit eine Viertelstunde später, als wir hätten aufbrechen wollen. Bis ich meine Siebensachen zusammengepackt und die Bergschuhe geschnürt habe, dauert es jeweils ein bisschen. Je früher wir dran sind, umso besser – falls das Wetter nicht ganz hält, was die Prognosen versprochen haben. Der unwegsame Aufstieg über Geröll und Felsblöcke ist für mich in der Dunkelheit deutlich schwieriger als bei Tageslicht. Jetzt bloss nicht stolpern und den Fuss verstauchen! Nur mit Mühe kann ich mit Jonas Schritt halten. Ich bin froh, als wir auf dem Gletscher sind. Mit den Steigeisen habe ich besseren Halt. Grösstenteils ist er aper und mit Steinen übersät, von denen viele aussehen, als würden sie noch nicht lange hier liegen. Ab und zu kracht und poltert es. Zum Glück nicht in unserer Nähe.
 
Auf der Höhe der Mittleren Bielenlücke wird es allmählich hell. Der Gletscher ist nun schneebedeckt, allfällige Spalten sind nicht mehr sichtbar. Wir gehen am langen Seil. Noch hundert Höhenmeter bis zum Klettersteig in der Oberen Bielenlücke. Über ein steiles Schneefeld gelangen wir zum Einstieg. Wie dramatisch die Gletscher abschmelzen, kann man daran erkennen, dass das Stahlseil bereits mit einem Kletterseil verlängert werden musste. Dennoch geht es nicht ohne einen Spreizschritt über die Randkluft und einen Klimmzug an den Felsen. Ein etwas unüblicher Zustieg zu einem Klettersteig. Es handelt sich ohnehin nicht um einen gewöhnlichen Klettersteig. Eher um einen hilfreichen Weg, der Steinschlaggefahr im Couloir auszuweichen.
 
Nach der „Via Ferrata“, die uns vom Sidelengletscher durch die Felsen zur Oberen Bielenlücke bringt, stehen wir auf dem Tiefengletscher in der Sonne. Ein bezaubernder Anblick und ein wunderschöner Morgen! So schnell es geht, ziehen wir wieder die Steigeisen an und gehen weiter zu den Felsen des SE-Grates. Ein in der Morgensonne blitzender Bohrhaken zeigt den Einstieg. Als wir dort ankommen, ist es bereits kurz nach sieben. Rund drei Stunden haben wir gebraucht, einschliesslich dem mehrmaligen An- und Ausziehen der Steigeisen. Irgendwie fühle ich mich gehetzt, als wären wir zu spät dran, als hätten wir zu viel Zeit gebraucht. Vielleicht liegt es daran, dass für den Zustieg und für den Klettersteig nur je eine Stunde angegeben wird.
 
Jonas scheint es ähnlich zu gehen. Vor allem dem Wetter traut er nicht so recht. Die Fernsicht ist schlecht, man sieht kaum bis zur Albert-Heim-Hütte hinunter und am Himmel hinterlassen die Flugzeuge breite Kondensstreifen. Er will darum unbedingt nochmals mit den Wetterfröschen telefonieren. Der Bericht ist ernüchternd: Bis 12 Uhr hätten wir nichts zu befürchten. Danach steige das Gewitterrisiko. Ab 14 Uhr sei es besser, wenn wir uns nicht mehr draussen befänden. Und wie alle Prognosen selbstverständlich ohne Gewähr. Allein für die Gratkletterei bräuchten wir drei Stunden, vielleicht auch mehr. Das bedeutet, dass wir möglicherweise um die Mittagszeit erst auf dem Gipfel wären. Und für den Abstieg müssen wir nochmals einige Stunden einrechnen. Ungemütliche Aussichten! Die Erinnerung an den Altmann-Ostgrat ist noch frisch: Fast alle Seillängen mit Donnergrollen im Nacken, Abstieg durch die Fliswand zum Rotsteinpass im Regen und mit Blitz und Donner.
 
Unter diesen Umständen sind wir uns schnell einig. Für Jonas ohnehin keine Frage. Für ihn hat die Sicherheit absolute Priorität. Wir müssen umkehren. So bitter es ist, so jung und so schön der Tag, mit einem stahlblauen Himmel und strahlendem Sonnenschein. Da wir diese Möglichkeit überhaupt nicht in Betracht gezogen hatten, haben wir auch keinen „Plan B“ für den Rest des Tages. Auf dem gleichen Weg zurück wollen wir nicht. Wir haben keine Veranlassung, die Tour möglichst schnell zu beenden. Also ziehen wir einfach mal los, ganz entspannt auf dem Tiefengletscher abwärts, und sehen dann weiter, wie wir wieder zur Sidelenhütte kommen.
 
Eile haben wir keine mehr. Es mache Sinn, findet Jonas, nun die Ausbildung ins Zentrum zu stellen. Also gehe ich voraus und suche einen Weg auf dem Gletscher. Zugegeben, mit etwas gemischten Gefühlen. Eisabbrüche und grössere Spalten sind leicht zu erkennen. Und die andern, die von Schnee bedeckt sind? Es ist ein wenig wie auf einem Minenfeld. Irgendwann könnte es krachen. Bevor wir zu einer grösseren Spalte kommen, die sich vor uns über die ganze Breite hinzieht, übernimmt Jonas wieder die Führung. An der ersten Schneebrücke geht er vorbei. Die nächste ist noch kleiner und zierlicher. Je weiter wir gehen, desto breiter wird die Spalte.
 
Irgendwo müssen wir auf die andere Seite gelangen. Wir nehmen die Schneebrücke, die am stabilsten aussieht, und wagen es dann. Allerdings nicht ohne vorher eine Seilsicherung zu bauen, einen sog. T-Schlitz, mittels einer Bandschlinge, die am Pickel befestigt ist, der im Schnee eingegraben wird. Das ist die schnellste und sicherste Methode. Einfach auf gut Glück über die Schneebrücke zu spazieren, ist für Jonas kein Thema. Immerhin kann ich ihn davon überzeugen, dass es besser ist, wenn ich als Erster gehe. Weit würde ich nicht stürzen, sollte ich einbrechen, straff am Seil gesichert. Entschlossenen Schrittes und doch behutsam betrete ich die Schneebrücke. Sie hält. Der Nervenkitzel war umsonst. Doch die Gewissheit hat man erst, wenn man auf der andern Seite angekommen ist.
 
Wenig später sehe ich auf der rechten Seite Felsen mit einem Steinmann oben drauf. „Könnten wir nicht dort hinauf und dann schauen, wo wir uns befinden?“, frage ich Jonas. Über Geröll und Blockgelände kommen wir nach kurzer Zeit oben auf den Felsen an und nützen die Gelegenheit zu einer Art „Gipfelrast“. Von hier aus sehen wir auch, dass es wahrscheinlich möglich gewesen wäre, die lästige Spalte weiter nördlich zu umgehen. Von oben war das nicht zu erkennen, ebenso wenig wie eine eindeutige Spur auf dem Gletscher.
 
Ein Blick auf die Karte zeigt, dass wir uns beim P. 3025 befinden, am Ende des sog. „Strahlengrätli“. In dessen südlicher Flanke setzen wir unseren ungeplanten Abstieg fort. Uns gegenüber poltern Steine vom Gross Bielenhorn herab, die sie gross sind, dass man ihre Bahn auch auf Distanz von blossem Auge verfolgen kann. Steinmänner leiten durch das unübersichtliche Gelände. Zwischendurch hat es auch Wegspuren. Allmählich verlieren wir an Höhe, bis wir irgendwann, ohne uns allzu sehr dem Steinschlag auszusetzen, in die Route queren können, die zur Unteren Bielenlücke führt. Der Weg ist hier merklich angenehmer, weniger steil und vergleichbar mit jenem bei der Lochberglücke.
 
Wir sind schon bald auf der Höhe der Unteren Bielenlücke angekommen, als Jonas mich fragt: „Möchtest Du aufs Chli Bielenhorn? Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Gipfel.“ Also steigen wir in südöstlicher Richtung weiter und erreichen bald den Grat, der steil nach Süden abfällt. Es ist ein kurzer Klettergenuss über die Gipfelfelsen, dann stehen wir ganz oben bei der stilisierten Flamme – so jedenfalls habe ich das moderne Gipfelkreuz interpretiert. Inzwischen ist der Himmel bewölkt. Hinter dem Gross Bielenhorn sind die Wolken so düster, dass sich die Vermutung aufdrängt, oben auf dem Galenstock könnte es regnen. Es sieht zwar nicht nach einem Gewitter aus, aber der Entschied zur Umkehr bereits früh am Morgen war sicher richtig. Lieber auf dem Chli Bielenhorn in der Sonne als auf dem Galenstock im Nebel!
 
Aufs Chli Bielenhorn führen verschiedene Kletterrouten. Schwierigere durch die Südwand, eine einfachere und recht bekannte ist der Schildkrötengrat von der Sidelenhütte her. Von je einer der beiden Seiten sehen wir eine Seilschaft im Aufstieg. Sonst sind wir den ganzen Tag noch keiner Menschenseele begegnet. Die Felsen vom Grat auf den Gipfel sind übrigens durchgehend mit einer Kette versehen. Wer nicht klettern mag, kann hangeln. Das ist vor allem im Abstieg angenehm. Auf diese Weise wäre das Chli Bielenhorn auch als Alpinwanderung (T4-T5) machbar, als anspruchsvollere Variante zum „Nepali Highway“.
 
Nach einer ausgedehnten, erholsamen Gipfelrast – wir sind immerhin seit neun Stunden unterwegs – geht es zurück zur Unteren Bielenlücke und hinab zur Sidelenhütte. Dort hat sich der Kreis geschlossen. Ungeplant und ungewollt haben wir das Gross Bielenhorn vollständig umrundet. Als Ersatztour für die gescheiterte Besteigung des Galenstock. Wenn man ein gestecktes Ziel nicht erreicht, vor allem nachdem man fest daran geglaubt hat, ist das immer schmerzlich und enttäuschend. Und die Enttäuschung schwebte – wie die dunkle Wolke am Mittag über dem Galenstock – den ganzen Tag über unseren Köpfen und liess uns beinahe übersehen, was für eine grossartige Tour wir gemacht haben. Denn auch diese Route kann man getrost als „sehr lohnende kombinierte Tour“ bezeichnen, obschon sich das Klettern weitgehend auf den Klettersteig beschränkt. Und landschaftlich ist die Tour zweifellos von ausserordentlicher Schönheit.

Tourengänger: Fico


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Kommentare (1)


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Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 30. September 2015 um 22:17
das gehört doch zum Bergsteigerleben - auch mal umkehren oder Alternativen wählen zu können ;-)

Gratulation; lg Felix


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