Wanderung zur Schreckhornhütte - Ein eindrücklicher Hüttenweg


Publiziert von Chrichen Pro , 15. September 2015 um 13:21.

Region: Welt » Schweiz » Bern » Jungfraugebiet
Tour Datum:29 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-BE 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1500 m
Abstieg: 1500 m
Strecke:ca. 18 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Mit dem ÖV: Zug nach Grindelwald / Bus oder Fussweg zur Talstation der Pfingstegg-Bahn / Seilbahn bis Pfingstegg
Zufahrt zum Ankunftspunkt:(gleicher Weg umgekehrt)
Unterkunftmöglichkeiten:SAC Schreckhornhütte

Manchmal mag ich es, auf der Online-Schweizerkarte ziellos nach neuen Entdeckungen zu suchen. Ungefähr so bin ich auch auf die Schreckhornhütte gestossen. Weitere Recherchen überzeugten mich, dass sowohl die Hütte selbst, wie auch der Weg dorthin äusserst vielversprechend sind. Ein neues Projekt war geboren :-)

Für das Wochenende wurde kompromisslos schönes Wetter vorhergesagt,  und so hatten Aichen und ich schnell entschieden, dass wir der Schreckhornhütte einen Besuch abstatten möchten. Da wir gemütlich unterwegs sein wollten, haben wir eine Übernachtung reserviert.

Nach einer frühen Tagwacht und langen Anreise starten wir morgens um 10 Uhr bei der Bergstation Pfingstegg. Ein Start ab Grindelwald ist ebenfalls möglich und wegen der Gletscherschlucht vermutlich auch reizvoll, wir entschieden uns aber mit der Seilbahn einige Höhenmeter einzusparen.

Der Zustieg zur Schreckhornhütte ist durchgehend bestens markiert und angeschrieben. Der erste Wegweiser findet sich schon nach wenigen Metern, beschriftet mit 4 Stunden (auf der Webseite der Hütte werden 4h 30min angegeben). Die Zeitangabe ist eher sportlich und richtet sich wohl mehr an die Bergsteiger denn an Gemütlichwanderer. Wir haben gut 7 Stunden gebraucht mit vielen kleinen Pausen und Fotostopps, aber ohne eine ausgedehnte Rast.

Das erste Wegstück bis zur Bäregg besteht aus einem gut ausgebauten Bergwanderweg, der weit oben an der imposanten Schlucht vorbeiführt und teils im Fels angelegt ist (T2). Auf der Bäregg gibt es seit 2006 ein Berghaus mit Restaurantbetrieb. Dieses ersetzt die alte Stieregghütte, welche den mehrfachen Moränenrutschen aufgrund des schwindenen Unteren Grindelwaldgletschers zum Opfer gefallen ist.

Auch der Hüttenweg zwischen Bäregg und Bänisegg leidet an dieser Stelle an den Folgen der Erderwärmung und musste in der Vergangenheit mehrfach verlegt werden. Murgänge und Steinschlag wegen auftauendem Permafrost haben eine tiefe Furche ins Gelände gerissen, welche nebst dem wegbrechenden Gelände von unten her ein weiteres Problem darstellt. Langfristig gesehen muss wohl eine aufwändige und kostenintensive Lösung in Betracht gezogen werden, um den Hüttenzustieg in der jetzigen Form zu erhalten. Von diesen Gegebenheiten habe ich beim Begehen des Weges kaum etwas gewusst. Erst im Nachhinein fand ich bei bei einer kurzen Suche im Internet interessante und nachdenklich stimmende Informationen unter anderem hier und hier.

Die oben beschriebene Situation führt dazu, dass der nunmehr weiss-blau markierte Weg kurz nach der Bäregg ein Stück ansteigt, um nach dem Graben wieder in Serpentinen rasch an Höhe zu verlieren. Ein Warnschild macht auf die Gefahren aufmerksam und mahnt dazu, diese Passage rasch und ohne Pausen zu begehen. Die Wettersituation sollte beachtet werden.

Nachdem diese Passage überwunden ist, geht es in der stellenweise abschüssigen Flanke wieder bergauf zur Bänisegg (T3). Es ist bereits sehr heiss und wir machen die eine oder andere kurze Abkühlpause im Schatten. Von Zeit zu Zeit hören wir auf der gegenüberliegenden Talseite nahe vom Gletschersee Steine hinunterdonnern. Die Bänisegg ist ein schöner Aussichtspunkt und bietet erste Ausblicke auf die imposanten Abbrüche des Unders Ischmeer und den weiteren Weg zum Rots Gufer.

Der auf der Karte nicht allzu weit erscheinende Weg bis zum Rots Gufer bietet keine besondere Schwierigkeiten (T2-T3), zieht sich aber nicht zuletzt wohl wegen den warmen Temperaturen in die Länge. Das Gletschereis will einfach nicht in die Nähe rücken und wir baden uns im Schweiss. Schliesslich schaffen wir es doch noch zum Einstieg in die Steilstufe.

Geschmückt mit Drahtseilen, zwei Leitern und zahlreichen Bolzen dürfen nun einige anregende T4-Kraxeleien erledigt werden. Aichen blüht förmlich auf. Nach einer ersten Stufe muss bald ein erster Bachlauf gequert werden. Das geht ganz gut mit einem gezielten Sprung. Kurz darauf folgt ein zweiter Bach, der wesentlich problematischer aussieht. Plötzlich erinnere ich mich an den Bericht *Schreckhornhütte, ein schrecklich schöner und schrecklich nasser Hüttenweg. Da es doch schon Ende August ist, und die letzten Tage trocken waren, habe ich den Bachläufen eigentlich kaum Bedeutung beigemessen. Auf den ersten Blick sehen wir aber keine Möglichkeit, das Wasser trockenen Fusses zu queren. Nach einer kurzen Erkundung auch auf den zweiten Blick nicht. Gefährlich ist die Wassermenge nicht, deshalb entscheiden wir uns, den Bach frei nach dem Motto Augen zu und durch dem Weg entlang zu überwinden. Ein sehr erfrischendes Erlebnis. Intelligent wäre es vielleicht noch gewesen, Handy und Kompaktkamera aus den Seitentaschen der Wanderhose herauszunehmen. Da Kommunikation aufgrund des lauten Rauschens kaum möglich ist, halte ich meine (erstaunlich trocken gebliebene) Kamera in die Luft. Aichen versteht das Signal und packt ihre Sachen in den Rucksack. Sie nimmt indessen eine leicht andere Route und klettert auf einen wasserüberlaufenen Stein hinauf. Für einen Moment bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie Fische fangen möchte, oder einfach den Badespass geniesst, jedenfalls bekommt sie hinreichend viel Wasser ab. Dank der hohen Temperaturen fühlt sich die Abkühlung aber trotz allem eher angenehm an. Erst in der Hütte merken wir, dass die Schuhe innen recht nass wurden.

Nach der erlebnisreichen Bachquerung geht es wieder Fixseilen entlang steil hinauf, bis die Stufe vollends überwunden ist. Beim Rots Gufer wird in kurzer Distanz viel Höhe gewonnen, und auf den folgenden Metern sieht die Landschaft mit dem zerfurchten Gletschereis äusserst eindrücklich aus. Ab und zu hören/sehen wir Gletschereis abbrechen. Immer noch ansteigend, aber eher gemächlich, führt der Weg weiter in Richtung Schreckhornhütte (T3). Es ist nach wie vor heiss, und wir brauchen fast alle Trinkvorräte auf. Die Fahne vor der Hütte zeigt sich kurz in greifbarer Nähe. Es dürfen zwei drei Bäche gequert werden, wovon einer nochmals zu nassen Füssen führt, wenn auch nicht so spektakulär wie zuvor. Den höheren Wasserstand am späten Nachmittag haben wir definitiv unterschätzt.

Etwas müde aber glücklich erreichen wir die Flagge auf dem schönen Aussichtspunkt und die sich sogleich dahinter an geschützter Lage befindende Hütte. Wir stellen unsere Schuhe zum Trocknen nach draussen, richten unser Lager ein und schon bald gibt es ein leckeres Abendessen. Nach zwei gmütlichen Bier gehen wir nochmals nach draussen, um die vom Mond erleuchtete nächtliche Landschaft in Bildern festzuhalten. Am Morgen stehe ich kurz nach 6 Uhr auf und versuche die ersten Sonnenstrahlen einzufangen. Leider verdeckt just im besten Moment eine grosse Wolke die Sicht auf die Berge im Alpenglühen. Ein paar Bilder gibt es trotzdem. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Rückweg über exakt die gleiche Route, wieder bei bestem Wetter. Die morgentlichen Lichtverhältnisse sind etwas anders als am Tag zuvor nachmittags, so dass wir nochmals viele Fotos machen. Der Weg bis zum Rots Gufer zieht sich auch im Abstieg erstaunlich in die Länge. Die Bäche führen viel weniger Wasser als am Nachmittag zuvor und alle Querungen sind völlig unproblematisch. Die Stufe beim Rots Gufer fordert im Abstieg nochmals Konzentration und Kraft. Nur eine Stelle kurz vor der zweiten Leiter bereitet aber etwas Mühe. Gemütlicher Dinge erreichen wir nach eins zwei Gegenanstiegen das Berggasthaus Bäregg, wo es dieses Mal ein Pausenbier gibt. Recht zügig gelangen wir schliesslich zur Seilbahnstation Pfingstegg. Für den Abstieg haben wir mit insgesamt ca. 8 Stunden erstaunlich lange gebraucht, wobei wir dieses Mal einige grössere Pausen eingelegt haben.

Die Schreckhornhütte hat uns dank ihrer grandiosen Lage und des eindrücklichen Zustiegs wirklich sehr gut gefallen. Es hat sich sicherlich gelohnt, nebst der üblichen Kompaktkamera die Spiegelreflexkamera mit Weitwinkelzoom mitzuschleppen. An diesem schönen Wochenende war der Hüttenweg sehr gut frequentiert, insbesondere von zahlreichen Alpinisten. Auf der Hütte selbst waren vor allem Schreckhorn-Aspiranten zu Gast, während Hüttenbesucher stark in der Unterzahl waren. Entsprechend rücksichtsvoll musste das Zimmer am Abend bezogen werden, wobei das bei Hüttenübernachtungen sowieso die Regel ist. Die Hütte war trotz bestem Wetter nicht vollständig belegt.
Eine Motivation für unseren Besuch bei der Schreckhornhütte war nicht zuletzt der Gedanke, die schöne Gletscherwelt noch zu geniessen, solange sie wenigstens einigermassen intakt ist. Die Alpengletscher schwinden in den letzten Jahren mit dramatischer Geschwindigkeit. Diese traurige Realität und deren Folgen werden einem gerade auf diesem Weg wieder unweigerlich vor Augen geführt...

Tourengänger: Chrichen, Aichen


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Kommentare (3)


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Clouseu hat gesagt:
Gesendet am 15. September 2015 um 16:37
Die Landschaft ist wirklich wunderschön dort, sehr gelungene Fotos!

BaumannEdu hat gesagt: Vergleich
Gesendet am 17. September 2015 um 09:59

Natalie_76 hat gesagt:
Gesendet am 11. Oktober 2016 um 15:25
wow...! einfach nur wow und vielen lieben Dank an deinen Input für meine nächste Tour... evt halt erst im Siebzähni ;-)


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