In 2 Tagen von Linthal nach Laax


Publiziert von Kopfsalat Pro , 1. September 2015 um 11:24.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Surselva
Tour Datum:29 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   CH-GR   Segnas-Vorabgruppe   Hausstockgruppe 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 2000 m
Abstieg: 1700 m
Strecke:30km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Linthal, Alpentaxi RoMa, LSB Tierfehd - Chalchtrittli
Zufahrt zum Ankunftspunkt:LSB Crap Sogn Gion - Laax, cff logo Laax
Unterkunftmöglichkeiten:Muttseehütte, Bifertenhütte, Panixerpasshütte

Bei zwei Tagen ohne das geringste Wölklein und den im Unterland unaushaltbaren Temperaturen von über 30° stand der Entschluss schnell fest. Ab in die Berge. Der richtige Zeitpunkt um eine Tour, die schon seit über 20 Jahren auf meiner Pendenzenliste steht, in Angriff zu nehmen.

Samstag, 29.08.2015 (Chalchtrittli – Panixerpass)

Um 05:09 sollte das erste Tram fahren. Auf der Anzeigentafel steht "Stau" ... hmm ... schliesslich kommts doch noch und ich verpasse den 05:33 Zug nicht. 08:17 in Linthal. Die Dame des am Vorabend reservierten Alpentaxis rät mir, nicht den 09:17 Zug zu nehmen, da sie dann schon stark ausgebucht sei und der Anschluss auf die 09:30 Gondel eventuell nicht gewährleistet werden könne. So reicht es nach unterhaltsamer Fahrt in der Tierfehd noch für einen Kaffee und einen weiteren Schwatz mit dem Bähnliwart. Unglaublich was für den Ausbau des Limmerenstausee für ein Aufwand betrieben wurde und wird. 10 Minuten später haben wir die rund 1000 Höhenmeter spektakulär überwunden.

Von der Bergstation Pt. 1860 gehts auf dem verbreiterten Weglein durch die jähe Flanke zum Chalchtrittli, welches üppig mit Ketten abgesichert ist. Ich spüre den Höhenunterschied und muss immer wieder Mal anhalten und die Pumpe auf Normalgeschwindigkeit herunterfahren lassen. Beim Nüschenegg Pt. 2230 brennt bereits die Sonne, mein fast einziger und ständiger Begleiter für die nächsten zwei Tage, über den Grat. Unterhalb des Muttenwändli Pt. 2402 geniesst eine Gruppe Steinböcke den letzten kühlen Schatten des Tages. (T3)

Zum Glück bläst auf dem Muttenplateau dann ein kühler Wind, sodass ich um die Mittagszeit vor der Muttseehütte Pt. 2501 bei gemütlicher Unterhaltung meinen Durst löschen kann. Mein Ansinnen heute noch den Panixerpass zu erreichen, löst ungläubiges Stirnrunzeln aus. So lasse ich es bei zwei halben Litern saurem Most bewenden und mache mich auf den Weg. Das Gemeine, erst muss man über 100 Höhenmeter vernichten, die man dann im feinsplittigen Schiefer der "Latten" wieder hochsteigen muss. Ich gehe es langsam an und erreiche den Pt. 2729 ohne grössere Mühen. Die Kistenpasshütte ist leider geschlossen, so spare ich mir den Abstieg. Die Aussicht in den Canõn des Limmerenstausees ist auch von oben gewaltig. In leichtem Gefälle gelange ich zum Kistenpass/Pass Lembra Pt. 2640, wo ich erst mal die Karte studiere, denn der Weiterweg nach Osten ist weder signalisiert noch markiert aber eigentlich logisch. (T3)

Eine über eine 1:25k Karte gebeugte Gruppe extrem "cooler" jugendlicher Unterländer fragt mich, ob ich wisse, wie sie am besten den Piz d'Artgas besteigen könnten. Leider ist dies überhaupt nicht mein Ressort und ich überlasse sie ihrem Schicksal.

Nach der Traverse am komplett ausgetrockneten Seelein bei Pt. 2587 vorbei treffe ich in der Falla Lenn Pt. 2578 auf neue weiss-rot-weisse Markierungen, welche von der Cavorgia da Breil heraufführen. Ein schmaler Pfad zieht sich bis zum ersten Bach nach Pt. 2562. Danach fehlen Wegspuren praktisch vollkommen, dafür ist die Markierung sehr gut. (T3)

Geschickt und ohne grosse Höhenunterschiede ziehen sich die Markierungen aus w-r-w Farbklecksen und Steinmännchen durch den von tiefen Gräben durchschnittenen und vom Gletscherschliff gezeichneten Kessel von Cavorgia da Vuorz. Nur ab und zu müssen ein paar Meter ab- und wieder aufgestiegen werden. Auch wenn Gesteine von schwarz über rostbraun, Ocker, beige bis hellgrau das Bild prägen, finden sich immer wieder kleine grüne und blumige Farbtupfer. (T3)

In der Fuorcla da Gavirolas Pt. 2528, einer auf der Ostseite steilen, schmierig, rutschigen Schutthalde ändert sich das Bild abrupt. Aus den grünen Alpweiden von ragen nun vor allem hellgraue Kalkriffe empor. Tieftrittige Kuhpfade führen zu den zwei strategischen Stegen über die grauschwarzen Wassermassen der tiefeingeschnittenen Gletscherbäche bei Pt. 2316 und Pt. 2336. Ohne diese Hilfen dürfte eine Querung bei den jetzigen Verhältnissen schwierig bis unmöglich sein. (T3)

Der Weiterweg verlangt ein wenig pfadfinderisches Gespür, da die Markierungen nur noch selten und älteren Datums sind. Auf der Fil dil Fluaz 2330m ist das Tagesziel schon fast zum Greifen nah. Dummerweise gehts dazwischen erst rund 300 Meter runter und danach wieder hoch! Nach SAW-Formel also noch knapp anderthalb Stunden! Auf dem Abstieg über die Alp da Bovs sind Pfade und Markierungen rar oder zu gut im hohen Gras versteckt, sodass ich schlussendlich die Direttissima zur Aua dil Mar wähle. (T3)

Nach der Brücke Pt. 2130 ist die Wegfindung kein Problem mehr. Sobald es nicht unangenehm steil ist, ist man falsch. Im obersten Teil zusätzlich in feinschuttigem Schiefer. Herrlich, genau das, was man sich nach einem anstrengenden Tag ersehnt. Bei Pt. 2312 sind die Mühen vorbei und ich schlendere gemütlich zur Hütte auf dem Panixer Pass/Pass dil Veptga Pt. 2404. (T2)

Mittlerweile ist es kurz vor 20:00 Uhr und das Hüttlein ist natürlich schon komplett voll. Während ich mit den übrigen Hüttengästen am Plaudern über das Woher und Wohin bin, zieht einer nach dem anderen es vor, draussen zu übernachten. Schlussendlich finde ich problemlos ein Plätzchen in der Hütte, wo ich meine müden Glieder ausstrecken kann und meine Biwakausrüstung kann im Rucksack bleiben. Dank all der 36.5° produzierenden Leiber in dem kleinen Hüttlein reicht mir eine Wolldecke, um für eine geruhsame, traumlose Nachtruhe zu sorgen. Wie das wohl im November 1799 bei Suworow war?

Sonntag, 30.08.2015 (Panixerpass – Crap Sogn Gion)

Just als ich aufstehe, sehe ich noch wie der Vollmond hinter dem Fil dil Fluaz untergeht. Ich lasse mir Zeit, denn ich will ja nicht zu früh wieder in der Bruthitze des Unterlands sein. Gemütlich rumsitzen, Kaffee trinken, schwatzen. Bei den Wandervorschlägen in der Hütte findet sich u.a. ein Ausdruck von Sputnik's Bericht aus dem 2006.  Nachdem die Sonne hinter der Crena Martin hervorschaut, breche ich so gegen neun Uhr auf.

Auf anfangs gut, später eher spärlich ausgetretenem und markiertem Weg steige ich via Seelein und Pt. 2584 zum Rotstock/Crag Tgietschen Pt. 2624 auf. Das Panorama ist überwältigend. Ich setze mich gemütlich an den Gipfelsteinmann und verbringe nahezu eine Stunde hier oben mit Photographieren, z'Mörgele und Nichtstun. (T3)

Bei meinen Vorbereitungen der Tour bin ich auf der Wanderkarte (247 T Sardona) aus dem Jahr 2006 auf einen markierten Bergweg gestossen, der vom Sattel Pt. 2584 durch die Blockschutthalde zur darunterliegenden Alp da Bovs führt. Auch wenn keinerlei weiss-rot-weisser Markierungen auszumachen sind, führen tatsächlich Wegspuren und Steinmännchen Richtung Pt. 2528. Leider ohne dabei merklich in den Kessel abzusteigen. Nach einigem Werweissen, nehme ich an, dass es sich hierbei um den Zustieg zur Sether Unterkunft und den Gratweg zum  Vorab handeln dürfte. Also komplett unbrauchbar für mich.

Somit entschliesse ich mich, selber einen Abstieg durch den grobblockigen Schutthang zu finden. Das in der Karte vermeintlich gleichmässige Gefälle täuscht. Immer wieder gilt es fünf bis zehn Meter hohe Felsabbrüche zu umgehen. Im groben oft lockeren Blockschutt muss jeder Tritt geprüft werden. Vermeintlich bombenfeste Felsblöcke kippeln bei Belastung unheilvoll hin und her. Steile feinschuttige Rinnen laufen unten in groben Brocken aus, sodass an ein Abfahren nicht zu denken ist. So winde ich mich durch die Halde mal rauf, mal runter bis ich schliesslich in flacheres, mit Bewuchs bedecktes Gelände komme in dem erst Schaf-, später gar Kuhtritte vorhanden sind. Diesen folgend gelange ich nun mühelos auf die Alp da Bovs Pt. 2378. (T4)

Die spärlichen eingezeichneten Wegspuren gehen in den unzählige Kuhwegen komplett unter. Nichtsdestotrotz ist die Wegfindung verhältnismässig einfach, wenn auch das Fortkommen im steilen, sumpfigen mit Kuhtritten übersäten Geländen recht mühsam ist. Auf rund 2320m erreiche ich den von der Fuorcla da Ranasca heraufziehenden Grat.

Der Weiterweg über Platt Alva entpuppt sich als navigatorisches Highlight, wenn auch in ungefährlichem Gelände. Die, wenn überhaupt vorhandenen, Markierungen sind derart verblichen, dass sie kaum mehr erkenntlich sind. Wegspuren gibts keine. Kuhpfade sind meist auch gut überwachsen und nur noch als Stufung wahrnehmbar. Da ich davon ausgehe, dass auch hier die Bachübergänge die Knackpunkte sein dürften, versuche ich diese so genau wie möglich anzusteuern.

Die ersten zwei Übergänge sind jedoch problemlos, da ausgetrocknet. Der dritte führt zum Glück Wasser, sodass ich meine PET-Flasche wieder auffüllen kann. Danach treffe ich auf das erste Schneefeld. Schneefeld? Ende August in einem Südhang auf 2300m??? Erst beim Näherkommen sehe ich, dass es sich um schneeweissen, feinplattig absplitternden Kalk handelt.

Der nächste Bachlauf hat es dann aber in sich. Ein ca. 1.5m breiter, 10m tiefer Spalt zieht sich durch die Wiese hinunter. Unten gurgelt Wasser. Daran finde ich auch eine w-r-w Markierung. Brücke oder Seil? Fehlanzeige. Ein beherzter Sprung ist alles, was übrigbleibt. Der letzte Bach ist dann, wie die ersten beiden, komplett ausgetrocknet. Als krönender Abschluss bleibt der beschwerliche weglose Aufstieg im rutschigen von tiefen Kuhtritten gepflügten Steilgras. (T3)

Auf der Fuorcla da Sagogn Pt. 2383 gibts deshalb erst einmal eine längere Pause, auch wenn ich vor der  erbarmungslos sengenden Sonne gerne in den Schatten flüchten würde. Nur den gibts weit und breit nicht. Die Wintersportarena von Flims-Laax bildet einen trostlosen Ausblick, sodass ich mich nur mit Mühe zum Schlussbouquet aufraffen kann. Ausgepowert schleppe ich mich den guten Wanderweg zur Bergstation Crap Masegn Pt. 2472 hinauf und auf breiter, staubiger Piste nach Crap Sogn Gion Pt. 2216 hinunter. (T2)
 
Ausser einem Getränkeautomaten hat hier im Sommer nichts offen. So erstehe ich mir für "läppische" CHF 22.- eine Talfahrt mit der Luftseilbahn. Wie mir der Luftseilbähnler erzählt, ist heute Saisonschluss für den Sommer. Ausser Mountainbikern kommt hier im Sommer eh niemand hinauf. Im Herbst ist die Bahn dann nochmals für zwei Wochen geöffnet. Danach erst wieder, wenn der Winter kommt. Nun erklärt sich auch, weshalb die Wanderweg in solch pitoyablem Zustand sind. Naja mir solls recht sein.

Fazit:
  • Wer weg von allem will, ist hier genau am richtigen Ort. Ausser auf den "Wanderautobahnen" Kisten- und Panixerpass hab ich auf der ganzen Tour gerade mal zwei Leute angetroffen. Einen Wanderer und einen Naturbeobachter (Jäger/Wilderer?).
  • Bei schlechter Sicht (Nebel) ist perfekte Navigation Voraussetzung.
  • Ist die Hütte auf dem Panixerpass z.B. bei schlechtem Wetter voll besetzt (Reservieren nicht möglich!), benötigt man eine Biwakausrüstung.

Schwierigkeitszuordnungsbirchermüesli

Die Traverse vom Kistenpass zum Panixerpass, sowie von der Fuorcla Ranasca zur Fuorcla Sagogn kommen rein technisch wohl kaum über ein T2 hinaus, die Hauptschwierigkeit ist die Wegfindung, deshalb T3.

Tourengänger: Kopfsalat


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Kommentare (4)


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Queenie hat gesagt:
Gesendet am 1. September 2015 um 19:09
Da haben wir uns wohl um ein paar Stunden verpasst ;-) war an dem Tag auf der selben Route unterwegs (hab dann allerdings in der Kistenpasshütte übernachtet und bin am nächsten Tag nach Elm gelaufen)...

Kopfsalat Pro hat gesagt: RE:
Gesendet am 1. September 2015 um 23:14
schade. coole gegend. dachte die kistenpasshütte wäre geschlossen gewesen?

Queenie hat gesagt: RE:
Gesendet am 2. September 2015 um 19:31
war offen, aber der Hüttenwart war anscheinend im Tal (hat mich im Schlussanstieg überholt), waren an dem Tag so ca. 13 Leute da oben.

Runner hat gesagt:
Gesendet am 3. September 2015 um 14:26
gratuliere - sehr schöne Tour mit prächtigen Bildern ! Das nährt ein lange gehegtes Vorhaben in dieser Gegend ...


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