Schalihorn ohne Grat, leider...


Publiziert von danski , 29. August 2015 um 16:11.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:28 August 2015
Wandern Schwierigkeit: T3 - anspruchsvolles Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS-
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 10:00
Aufstieg: 1450 m
Abstieg: 3000 m
Unterkunftmöglichkeiten:Rothornhütte, 3198

Tja, ich will nicht lange um den heissen Brei herumreden, es hätte der Höhepunkt meines bisherigen Alpinistenlebens werden sollen, aber es kam dann doch nicht so: Weisshorn via Schaligrat. Es schien alles zu passen. Persönliche Kondition, Erfahrung, ein gut eingespieltes Team und als wichtigstes objektives Kriterium stabiles, mehrtägiges Hochdruckwetter. Nur die Verhältnisse auf dieser Höhe beinhalteten vor allem in Bezug auf den Neuschnee noch ein, aus unserer Sicht, eher vernachlässigbares Fragezeichen.

Aller Anfang stimmte uns zuversichtlich. Den Hüttenzustieg brachten wir trotz schwerem Rucksack zügig hinter uns und es stellte sich heraus, dass nur zwei weitere Hüttenbesucherinnen am kommenden Freitagmorgen Richtung Schalijochbiwak aufbrechen wollten. Doch gar nicht mal so schlecht, wenn man sich zu viert auf dieser Route bewegt und sich mal aushelfen könnte. Obwohl die Hütte am Donnerstagabend zu unserem Erstaunen nahezu ausgebucht war, kam keinerlei Hektik oder Dichtestress auf. Es handelt sich bei der Rothornhütte um die vom Aussterben bedrohte Gattung altehrwürdiger, rustikaler und urgemütlicher SAC Hütten. Zwar sind die beiden Plumpsklo bestimmt nicht mehr vertretbar mit den heute geltenden Standards, aber dafür sind sie auf ihre Art auch sehr ehrlich und führen uns Bergsteigern vor Augen, bzw. in die Nase, dass wir in den Bergen auch unschönes hinterlassen.

Schalihorn, 3975m

Das Gros der Hüttenbesucher nimmt sich erwartungsgemäss dem Zinalrothorn an. Wir können es etwas gemütlicher angehen. War das Nachtessen wirklich 1A und üppig, ist das Morgenessen eher frugaler Natur, was aber durchaus zum Stil der Hütte passt. Die meisten Gäste sind schon aus dem Haus als wir uns ebenfall kurz vor 5:00 auf den Weg machen. Angeseilt traversieren wir den Rothorngletscher bis zum Unteräschjoch, 3550m. Das Damenteam halten wir auf Abstand und vor uns ist wie angenommen keine weitere Seilschaft unterwegs. Das Ober Äschhorn, 3669m, ersteigen wir in einfacher Blockkletterei. Zu unserer rechten bricht die NE-Flanke jäh zum zerschrundenen Hohliechtgletscher ab. Ein zahmer Vorgeschmack auf das, was uns an den Schalihörnern erwarten würde. Vom Gipfel bietet sich uns ein wunderbarer Ausblick auf das grosse Ziel Weisshorn, das von einer linsenförmigen Wolke überzogen wird. Die Dämmerung setzt ein und bietet uns einmal mehr ein grossartiges Lichtspiel, in dem die umliegenden Bergriesen zaghaft aber stetig erröten. Ein unangenehmer Wind lässt uns nicht allzu lange verharren und so steigen wir auf gefrorenem Firn in den weitäufigen Gletscherkessel des Hohliechtgletschers ab. Links türmt sich eindrücklich die rund 700m hohe Ostwand des Zinalrothorns auf. Wir entdecken Spuren neueren Datums, die sich einerseits in unsere Richtung bewegen, andererseits ebenso viele, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Kein Zweifel, da haben es wohl schon einmal zwei am Vortag versucht... Was würde das für uns bedeuten? Vorerst noch nichts, denn es stimmt alles. Wir kommen zügig voran und bis zum Südgipfel des Schalihorns würden uns keine nennenswerte Schwierigkeiten erwarten. Beim Hohliechtpass, 3731m, genehmigen wir uns eine Stärkung bevor wir den ca. 40° steilen Firnhang bis zu den Felsen des Südgipfels in gutem Trittfirn erklimmen. Danach folgen unmittelbar schneedurchsetzte Felsen. Etwas anspruchsvoller und vor allem ausgesetzter gehts fortan über ein kurzes Gratsück auf den Südgipfel. Es ist 09:00 bei der Ankunft, also alles planmässig. Der starke Wind, welcher immer noch eine linsenförmige Wolke über den Weisshorngipfel jagt, ist auch hier vermindert noch genug spür- und hörbar. Jetzt würde also die Tour erst richtig beginnen. Dazu muss man nicht unbedingt den Führer gelesen haben, zu offensichtlich drängt sich einem diese Tatsache durch die schwindelerregende Exposition auf. Wir nehmen uns erst einmal Zeit für eine Stärkung, denn ab jetzt sollten wir vor allem mental gefordert sein. Anfänglich folgen wir unmittelbar nach dem Südgipfel dem verschneiten Grat. Es sind nun keine Spuren mehr auszumachen und der Schnee ist noch nicht überall verfestigt. Zwei Steinmänner weisen den Weg in die brüchige und sehr ausgesetzte Ostflanke. Weiche Schneereste wechseln sich mit brüchigem Gestein. Das Abklettern ist ein wahrer Eiertanz, aber es geht ganz gut. Anschliessend gilt es weiterhin leicht absteigend eine Scharte zu erreichen. Doch zwischen uns und dieser Scharte liegt eine geschlossene und von der Sonne schon recht aufgeweichte Schneedecke. Nur vereinzelt schauen daraus Felsblöcke, die höchstens als sehr fragile Sicherungspunkte in Betracht kommen. Auch wenn hier wenig oder kein Schnee liegt, wie z.B. hier http://www.hikr.org/gallery/photo160877.html?post_id=15694#1 handelt es sich um eine in jedem Fall delikate Angelegenheit. Wenn der Schnee hartgefroren wäre, könnte man die Traverse vielleicht noch eher wagen, aber unter diesen Umständen wird uns schnell und einhellig klar, dass es für uns keinen Weiterweg geben würde. Ganz abgesehen davon, wären wir beim Abstieg vom Nordgipfel wahrscheinlich auf weitere solcher Stellen gestossen. Rückzug und wieder hoch zum Gipfel, wo uns die 2. Seilschaft begegnet. Wir klären sie kurz auf, aber natürlich wollen sie sich selber davon ein Bild machen. Auch ihnen erscheint die Traverse als zu heikel, ohne dass wir vorgehen würden. Der Schaligrat präsentiert sich uns übrigens weitgehend schneefrei, aber im oberen Viertel toben immer noch recht starke Winde. Sicher auch kein Spass, wenn man auf weit über 4000m bei diesen Bedingungen in den Wolken klettern müsste...

Wir konzentrieren uns auf den Abstieg zum Hohliechtpass. Rasch sind wir unten. In der Zwischenzeit haben die warmen Temperaturen dem Schnee schon recht zugesetzt und wir sinken immer wieder ein. Es wankt uns zu dieser doch schon recht fortgeschrittenen Zeit für ein solches Unterfangen eine weitere Seilschaft im Zeitlupentempo entgegen. Sie wollen noch hinüber ins Biwak. Wir raten ihnen davon ab, denn neben den kritischen Verhältnissen erscheinen sie uns als weder besonders fit noch bergsteigerisch kompetent genug. Aber was kann man mehr machen und oft wursteln sich genau solche Leute dann mit viel Glück, aber wenig Verstand irgendwie durch. Unsäglich langsam ziehen sie weiter. Die Hitze hämmert auf uns hinunter, während uns der Gegenaufstieg zum Ober Äschhorn bevorsteht. Trug uns der Schnee am Morgen noch zuverlässig, sinken wir jetzt ebenso zuverlässig bei jedem Schritt ein. Gefühlt kommen wir nicht vom Fleck und doch erreichen wir das Ober Äschhorn. Die Abkletterei ist kurzweiliger bevor wir via Rothorngletscher wieder zügig zur Rothornhütte absteigen. Um die gleiche Zeit hätten wir wohl beim Schalijochbiwak ankommen sollen... Glückliche Bergsteiger wohin man hinblickt, nur wir sind etwas enttäuscht. Beim grossen Bier auf der Terrasse des Hotel du Trift bereuen wir unsere Entscheidung nicht und sind eigentlich ganz froh, sie so getroffen zu haben. Denn auch den Abstieg vom Weisshorn hätten wir mutmasslich spuren müssen. Nächstes Jahr, nächste Chance. Wir freuen uns!

Tourengänger: danski


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Kommentare (7)


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roger_h Pro hat gesagt: Im Nachhinein....
Gesendet am 29. August 2015 um 22:26
...stellt man manchmal fest, dass man einem oder mehreren hikrn begegnet ist :-)
Ich habe mich mit dir/euch auf der Terasse der Rothornhütte noch unterhalten, ich war der, dessen Bergführer unvermittelt mit dem Hubschrauber zu Tal geflogen wurde (hab ihn dann in Zermatt noch auf ein Bier getroffen).

Gruss und weiterhin schöne Touren,
Roger

danski hat gesagt: RE:Im Nachhinein....
Gesendet am 31. August 2015 um 12:18
Hey Roger,

So ist es mir auch schon ergangen! Immer wieder begnet man den üblichen Verdächtigen... ;) Da hat dir der Bergführer hoffentlich das Bier spendiert! Schliesslich ist es ja nicht unbedingt usus, dass der Gast seinem Führer das Leben rettet. Chapeau! Wir werden nächstes Jahr dem Rothorngrat auch einen Besuch abstatten und dann am nächsten Tag noch einmal Richtung Schaligrat aufbrechen. Neue Saison, neues Glück! Einen tollen Herbst wünsche ich!

Gruss
Dani

roger_h Pro hat gesagt: RE:Im Nachhinein....
Gesendet am 31. August 2015 um 12:58
Nun, ich denke, dass der Gast den vorsteigenden Führer sichert, ist bei Touren ab einer gewissen Schwierigkeit schon usus, zumindest praktizieren mein Stammführer und ich das so. Von daher hab ich zu diesem Zeitpunkt bloss das Bremsseil gehalten, und ja, das Bier wurde spendiert ;)
Ich wollte ja dieses Jahr über den Weisshorn Nordgrat, wir haben es aber wieder um ein Jahr verschoben, ich möchte die Tour bei wirklich guten Bedingungen machen.

Gruss
Roger

orome hat gesagt:
Gesendet am 2. September 2015 um 20:27
Deine Fotos lassen mich doch die hohen Berge immer wieder vermissen ...
Schade dass es nicht geklappt hat, aber das eine Foto schaut ja echt schon grausam aus. Meinst Du früher am Tag wärs besser gewesen?
Läuft ja nicht weg alles ;) Und der Rothorngrat ist wirklich super!
Grüsse
Manu

danski hat gesagt: RE:
Gesendet am 5. September 2015 um 10:07
Kann ich gut nachvollziehen. Es war an diesem Wochenende noch einmal richtig warm, was u.a. den Ausschlag gab, den Schaligrat anzugehen. Das Schneefeld hat Ostexpo und erhält schon früh am morgen viel Sonne, aber doch zu wenig, als dass es schmelzen würde. Ist halt doch auf fast 4000m. Nächstes Jahr versuchen wir es bestimmt noch einmal!
Grüsse in den Osten
Dani

Clariden Pro hat gesagt: Weiche Sache
Gesendet am 4. September 2015 um 21:52
Danke dafür, dass du auch halbe Touren publizierst, regt oft mehr zum Nachdenken an als durchgezogene.
Hattest du danach keine Zeit mehr? Zumindest etwas besser wären die Bedingungen am Ende des Wetterfensters wohl gewesen?!

danski hat gesagt: RE:Weiche Sache
Gesendet am 5. September 2015 um 10:13
Immerhin haben wir noch einen schönen Gipfel mitnehmen können. Die Tour war auch ohne das grosse Ziel lohnend und im Vergleich zum Hochbetrieb am Zinalrothorn herrlich einsam. Wir hätten noch einen Tag Zeit gehabt und den Rothorngrat in Betracht gezogen. Verhältnisse wären sehr gut gewesen (siehe Bericht von roger_h), aber die Hütte zum Bersten voll. Ausserdem war die Motivation nach dem Misserfolg am Schalihorn etwas verloren gegangen...
Gruss
Dani


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