Überschreitung Grand Cornier Südwestgrat-Nordwestgrat - Bouquetins - Pigne de la Lé


Publiziert von Alpin_Rise , 24. August 2015 um 13:08.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Mittelwallis
Tour Datum:11 Juli 2015
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: ZS+
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 600 m
Abstieg: 1700 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Ferpècle
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Moiry Glacier
Unterkunftmöglichkeiten:Bivouac Col de la Dent Blanche Liebevoll gepflegt von der SAC Sektion Jaman, ein wahres Bijou, gut eingerichtet und nette Architektur, es hat alles aber KEINEN Kocher. Also eigenen mitnehmen. Fliessend Wasser bzw. Schnee gleich hinter dem Biwak, Ende Saison evtl. unten am Gletscher (5 min vom Biwak)

Schon lange träume ich von der Überschreitung des Grand Cornier vom Südwestgrat zum Nordwestgrat. Diese Unternehmung vereint so ziemlich alles, was ich an einer Hochtour schätze: eine ruhige, grandios gelegene Unterkunft, eine lange Kletterei in hervorragendem, nicht übermässig abgesichertem Fels, wenig Gletscherstampferei, ein relativ kurzer Abstieg und nicht zuletzt eine atemberaubende Umgebung. Kommen dazu noch ideale Verhältnisse und ein zuverlässiger Tourenpartner, steht dem hochalpinen Plaisir nichts mehr im Wege!

Die Tour wurde auf hikr.org bereits von Danski beschrieben - sein
Bericht und das Topo im Hochtourenführer Walliser Alpen aus dem Topoverlag flösst Respekt ein. Unsere Tour klappte dann reibungslos, was sicher auch den wider erwarten mässigen Schwierigkeiten und den perfekten Verhlätnissen zuzuschreiben war.

Genussreiche all-inklusive Hochtour in grossartiger Umgebung

Den doch recht anstrengenden 1800 Hm Zustieg ab Ferpècle (Postautohaltestelle in Salay) absolvieren wir in den Morgenstunden, bis Bricola angenehm im Schatten. Die mit Steinmännern markierte Wegspur verliert sich in der Schwemmebene auf 3000 m. Danach gehts in Blockschutt und bald auf dem doch recht steilen Glacier de la Dent Blanche durch eine Spaltenzone auf eine Rippe. Eine etwas steilere Stufe führt dann in das flache Gelände um den Col de la Dent Blanche und zum wenig höher gelegenem, gleichnamige Biwak. Insgesamt problemlos, WS-.

Im Biwak finden wir alles, was das Bergsteigerherz begehrt, bequeme Pritschen mit Wolldecken, Geschirr, Lesestoff... und ein kleines gemauertes Bassin hält sogar fliessendes Wasser bereit (ausser ganz am Anfang der Saison und wahrscheinlich gegen Ende, wenn das Schneefeld oberhalb des Biwaks weg ist.) In jedem Fall gibts Schnee/Eis einige Meter unterhalb. Was fehlt, ist jedoch der Kocher. Etwas schade, denn es hätte problemlos Platz und eine grosse Gasflasche sollte problemlos eine Saison halten. Dank an die Frauen und Mannen der Sektion Jaman SAC, welche das Biwak pflegen und hegen!
Wir verbringen einen geruhsamen Nachmittag, nach und nach trudeln zwei Seilschaften und ein Einzelgänger ein, zuletzt sind wir zu siebt.

Nach einer ruhigen Nacht brechen wir alle etwa um 5.30 mit dem ersten Tageslicht auf. Die ersten Meter sind in Blockschutt über P. 3592 gut zum einlaufen. Im Silbernagel-Foto auf S. 160 ist dieser Punkt übrigens falsch eingezeichnet. Kurz vor P. 3783 kommen die ersten zwingenden Kletterstellen; man hält sich hier vornehmlich in der schattigen Westflanke. Um P. 3803 wird der Grat schärfer und es kommen die ersten Stellen im 3. Grad, wir seilen uns an und gewinnen über die wenig ausgeprägte "luftige, eckige Kante" in schöner Kletterei den Absatz vor dem "blockartigen Turm", wo wir eine kurze Pause machen. Wir wählen die Variante durch die ebenmässige Verschneidung, was uns dank guten Griffen und mässiger Steilheit eher etwas leichter vorkam als Silbernagels 4a, ich schlage 3b vor.
Jetzt ist der Gipfel schon in Griffweite, die letzten 100m sind aber für viele Seilschaften das Pièce de Resistance des SW-Grates: erst gehts rechts an einer Rampe exponiert am Turm vorbei (3a), dann wird seine Spitze etwas unterhalb auf der Ostseite in einem schönen Riss (3b) umklettert. Man klettert kurz ab auf das plattige, horizontale Gratstück und hat nun in meinen Augen die Schlüsselstelle vor sich: Der Seilerste kann noch recht bequem die drei Meter über den Absatz abgelassen werden, der Seilzweite muss exponiert zwei kräftige Züge abklettern. Was auch nur bei entsprechender Körpergrösse gut geht. Ein Schlaghaken gibt dabei etwas Sicherheit und eine Abseilmöglichkeit, hängt man dort eine Schlinge ein, ist die Stelle (gut 4b) auch A0 möglich. Nochmals etwas dem Grätlein entlang zu einer weiteren, etwas zahmeren Abseil- oder Abkletterstelle (um 4a, Stand oberhalb) und die letzten, leichten Meter führen zum blockigen höchsten Punkt am Grand Cornier. Wir benötigten für den Aufstieg gut 3 Stunden, inkl. einer längeren und verschiedenen kurzen Wartepausen am letzten Gratabschnitt.

Die grandiose Aussicht und die prächtige Fernsicht an diesem warmen Tag geniessen wir über eine Stunde, bevor dann der Abstieg nochmals volle Konzentration erfordert: Die ersten, anspruchsvollen 200 Meter sind einsehbar, was die Sache jedoch nicht viel einfacher macht. Wir haben die Türme alle abgeklettert bzw. In der Ostflanke umgangen und nur vom letzten abgeseilt. Das Gelände ist recht komplex und die Umgehungen nach der Zipfelmütze nicht ganz offensichtlich (einzelne Schlingen, Haken und Borhaken / ZS- II-III). Wer genug Zeit hat oder ungeübt im Abklettern ist, besteigt wohl am besten alle Türme (ausser der Zipfelmütze) und seilt dann ab.
Im zweiten Teil bis zum Verzweigungspunkt ist der Grat dann weniger komplex (WS, Stellen II) und abgesehen von einer offensichtlichen Abseilstelle schnell bewältigt.
Hier stellt sich dann die Frage, welches die schnellste und sicherste Variante für die steile Firnflanke hinunter zum Glacier de Moiry ist:
a) bei guter, trittiger Firnlage steigt man am effizientesten ziemlich direkt, erst etwas links (westlich) haltend in die Flanke ein und quert sie nach Norden in flacheres Gelände, Firn bis 50°!
b) bei vollständiger Ausaperung folgt man wohl am besten dem NW-Arm bis fast ganz auf den Glescher hinunter, zuletzt exponiert über der Südwestwand.
c) Wir steigen etwas entlang dem NW-Arm ab, zwar exponiert, aber auf leichten Felsen II. Vorbei an verschiedenen Schlingenbündeln; bei einem fixen Seilstück schliessen wir uns zum abseilen mit einer anderen Seilschaft - besten Dank! – zusammen. Somit kommen wir volle 50m über 45° Firngelände runter. Die Seile enden in 40° steilem, harten Firn knapp oberhalb des Bergschrund. Letzterer ist noch gut zu passieren und bald stehten wir oben im Gletscherbecken des Glacier de Moiry. Während noch eine nachfolgende Seilschaft an unseren Seilen abseilt, gönnen wir uns eine ausgiebige Pause. Der Abstieg vom Gipfel bis hierher hat uns doch fast zwei Stunden gekostet. Routenkenntnisse und guter Firn in der Flanke bringen hier bestimmt deutlichen Zeitgewinn. Die Angabe Firn, 40° im Silbernagel Führer ist hier stark untertrieben, die Flanke ist im oberen Teil über 50 Höhenmeter deutlich über 45° steil!

Da wir gut in der Zeit liegen und der Schnee noch hervorragend trägt, steigen wir über die Bouquetins ab, eine Reihe von Firnerhebungen im Grand Cornier Nordgrat. Eine prachtvolle Panoramawanderung, die dem normalen Weg durch das Gletscherbecken auch wegen der geringeren Spaltengefahr vorzuziehen ist. Nur um P. 3626 erhascht das Gelände kurz Aufmerksamkeit, hier lauert im Steilabsatz ein grösserer Bergschrund.
Im Becken bei P. 3283 entledigen wir uns dem Seil und beraten kurz: Wir haben noch Energie für die 100 Höhenmeter und steigen über Firn- und Schutthänge, zuletzt über einen einfachen Blockgrat zur Pigne de la Lé. Welch ein Aussichtsberg! Er ist auch am frühen Nachmittag noch gut besucht, bietet er doch eine schöne, einfache Eintages-Überschreitung. Der Abstieg über den schuttigen, wenig ausgeprägten Nordgrat hat durchgehende Wegspuren, die optimale zu finden ist von oben nicht ganz einfach – man hält sich tendenziell rechts (östlich). Ab 3200m können wir dann doch noch 150 Höhenmeter Firnfelder abrutschen und an den zahlreichen Ausbildungsgruppen vorbei ist die Cabanne de Moiry schnell erreicht.

Es reicht noch gut, auf die gelungene Tour anzustossen, bevor wir uns leider aufmachen müssen – gerne wären wir noch geblieben, Ziele gäbe es viele. Allerdings fährt das letzte (!) Postauto ab Moiry Glacier am Wochenende bereits um 15.45. Bei dem Rummel, der am Parkplatz herrscht, solllte allerdings auch Autostop problemlos sein.
Eine reichlich unsinnige ÖV-Verbindung brummt uns ganze anderthalb Wartestunden in Evolène auf. Wir nehmen diese dankend an, um die Kalorienspeicher aufzufüllen und bereits neue Pläne zu schmieden. Diese sollten dann allerdings dem unsicheren Wetter drei Wochen später zum Opfer fallen, dennoch finden wir im Bristen Südgrat einen würdigen Plan B.

Material: Helm, mind. 30m Seil, kleine Friends/Keile, Steigeisen, Pickel, mind. 1 Eisschraube, Gletschermaterial

Schwierigkeit: Die Tour ist durchaus zu vergleichen mit den klassischen Traversen an anspruchsvollen Viertausendern, zum Beispiel einer Überschreitung des Obergabelhorns. Auch wenn sich anspruchsvolles Gelände mit exponierten Passagen auf den 500m vor und nach dem Gipfel konzentrieren, muss die Seilhandhabung beherrscht werden. Im steilen Firnabschnitt ist sicheres Steigeisengehen ein Muss. Die Kletterschwierigkeiten streifen den vierten Grad höchstens, es muss aber auch abgeklettert und viel selbststädig abgesichert werden. Insgesamt ist ZS+/ III+ sicher gerechtfertigt.

Zeitbedarf: SW-Grat 3-4 h / Abstieg bis Moiryhütte 3-5 h / Abstieg bis Parkplatz 1h Total 7-10 h.

Traversée Arrête SW Arrête NW

Tourengänger: Alpin_Rise


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Kommentare (2)


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Saxifraga hat gesagt:
Gesendet am 24. August 2015 um 15:52
Tolle Tour!

danski hat gesagt: Erinnerungen...
Gesendet am 24. August 2015 um 18:55
Trotz leider wenig erfreulichen, persönlichen Erinnerungen eine wunderbare Angelegenheit. Gratulation zum erfolgreichen Gelingen!


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