Altmann-Ostgrat mit Überraschungen


Publiziert von Fico , 23. Juli 2015 um 22:13.

Region: Welt » Schweiz » Appenzell
Tour Datum:17 Juli 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Alpstein   CH-AI   CH-SG 
Aufstieg: 1345 m
Abstieg: 1510 m
Strecke:Wildhaus - Flürentobel - Alp Tesel - Zwinglipasshütte - Altmann Ostgrat - Altmann Gipfel - Altmann Sattel - Rotsteinpass - Schafboden - Laui - Unterwasser, total ca. 12 km, (Abstecher zur Alp Chlingen und zum Aelpli, ca. 5 km und ca. 430 Hm)
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Wildhaus Post
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Unterwasser Post
Unterkunftmöglichkeiten:Berggasthaus Rotsteinpass
Kartennummer:1115 (Säntis)

„Der Altmann-Ostgrat war ein einfacher, für Alpstein-Verhältnisse ordentlich langer Klassiker in zumeist festem Fels. Routiniert seilten sie sich an, kletterten, jeweils überspringend, hinauf. (…) ‚Nanu!‘, Grubenmann betrachtete überrascht das quellende Gewölk, noch überraschter, als sich ihm dasselbe Bild auch am gegenüberliegenden Wildhuser Schafberg bot. ‚Ich dachte, heute gäbe es keine Gewitter. Und schon gar nicht so früh.‘ “

Angelika Wessels, Einsatz im Alpstein

 

Der Säntis ist für die Ostschweiz „der Berg“ schlechthin. Der eigentliche König des Alpsteins hingegen ist für mich der Altmann. Umgeben von zahlreichen kleineren, thront der zweithöchste Gipfel majestätisch mitten im Alpstein. Wer ihn besuchen will, muss zumindest ein wenig kraxeln. Vor acht Jahren war mir dieses Erlebnis erstmals vergönnt. Auf dem Normalweg, versteht sich. Für mich als Bergwanderer damals eine ziemliche Herausforderung.

Dieses Jahr im Kletterkurs, anfangs Juni auf der Bollenwees, lernte ich Philippe, den sympathischen, jungen St. Galler kennen. Er ist oft und gerne im Alpstein unterwegs. Kletterrouten im 5. und 6. Schwierigkeitsgrad sind ihm nicht fremd. „Warst Du schon einmal über den Ostgrat auf dem Altmann?“, fragte ich ihn. „Bis jetzt habe ich noch niemanden gefunden, der mit mir kommt.“ Damit war unser erstes, gemeinsames Projekt geboren. Immer wieder schauten wir im Laufe der nächsten Tage hinauf. Rund um den Altmann lag noch viel Schnee. Bei den hochsommerlichen Temperaturen sollte er in wenigen Wochen weg sein. Dann wollten wir es wagen.

Die Schafskälte schob unser Abenteuer hinaus. Anfangs Juli, als sich eine erste Gelegenheit geboten hätte, war ich abwesend. Danach war Philippe für einige Tage im Ausland. Am letzten Donnerstag rief er mich überraschend an: „Wenn wir gleich morgen auf den Altmann klettern und auf dem Rotsteinpass übernachten, dann könnten wir gleich am nächsten Tag auch dein anderes Projekt anpacken!“ Nach meinem erfolglosen Versuch vor drei Jahren, im Alleingang von Süden her direkt auf den NW-Gipfel des Chalbersäntis zu steigen, hatte ich neue Hoffnung geschöpft und ihm ein paar Fotos von einer meiner Erkundungstouren in der Gegend des oberen Aelpli geschickt.
 
Nach der extremen Hitzewelle in der ersten Juliwoche und der anschliessenden Abkühlung ist es seit einigen Tagen wieder sehr heiss. Entsprechend schweisstreibend bereits am Morgen ist der Aufstieg von Wildhaus zur Zwinglipasshütte. Zumal auch die Luftfeuchtigkeit von Tag zu Tag gestiegen ist. Und mit ihr das Gewitterrisiko. Am späteren Abend erst ist laut Wetterprognosen heute mit Gewittern zu rechnen.

Ich bin fast doppelt so alt wie Philippe, aber er ist etwa doppelt so schnell unterwegs wie ich und längst bei der Hütte angekommen, als ich immer mal wieder kurz anhalte und verschnaufe. So auch unterhalb des letzten Grasbordes. Bei dieser Gelegenheit, ich traue meinen Augen kaum, bemerke ich unmittelbar vor mir eine in der Sonne liegende Kreuzotter. Leider bin ich nicht geistesgegenwärtig genug, um nach dem ersten Schrecken die Digitalkamera zu zücken und das seltene Bild festzuhalten.
 
Nach der Rast mit Suppe und Hüttentee geht es weiter Richtung Altmann. Es gilt, den Bergweg zum Rotsteinpass rechtzeitig zu verlassen und auf Wegspuren um die Rässegg herum den Einstieg zum Ostgrat zu finden. Er ist genau dort, wo die Gratfelsen nach Osten auslaufen. Der einzige Zweifel, der bleibt, ist das Topo, welches ich aus dem Clubführer Säntis-Churfirsten kopiert habe und das beim Einstieg einen eingerichteten Standplatz angibt, den wir nirgendwo sehen. Der Clubführer ist aus dem Jahr 1999. Gut möglich, dass die Route inzwischen ein wenig abgeändert wurde. Gleich geblieben ist die Gesamtlänge mit 7 Seillängen von mehrheitlich 45 Metern sowie die Schwierigkeiten, die nicht über den III. Grad hinausgehen sollten. Das ist auch der Grund, weshalb wir mit den Bergschuhen klettern wollen. Die Kletterfinken sind für alle Fälle im Rucksack. 

Philippe hat zwei moderne, elegante Halbseile mitgebracht, die so dünn aussehen, als wären sie Reepschnüre. Zusätzlich haben wir Bandschlingen, Friends und Keile dabei, die wir vor allem auch zu Übungszwecken einzusetzen gedenken. Für mich ist es die erste Klettertour ohne Bergführer. Trotz verschiedener Kurse in den letzten zwei Jahren sehe ich mich nach wie vor als Anfänger und bin froh, dass ich mich auf Philippe, der mehr Erfahrung hat, verlassen kann.

Als wir etwa um halb eins bei strahlendem Sonnenschein in die Route einsteigen, bin ich überzeugt, dass wir zeitlich gut dran sind und in aller Ruhe klettern können. „Ja, und wenn wir oben sind, machen wir eine ausgedehnte Gipfelrast!“, pflichtet mir Philippe bei. Voller Tatendrang steige ich gleich die erste Seillänge vor und lege, sobald ich eine Gelegenheit dazu sehe, die erste Bandschlinge. Ein gutes Stück weiter oben ruft er mir zu: „Es ist besser, wenn du jetzt einen Friend setzest. Die Bandschlinge hat sich bereits gelöst.“ Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Sollte ich abrutschen, würde ich nicht nur bis zu ihm hinabstürzen, ich würde ihn, da er nicht mit dem Fels verbunden ist, auch gleich mitreissen. Sorgfältig lege ich den Friend und bevor ich weiterklettere, prüfe ich ihn mehrmals nach allen Seiten, ob er auch wirklich hält.

„Hier hat es einen Muniring. Die Seillänge ist doch noch gar nicht fertig?“, rufe ich fragend hinunter. „Egal! Nimm den und mach Stand!“ – „Aber brauche ich nicht noch einen zweiten Fixpunkt?“, insistiere ich. „Nein, ein Muniring reicht, der ist stabil genug!“ Als Philippe bei mir ankommt, ist auch er etwas erstaunt, wie klein und rostig der Muniring ist, der mit einem noch rostigeren, alten Schlaghaken befestigt ist. Er sitzt jedoch so fest, als wäre er mit dem Fels verwachsen. Erneut kommt ein leiser Zweifel hoch, ob wir wirklich genau am richtigen Ort sind. Bestätigt fühlen wir uns durch den Bohrhaken in der zweiten Seillänge, den wir so weit oben finden, dass er noch knapp von blossem Auge zu erkennen ist.

Nun steigt Philippe vor und legt schon bald eine Sanduhr als Zwischensicherung. Ganz wohl scheint es ihm dennoch nicht zu sein. Zum ersten Mal klettert er mit Bergschuhen, ein ungewohntes Gefühl. Kaum beim Bohrhaken angelangt, holt er die Kletterfinken aus dem Rucksack. Der akrobatische Schuhwechsel mitten in der Seillänge ist so spektakulär, dass ich ihn gleich im Bild festhalte. Die Sonne hat sich inzwischen hinter den Wolken versteckt und aus der Ferne hört man ein leises Donnergrollen. Eine gewisse Spannung bemächtigt sich unser, denn fünf Seillängen liegen noch vor uns.

Da wir überschlagend klettern, ergibt es sich von selbst, dass Philippe die geraden Seillängen vorsteigt und ich die ungeraden. Sehr beruhigt bin ich jeweils, wenn ich den nächsten Bohrhaken entdeckt habe. Nicht allein wegen der Zwischensicherung, viel wichtiger für mich ist die Gewissheit, dass ich mich nicht verstiegen habe. Der Bohrhaken als eine Art „Wegmarkierung“, wie die weiss-rot-weissen Markierungen auf den Bergwegen. In der fünften Seillänge suche ich vergeblich den Stand. „Etwa zwei Meter Seil habe ich noch“, ruft Philippe. Weit und breit kein Muniring! Was nun? „Jetzt musst du halt selber einen Stand improvisieren!“, lautet seine Anweisung. Zum Glück hat es ganz in der Nähe einen massiven, stabilen Felszacken, den ich benützen kann. Und wie froh bin ich, dass ich gelernt habe, wie man das Seil darum herum legt und verknotet.

Der Himmel hat sich weiter verdüstert. Das Donnergrollen ist deutlicher zu vernehmen, dazu von mehreren Seiten. Unter diesen Umständen sind wir uns schnell einig, dass wir bereits in der 6. Seillänge „in unschwierigem Gelände“ – wie es auf meinem alten Topo heisst – direkt zum Gipfel aufsteigen wollen statt „schöner noch auf bzw. rechts der Kante“. „Hier hat es einen Bohrhaken“, ruft Philippe erstaunt, als er weiterklettert, „und dann gleich noch einen. Jetzt sind wir doch in der Variante gelandet!“ Mein improvisierter Stand befindet sich offensichtlich rechts der offiziellen Route und so weit oben, dass nach vielleicht etwa 20 Metern bereits der nächste Stand mit einem grossen, neuen Muniring kommt.

Mit der 7. Seillänge endet der Ostgrat. Es geht ein paar Meter hinunter. Dann folgen die Gipfelfelsen, auf denen wir am kurzen Seil klettern, und bald darauf sind wir beim grossen Gipfelkreuz. Fast vier Stunden haben wir gebraucht und damit deutlich länger, als wir gedacht hätten. Das vermag unsere Freude über den erfolgreich gekletterten Ostgrat keineswegs zu schmälern. Und zum Glück hat sich auch das Wetter, trotz drohendem Donnergrollen, gut gehalten. Dennoch sagt mir mein Bauchgefühl, dass wir gut beraten sind, die Gipfelrast so kurz wie möglich zu halten und uns an den Abstieg zu machen.

Wir gehen weiterhin am kurzen Seil. Warum sollten wir es nicht benützen? Zudem möchte ich beim Abstieg noch wenig üben, an Felszacken und an den Eisenstangen zu sichern. „Jetzt fallen schon die ersten Tropfen. Es ist besser, wenn wir hier möglichst rasch wegkommen!“, meint auf einmal Philippe ein wenig ungeduldig. Jetzt spüre ich sie auch. Und so schnell es geht, klettern wir das restliche Stück über die speckigen Felsen der Normalroute hinunter. Kaum beim Altmannsattel angekommen, setzt richtiger Regen ein. Und bald darauf auch Blitz und Donner. Darauf bedacht, auf den nassen Felsen nicht auszurutschen, hangle ich mich eilig an den Drahtseilen in der Fliswand hinab. „Jetzt sind wir mitten drin im Gewitter! Und all das Eisen hier…“, stellt Philippe nüchtern und mit einem sehr besorgten Unterton fest. Statt dazu etwas zu sagen, zähle ich: eins, zwei… Viel weiter komme ich nicht. Immerhin ein paar hundert Meter, vielleicht sogar mehr sind Blitz und Donner entfernt! „Nein, das Gewitter ist nur um uns herum“, versuche ich ihn zu beruhigen.

Sehr erleichtert sind wir, als wir endlich beim Rotsteinpass ankommen. Tropfnass, noch immer angeseilt und in voller Klettermontur betreten wir die Gaststube. Die wenigen Gäste drehen sich um und mustern uns neugierig. Als hätte sie schon auf uns gewartet, begrüsst uns sehr herzlich die Wirtin und holt sogleich einen Wäscheständer: „Hier könnt ihr das Zeug zum Trocknen aufhängen. Mein Mann macht sofort den Holzofen an.“ Als wir uns einigermassen eingerichtet haben, schauen wir zum Fenster hinaus und stellen überrascht fest, dass das Gewitter schon wieder vorbei ist. Als hätte es uns nur erschrecken wollen. Das hätte es wirklich nicht gebraucht! Oder vielleicht doch?

Eine Frau mit wachem Blick kommt zu uns hin und stellt sich ein wenig aufgeregt als Angelika Wessels vor. „Heute Abend habe ich hier eine Lesung. Und in der Szene, die ich lesen werde, kommen zwei Männer vor, ein älterer und ein jüngerer, die während eines Gewitters hereinkommen. Mit den Helmen auf den Köpfen. Genau wie ihr heute! Das ist unglaublich, dass es sowas gibt!“ Sie kann es kaum fassen, dass die scheinbar lebendig gewordenen Figuren aus ihrem Roman auf einmal vor ihr stehen.

„Mit wenigen Schritten eilten sie über die Terrasse, erreichten durch den metallenen Windfang und die Türe die Wärme der Gaststube, in der sich einige wenige Bergwanderer in die Bänke drückten. Nasse Kleidung hing an der Garderobe, der Ofen mitten im Raum verbreitete eine wohlige Wärme, das brennende Holz knisterte und warf seinen Widerschein in den Raum. Alle sahen auf, als sie eintraten. Die beiden Retter mit den Helmen auf ihren Köpfen, Grubenmann noch mit dem Seil in der Hand.“

Als Angelika die Szene liest, schauen die Anwesenden zu uns hin. Unfreiwillig sind wir zu Protagonisten der Lesung geworden. Das Erstaunen wird noch grösser, als sich herausstellt, dass die beiden Männer im Roman – Lorenz Grubenmann und Gianfranco Koller – ebenfalls über den Altmann-Ostgrat geklettert waren, als sie vom Unwetter überrascht wurden. Man könnte fast auf die Idee kommen, der kurze Regen heute und das entgegen allen Prognosen schon früh über dem Alpstein losgegangene Gewitter seien Teil eines diabolisch inszenierten Drehbuchs gewesen.

Nur am Rande sei erwähnt, dass unser für den zweiten Tag geplantes Abenteuer nicht von Erfolg gekrönt wird. Wir sind kaum zwanzig Meter in der Rinne hochgestiegen, als wir feststellen, dass auf der gegenüberliegenden Seite dicke, schwarze Wolken bis unter den Stoss und die Silberplattenköpfen hinabhängen, die nichts Gutes verheissen. Und wie mit einer gigantischen Nebelmaschine wird vom Säntis her ständig Nebel geblasen, der sich geschätzte fünfzig Meter über unseren Köpfen niederlässt. Der Entschluss zur Umkehr ist unter diesen Umständen schnell gefasst. Es ist, als hätte uns die Natur von unserem Vorhaben abhalten wollen. Denn keine Stunde später ist der Nebel weg, selbst der Säntisgipfel ist wieder sichtbar.

Ein Stück unterhalb der Alp Chlingen kommt uns ein Wanderer entgegen. Er ist allein unterwegs und sucht das Gespräch. Gestern sei er im Safiental gewesen und vom Gewitter überrascht worden. Eine ganze Stunde lang habe er zwischen den eisernen Lawinenverbauungen – nicht unbedingt ein idealer Ort während eines Gewitters! – ausharren müssen. Ringsum alles von Hagelkörnern bedeckt, überall Sturzbäche vom niederprasselnden Regen, derart habe das Unwetter getobt. Weiterzugehen sei unmöglich gewesen. Unnötig zu erwähnen, wie vergleichsweise gut wir davon gekommen waren.

Auf dem Weg nach Unterwasser bleibt Philippe ab und zu stehen und schaut zurück. Zum einen ärgert es ihn, dass uns das Wetter einen Streich gespielt hat. Zum andern suchen seine Augen noch immer nach einer möglichen Aufstiegsroute. Doch je weiter weg wir sind, desto steiler und schwieriger erscheint unser Projekt. Es sieht ganz danach aus, dass die Südflanke des Chalbersäntis ihr Geheimnis nicht so schnell preisgeben will.

Tourengänger: Fico, Philippe_Daniel


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Kommentare (2)


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WoPo1961 hat gesagt:
Gesendet am 23. Juli 2015 um 22:35
Sehr spannend geschrieben, dieser Bericht! Und, puh, gut, daß ihr da heil und gesund wieder runter gekommen seid. Gewitter und Drahtseil!! Es gibt beruhigendere Kombi`s. (die Fotos sind sehr beeindruckend!)
Glückwunsch zu dieser Hikr-Erstbesteigung vom Schweizhutträger aus Flachlandhausen.
Gruß, WoPo

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 24. Juli 2015 um 14:56
Glück und Erfolg gehabt - herzliche Gratulation!

lg Felix


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