Zermatter Breithorn (4164 m) mit Akklimatisation


Publiziert von Fico , 14. Juli 2015 um 20:40.

Region: Welt » Schweiz » Wallis » Oberwallis
Tour Datum:28 Juni 2015
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: L
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-VS   I 
Zeitbedarf: 4 Tage
Aufstieg: 4111 m
Abstieg: 1655 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Zermatt
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Seilbahn Klein Matterhorn (Matterhorn glacier paradise)
Kartennummer:2515 (Zermatt/Gornergrat)

Zwei Gipfel ragen aus der Zermatter Bergkulisse heraus: das Matterhorn und das Breithorn. Während der erste der beiden zu den weltweit berühmtesten Bergen gehört und dessen Besteigung jedes Jahr Alpinisten mit ihrem Leben bezahlen, gilt der Breithorn Westgipfel als leichtester Viertausender der Alpen. Unter kundiger Führung kann er von jedermann in wenigen Stunden problemlos bestiegen werden. So kam auch ich vor zwei Jahren zu meinem ersten Viertausender.

Es war ein grossartiger Moment, dick eingepackt bei eisigem Wind dort oben zu stehen. Die Welt schien mir zu Füssen zu liegen. Und doch war ich nicht ganz befriedigt. Mit der Seilbahn soweit hinaufzufahren, dass nur noch die letzten paar hundert Höhenmeter zu Fuss zurückgelegt werden müssen, das schien mir irgendwie keine richtige Bergtour zu sein. Und dass ich obendrein danach so erschöpft war, als wäre ich weit über 1000 Höhenmeter aufgestiegen, verstärkte das unbefriedigende Gefühl. Damals schrieb ich in meinem Tourenbericht: „Sollte sich eine weitere Gelegenheit bieten, würde ich mir mehr Zeit nehmen. Ein paar Tage vorher anreisen und mich gut akklimatisieren.“

Die Gelegenheit ist gekommen. Mit Jonas, dem Bergführer hatte ich schon zwei Monate vorher alles abgesprochen. „Es ist besser, wenn du weiter unten schläfst, als du am Tag hinaufgestiegen bist. So kann sich der Körper allmählich an die Höhe gewöhnen“, empfahl er mir. Vier Tage Zeit wollte ich mir für dieses Experiment nehmen: um festzustellen, ob meine Ermüdung nach nur 350 Höhenmetern auf fehlender Akklimatisation oder auf mangelnder Kondition beruhte. Je nach Resultat wären dann Viertausender definitiv kein Thema mehr für mich. Ich stellte mir ein Programm für die ersten drei Tage in Zermatt zusammen. Am vierten Tag würde ich dann zusammen mit Jonas und den andern, welche die übliche Tour (Gornerschlucht Klettersteig am ersten, Breithorn am zweiten Tag) gebucht hatten, erneut aufs Breithorn hinauf – falls alles, auch das Wetter, stimmen sollte. Kurzum, Datum und Ziel standen fest, alles andere war noch mehr oder weniger offen.
 
1. Tag: Von Zermatt über Furi – Gletschertor – Gagenhaupt auf den Gornergrat (ca. 1500 Hm, ca. 15 km)

Voller Tatendrang und fast ein wenig ungeduldig marschiere ich kurz vor 11 Uhr an den flanierenden Touristen und den zahllosen Souvenirläden vorbei durch das berühmteste aller Walliser Bergdörfer. Ich kann es kaum erwarten, in die Zermatter Bergwelt einzutauchen. Es ist tatsächlich erst das zweite Mal in meinem Leben, dass ich hier bin. Endlich habe ich die Möglichkeit, in Ruhe diese Gegend zu erkunden. Den zweiten Rucksack habe ich im Hotel gelassen und nur eingepackt, was ich für die heutige Tour benötige.

Wer den Wegweisern folgt, wird über den Riffelberg auf den Gornergrat gelotst. Das ist vermutlich der schnellste, aber nicht unbedingt der schönste Weg. Anhand der im Internet verfügbaren Informationen habe ich mir eine eigene Route zusammengestellt: über Furi und die spektakuläre Hängebrücke zum Gletschertor. Von dort ein kurzes Stück zurück, dann auf den Gagenhaupt und zum Schluss am Riffelsee vorbei auf den Gornergrat.

Beim Aufstieg nach Furi brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel und macht klar, dass der Sommer Einzug gehalten hat. Von der Seilbahnstation ist es nicht mehr weit bis zur schmalen Hängebrücke, die in 80 m Höhe die Gornerschlucht überquert. Am andern Ende hat es einen Grillplatz, wo Kinder an einem Brunnen laut kreischend mit dem Waser spielen, daneben ein grosser Felsklotz, an dem rote Griffe wie in der Kletterhalle angeschraubt sind. Mein Weg führt auf einem Fahrweg weiter Richtung Gornergletscher.

Bald wird mir klar, warum der Bach so wenig Wasser führt. Das Strässchen endet bei einem Wehr, wo das flüssige Element zur Stromerzeugung abgeleitet wird. Dass hier gewaltige Wassermassen zusammenkommen, stellt man fest, wenn man dem tosenden Bach entlang weitergeht. Zusammen mit der kargen Vegetation verleiht er der Gegend ein wildes, ödes Aussehen. Offensichtlich ist es nicht allzu lange her, dass hier ewiges Eis war. Macht man eine Zeitreise durch das Kartenwerk des Bundes, stellt man fest, dass der Gletscher noch in den 1970er Jahren unweit der heutigen Wasserfassung endete und vor 150 Jahren bis nach Furi reichte. Unter diesen Umständen braucht man nicht enttäuscht zu sein, wenn man beim „Gletschertor“ ankommt und weit und breit kein Eis erblickt. Geblieben ist nur der Name, der Gornergletscher hat sich soweit zurückgezogen, dass das heutige Gletschertor rund 200 m höher liegt.

Bevor die Schlucht sich verengt, endet der Weg. Eine Wegspur führt zu einem Steinmann. Ich schaue hinauf. Vielleicht könnte ich von hier direkt zum Gagenhaupt aufsteigen… Die Vernunft ist zum Glück stärker als die Abenteuerlust. Ich gehe das kurze Stück zurück und nehme den steilen, aber hervorragend unterhaltenen Bergweg unter die Füsse. Je höher man kommt, desto bezaubernder wird die Aussicht. Zuerst taucht unverhofft das Matterhorn auf, weiter oben auch das Breithorn, anfänglich nur der östliche Teil, die Roccia Nera, weshalb ich es nicht sogleich erkannt habe. Ein eigentlicher Logenplatz befindet sich weiter oben beim Riffelsee, genauer etwas südlich, hinter dem kleinsten der drei Seen, kurz bevor der Weg zur Monte Rosa Hütte abzweigt. Dort setze ich mich an einem windgeschützten Platz auf die sonnenerwärmten Felsen und bestaune das Gipfelpanorama. Unter mir der Gornergletscher, direkt gegenüber die Breithorn Gruppe. Der Blick schweift über den Liskamm zum Monte Rosa mit der Dufourspitze und weiter zu unzähligen andern Gipfeln, deren Name ich nicht kenne.

Am liebsten würde ich noch stundenlang hier verweilen. Doch den Gornergrat, mein heutiges Tagesziel, würde ich dann nicht mehr erreichen und müsste hier in der Nähe, beim Rotenboden, die Bahn nehmen. Vielleicht wäre das sogar besser gewesen. Es sind zwar nur noch rund dreihundert Höhenmeter bis zum Gornergrat, aber sie sind anstrengender als die über tausend, die ich heute schon zurückgelegt habe. Als kurz vor 18 Uhr neben mir die Bahn hinauffährt, beeile ich mich, um sie nicht zu verpassen. Fast atemlos komme ich bei der Station an, sogar rund zehn Minuten zu früh. Hätte ich mir doch die Zeit genommen, nochmals auf den Fahrplan zu schauen statt mich derart zu quälen!

 
2. Tag: Schwarzsee – Hörnlihütte – Zermatter Glacier Trail – Trockener Steg – Schwarzsee (ca. 1200 Hm, ca. 18 km)

Zu morgendlicher Stunde marschiere ich mit meinen beiden Rucksäcken in Zermatt zur Seilbahnstation und löse eine Rückfahrkarte aufs Klein Matterhorn. Die Fahrt könne ich, so wird mir bestätigt, beliebig unterbrechen und an einem andern Tag fortsetzen. Bei der Station Schwarzsee steige ich aus und lasse den Teil des Gepäcks, den ich nicht brauche, im Hotel zurück. „Nimm Pickel und Steigeisen mit! Oberhalb von 3000 Metern könnte es noch Schnee haben“, hat mir Jonas geraten. Das ist sicher vernünftig. Lieber etwas zu viel mittragen, als in eine heikle Situation geraten.

Das Hotel Schwarzsee hat komfortable, modern eingerichtete Zimmer. Das günstigste, mit Etagendusche und Sicht auf Zermatt, kostet 145 Franken, Abendessen und Frühstück inbegriffen. Mit Bad/WC im Zimmer und Matterhornsicht bezahlt man als Einzelperson 180 Franken pro Nacht. „Um 19 Uhr ist Abendessen!“, ruft der Hotelangestellte, als ich mich auf den Weg mache. Es ist noch nicht einmal 10 Uhr, ich kann es also gemütlich nehmen, denke ich mir. Eine richtige Genusstour soll es werden, nach dem anstrengenden ersten Tag!

Etwa 200 m westlich des Hotels liegt in einer Mulde der kleine Bergsee, der dem Ort den Namen gegeben hat. Am nördlichen Ufer die Kapelle „Maria zum Schnee“, im Wasser spiegelt sich das Obergabelhorn. Ich halte nur ganz kurz zum Fotografieren an. Schöner wäre es, länger an diesem idyllischen Ort zu verweilen. Der Bergweg überwindet eine kleine Felsstufe, aus der nachfolgenden Senke dröhnt Baulärm herauf. Ein riesiger Bagger scheint buchstäblich Berge zu versetzen. Es geht weiter hinauf Richtung Matterhorn. Als Erstes muss die Felsbastion Hirli – auf alten Karten noch als Hörnli bezeichnet – überwunden werden. An den Stellen, wo der Hang unter den Felsen abgerutscht ist, geht man über einen luftigen Gitterrost mit Geländer. Beim P. 2870 wechselt der Weg auf die Nordseite. Erste, harmlose Schneefelder können problemlos umgangen werden.

Der eigentliche Aufstieg zur Hörnlihütte beginnt auf knapp 3000 m Höhe. Der Weg liegt zu rund zwei Dritteln in der Nordflanke und ist gut ausgebaut. Einzelne Stellen sind mit Fixseilen gesichert, hauptsächlich dort, wo bis vor kurzem noch Schnee lag. Beim Übergang in die Südflanke führt der Weg durch ein abschüssiges Schneefeld. Es hat auch eine steile Wegspur (T4), die direkt auf dem Grat verläuft, wo jedoch viel loses Gestein liegt. Einmal mehr ziehe ich das Kraxeln dem Schneefeld vor. Ein Stück weiter oben, bei den tibetischen Gebetswimpeln, führt die Spur wieder auf den regulären Weg. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Hütte.

Die neue Hörnlihütte ist ein moderner, grauer Klotz, der eher aussieht wie eine Bank als eine Berghütte. Sie ist noch geschlossen, gegen eine Gebühr von 50 Franken kann man schon jetzt reservieren. Diese Gebühr wird – so steht es auf der Internetseite – in keinem Fall rückerstattet, aber an die Übernachtung angerechnet. Das Doppelzimmer kostet 450 Franken, ein Schlafplatz im Massenlager 150 Franken. Lange halte ich mich hier nicht auf. Ich steige ein Stück höher und suche in der Nähe des Einstiegs zum Hörnligrat einen Rastplatz.

Zwei verschiedene Spuren im Schnee führen zu den mit Fixseilen versehenen Felsen. Hier also beginnt die berühmte Route, auf der schon so viele nicht mehr zurückgekehrt sind. Ob die Spuren noch frisch sind, vielleicht sogar von heute? Von blossem Auge ist niemand zu erkennen, auch kein Geräusch ist zu hören. Bis sich auf einmal vom Hängegletscher in der Ostwand eine Eislawine löst und mit Getöse über die Felsen stürzt.

Fast zeitgleich mit mir waren zwei junge Engländerinnen bei der Hütte angekommen. Sie sind bereits wieder fort, als ich mich auf den Weg zum Abstieg mache. Einzig ein paar Handwerker sind noch da und werden bald darauf vom Helikopter abgeholt. Diesmal bleibe ich auf dem Bergweg, muss darum das steile Schneefeld queren und bin froh um den Pickel, an dem ich mich festhalten kann. Es hat zwar gute Fussspuren, ein Ausrutscher aber wäre verhängnisvoll.

Zurück beim Bagger, der noch immer damit beschäftigt ist, die Landschaft zu verändern, nehme ich den Weg zum Gletscherlehrpfad, dem sog. „Matterhorn Glacier Trail“. Anfänglich geht es sanft hinab, dann kommt man zur Brücke über den noch jungen Furggbach. Auf die Seitenmoräne des Furggletschers hinauf steigt der Weg wieder an, an zahlreichen Informationstafeln vorbei. Drei von ihnen sind umgefallen. Um den Text lesen zu können, muss ich sie zuerst aufrichten. An Steinen, um den Sockel zu beschweren, fehlt es hier nicht. Man erfährt Wissenswertes über die Gletscher und die Entstehung der Alpen. Bemerkenswert finde ich, dass das Matterhorn, dieses Wahrzeichen der Schweiz, erdgeschichtlich zu Afrika gehört. 

Nicht nur der ständige Blick auf die Zermatter Bergwelt, auch der Weg selber durch die karge Einöde ist von erstaunlicher Schönheit. In den verschiedensten Farben glitzern die Steine, die der Gletscher hier abgelagert hat. Dazwischen immer wieder die kleinen, lila farbenen Blumen, deren Name mir unbekannt ist. Sehr oft bleibe ich stehen, um zu fotografieren und um auszuruhen. Obwohl der Anstieg sanft ist und insgesamt – der höchste Punkt ist auf 2923 m – nur etwa 200 Höhenmeter beträgt, spüre ich allmählich die Müdigkeit in den Beinen.

Hier oben, fernab der Hektik unserer Zivilisation, scheint die zähe Langsamkeit der Gletscher den Rhythmus zu bestimmen. Doch die Zeit bleibt nicht stehen. Als ich bei der Seilbahnstation Trockener Steg ankomme, ist es fast 18 Uhr. Der Wegweiser gibt eine Zeit von 1 Stunde und 45 Minuten an bis zum Schwarzsee. Um 19 Uhr ist Abendessen! Es wäre jetzt sicher gemütlicher gewesen, mit der Seilbahn hinunter zu gondeln. Doch um diese Zeit fährt keine Bahn mehr. Also mache ich mich schleunigst auf den Weg. Teilweise ist er noch schneebedeckt, einmal verliere ich die Markierungen aus den Augen und steige auf gut Glück ab, bis ich auf der andern Bachseite wieder auf den Bergweg treffe. 

Obwohl das Hotel Schwarzsee zum Greifen nah ist, zieht sich der Weg in die Länge. Von der Station Furgg sind es noch 35 Minuten bis zum Schwarzsee, das zeigt der Wegweiser an – und ein Blick auf die Uhr, dass es genau 19 Uhr ist. Auf den nochmaligen Aufstieg von 150 Höhenmetern hätte ich gut verzichten können! Kurz bevor ich beim Hotel bin, ruft mich die Wirtin an: „Wo bleibst du denn? Ich habe mir schon Sorgen gemacht!“ Um fünf nach halb acht sitze ich am Tisch, nur die Bergschuhe habe ich ausgezogen und mich im Zimmer kurz frisch gemacht. Auch der zweite meiner Akklimatisationstage ist anstrengender geworden, als ich gedacht hätte. Wie sehr ich unter diesen Umständen das ohnehin vorzügliche Abendessen geniesse, versteht sich von selbst.

 
3. Tag: Die Gletscherwanderung (Trockener Steg – Klein Matterhorn, 3883 m), ca. 900 Hm, ca. 7 km

Bisher habe ich mich stets auf gut markierten Bergwegen bewegt. Meine heutige Tour über den Oberen Theodulgletscher aufs Klein Matterhorn ist eine ganz andere Herausforderung: auf der Karte sind, ausser den Höhenkurven, nur Gletscherspalten und Skilifte eingezeichnet. Aber es gibt auch Karten, auf denen die Skipisten eingetragen sind. Eine solche hat mir Jonas kurz vor meiner Abreise zugeschickt, verbunden mit dem Hinweis, dass ich die Skipiste unter keinen Umständen verlassen dürfe und allenfalls besser nur bis zum Theodulpass wandern und dann wieder umkehren solle.

Mit der ersten Seilbahn bin ich im Nu wieder beim Trockenen Steg. Im Restaurant erkundige ich mich, wo ich den zweiten Rucksack deponieren könne und frage bei dieser Gelegenheit auch nach dem Weg, genauer: nach dem weiss-blau-weiss markierten Weg, für den der Wegweiser 2 ½ Stunden bis zum Theodulpass angibt. „Ich glaube nicht, dass da schon etwas eingerichtet ist“, antwortet der Mann und runzelt die Stirn: „Alleine unterwegs?“ Die Situation ist ihm sichtlich unangenehm. Nicht nur wegen des zurückgelassenen Rucksacks („Wir übernehmen keine Verantwortung!“), es ist hauptsächlich meine beabsichtigte Gletscherwanderung, die ihm nicht geheuer ist. Plötzlich sieht er die rettende Lösung des Problems: „Schau dort draussen, der Chef der Gandegghütte, der ist Bergführer und kann dir eine genauere Auskunft geben!“

Schnell verabschiede ich mich, eile hinaus zu dem hünenhaften Mann in der roten Faserpelzjacke und stelle mich vor. Ich erzähle ihm von meinem Vorhaben und dass ich heute Abend bei ihm in der Hütte übernachten werde. „Ja, ja, das geht gut, einfach immer schön am Rand der Skipiste bleiben! Und den zweiten Rucksack nehme ich gleich mit. Du kannst ihn dort auf den Anhänger laden.“ Unverzüglich haste ich wieder hinauf ins Restaurant und komme bereits zum ersten Mal in Atemnot. Doch meine Erleichterung ist gross. Der zweite Rucksack wird bereits in der Hütte sein, wenn ich zurückkomme, und vor allem habe ich nochmals die Bestätigung eines Bergführers, dass mein Vorhaben auf dem Gletscher keineswegs unverantwortlich ist.

Kurz vor neun marschiere ich los. Pickel und Steigeisen habe ich für alle Fälle bei mir. Aufgesetzt habe ich eine altmodische Gletscherbrille mit seitlichen Abdeckungen aus Leder, die ich vor über 30 Jahren gekauft hatte und heute zum ersten Mal verwende. Der Schnee ist noch leicht gefroren, mit den Wanderstöcken komme ich gut voran. Es dauert nicht lange, bis der Hüttenwart auf seinem Ski Mobil freundlich winkend an mir vorbeifährt, abbiegt und auf einer eigens eingerichteten Piste zur Gandegghütte gelangt. Eine Zeitlang bin ich ganz allein in der winterlich anmutenden Landschaft. Die Skipiste sieht aus wie eine breite, schneebedeckte Strasse, an deren Ränder Markierungsstangen stehen. Nur ab und zu kommen Skifahrer entgegen, auf der flachen Strecke in eher gemächlichem Tempo.

Vor dem Theodulpass zweigt eine Skipiste links ab. Ein Blick auf meine Pistenkarte zeigt, dass ich diese nehmen muss. Sonst käme ich in der Nähe der Testa Grigia zum Passo Ventina Nord, was ein ziemlicher Umweg wäre. Noch immer gehe ich ohne Steigeisen. Bis jetzt waren sie nicht erforderlich. Nun kommt plötzlich ein steileres Stück. Am Pistenrand steht eine Warntafel „Achtung Gletscherspalten“. Sichtbar sind sie nicht, aber offenbar vorhanden. Weit mehr als vor ihnen nehme ich mich vor den Skifahrern in Acht, die teilweise beängstigend schnell an mir vorbeibrettern. Ich verhalte mich wie bei Steinschlag: Sobald ich einen von ihnen erblicke, bleibe ich stehen, um mich notfalls im letzten Moment zur Seite zu werfen. Meine Angst ist unbegründet, sie weichen alle rechtzeitig aus. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich an ihrer Wendigkeit zweifle, weil ich selber nicht Ski fahre.

Abgesehen von den gelegentlich vorbeibrausenden Skifahrern ist es ziemlich einsam auf meiner „Winterwanderung“. Das ändert sich schlagartig, als ich auf dem „Plateau Rosa“ beim Skilift ankomme, wo die Leute Schlange stehen. Aus mitgebrachten Lautsprecherboxen dröht Musik. Ein italienischer Teenager telefoniert laut mit seiner Mamma und beklagt sich über irgendwas. Einige sitzen auf ihren Taschen oder Rucksäcken und ruhen aus. Ihnen tue ich es gleich – seit zwei Stunden bin ich unterwegs – und ziehe bei dieser Gelegenheit die Steigeisen an. So werde ich die noch vor mir liegende Steigung besser bewältigen können.

Das Wetter ist nicht mehr so schön wie in den beiden vergangenen Tagen. Sonne und Wolken wechseln sich ab und es weht ein eisiger Wind. Je näher ich dem Klein Matterhorn komme, desto häufiger kreuze ich andere Wanderer. Etliche Seilschaften sind auf dem Abstieg vom Breithorn, rechtzeitig bevor sich das Wetter verschlechtern könnte. Nach knapp vier Stunden komme ich hungrig und durstig beim Klein Matterhorn an und gönne mir eine ausgiebige Pause, bevor ich mit der Seilbahn zum Trockenen Steg zurückfahre.

Die Gandegghütte ist vom Trockenen Steg in weniger als einer halben Stunde bequem erreichbar. Mit ihren heimeligen Schaffellen auf den Bänken der Sitzterrasse ist sie sowas wie der Inbegriff einer herkömmlichen Berghütte. Gewiss, wer den heute üblichen Hotelkomfort erwartet, ist hier am falschen Ort. Als Waschgelegenheit dient hinter der Hütte ein Wasserhahn, daneben ist ein Spiegel befestigt, darunter eine Wanne aus Zinkblech mit einem Loch als Abfluss. Umso erstaunlicher ist es, wie der Hüttenwart und seine Familie mit einfachen Mitteln ein leckeres Viergangmenu hinzaubern.

Nach dem Essen, als ich noch einen Rundgang um die Hütte mache, sehe ich ein Stück unterhalb ein junges Paar, das sein Zelt aufgeschlagen hat. Wie ich die beiden beneide! Allzu sehr bin ich leider an die Annehmlichkeiten der Zivilisation gewöhnt, bereits die Berghütte ist für mich eine Herausforderung. Klar, früher einmal übernachtete auch ich draussen in der freien Natur, nur mit dem Schlafsack am Strand. Das ist 40 Jahre her. Doch wer weiss, was die Zukunft bringt. Vor wenigen Jahren hätte ich mir auch nicht vorstellen können, einmal mit Seil und allem Drum und Dran an Felswänden zu klettern und Gletscher zu begehen.

 
4. Tag: Die Besteigung des Breithorn Westgipfels (4164 m)

Der Gang zur Toilette hinter der Hütte ist die erste kurze Wanderung des Tages. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, aber es ist bereits hell. Statt mich nochmals hinzulegen, ziehe ich mich an und eile hinaus. Die Morgenstimmung fasziniert mich, den Sonnenaufgang will ich nicht verpassen. Hier auf gut 3000 m Höhe und bei dem wolkenlosen Himmel ist er etwas ganz Besonderes. Es sind unzählige Fotos, die ich schiesse, ich kann gar nicht genug davon bekommen. Und doch vermögen sie nur zu einem kleinen Teil die Stimmung wiederzugeben, die man mit allen Sinnen aufnimmt und die sich tief einprägt, wenn man in der Stille der Berge die ersten Sonnenstrahlen auf sich wirken lässt.

Vor dem Morgenessen gehe ich nochmals aufs Zimmer, das nur zur Hälfte belegt ist, und hole mein Gepäck. Die andern, die mit mir den Raum geteilt haben, schlafen alle noch. Es ist, als hätten sie auf nichts anderes gewartet, als dass ich endlich aufstehen würde… Nachdem ich gefrühstückt habe, packe ich meine Sachen und fülle die Thermosflasche mit Marschtee. Selbst dieser schmeckt überraschend gut: Lindenblüten mit frischem Zitronensaft.

Bei der Seilbahnstation Trockener Steg warte ich auf Jonas und die andern. Vor zwei Jahren waren wir nur drei Gäste, heute sind es so viele, dass er einen zweiten Bergführer engagiert hat. Gemeinsam fahren wir hinauf zum Klein Matterhorn. Neben der Skipiste seilen wir uns an. Für mich ist es gewissermassen die Fortsetzung der gestrigen Tour. Über den Breithornpass fegt ein Wind, der sich anfühlt, als würde er direkt vom Nordpol kommen. Es dauert zum Glück nicht lange, bis wir uns im windgeschützten Hang befinden. Bevor er steiler wird, machen wir Halt und ziehen die Steigeisen an. Jonas verkürzt das Seil. Ausser ihm sind wir sechs Mitglieder pro Seilschaft.

Dicht hintereinander stapfen wir hinauf. Ich bin zuhinterst und bemühe mich – zwischendurch etwas keuchend – Schritt zu halten. Kein Hauch von Kälte auf 4000 m Höhe, hier im Windschatten und bei strahlendem Sonnenschein. Deutlich schneller als ich es vom ersten Mal in Erinnerung habe, stehen wir oben auf dem Gipfel ­– und damit unmittelbar wieder im eisigen Wind, der von nichts aufgehalten wird. Nur ein ganz kurzer Halt für die fantastische Rundsicht und ein paar Gipfelfotos, dann steigen wir ein Stück ab und setzen uns für die Mittagspause in die Südwestflanke, wo es windstill ist. Es sind unzählige Gipfel zu bestaunen, darunter solche wie der Montblanc oder der Gran Paradiso, die auffallend herausragen. Mein Blick schweift weiter über Castor und Pollux zu den Breithornzwillingen, wo Alpinisten unterwegs sind. Die Lust auf weitere Abenteuer im ewigen Eis ist geweckt.

Den Abstieg empfinde ich als angenehm und gemächlich. Im Unterschied zur Premiere vor zwei Jahren, als ich zum allerersten Mal Steigeisen an den Füssen hatte. Und vor allem verspüre ich diesmal nicht jene Atemnot und bleierne Müdigkeit, die sich noch verstärkte, je hastiger ich atmete. Kurzum, das Experiment ist geglückt, die Akklimatisation hat sich gelohnt. Gut möglich, dass es dazu nicht volle vier Tage gebraucht hätte. Aber warum eigentlich muss alles immer möglichst schnell gehen? Warum sich nicht die Zeit gönnen und den Körper ganz allmählich und sanft an die Höhe gewöhnen? Und vor allem in Ruhe die Schönheit der Natur geniessen.

Zu Fuss geht das besser als mit der Seilbahn, die zwar zwischendurch ganz angenehm und praktisch ist. Um das zusätzliche Gepäck zu befördern, habe ich beispielsweise am 2. Tag diese Annehmlichkeit gerne in Anspruch genommen, ebenso um mir jeweils den mühsamen Abstieg zu ersparen. Die Seilbahn verkürzt die zurückzulegende Strecke, schmälert aber auch das Erleben. Abgesehen von der Strecke Furi - Schwarzsee habe ich in diesen vier Tagen den gesamten Aufstieg von Zermatt bis aufs Breithorn mit den eigenen Füssen zurückgelegt, meinem Programm entsprechend mit einigen Umwegen. Jeden Tag habe ich immer wieder zum Breithorn hinaufgeschaut, mit dem einen Gedanken: am Sonntag werde ich dort oben stehen. Und diese Vorfreude, die von Tag zu Tag stärker wird, ist unersetzlich und mindestens so schön wie das eigentliche Gipfelerlebnis.

Tourengänger: Fico


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Geodaten
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 26094.gpx Hörnlihütte
 26095.gpx Klein Matterhorn
 26096.gpx Breithorn

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Kommentare (2)


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roger_h Pro hat gesagt:
Gesendet am 15. Juli 2015 um 07:26
Toll beschriebene "slow"-Variante einer Breithornbesteigung, eher selten in der heutigen Zeit und vor allem am Breithorn, wo die übliche Variante eher "mit der Bahn schnell hoch und wieder runter ist".
An die Gandegghütte habe ich auch schönste Erinnerungen.
Ich wünsche weiterhin schöne und spannende Touren!
Gruss
Roger

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 17. Juli 2015 um 20:00
eindrücklich, deine Beschreibung der Annäherung und Besteigung des Breithorns - Klasse!

lg Felix


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