Staldenried - Gspon - 11254 Höhenmeter im Aufstieg
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Ein lange gehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Seit Jahren schon plante ich, meine Höhenmeter-pro-Tag-Bestmarke etwas nach oben zu verbessern. Nachdem ich mit 49 Jahren auf Tourenskis schon 5732 Meter in 14 Stunden und 16 Minuten geschafft hatte, war ich der Überzeugung, dass man Höhenmeter am besten zu Fuss kumulieren kann. Dabei nimmt man bergab mit Vorteil die Bahn. In meinem Tourentagebuch lese ich zu dieser Skitour zwar gerade „nicht so müde - Schuhe!!!“, und doch ist mir die ganze Unternehmung als recht hart in Erinnerung - die Schuhe waren mehr oder weniger neu. Damals bin ich viermal von der Simplon Passstrasse auf das Breithorn hoch gestiegen. Im Winter kommt erschwerend hinzu, dass die Abfahrt auch bewältigt werden muss, und dass die Ausrüstung nicht sehr leicht ist, wenigstens meine. Und die Bedingungen sind nicht den ganzen Tag über gut. Dazu kommt die Kälte und die Höhe.
Für meine Unternehmung gestern wählte ich den Aufstieg von Staldenried / Zur Tanne nach Gspon. Gspon liegt auf 1893 m ü. M. und kann mit der LSSG (Luftseilbahn Stalden-Staldenried-Gspon) bequem erreicht werden. Einige schöne Wanderwege führen von Staldenried hoch - ich wählte denjenigen über das „Bildji“, eine kleine einfühlsam renovierte Kapelle in einem kleinen Weiler, welcher auf halber Wegstrecke liegt. Rund 750 Höhenmeter sind bis Gspon zu überwinden. Dieser Weg ist teils etwas steil, was aber meinen Bedürfnissen durchaus entsprach. Es gibt aber auch einige bequemer zu begehende Varianten, beispielsweise diejenige über den Weiler Kleeboden. Überhaupt ist diese Gegend im vorderen Vispertal ein wahres Wanderparadies.
Der Wetterbericht für den Tag meines Projektes war denkbar schlecht. Regen wollte er haben, praktisch den ganzen Tag über. Zudem hatte ich mich für meinen persönlichen Rekordversuch nicht besonders vorbereitet. Ich war einfach den ganzen Sommer über recht viel unterwegs gewesen und hatte dabei auch sehr lange Touren unternommen. Richtig joggen bin ich aber schon seit einem Jahr nicht mehr gegangen, auch kein Intervall Training und ähnliches. Das wichtigste bei solchen Sachen ist aber doch der Kopf, und der stimmte - ich freute mich wie ein Kind auf diese etwas spezielle Wanderung.
An Schlafen war in der Nacht zuvor nicht zu denken, ich war einfach zu aufgeregt. So war es nicht der Wecker, der mich morgens um eins in meinem Elternhaus zur Tanne aus dem Schlafe riss. Ich war schon vorher voller Erwartung auf den Beinen. Ein kurzes Frühstück und ich war zum Aufbruch bereit, nicht im geringsten daran denkend, dass jetzt 20, vielleicht 24 Stunden Arbeit vor mir liegen würden. Ich küsste noch das Bild meiner Frau an der Wand und stürzte mich hinaus in die Nacht. Später dachte ich, dass ich auch mein Bild hätte küssen sollen, denn dem an der Wand verdanke ich es doch, dass ich solche Sachen unternehmen kann. Wenn ich nicht der wäre, würde ich jetzt bestimmt tatenlos weiterpennen, und irgendwann würde ein weiterer Tag wie tausend andere beginnen. Doch schön, dass ich ich bin und dass ich deswegen solche spannende Touren unternehmen darf.
Die erste Runde war nicht vielversprechend. Leise fiel ein leichter Regen, und der Nebel war so dick, dass man ihn hätte schneiden können. Trotz bester Stirnlampe sah man zum Teil einfach nichts. Kaum zu glauben, dass ich mich hier im Gebiet meiner Jugend, meines Vaters, Gross- und Urgrossvaters zweimal kurz verirrte. Regen war mir zwar recht - ich glaubte, er würde mich ein bisschen kühlen. Nur, dass er eben den Nachteil hat, dass man dabei bald einmal nass wird. Doch er sollte nicht lange dauern, und die Meteorologen sollten fürs Wallis wieder einmal falsch vorausgesagt haben. Umso besser, der Tag würde ganz schön werden, mit recht viel Herbst Sonnenschein. Vorerst galt es aber, vier Runden in dunkler Nacht nach Gspon hoch zurückzulegen. Früher hätte ich das aus lauter Angst vor Geistern, armen Seelen, aber auch Füchsen und anderem nie geschafft, jetzt in älterem Alter aber begegnet einem kaum je eine Seele. Damals - ich war schon kein Kind mehr - war ich einmal mitten in der Nacht auf halbem Weg nach Gspon umgekehrt, weil ich es einfach nicht schaffte, an einem alten „Geisterhaus“ vorbei zu gehen. Die Stimmung war damals aber schon etwas speziell gewesen: es schneite ein wenig, und ab und zu liess sich der Mond hinter den Wolken blicken, und die Eule krächzte im Wald, und vom Kirchturm schlug es Mitternacht.
Die ersten Runden legte ich mit grosser Euphorie zurück. Für mich war das Unternehmen einfach ein Genuss. Die Temperaturen waren durchaus akzeptabel. Nur dumm, dass man im Kraut nass wird, und auch der vom Schwitzen nass werdende Rücken trägt nicht viel zum Wohlbefinden bei. So musste ich immer recht viel Zeit dafür aufwenden, mich in der Bergstation wieder auf Vordermann zu bringen. Zum Ausruhen blieb wenig bis keine Zeit. Als die Sonne dann schon recht hoch stand, begann es mich plötzlich zu frösteln; in der Nacht war mir nie richtig kalt gewesen. Sollte jetzt schon fertig mit lustig sein? - Nein, bald erholte ich mich, und es ging flott weiter. Motivierend kam dazu, dass nach zwei-drei zusätzlichen Runden ein angenehmer Vorsprung auf meine Marschtabelle herausgearbeitet war. Ich erlebte nur eine mühsame Runde: war vorher schnell hoch gestiegen, machte keine Pause und konnte in der Seilbahn nicht sitzen. Würde ich meinen Plan (14 Runden - mehr als 10'000 Höhenmeter) jetzt nicht umsetzen können? Zu diesem Zeitpunkt ging es eben noch ewig lange, und ich meinte, schon sehr müde zu sein.
Doch, wie dem so ist, man erholt sich immer wieder, und nach überwundenen Schwierigkeiten geht es besser als vorher. In der Bahn meinte jemand: „Das könne doch nicht gesund sein!“ - Scheinbar bin ich aber so verdrahtet, vernietete und verleimt, dass ich während 95% der Zeit überhaupt keine Probleme hatte, keine Mühe, keine Schmerzen, keine Leiden. Meistens fühlte ich mich einfach super. Ein Strassenmarathon ist nicht gesund, das weiss ich aus eigener Erfahrung; bergab laufen ist nicht gut für das eigene Fahrgestell, doch bergauf gehen hat noch nie jemandem geschadet. Und überhaupt ist 80 Prozent psychische Stärke, und der Rest spielt sich im Kopf ab (hat mal jemand gesagt). So ist die Motivation halt das wichtigste, und man braucht einige Energie dazu, den Körper davon zu überzeugen, dass es gut für ihn ist, jetzt mal 24 Stunden bergauf zu laufen. Ich gab ihm aber von allem Anfang an genau drei Möglichkeiten, von denen er eine und nur eine wählen durfte: laufen, laufen oder laufen. Und er hat sich der Einfachheit halber für letzteres entschieden. Im Kopf wird man mit der Zeit schon etwas müde. Am Anfang zwei-drei Stunden höre ich immer sehr gescheite Podcasts, dann auf einmal geht nur noch rassige Musik rein, und am Schluss hilft nur noch beten - beim ersten Atemzug JESUS, beim zweiten Atemzug CHRISTUS und dabei noch an jemanden denken, dem man gut will. Früher habe ich bei Müdigkeit oft Schritte gezählt, aber das bringt auch nichts und hilft niemandem weiter. Und plötzlich ist man wieder zu oberst. Und noch zu gesund oder nicht gesund: Mein Körper ist so angelegt, dass es ihm in der Regel besser geht, wenn er sich bewegt. Am Tag danach hat er auf alle Fälle nicht einmal gejammert, nichts tat weh, kein Muskelkater - einfach nur ein gutes Gefühl.
Leute fragen immer wieder: ernährst du dich irgendwie speziell? - nein, eigentlich nicht. Das Problem bei solchen Anlässen ist aber, dass man mit der Zeit fast nichts mehr hinunter bringt. Man würde doch eher vermuten, dass der Körper immer mehr Appetit auf allerlei Gutes bekommt, dem ist aber nicht so. Einmal musste ich die ganze Pause dazu verwenden, einen einzigen Schokolade Stängel hinunter zu würgen. Schokolade wird aber wohl auch alles andere als ideal gewesen sein. Natürlich ist die Ernährung enorm wichtig. Die Retterin in der Not war meine innig geliebte Mutter. Auch mit 86 Jahren bringen es unsere Mütterlein nicht übers Herz, für ihre halbwüchsigen, auch schon bald im Pensionsalter stehenden, Söhne zu sorgen. Und trotzdem war ich freudig überrascht, als sie mich gegen Mittag in Gspon zu sich rief und mir einen Korb lauter guter Sachen präsentierte. Zuerst dachte ich: „Was soll das nun? - jetzt essen passt so nicht in meinen Zeitplan,“ Später war ich dann aber mehr als froh ob all der guten Sachen. Statt trockene Riegel gab es jetzt von dem Apfelkuchen, den ich schon von früher Jugend an geniessen konnte. Heute bin ich überzeugt, dass ich ohne diesen Kalorienkorb die Tour nie in dieser Art hätte durchführen können. Diese Art der Fürsorge war ein sehr emotionaler Moment in meinem Projekt.
Und trinken? - Ich weiss, dass unsere Kinder heute von früh an darauf getrimmt werden, während der Schule nach jedem Rechenschritt mindestens einen Schluck Flüssigkeit zu sich zu nehmen - dies um die entsprechenden Hirnströme im Fluss zu lassen oder erst richtig in Gang zu bringen. Natürlich ist trinken wichtig, aber alles hat seinen Rahmen. Hätte ich so viel getrunken, wie von der Werbung heute verlangt wird, hätte die OPEC mit einem Tanker voller Wasser herfahren müssen. Dies hätte wieder eine enorme Steigerung der Nachfrage nach Wasser zur Folge gehabt. Gefolgt wären Preissteigerungen, Aktienkursstürze, der Zusammenbruch der Börse weltweit, und schlussendlich der Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems. So liess ich es mit einer Wassereinheit nach jeder bewältigten Laufeinheit bewenden. Erstaunt war ich aber schon etwas, als die Waage 24 Stunden später vier bis fünf Kilogramm weniger anzeigte als am Vortag.
Und noch dies: Mein Ziel waren 10'000 Höhenmeter an einem Tag. Nun wusste ich aber auch, dass Anton Abgottspon, von Stalden, vor Jahren einen neuen Guinness World Record im Bergauf-Laufen aufgestellt hatte. Er war x-mal von Grächen zur Seetal Bergstation hoch gelaufen. Diese Leistung hat grosse Beachtung gefunden und hat auch mich fasziniert. Zu jener Zeit habe ich Kurse der Erwachsenenbildung erteilt, und da gab es zur Auflockerung ab und zu ein Quiz. Eine Frage war jeweils: Wie viele Höhenmeter hat Anton Abgottspon zu Fuss bergauf geschafft? Die genaue Antwort auf diese Frage hatte ich in der Zwischenzeit vergessen. Da es mir nun gestern aber derart gut lief, und ich einen grossen Vorsprung auf meine Marschtabelle hatte, und ich auch nach 10'300 Höhenmetern noch nicht besonders müde war, wurde Antons Marke nun plötzlich aktuell für mich, und so fügte ich noch eine Zusatzrunde an. Jetzt waren es schon 11'000 Höhenmeter. Es war wieder elf Uhr in der Nacht, und wieder hatte ich ein paar Aufstiege in der Dunkelheit zurück gelegt. Zeit und Energie waren noch sehr viel vorhanden - ohne übertreiben zu wollen: ich hätte bestimmt noch stundenlang im gleichen Rhythmus weiterlaufen können. Also lief ich gleich noch etwas die Skipiste hoch. Der Ort genannt „zur Stapfe“ war schon geschafft. Mein Körper wollte weiter, doch dann sagte der Geist plötzlich: „Nein, jetzt ist genug. Dein Wanderbedürfnis ist für heute gestillt. Geh heim und leg dich ins Bett!“ - Ich wusste halt auch nicht, wie viele Meter Anton genau geschafft hatte. Würde ich jetzt noch bis „Osigsch Egg“, bis aufs „Mälachji“ oder sogar bis auf den „Wyssgrat“ hoch laufen müssen? Also war der Tag für mich gelaufen. Ich räumte mein Berglager bei der Seilbahnstation ab und legte mich ins nicht ganz warme Bett im zur Zeit nicht bewohnten Chalet „Sunnuschy“.
Obwohl ich mich in keinster Weise mit Anton Abgottspon vergleichen möchte, tue ich es hier doch. Anton ist ein ganz ausserordentlicher Bergläufer. Er hat gerade noch letztes Wochenende den Jeizibärglauf in weniger als 44 Minuten geschafft - und dies mit 56 Jahren. Abgesehen von Mike Short hat das kein älterer Läufer in einer schnelleren Zeit je geschafft. Wieder in Naters in meinem Büro sechzehn Stunden später fing das grosse Rechnen an. Nach einigem Suchen fand in meinen alten Kursunterlagen die gesuchte Zahl: Anton hatte in seinem Lauf genau 11'259 Meter geschafft. Die telefonische Rückfrage bei ihm ergab, dass er selber nicht wusste, ob diese Marke immer noch als Bestmarke gelte. Anscheinend war dies mindestens vor drei Jahren noch die zu überbietende Höhenmeterzahl. Wie er mich wissen liess, benötigte er für den Weltrekord gegen siebzehn Stunden.
Und dann fing auch für mich das Ordnen und Addieren der Rundenzeiten und Höhenmeter an (siehe beiliegende pdf-Datei). Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte: mein Excel-Programm gab genau 11'254 Höhenmeter wieder, keinen Meter mehr und keinen weniger. Ach wäre ich morgens doch noch ins Unterdach gestiegen, um nach einer der dort früher hängenden, jetzt aber nicht mehr da seienden Hauswürste zu greifen - oder wäre ich doch nur noch in den Keller gestiegen, um nach den Mäusen zu schauen, oder um einen zünftigen Schluck von dem, damals von meinem Vater selbst gebrannten, Schnaps zu nehmen, und ich hätte einen Guinness Weltrekord egalisieren können. Mein Ruhm wäre dann quasi unsterblich gewesen, und ich hätte mich nach all meinen komischen Unternehmungen endlich zur Ruhe setzen können. So geht aber die Sisyphus Arbeit weiter, und weitere, nicht weniger spannende Projekte warten auf ihre Verwirklichung.
Fazit: Es war ein spannendes Unterfangen. Es liegt viel mehr drin, als man gemeinhin annimmt. Und damit bekommen auch meine weiteren Projekte einen Hauch an Verwirklichbarkeit. Es ist auch so, dass etwas, das man vorher als spannend, grossartig, kaum zu verwirklichen ansieht, dann nach der Verwirklichung allen Glanz verliert. So bin ich jetzt überzeugt, dass 11'254 Höhenmeter bergan an einem Tag nichts Besonderes ist. Kann praktisch jeder und jede leisten. Man muss nur seinem Kopf den entsprechenden Auftrag geben. Und das ist gerade das Schwierige. Sobald aber die Motivation, oder sogar die Begeisterung da ist, geht es von selber. Meinen Schülern spiele ich ab und zu zu Beginn des Jahres das Lied vor: You can get it if you really want, but you must try, try and try ... the harder the battle the sweeter the victory ... und … Rome was not built in a day …
Und noch ein Letztes: Wie Anton habe auch ich viel Support von den anwesenden Zuschauern und Helfern erfahren: An verschiedenen Stellen meines Parcours standen sie treu während des ganzen Rennens, sogar in der Nacht. Einige läuteten jeweils heftig mit grossen Kuh Glocken, andere unterbrachen jeweils ihre Mahlzeit und begaben sich voller Begeisterung an den Wegrand, um mich zu bewundern ... oder um meine vom Schweiss salzigen Hände zu lecken. Die Rede ist von den Schafen und Kühen, die auf einigen Wiesen weideten und eine angenehme Stimmung verbreiteten. Sonst gab es nur noch Katzen und drei Wanderer zu beobachten. In der Seilbahn meinte jemand, er würde Gescheiteres machen. Das stimmt - sonst unterrichte ich auch Mathematik, und Gescheiteres als das gibt es nun wirklich nicht.
Für meine Unternehmung gestern wählte ich den Aufstieg von Staldenried / Zur Tanne nach Gspon. Gspon liegt auf 1893 m ü. M. und kann mit der LSSG (Luftseilbahn Stalden-Staldenried-Gspon) bequem erreicht werden. Einige schöne Wanderwege führen von Staldenried hoch - ich wählte denjenigen über das „Bildji“, eine kleine einfühlsam renovierte Kapelle in einem kleinen Weiler, welcher auf halber Wegstrecke liegt. Rund 750 Höhenmeter sind bis Gspon zu überwinden. Dieser Weg ist teils etwas steil, was aber meinen Bedürfnissen durchaus entsprach. Es gibt aber auch einige bequemer zu begehende Varianten, beispielsweise diejenige über den Weiler Kleeboden. Überhaupt ist diese Gegend im vorderen Vispertal ein wahres Wanderparadies.
Der Wetterbericht für den Tag meines Projektes war denkbar schlecht. Regen wollte er haben, praktisch den ganzen Tag über. Zudem hatte ich mich für meinen persönlichen Rekordversuch nicht besonders vorbereitet. Ich war einfach den ganzen Sommer über recht viel unterwegs gewesen und hatte dabei auch sehr lange Touren unternommen. Richtig joggen bin ich aber schon seit einem Jahr nicht mehr gegangen, auch kein Intervall Training und ähnliches. Das wichtigste bei solchen Sachen ist aber doch der Kopf, und der stimmte - ich freute mich wie ein Kind auf diese etwas spezielle Wanderung.
An Schlafen war in der Nacht zuvor nicht zu denken, ich war einfach zu aufgeregt. So war es nicht der Wecker, der mich morgens um eins in meinem Elternhaus zur Tanne aus dem Schlafe riss. Ich war schon vorher voller Erwartung auf den Beinen. Ein kurzes Frühstück und ich war zum Aufbruch bereit, nicht im geringsten daran denkend, dass jetzt 20, vielleicht 24 Stunden Arbeit vor mir liegen würden. Ich küsste noch das Bild meiner Frau an der Wand und stürzte mich hinaus in die Nacht. Später dachte ich, dass ich auch mein Bild hätte küssen sollen, denn dem an der Wand verdanke ich es doch, dass ich solche Sachen unternehmen kann. Wenn ich nicht der wäre, würde ich jetzt bestimmt tatenlos weiterpennen, und irgendwann würde ein weiterer Tag wie tausend andere beginnen. Doch schön, dass ich ich bin und dass ich deswegen solche spannende Touren unternehmen darf.
Die erste Runde war nicht vielversprechend. Leise fiel ein leichter Regen, und der Nebel war so dick, dass man ihn hätte schneiden können. Trotz bester Stirnlampe sah man zum Teil einfach nichts. Kaum zu glauben, dass ich mich hier im Gebiet meiner Jugend, meines Vaters, Gross- und Urgrossvaters zweimal kurz verirrte. Regen war mir zwar recht - ich glaubte, er würde mich ein bisschen kühlen. Nur, dass er eben den Nachteil hat, dass man dabei bald einmal nass wird. Doch er sollte nicht lange dauern, und die Meteorologen sollten fürs Wallis wieder einmal falsch vorausgesagt haben. Umso besser, der Tag würde ganz schön werden, mit recht viel Herbst Sonnenschein. Vorerst galt es aber, vier Runden in dunkler Nacht nach Gspon hoch zurückzulegen. Früher hätte ich das aus lauter Angst vor Geistern, armen Seelen, aber auch Füchsen und anderem nie geschafft, jetzt in älterem Alter aber begegnet einem kaum je eine Seele. Damals - ich war schon kein Kind mehr - war ich einmal mitten in der Nacht auf halbem Weg nach Gspon umgekehrt, weil ich es einfach nicht schaffte, an einem alten „Geisterhaus“ vorbei zu gehen. Die Stimmung war damals aber schon etwas speziell gewesen: es schneite ein wenig, und ab und zu liess sich der Mond hinter den Wolken blicken, und die Eule krächzte im Wald, und vom Kirchturm schlug es Mitternacht.
Die ersten Runden legte ich mit grosser Euphorie zurück. Für mich war das Unternehmen einfach ein Genuss. Die Temperaturen waren durchaus akzeptabel. Nur dumm, dass man im Kraut nass wird, und auch der vom Schwitzen nass werdende Rücken trägt nicht viel zum Wohlbefinden bei. So musste ich immer recht viel Zeit dafür aufwenden, mich in der Bergstation wieder auf Vordermann zu bringen. Zum Ausruhen blieb wenig bis keine Zeit. Als die Sonne dann schon recht hoch stand, begann es mich plötzlich zu frösteln; in der Nacht war mir nie richtig kalt gewesen. Sollte jetzt schon fertig mit lustig sein? - Nein, bald erholte ich mich, und es ging flott weiter. Motivierend kam dazu, dass nach zwei-drei zusätzlichen Runden ein angenehmer Vorsprung auf meine Marschtabelle herausgearbeitet war. Ich erlebte nur eine mühsame Runde: war vorher schnell hoch gestiegen, machte keine Pause und konnte in der Seilbahn nicht sitzen. Würde ich meinen Plan (14 Runden - mehr als 10'000 Höhenmeter) jetzt nicht umsetzen können? Zu diesem Zeitpunkt ging es eben noch ewig lange, und ich meinte, schon sehr müde zu sein.
Doch, wie dem so ist, man erholt sich immer wieder, und nach überwundenen Schwierigkeiten geht es besser als vorher. In der Bahn meinte jemand: „Das könne doch nicht gesund sein!“ - Scheinbar bin ich aber so verdrahtet, vernietete und verleimt, dass ich während 95% der Zeit überhaupt keine Probleme hatte, keine Mühe, keine Schmerzen, keine Leiden. Meistens fühlte ich mich einfach super. Ein Strassenmarathon ist nicht gesund, das weiss ich aus eigener Erfahrung; bergab laufen ist nicht gut für das eigene Fahrgestell, doch bergauf gehen hat noch nie jemandem geschadet. Und überhaupt ist 80 Prozent psychische Stärke, und der Rest spielt sich im Kopf ab (hat mal jemand gesagt). So ist die Motivation halt das wichtigste, und man braucht einige Energie dazu, den Körper davon zu überzeugen, dass es gut für ihn ist, jetzt mal 24 Stunden bergauf zu laufen. Ich gab ihm aber von allem Anfang an genau drei Möglichkeiten, von denen er eine und nur eine wählen durfte: laufen, laufen oder laufen. Und er hat sich der Einfachheit halber für letzteres entschieden. Im Kopf wird man mit der Zeit schon etwas müde. Am Anfang zwei-drei Stunden höre ich immer sehr gescheite Podcasts, dann auf einmal geht nur noch rassige Musik rein, und am Schluss hilft nur noch beten - beim ersten Atemzug JESUS, beim zweiten Atemzug CHRISTUS und dabei noch an jemanden denken, dem man gut will. Früher habe ich bei Müdigkeit oft Schritte gezählt, aber das bringt auch nichts und hilft niemandem weiter. Und plötzlich ist man wieder zu oberst. Und noch zu gesund oder nicht gesund: Mein Körper ist so angelegt, dass es ihm in der Regel besser geht, wenn er sich bewegt. Am Tag danach hat er auf alle Fälle nicht einmal gejammert, nichts tat weh, kein Muskelkater - einfach nur ein gutes Gefühl.
Leute fragen immer wieder: ernährst du dich irgendwie speziell? - nein, eigentlich nicht. Das Problem bei solchen Anlässen ist aber, dass man mit der Zeit fast nichts mehr hinunter bringt. Man würde doch eher vermuten, dass der Körper immer mehr Appetit auf allerlei Gutes bekommt, dem ist aber nicht so. Einmal musste ich die ganze Pause dazu verwenden, einen einzigen Schokolade Stängel hinunter zu würgen. Schokolade wird aber wohl auch alles andere als ideal gewesen sein. Natürlich ist die Ernährung enorm wichtig. Die Retterin in der Not war meine innig geliebte Mutter. Auch mit 86 Jahren bringen es unsere Mütterlein nicht übers Herz, für ihre halbwüchsigen, auch schon bald im Pensionsalter stehenden, Söhne zu sorgen. Und trotzdem war ich freudig überrascht, als sie mich gegen Mittag in Gspon zu sich rief und mir einen Korb lauter guter Sachen präsentierte. Zuerst dachte ich: „Was soll das nun? - jetzt essen passt so nicht in meinen Zeitplan,“ Später war ich dann aber mehr als froh ob all der guten Sachen. Statt trockene Riegel gab es jetzt von dem Apfelkuchen, den ich schon von früher Jugend an geniessen konnte. Heute bin ich überzeugt, dass ich ohne diesen Kalorienkorb die Tour nie in dieser Art hätte durchführen können. Diese Art der Fürsorge war ein sehr emotionaler Moment in meinem Projekt.
Und trinken? - Ich weiss, dass unsere Kinder heute von früh an darauf getrimmt werden, während der Schule nach jedem Rechenschritt mindestens einen Schluck Flüssigkeit zu sich zu nehmen - dies um die entsprechenden Hirnströme im Fluss zu lassen oder erst richtig in Gang zu bringen. Natürlich ist trinken wichtig, aber alles hat seinen Rahmen. Hätte ich so viel getrunken, wie von der Werbung heute verlangt wird, hätte die OPEC mit einem Tanker voller Wasser herfahren müssen. Dies hätte wieder eine enorme Steigerung der Nachfrage nach Wasser zur Folge gehabt. Gefolgt wären Preissteigerungen, Aktienkursstürze, der Zusammenbruch der Börse weltweit, und schlussendlich der Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems. So liess ich es mit einer Wassereinheit nach jeder bewältigten Laufeinheit bewenden. Erstaunt war ich aber schon etwas, als die Waage 24 Stunden später vier bis fünf Kilogramm weniger anzeigte als am Vortag.
Und noch dies: Mein Ziel waren 10'000 Höhenmeter an einem Tag. Nun wusste ich aber auch, dass Anton Abgottspon, von Stalden, vor Jahren einen neuen Guinness World Record im Bergauf-Laufen aufgestellt hatte. Er war x-mal von Grächen zur Seetal Bergstation hoch gelaufen. Diese Leistung hat grosse Beachtung gefunden und hat auch mich fasziniert. Zu jener Zeit habe ich Kurse der Erwachsenenbildung erteilt, und da gab es zur Auflockerung ab und zu ein Quiz. Eine Frage war jeweils: Wie viele Höhenmeter hat Anton Abgottspon zu Fuss bergauf geschafft? Die genaue Antwort auf diese Frage hatte ich in der Zwischenzeit vergessen. Da es mir nun gestern aber derart gut lief, und ich einen grossen Vorsprung auf meine Marschtabelle hatte, und ich auch nach 10'300 Höhenmetern noch nicht besonders müde war, wurde Antons Marke nun plötzlich aktuell für mich, und so fügte ich noch eine Zusatzrunde an. Jetzt waren es schon 11'000 Höhenmeter. Es war wieder elf Uhr in der Nacht, und wieder hatte ich ein paar Aufstiege in der Dunkelheit zurück gelegt. Zeit und Energie waren noch sehr viel vorhanden - ohne übertreiben zu wollen: ich hätte bestimmt noch stundenlang im gleichen Rhythmus weiterlaufen können. Also lief ich gleich noch etwas die Skipiste hoch. Der Ort genannt „zur Stapfe“ war schon geschafft. Mein Körper wollte weiter, doch dann sagte der Geist plötzlich: „Nein, jetzt ist genug. Dein Wanderbedürfnis ist für heute gestillt. Geh heim und leg dich ins Bett!“ - Ich wusste halt auch nicht, wie viele Meter Anton genau geschafft hatte. Würde ich jetzt noch bis „Osigsch Egg“, bis aufs „Mälachji“ oder sogar bis auf den „Wyssgrat“ hoch laufen müssen? Also war der Tag für mich gelaufen. Ich räumte mein Berglager bei der Seilbahnstation ab und legte mich ins nicht ganz warme Bett im zur Zeit nicht bewohnten Chalet „Sunnuschy“.
Obwohl ich mich in keinster Weise mit Anton Abgottspon vergleichen möchte, tue ich es hier doch. Anton ist ein ganz ausserordentlicher Bergläufer. Er hat gerade noch letztes Wochenende den Jeizibärglauf in weniger als 44 Minuten geschafft - und dies mit 56 Jahren. Abgesehen von Mike Short hat das kein älterer Läufer in einer schnelleren Zeit je geschafft. Wieder in Naters in meinem Büro sechzehn Stunden später fing das grosse Rechnen an. Nach einigem Suchen fand in meinen alten Kursunterlagen die gesuchte Zahl: Anton hatte in seinem Lauf genau 11'259 Meter geschafft. Die telefonische Rückfrage bei ihm ergab, dass er selber nicht wusste, ob diese Marke immer noch als Bestmarke gelte. Anscheinend war dies mindestens vor drei Jahren noch die zu überbietende Höhenmeterzahl. Wie er mich wissen liess, benötigte er für den Weltrekord gegen siebzehn Stunden.
Und dann fing auch für mich das Ordnen und Addieren der Rundenzeiten und Höhenmeter an (siehe beiliegende pdf-Datei). Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte: mein Excel-Programm gab genau 11'254 Höhenmeter wieder, keinen Meter mehr und keinen weniger. Ach wäre ich morgens doch noch ins Unterdach gestiegen, um nach einer der dort früher hängenden, jetzt aber nicht mehr da seienden Hauswürste zu greifen - oder wäre ich doch nur noch in den Keller gestiegen, um nach den Mäusen zu schauen, oder um einen zünftigen Schluck von dem, damals von meinem Vater selbst gebrannten, Schnaps zu nehmen, und ich hätte einen Guinness Weltrekord egalisieren können. Mein Ruhm wäre dann quasi unsterblich gewesen, und ich hätte mich nach all meinen komischen Unternehmungen endlich zur Ruhe setzen können. So geht aber die Sisyphus Arbeit weiter, und weitere, nicht weniger spannende Projekte warten auf ihre Verwirklichung.
Fazit: Es war ein spannendes Unterfangen. Es liegt viel mehr drin, als man gemeinhin annimmt. Und damit bekommen auch meine weiteren Projekte einen Hauch an Verwirklichbarkeit. Es ist auch so, dass etwas, das man vorher als spannend, grossartig, kaum zu verwirklichen ansieht, dann nach der Verwirklichung allen Glanz verliert. So bin ich jetzt überzeugt, dass 11'254 Höhenmeter bergan an einem Tag nichts Besonderes ist. Kann praktisch jeder und jede leisten. Man muss nur seinem Kopf den entsprechenden Auftrag geben. Und das ist gerade das Schwierige. Sobald aber die Motivation, oder sogar die Begeisterung da ist, geht es von selber. Meinen Schülern spiele ich ab und zu zu Beginn des Jahres das Lied vor: You can get it if you really want, but you must try, try and try ... the harder the battle the sweeter the victory ... und … Rome was not built in a day …
Und noch ein Letztes: Wie Anton habe auch ich viel Support von den anwesenden Zuschauern und Helfern erfahren: An verschiedenen Stellen meines Parcours standen sie treu während des ganzen Rennens, sogar in der Nacht. Einige läuteten jeweils heftig mit grossen Kuh Glocken, andere unterbrachen jeweils ihre Mahlzeit und begaben sich voller Begeisterung an den Wegrand, um mich zu bewundern ... oder um meine vom Schweiss salzigen Hände zu lecken. Die Rede ist von den Schafen und Kühen, die auf einigen Wiesen weideten und eine angenehme Stimmung verbreiteten. Sonst gab es nur noch Katzen und drei Wanderer zu beobachten. In der Seilbahn meinte jemand, er würde Gescheiteres machen. Das stimmt - sonst unterrichte ich auch Mathematik, und Gescheiteres als das gibt es nun wirklich nicht.
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eugen






































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