Churfirsten: Zeitreise in die Ostschweiz


Publiziert von lorenzo , 4. Oktober 2008 um 17:28.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:24 September 2008
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: IV (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Churfirsten   CH-SG 
Zeitbedarf: 8:30
Aufstieg: 2730 m
Abstieg: 2625 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Walenstadtberg Alte Post
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Eschen
Kartennummer:LK 1134; M. Hunziker, Clubführer Säntis-Churfirsten, SAC-Verlag 1999; T. Wälti, Kletterführer Churfirsten-Alvierkette-Fläscherberg, SAC-Verlag 1995

Alp Tschingla - welch klingender Name, welch verheissungsvoller Ort der Sehnsucht hoch über dem Walensee! Und das Sesam-öffne-Dich zum reichen Schatz all der Erinnerungen an die Ostschweiz, die im Lauf der Jahre zusammengekommen waren. Höchste Zeit also, diesen wieder einmal nachzuspüren, z.B. auf den verführerischen Spuren all jener, die sich auf www.hikr.org ins Märchenbuch der Sieben Churfirsten eingetragen haben. Einen Tag lang in die Vergangenheit eintauchen und dabei trotzdem die Gegenwart einatmen und erleben - unsere  öV machen es möglich, deren Streckennetz sich bei näherem Gebrauch immer wieder als gigantische Zeitmaschine entpuppt.

Nach langem Abwägen zwischen Arvenbüel, Starkenbach, Alt St. Johann und Unterwasser entschied ich mich für den Walenstadtberg als vom Mittelland am frühesten erreichbaren und besten gelegenen Ausgangspunkt. Vom Chäserrugg bis zum Leistchamm würde es mit Start um 9 Uhr nicht reichen, aber villeicht bis zum Selun, wenn ich anstelle der fünf zeitraubenden Auf- und Abstiegsschlaufen genügend Abkürzungen einbauen konnte: denn immerhin fand sich im Clubführer neben dem üblichen W-Abstieg vom Hinterrugg ein NE-Aufstieg zum Selun (BG) und im Kletterführer als weitere brauchbare "Sparmassnahme" ein Direktsanstieg vom Glurissattel über die Schibenstoll-E-Flanke (IV-). Ob das ausreichen würde? Ich blieb skeptisch.
 
Start um 9 Uhr bei strahlendem Wetter bei der Alten Post (790m) auf dem Walenstadtberg: auf dem markierten Bergweg (weiss-rot: wr) über Tschingla (!) und das Valsloch auf den Chäserrugg (2262m), T3, wo ich bald von dicken Hochnebelschwaden eingehüllt wurde. Beim Abstieg (wr) vom  Hinderrugg (2306.4m) zum Glurissattel (2045m), T2,  dann die zweite böse Ueberraschung: v.a. NW-seitig lag bis ca. 2000m noch Schnee, entsprechend nass und glitschig waren Weg, Steine und Gras. Dafür waren die E-Flanke zum Schibenstoll (2236m) trocken und die 3 kurzen SL (II+, IV-, II) gut kletterbar. Abstieg (wr) bis ca. 1820m, T3, über Karren SW ausholend an den Fuss der Zuestoll-E-Flanke und nach NW aufsteigend zum oberen, diese diagonal durchziehenden Grasband, T6. Auf diesem (Pfadspuren) bis zum Sattel ca. 2100m im N-Grat, T5, und über die Gipfelflanke (wr) auf den Zuestoll (2235m). Abstieg (wr) wiederum bis ca. 1820m, T4, über Karren nach W zum Brisi-N-Rücken und über diesen (wr) auf den Gipfel (2279m) und zurück zur Abzweigung 1797, T4. Der Nebel war inzwischen immer dichter geworden, die aufgrund des Kartenbilds erwogenen Abkürzungen am Frümsel und jene auf den Selun würde ich wohl nur noch schwer finden und zusammen mit dem Abstieg noch mindestens 4h brauchen, ausserdem war der Grund weiterhin rutschig und die Zeit mit 16 Uhr bereits fortgeschritten, so dass ich es angesichts der langen Heimreise gut sein liess und über Brisizimmer, Selamatt und Engi nach Eschen (894m) abstieg.

 Auf der über 3-stündigen Heimfahrt stand dann wie bei Hugo Loetscher wieder "Lesen statt Klettern" auf dem Programm: die Begriffe im Artikel "La substance jouissante" von Claus von Bormann erwiesen sich für mich zwar als ähnlich schwer fassbar wie schmierige Untergriffe in einer überhängenden, schlecht abgesicherten Sportkletterroute, das Fazit von Lacans Umkehrung der Metaphysik Descartes' leuchtete mir aber trotzdem unmittelbar ein: "Ich denke, wo ich nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke". Mit "Klettern statt Denken" ergab das schliesslich: "Also bin ich, wo ich klettere". Ich nahm mir vor, den Text später nochmals zu lesen und für die Churfirsten sobald wie möglich einen zweiten Anlauf zu nehmen.

Tourengänger: lorenzo

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Kommentare (2)


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Alpin_Rise Pro hat gesagt: Go East
Gesendet am 4. Oktober 2008 um 17:48
Sönd wöllkomm idä Ostschwiiz!

Freut mich, ein heiteres Berichtlein von dir aus hiesigen Landen zu sehn - mögest du wiederkehren zum Lesen und Klettern!

Knöpf dir mal die Kreuzberge vor, sollten ganz nach deinem Gusto sein, auch wenn die Dimensionen nicht an die Engelhörner rankommen.

lorenzo hat gesagt: RE:Go East
Gesendet am 4. Oktober 2008 um 22:34
Du hast recht: "Lesen u n d Klettern" lautet die richtige Formel! Und für beides bleibt bei Tagestouren in die Ostschweiz genug Zeit.

Eure Berichte von der Ueberschreitung der Kreuzberge haben mich sehr fasziniert, und auch Dein letzter zum Leistchamm!

Ich war erst einmal in den Kreuzbergen: vor Jahren über einfache Routen glaube ich auf dem III., der Tiefblick ins Rheintal war überwältigend.

Mit den Engelhörnern ist es zwar auch ein Kreuz - Einheimische nennen sie deshalb auch Teufelshörner, ein Teufelsjoch und einen Teufelsgrat hat es ja dort tatsächlich - aber mittlerweile gibt es dort für jeden Geschmack lohnende Routen. Falls Du sie noch nicht kennst: Willkommen im Rosenlaui!

Ich kehre unterdessen bei nächster Gelegenheit gerne zu den Churfirsten und Kreuzbergen zurück!

grüsse
lorenzo






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