Eggerhorn und Fülhörner


Published by eugen Pro , 30 September 2008, 20h31.

Region: Monde » Switzerland » Valais » Oberwallis
Date of the hike:28 September 2008
Waypoints: Eggerhorn 2503m. 8210 ft. (2) Grosses Faulhorn 2678m. 8784 ft. (2) Kleines Faulhorn 2544m. 8344 ft. (2)
Geo-Tags: CH-VS 
Mountaineering grading: F
Route:Brig - Bitsch - Grengiols - Ausserbinn - Eggerhorn - Fülhörner - Binn
Access to start point:Mit der SBB nach Brig
Maps:1269, 1270

Am heutigen Sonntag sind Natur- und Bergfreunde wieder einmal ganz auf ihre Rechnung gekommen. Das Wetter hätte schöner nicht sein können, und die Temperaturen waren durchaus erträglich. Zudem zeigt sich die Welt jetzt im Herbst in den buntesten Farben. Vor allem auch der vor Tagen gefallene Schnee gibt den Berggipfeln ein zauberhaftes Aussehen.

Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf das Eggerhorn im Binntal gestiegen. Von dort aus habe ich die Tour noch auf das „Chlis Fülhorn“ und auf das „Grosses Fülhorn“ verlängert. Von allen drei Gipfeln geniesst man einen wunderschönen Ausblick auf die Berner Alpen; aber auch viele Walliser Gipfel lassen sich blicken. Auf dem Eggerhorn gibt es zwei Fototafeln, auf denen alle Berge fein säuberlich angeschrieben sind. So erübrigt sich für einmal das Wehrweisen über den Namen dieses oder jenes Gipfels.

Die Besteigung der drei Berge ist sehr einfach. Ich bin von Brig (Bahnhof) hoch gestiegen. Eigentlich wollte ich schon ganz früh am morgen aufbrechen, doch die Erdanziehung hielt mich lange mit all ihrer Kraft in meinem warmen Bette fest. Um vier Uhr morgens war es dann endlich soweit, dass ich es schaffte, auf unserem Balkon herbstliche Luft schnuppern zu gehen. Die Finsternis warf mich zwar nicht ins Bett zurück, ermutigte mich aber auch nicht, leichten und frohen Schrittes Richtung Goms loszumarschieren. Stattdessen setzte ich mich an meinen Schreibtisch und gab mich sehr intensiv und motiviert Korrektur- und Schulvorbereitungsarbeitenarbeitenarbeiten hin. Inzwischen war es lange Tag geworden - die Berge lockten mit ungeheurer Kraft. Jetzt, um neun Uhr, war an eine gemütliche (alpinmässige, mit aller möglichen Ausrüstung versehenen) Besteigung der von mir am Vortag ins Auge gefassten Berge nicht mehr zu denken. Wohlwissend, dass am selben Tag auch der Berlin Marathon mit einigen Oberwallisern stattfand, stürzte ich mich in meine Laufhose und zog meine schnellsten (ältesten und abgetragensten) Laufschuhe an. Und los ging es vom Bahnhof Brig aus Richtung Bitsch dem linken Rhoneufer entlang, dann durch Bitsch, bei der Kirche „zur hohen Fluh“ über die Brücke nach rechts, durch schöne Natur bis nach Mörel, dann weiter nach Bister und Grengiols, nach der „Hockmatta“, vermittels der alten Römer Brücke über die Binna und hinauf nach „Lätzus Üsserbi“. Dort hatte ich Rendez-vous mit meiner Frau. Vom Holzspalten und Holzsagen am Vortag war schon lange nichts mehr zu spüren.

Nun hatte meine Frau leider in Lätzus Üsserbi City die Ausfahrt nach „Bärg“ hoch verpasst und wahr, ohne auch nur meine Sohlen gesehen zu haben, nach Binn weitergefahren. Bei meinem Anruf war sie schon im Begriffe, über „Lusse“ und „Sattulti“ aufs Eggerhorn hochzusteigen. So wurde leider nichts aus der so ersehnten gemeinsamen Unternehmung, stattdessen waren wir drauf und dran, einen wahren Sternmarsch zu realisieren, denn mich zog es über „Bärg“, „Äbnimatt“ und „Sattulti“ dem Gipfel entgegen. Beides sind übrigens flotte Wanderwege. Meine Variante hat aber den Nachteil, dass man anfangs recht lange der wenig steilen Strasse in langen Kehren folgen muss, weil der ursprüngliche Weg nicht mehr vorhanden ist. Dafür kreuzte aber mein Pfad nach kurzer Zeit schon denjenigen eines Fuchses, den ich in der Folge ein paar Sekunden lang beobachten konnte.

Sonst war an diesem Tag kein Wild zu beobachten, was in Anbetracht der eben zu Ende gegangenen Hochjagd nicht erstaunen mag. Erinnerungen werden wach: damals, vor mehr als dreissig Jahren, war ich nicht weit von hier mit meinem Onkel Otto selig eine Woche lang auf der Jagd unterwegs. Romantische Zeiten in einer ebenso romantischen Jagdhütte im Weiler „Fäld“. Mit von der Partie waren auch meine Cousins und Franz selig. Letzterer hatte hier einen riesigen Hirsch erledigt, den es dann in mühsamer Aktion ins Tal zu transportieren galt. Schöne Erinnerungen ...

Meine Idee von einem Blitzaufstieg aufs Eggerhorn fand bald ein jähes Ende. Vor einer zierlichen Alphütte, die ich von weitem schon fotografiert hatte, sass in seltener Eintracht ein älteres Paar. Dem Vernehmen nach verbringen die beiden ihre Pension hier oben in der guten Luft und flüchten aus dem Tal, wenn immer es geht. Doch langsam werde es kalt, so dass es gelte, die letzten Sommer Habseligkeiten vom strengen Winter in der Hütte in Sicherheit zu bringen. Aus beträchtlicher Ferne werde ich zu Kuchen und Kaffee herbei gewunken. Hier sehe man so selten einen Passanten, freuen sich die beiden, und sowieso sei Gastfreundschaft das oberste Gebot in den Bergen. Und ich geniesse diese Gastfreundschaft, weil man sie heute eben leider nur noch selten geniessen kann. Statt mich aber vor einer simplen Tasse Kaffee wieder zu finden, grinst mich bald ein stattliches „Kaffee fertig“ an. Bier in den Bergen sei gefährlich und lähme den Schritt, „Kaffee fertig“ sei dagegen das beste - lasse ich mich belehren. Und so gibt ein Wort das andere und ein Satz den anderen, und gewöhnlich kommt man bei solchen Gelegenheiten bald einmal auf irgendwelche gemeinsame Bekannte zu reden.

Die Wahrheit zum „Kaffee fertig“ ist, dass ich den Gipfel und noch einen zweiten und auch einen dritten am selben Tag tatsächlich noch erreiche. Kurz nach mir trifft dann auch meine liebe Frau auf dem Eggerhorn ein. Wie schon gesagt ist die Tour leicht und kann wärmsten weiter empfohlen werden, und dies gilt auch für die Verlängerung auf die beiden Fülhörner.

Und noch etwas, das ich schon lange weiss: „Der Weg ist das Ziel“. Irgendwann im Frühjahr hatte ich das Ziel formuliert, möglichst viele Gipfel vom Bahnhof Brig aus zu Fuss zu erreichen. Insgeheim dachte ich an hundert Berge oder Hörner, zweifelte aber ab und zu auch an der Realisierbarkeit dieser Idee. Und heute ist genau das eingetreten, was ich erwartet hatte: das Sammeln von Gipfeln, von Viertausendern, von Weltumrundungen oder was immer es ist, macht einen weder schöner, noch reicher noch froher. Solche Projekte sind zu vergleichen mit sinnlosem Erbsen Zählen, oder Schafe Zählen in schlafloser Nacht, oder ... Der Lustgewinn ist quasi vernachlässigbar. Und so hatte ich dann heute auch überhaupt keine besondere Empfindung, als ich auf meinem hundertsten Gipfel stand. Und die Empfindung wird auf dem tausendsten, auf dem zehntausendsten, auf dem neuntausendneunhundertneunundneunzigsten Gipfel nicht intensiver sein. Darum bin ich der Überzeugung, dass all diese Zahlen überhaupt keine Rolle spielen. Wichtiger ist halt der Weg, oder das Blümlein am Wegrand, oder der Hirsch, den man beobachtet, oder ein besonders strukturierter Stein, oder eine schöne Kletterstelle, oder ein Sonnenaufgang, ein Blick auf die bekanntere oder weniger bekannte Gipfel ... All dies konnte ich in diesem Sommer hundertfach geniessen, und darum hat sich meine Unternehmung auch durchaus gelohnt. Und meinem Schöpfer war ich auch oft viel näher. Darum hoffe ich, mein Projekt noch lange fortsetzen zu können. Ein „open end“ ist angesagt. Und so wird das Ziel nie erreicht sein, und es tun sich immer wieder neue Perspektiven auf. So bleibt mir auch die Leere des erreichten Ziels erspart.

Hike partners: eugen

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