Prächtige Bergfahrt rund um den Muttsee


Publiziert von Bergamotte Pro , 16. September 2014 um 07:56.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:14 September 2014
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   Hausstockgruppe 
Zeitbedarf: 7:45
Aufstieg: 1750 m
Abstieg: 1750 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:LSB Tierfehd-Kalktrittli
Unterkunftmöglichkeiten:Muttseehütte
Kartennummer:1193 Tödi

Was habe ich lamentiert über die Wetterkapriolen diesen Sommer. Doch nach diesem Sonntag ist der ganze Ärger beinahe verflogen: ideales Bergwetter, ungetrübte Fernsicht, Rundtour über spannende und kaum begangene Routen. Schlicht und einfach der perfekte Bergtag!

In der Hausstockgruppe geniesst bloss der Hausstock selber eine gewisse Bekanntheit. Fast alle übrigen Gipfel erhalten gerademal eine Handvoll Besuche pro Jahr; wenn's hoch kommt. Dabei finden sich im wilden, abgelegenen Gebiet zahlreiche Trouvaillen, wie beispielsweise der kecke Vorstegstock oder die Scheidstöckli Südwand. Vor allem aber geniesst man herrliche Ausblicke in die Glarner Hochalpen: Tödi, Clariden, Bifertenstock und Selbsanft sind zum Greifen nahe.



Nüschenstock (T6-/II, 2:10)

Ab Chalchtrittli erreicht man das Tal zu Füssen vom Nüschenstock-Westgrat in gerademal einer Stunde. Hier anerbieten sich nun zwei Varianten. Entweder man folgt man dem Wanderweg bis zu einer Höhe von ca. 2350m und steigt dann weglos zum kleinen Sattel östlich von P. 2517 auf. Unschwierig erreicht man anschliessend über den breiten Rücken den Nüschenstock (2893m), harmlose T4. Etwas mühsam ist heute hingegen der dünne Schneefilm auf der Geröllunterlage.
Spannender, aber auch anspruchsvoller wird's, wenn man den gesamten Westgrat ab Nüschenegg begeht. Hierzu verlässt man den Wanderweg bereits auf gut 2260m (kurz nach dem Wegweiser) und steigt einfach zum Grat auf. Von hier bis zum erwähnten Sattel gilt es eine Reihe von mehr oder weniger scharfen Aufschwüngen zu überwinden. Das ist technisch nicht allzu schwierig, vereinzelt aber luftig. Ein Ausweichen auf die Nordseite ist teils möglich, aber nicht unbedingt einfacher.

Rüchi (T5-, 0:10)

Vom Nüschenstock zum Rüchi (2851m) ist's bloss ein Katzensprung. Man bleibt auf der Grathöhe oder etwas darunter in der Westflanke. Die T5 bezieht sich nur auf eine kurze Steilstelle, welche bei Nässe/Restschnee erhöhte Vorsicht Bedarf.

Vorstegstock (T5+, 1:05)

Unmittelbar vom Rüchi gilt es einen Abschwung zum Locherligrat abzusteigen. Aufgrund des schiffrig-schmierigen Geländes bewegt man sich da kurz in gehobenem T5. Anschliessend folgt man alles der Gratscheide bis an den Fuss des Scheidstöckli; bei einzelnen Zacken erreicht man da eine tiefe T5, meist aber deutlich einfacher.
Wer von hier den Vorstegstock anvisiert, muss einen mühseligen Abstieg Richtung Norden in Kauf nehmen. Das Gelände ist feucht und schmierig, die Schuhe finden kaum Halt, Griffe gibt es ohnehin keine. Pickel äusserst empfehlenswert. Zur T6 reicht's trotzem nicht: a) Zu wenig ausgesetzt; das Gelände läuft unten harmlos aus b) Ein Seil, über dessen Verankerung man sich keine Gedanken machen möchte, entschärft die Stelle. Hilfreich auch die wenigen Zentimeter Schnee, welche den Schuhen immerhin etwas Halt bieten.
Ist der Abstieg geschafft, quert man in den Sattel P. 2594 rüber und steht schon bald zwischen den zwei Zacken vom Vorstegstock (2678m). Der südliche Hauptgipfel erfordert ein paar beherzte Klettergriffe (II). Der Nordgipfel hingegen kann unschwierig erkraxelt werden. Mit herrlichem Blick auf Glärnisch, Chärpf und Hausstock geniesse ich meinen Lunch und vertrödle viel Zeit.

Scheidstöckli (WS/II+, 1:25)

Den mühseligen Wiederaufstieg zum Locherligrat später stehe ich am Südwestfuss des Scheidstöckli. Hier findet man nun wunderschönen, trockenen Kalk. Direkt dem Wandfuss entlang steige ich bis zur tiefsten Stelle der Kalkklippe ab, wo sich gemäss Führertopo der Einstieg in die Südostwandroute befindet (exakter ist mein eigenes Topo). Hier erblicke ich eine Rinne, durch welche ich ca. 2/3 der Wand zurücklege. Da der Gipfel kaum je bestiegen wird, liegt massenhaft Schutt rum und ich muss laufend "aufräumen", bevor's weitergeht. Genau dieser Steinschlaggefahr wegen begeht man die Südrouten am besten alleine.

Nach der Rinne über kleine Bänder nach rechts (Osten) halten und in beliebiger Linie zum Gipfel des Scheidstöckli (2810m) hoch. Ich finde ein mickriges, umgekipptes Holzkreuz. Aber handelt es sich hier wirklich um den Hauptgipfel? Leider nein, sagt mein GPS. Die Kote P. 2810 befindet sich weiter östlich. Also kurzer Abstieg in die Scharte, II+, aber nicht ausgesetzt und dann in wenigen Schritten zum "richtigen" Scheidstöckli. Nun die freudige Überraschung: Aus der Scharte zieht eine weitere Rinne durch die gesamte Wand nach unten. Diese ist - zumindest im Abstieg - so einfach zu begehen (bzw. zu berutschen), dass ich gerademal fünf Minuten benötige.

Hintersulzhorn (WS/II, 1:00)

Über anstrengendes Schutt- und Blockgelände umrunde ich das Hintersulzhorn - welches eigentlich aus zwei Gipfeln besteht-, um so die Hintersulzlücke (2646m) zu erreichen. Der Tiefblick ins Durnachtal runter lässt das Blut gefrieren: Kaum zu glauben, dass hier offenbar eine T6-Route hochführt.

Aus der Lücke lässt sich praktisch der gesamte (relativ kurze) Aufstieg aufs Hintersulzhorn (2738m) einsehen. Man folgt zunächst dem Grat oder weicht leicht gegen Süden aus. Bald gelangt man an eine glatte Felswand. Dieser folgt man über ein brüchiges, abschüssiges Band, welches wiederum in einem kleinen Sattel endet. Von hier in wenigen Schritten unschwierig zum Gipfel hoch.

Muttseehütte - Chalchtrittli (T3, 2:00)

Eine Muttseerunde in Vollendung würde nun weiter über den Ruchi auf den Muttenstock führen. Doch mich plagen andere Sorgen, denn zurück in der Hintersulzlücke zeigt die Uhr bereits 15:35... und das letzte (Wander-)Bähnlein fährt um 16:50! Oje, selbst wenn ich das fix eingeplante Bier sausen lasse, komme ich um ein intensives Jogging-Training nicht rum. Also im Turbomodus mit müden Beinen rund um den See und über weitläufiges, coupiertes Gelände zur Muttseehütte (2501m). Hier gibt Maria Rhyner die erhoffte Entwarnung: Die Baustellenbahn fährt im 24h Betrieb und nimmt jederzeit Wanderer mit (Bauarbeiter haben Vorrang). So heisst es erstmals ausgiebig pausieren, verpflegen und schwatzen, bevor's zurück in Chalchtrittli geht.
 

Tourengänger: Bergamotte

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Kommentare (6)


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Primi59 hat gesagt: Wahnsinn....
Gesendet am 16. September 2014 um 18:19
diese fantastischen Bilder, inkl. auch der Bericht !! Bin total hingerissen...gratuliere dir zu dieser Tour !
Frage: wie gut ist der Weg vom Kalktrittli zur Hütte ausgebaut, ist er tatsächlich so ungefährlich zu begehen ?

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:Wahnsinn....
Gesendet am 16. September 2014 um 18:31
Oh, vielen Dank für die Blumen!

Ja, der Weg ist sehr gut ausgebaut. Wer nicht unter extremer Höhenangst leidet, macht das problemlos.

Primi59 hat gesagt: RE:Wahnsinn....
Gesendet am 16. September 2014 um 22:35
Hoi Bergamotte
bitte, sehr gern geschehen.....
Dann wird der Weg etwa ein T3 sein ?

LG Primi

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:Wahnsinn....
Gesendet am 17. September 2014 um 08:43
genau, maximal T3

PStraub hat gesagt: Gratulation ..
Gesendet am 17. September 2014 um 19:52
.. zu dieser krassen Runde.
Es sind vermutlich nicht allzu viele, die je auf dem Hintersulzhorn gestanden haben.
Den Vorstegstock hätte ich mir geschenkt: Durch diesen fiesen Schutt durch, das lohnt nur, wenn du weiter nach Gutbächi runter willst.

Gruss Peter

Bergamotte Pro hat gesagt: RE:Gratulation ..
Gesendet am 19. September 2014 um 18:05
Ja, der Vorstegstock tanzt etwas aus der Reihe. Wobei, wenn man schon mal in der Gegend ist, lohnt sich das schon. Die Zustiege von Norden sind allesamt sehr weit.


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