Biwak am Lago d'Orgnana (oder: die alte BergAchtsamkeit)


Publiziert von 1Gehirner , 2. September 2014 um 23:46.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:29 August 2014
Wandern Schwierigkeit: T3+ - anspruchsvolles Bergwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Poncione Piancascia   Gruppo Pizzo delle Pecore   Gruppo Monte Zucchero 
Zeitbedarf: 3 Tage
Aufstieg: 1630 m
Abstieg: 2530 m
Strecke:36km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Zug nach Locarno, Standseilbahn nach Orselina, Kabinenbahn zum Cardada, Fussweg zum Sessellift zur Cimetta
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Postbus ab Brione, Ai Piée
Unterkunftmöglichkeiten:Biwak ;), Capanna Nimi (wenn nicht zu feucht), Hotel Piée (sehr freundlich, gutes Essen), Capanna Osola, Corte di Starlaresc
Kartennummer:1312 Locarno, 1292 Maggia

Woher kommt dieser Drang nach "draussen"? Warum ist Werbung wie im Transa-Shop am Zürcher HB so effektiv, wenn sie mir eigentlich nur den Wunsch vermittelt, irgendwie "raus" zu kommen? Sind wir in der heutigen Welt so eingesperrt in unser normales Arbeitsleben, dass uns das Gefühl fehlt, mal so richtig fertig und den Elementen ausgeliefert zu sein?

Beides hatten mein Bruder und ich jedenfalls auf dieser Tour... aber der Reihe nach.

geplant: eine harmlose 2Variante der VAVM: Cimetta (Locarno) - Madone - Laghetto d'Orgnana; Laghetto - Capanna Nimi - Corte di Starlaresc; Corte di Starlaresc - Capanna Masnee; Capanna Masnee - Abstieg nach Brione oder Maggia

MeteoSchweiz, die alte Lügenbande, hatte vier Tage knalligen Sonnenschein, absolute Trockenheit und blauen Himmel versprochen. Das hat vermutlich einigen Berghotels das Fell gerettet, aber für uns wäre eine realistische Vorhersage hilfreicher gewesen... WetterOnline war da bodenständiger und gestand immerhin die reelle Chance von Schauern ein. Für uns bedeutete es trotzdem: Das muss genutzt werden!

Am Freitagmittag um halb zwölf kam mein zehn Jahre jüngerer Bruder (der aussieht wie ich und klingt wie ich) in Zürich an. Im Bächli wurden kurz Schuhe ausgeliehen und ein paar Ausrüstungsgegenstände gekauft (die falschen, wie sich herausstellen sollte), dann ging es mit Zug und Bahn nach Locarno und auf die Cimetta. Es ist allein schon ein kleines Abenteuer, mit 17kg Rucksack und aufgeschnallter Isomatte in die Sesselbahn vom Cardada zur Cimetta zu klettern...

Um fünf Uhr starten wir an der Bergstation. Sobald wir von dort Richtung Cima della Trosa loslaufen, zieht es sich leider zu. Wir bemühen uns um Optimismus, die Vorhersage war so gut gewesen, dass es eigentlich nicht sein konnte, dass... Die ersten Nieseltropfen am Madone holen uns in die Realität zurück. Wir entscheiden uns aber, den weiteren Weg zum Lago d'Orgnana wie geplant zu versuchen. Das Nieseln hört auf, wir sehen die Sonne durch die Wolken scheinen und hoffen auf einen grandiosen Sonnenuntergang zwischen Himmel und Horizont.

Der weitere Weg ist pures Tessin -- immer etwa T3+, teils (selten) mit Ketten gesichert, teils auch etwas abschüssig und für uns spannend, aber sehr gut machbar und traumhaft abgeschieden. Mit Stöcken und gutem Schuhwerk stellt der Weg kein Problem dar, solange es trocken bleibt. Über den Madonegipfel (den man einfach über einen Schotterpfad erreicht) und den Passo del Lupo wandern wir zur Bocchetta d'Orgnana, die wir schon im rechten Dämmerlicht erreichen. Es ist leicht feucht, wir müssen auf unsere Schritte aufpassen. Der Abstieg zum Laghetto d'Orgnana auf der anderen Seite ist entsprechend mühsam, aber wir schaffen ihn ohne Zwischenfälle.

Es gibt genau sechs Berichte auf Hikr über diesen See, alle auf Italienisch. Niemand berichtet von einem Biwak dort. Unendliche Bergeinsamkeit hatten wir erwartet. Wir waren daher erstaunt, nicht weniger als sechs Mitbiwakierer vorzufinden, die sich auf drei Zelte um den See herum verteilten und uns freundlich begrüssten. Es war also eine Berg8samkeit ;) Entweder ist dieser See eine Art Geheimtipp (nicht lokaler Art, es war kein einziger Tessiner dabei) oder der Sommer war wirklich so schlimm... Wir bauen jedenfalls im Dunkeln unser Pseudo-Zelt auf (Exped-Poncho mit vier Wanderstöcken und drei Spanngummis, es passen so tatsächlich zwei Leute mit Isomatte und Schlafsack drunter!), verstauen die Rucksäcke in Müllsäcken und gehen nach einem kleinen Abendessen zügig zu Bett. Schauer soll es ja nur tagsüber geben und nachts soll es sternenklar und trocken sein.

Der erste nächtliche "Schauer" (schon recht heftig) sorgt dafür, dass das Kapuzenloch sich zum Trichter umfunktioniert und unsere Schlafsäcke in der Mitte etwas benässt. Nach einem Stossgebet hört der Regen kurz auf, ich kann raus und das Loch richtig stopfen sowie die Vorderseite besser abspannen, damit sich kein Wasser sammelt. Fünf bis sechs weitere Schauer von jeweils etwa zwanzig Minuten bis einer halben Stunde Länge beweisen uns, dass es jetzt wirklich dicht ist -- und dass es sich ohne Ohrstöpsel bei Regen wirklich schlecht schläft.

Wir erwachen am nächsten Morgen recht durchgefroren, aber ohne Regen. Der neu erworbene Wasserfilter wird ausprobiert (es stellt sich heraus, dass jede Mitbiwakierergruppe auch einen dabei hat) und nach wärmendem Tee, Frühstück und Sonne(!) ist die Ausrüstung genügend trocken, dass wir sie zusammenpacken und weiterziehen können. Zwei andere Gruppen, die Ostdeutschen und die Bündner(?), sind schon lange vor uns zur Alpe Nimi weitergezogen, die dritte bricht fast gleichzeitig mit uns auf. Uns ist die VAVM zu feucht und daher zu heikel, wir schwenken um auf den Abstieg nach Lavertezzo und den versuchten Wiederaufstieg zur Hütte am Madom.

Um keinen falschen Eindruck zu vermitteln: Für diesen Zeitraum zwischen Aufwachen und Aufbruch, den wir am Laghetto d'Orgnana verbringen durften, würden wir beide die Tour sofort wieder so machen! Die Kulisse ist wunderschön, das Grün, Blau und Grau der Umgebung und die blühenden Alpenrosen, die Sonne, die durch die Wolken bricht... genau das hatte ich mir unter einem Biwak hier oben vorgestellt! Einfach nur schön :)

Schnell zieht es danach leider wieder zu. Bei durchgehender Bewölkung, zum Glück trocken, steigen wir nach Orgnana und weiter ins Tal ab. Mühsam, steil und feucht ist es, wir müssen auf jeden Schritt achten und mehr Pausen machen, als wir dachten. Der Weg ist aber, zumindest oberhalb 1000m, erstaunlich schön und abwechslungsreich, immer ist der Fluss in Sichtweite und die Vegetation wechselt häufig. Unterwegs treffen wir nur einen Menschen -- einen drahtigen Tessiner, der meine ersten drei Sätze in gebrochenem Italienisch nicht zum Anlass nimmt, sofort auf Deutsch zu wechseln, was ich dankbar zur Kenntnis nehme. Er ist auf dem Weg zur Capanna Nimi und hat Essen für sie dabei. Glücklich hört er, dass es ab sofort ständig Trinkwasser am Weg gibt, er ist wohl schon recht durstig.

Unterhalb der steilen Felsplatten auf 800m, als sich der Weg nach Osten wendet, setzt sich dann die tessinerische Buchenwald-Zickzack-Wanderei recht langweilig fort. Wir erreichen den gelben Wanderweg an der Verzasca körperlich und geistig ausgelaugt, die 1500hm Abstieg klangen anfangs einfach, aber mit den erwähnten 17kg Gepäck entsprechen sie etwa 1800hm ohne Rucksack... Wir schleppen uns nach Brione und checken dort ins Hotel Piée ein, verwerfen den Wiederaufstieg zum Madom nach einem Blick auf die Wettervorhersage (Regen ab 23 Uhr), gehen duschen und fallen beide für eine halbe Stunde tot ins Bett. Der Abend wird mit Pizza und Panache statt Trockenfleisch und Fencheltee begangen.

Am Sonntag nehmen wir uns, wieder aufgrund der Vorhersage, nicht den Madom vor wie eigentlich geplant, sondern wandern harmlos und wenig anstrengend das Val Osola hinauf zur Capanna Osola. Bis zur Brücke über die Osola ist der Weg absolut harmlos, danach wird er wegen der Feuchtigkeit etwas anspruchsvoller (T3+), zieht sich recht schmal an den steilen Hängen über dem Fluss entlang und wir müssen häufig auf unsere Füsse achten. Bald schon führt er aber auf eine grosse Ebene und schliesslich dort zur Capanna.

Wir nehmen erstaunt zur Kenntnis, dass diese keineswegs einsam und verlassen daliegt, sondern sich regen Besuchs erfreut -- von Dortmundern, drei Tessiner Grossfamilien und diversen anderen Wanderern. Sie ist 2011 sehr nett renoviert worden und bietet selbst unbewartet für jeden Geschmack etwas, auch Bier und Wein kann man erwerben (wir nehmen ein Bier). Irgendwann während unserer ausgedehnten Mittagspause kommt sogar einmal die Sonne raus! (Wir wandern sonst den Rest des Tages, davor und danach, unter durchgehender Wolkendecke.)

Der Rückweg kommt uns erstaunlich kurz vor, wir haben in Brione noch genügend Zeit, unser Gepäck im Piée abzuholen (der Angestellte hatte morgens drauf bestanden, es selber in den Nebenraum zu schleppen und dort zu lagern, immerhin geschätzte 25kg!) und ein Glacé zu geniessen, bevor uns der Bus und später der Zug zurück nach Zürich bringen.

Fazit: Der bisherige Gaskocher ist zu schwer und wird durch einen leichten ersetzt :D Das sollte die unerträglichen 17kg auf 16.75kg reduzieren... dann können wir uns gewichtstechnisch auch ein Zelt leisten... und nächstesmal bleibt der ganze schwere Kram, Kletterausrüstung etc., einfach daheim.

Tourengänger: 1Gehirner


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Geodaten
 22005.gpx Cimetta - Laghetto d'Orgnana
 22006.gpx Laghetto d'Orgnana - Brione

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