Horn und andere - mein erster "Alpine Triathlon"


Published by eugen Pro , 31 August 2008, 12h51.

Region: Monde » Switzerland » Valais » Oberwallis
Date of the hike:30 August 2008
Waypoints: Horn 2892m. 9486 ft. (1) Steitalhorn 3164m. 10378 ft. (1) Wyssegga 3168m. 10391 ft. (1) Furggwanghorn 3162m. 10371 ft. (1) Rothorn 3278m. 10752 ft. (2)
Geo-Tags: CH-VS 
Mountaineering grading: F
Route:Embd - Horn - Steitalhorn - Wyssegga - Furggwanghorn - Rothorn - Jungen
Access to start point:Mit dem Zug bis Kalpetran, mit der Seilbahn bis Embd
Maps:1308

Heute habe ich "z'Horu" bestiegen. Also nicht irgendein Horn sondern das Horn schlechthin. Nein, nicht das Matterhorn, das von den Einheimischen liebevoll "z'Horu" genannt wird. Was ich bestiegen habe, ist das Horn, von dem alle anderen Hörner, ob gross ob klein, ob bekannt oder unbekannt, ihren Namen haben - eben das Horn. Das Horn liegt oberhalb von Embd, zwischen dem Augstbord- und dem Jungtal. Es wird von vielen anderen viel bekannteren Hörnern umgeben. Aber eben, mit seinem Namen ist es unübertrefflich. Die Besteigung von Embd aus ist einfach. Man folgt zuerst dem guten Wanderweg Richtung Augstbordpass, dann demjenigen Richtung Jungtal. Dann geht es über einige Steine einen leichten Grat hoch. Ja, Steine muss man schon lieben, wenn man das Horn besteigen will. Aber, was nutzt es dem Menschen, wenn er alle möglichen Hörner und Gipfel sammelt, das Horn aber noch nie bestiegen hat?

Weiter ging meine Tour zum Steintalhorn, alles über den Grat. Auch dieser Gipfel legt seinem Namen Ehre ein. Hier ist nicht jede Passage ganz leicht. Der Führer sagt einfach "leicht" und erledigt die Tour mit einem Satz. Doch der Grat ist sehr lang und sieht mit all den Türmen, die es hoch und wieder hinunter zu klettern gilt, nicht so "schön" aus. Die Griffe und Tritte überprüft man in dieser Gegend besser zweimal auf ihre Festigkeit.

Weiter ging meine Tour über

- Wysegga
- Furggwangjoch
- Furggwanghorn
- Jungpass
- Rothorn
- zuletzt hinunter nach Jungen

Gross ist die Zahl der Steine in dieser Region, und der "Grat" will kein Ende nehmen. "Grat" ist die falsche Bezeichnung - es geht immer wieder viele Höhenmeter hinunter, dann wieder hinauf, hinunter, hinauf ... Bei so schönem Wetter wie an diesem Tag nimmt man aber solches gerne in Kauf. Und ich war durchaus motiviert, an diesem Tag mein (interessantes, komisches, blödes, ermüdendes, genussvolles, ...) Alpenstadt Projekt abschliessen zu können. Um drei Uhr nachmittags muss ich aber feststellen, dass ein Weitergehen vom ersten Rothorn Gipfel zum zweiten, dann zum Innern Rothorn nicht angebracht ist. Die Geschichte ist mir etwas zu imposant und ausgesetzt. Und so siegt die Vernunft über die Lust und ich steige, etwas beschwerlich, nach Jungen ab.

Mein erster Alpen Triathlon?

Der ("Triathlon" nach meiner Definition) sah wie folgt aus:

- Aufstehen am Freitag morgen um 05:45 Uhr
- 7 Stunden Unterrichten bis 17:00 Uhr
- abends 2 Stunden Tanzkurs in Ried-Brig
- anschliessend Packen und Aufbruch zur Tour (00:35 Uhr)
- einige Stunden in den Bergen unterwegs und Rückkehr nach Naters
- Nachtruhe um 20:00 Uhr

Zu den drei Etappen:

- Unterrichten: spannend, interessant und ermüdend
- Tanzen: beschwingt (?), interessant und ermüdend
- Bergsteigen: faszinierend, interessant und ermüdend

Am liebsten tanze ich eigentlich auf Gräten in den Bergen herum, und ich liebe es, mathematische Gipfel mit meinen Schülern zu besteigen - nur im Tanzen bin ich schwer zu unterrichten.

Sechs Stunden vor einer Klasse stehen gehen ungefähr gleich stark in die Beine wie sechzehn Stunden in den Begen herumwatscheln und dies wieder wie sechzig Nanosekunden tanzen. Und das dem so ist, könnte ich leicht mit Zahlen belegen ... Jedenfalls war ich zu Beginn dieser Tour so müde wie noch nie. Mehr als einmal wollte ich aufgeben, und dies bevor ich die gemütlichen Wanderwege verlassen hatte. Die ersten Meter mit den Bergschuhen dann waren fast unerträglich (alle Nastücher, die ich mitführte, mussten bald einmal als Polsterung herhalten). Zur unterrichtsfreien Sommerzeit war mir so etwas nie passiert. Höher in den Bergen, ein paar Stunden später dann, liess die überwältigende Schöheit der Natur und die Lust am Herumkraxeln manchen Schmerz vergessen. Und überhaupt ist Bergsteigen das beste Willenstraining, das man sich vorstellen kann ...

"Blöder" Sturz

Die Tour war eigentlich gelaufen. Alle Entscheidungen waren richtig - vor allem auch jene, das Innere Rothorn nicht mehr zu begehen. Es galt nur noch, nach Jungen abzusteigen. Eigentlich kein Problem. Vielleicht zweihundert Meter unter dem Gipfel begehe ich einen wunderschönen Schneekamm, der ein paar Minuten später der Grund meines Verhängnisses sein sollte. Der Kamm scheint geradewegs zum Dom hinzuführen. Ich überlege mir, diese Naturschönheit zu fotografieren. Wende mich um, schaue zurück, lasse es aber dann sein und setze meinen Weg unbeschwert fort. Nicht viel weiter unten, ich kenne die Stelle noch bestens vom Aufstieg, gilt es, eine etwa ein Meter breite Felsspalte zu überspringen. Man könnte das Hindernis auch leicht sich rechts haltend über eine Schneeverwehung umgehen. Beim Aufstieg umging ich die Spalte nicht - Schneewächten! - man kann ja nie wissen ... Und beim Abstieg war die Überlegung die gleiche. Mache ich jetzt noch einen Zwischenschritt über ein kleines Felsband? - Nein, die Stelle ist wirklich zu einfach. Ich setze zu einem Sprung, eigentlich ist es ein Schritt, an, so wie ich es an diesem Tag und in diesem Sommer tausende und abertausende Male getan hatte. Meine Schuhsohlen waren auf dem Schnee nass geworden. Die Zeit zieht sich in die Länge, oder sind es die Gedanken, die in solchen Augenblicken viel schneller ablaufen. Ich sehe in der Zeitlupe und spüre wie mein Schuh auf der Felsplatte, die so gross ist, dass man ein Haus darauf bauen könnte, ausgleitet. Es ist der totale Unglaube, der sich in meinem Hirn breitmacht. Das kann doch nicht sein, und das will ich nicht haben! Und in diesem Moment ist auch schon grosser Ärger da und der Gedanke, dass ich jetzt zwei-drei Meter hinunterfalle, und dass da allerlei Felsbrocken herumliegen, und dass ich mich sicher verletzen werde. Ich frage mich auch, wieso mir das jetzt gerade passieren muss. Später bin ich ganz in der Erwartung des Aufpralls. Jetzt werde ich gleich mit dem Kopf an einem Stein aufschlagen, jetzt werde ich das Bewusstsein verlieren, und jetzt wird mein Gesicht verwundet. Es ist aber keine Panik da, auch keine Angst, eher schon der Gedanke an das, was ich machen werde. In der ganzen Zeit nehmen meine Augen nichts wahr, doch das Hirn ist sehr aktiv. Und dann ist es vorbei. Ein nächster Gedanke in dieser Schreckenssekunde: Mein Kopf ist in Ordnung und auch mein Schädel - der so erwartete Aufschlag fand nicht statt. Und noch bevor sich irgendein Schmerz bemerkbar macht, ist da eine grosse Dankbarkeit, wie man sie nur in solchen Augenblicken haben kann. Fast so schnell, wie ich in das Loch hineingelangt bin, verlasse ich es wieder. Noch weiss ich nicht, ob alles an mir in Ordnung ist - das braucht jeweils seine Zeit. Der Schmerz am Unterarm und Unterschenkel ist ein paar Minuten gross, er wird aber überschienen von dieser Dankbarkeit, die stärker als alles andere ist. Ich kühle meine maltraitierten Glieder im Schnee und setze dann meinen Abstieg ins Tal hinunter fort. Meine Gedanken während der ersten Wegstunde: nie mehr einen Berg besteigen, nie mehr alleine einen Berg besteigen. Zu gut weiss ich, was bei meinem Sturz alles hätte passieren können. Wieder einmal riesiges Glück gehabt. Doch in Anbetracht der Banalität der Situation, die ich mit meinem Sprung zu meistern hatte, weiss ich, dass nicht die Berge schuld waren - so was kann einem sogar in der gemütlichen Stube daheim passieren.
 


Hike partners: eugen

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PD-
14 Jul 06
Rothorn (3278m) · Omega3

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