Sparru-, Festi- und Wasuhorn


Published by eugen Pro , 23 August 2008, 20h15.

Region: Monde » Switzerland » Valais » Oberwallis
Date of the hike:22 August 2008
Waypoints: Sparruhorn 2988m. 9801 ft. (1) Festihorn 3092m. 10142 ft. (1) Wasuhorn 3343m. 10965 ft. (2)
Geo-Tags: CH-VS 
Mountaineering grading: F
Route:Jungen - Sparruhorn - Festihorn - Wasuhorn - Jungen
Access to start point:mit der Bahn nach St. Niklaus und der Luftseilbahn nach Jungen
Maps:1308

Grosser Aufwand - Ertrag eher unter den Erwartungen

Das Sparruhorn ist nicht zu verwechseln mit dem Sparrhorn oberhalb der Belalp; und das Wasuhorn ist nicht zu verwechseln mit dem Wasenhorn im Simplongebiet. Der Wetterbericht für diesen Freitag war nur bis Mittag gut, dann sollten, weil wir nur von einem Zwischenhoch profitierten, Nebel und Gewitter aufziehen. Die ständige Wetterbeobachtung während der Tour und vor Ort gab dem Wetterpropheten (wie fast immer) recht. Morgens war der Himmel noch unbefleckt, und die spätere Wetterentwicklung gab zum Abbruch der Tour Anlass. Nass wurde ich aber erst auf der letzten Etappe - auf dem Fahrrad vom Bahnhof Brig bis Naters. Da der Anmarsch lang und beschwerlich sein würde, hatte ich mir noch ein paar mehr Gipfel vorgenommen gehabt. Aber eben, aus den Projekten wurde nichts. Halb so schlimm!

Überhaupt war ich mit vielen komischen Gefühlen aufgebrochen - Gefühle, die ich erst bei Tagesanbruch und nach bald acht Stunden Marsch in der Dunkelheit los wurde. Da war ein gewisser Respekt vor dieser Gegend, die ich schon vor Tagen mit dem Feldstecher inspiziert hatte - mir kamen die Gräte schmal, die Spitzen spitz und die Flanken steil vor. Zudem wusste ich von jemandem, der da alleine aufgebrochen war und nie mehr zurück kehrte. Und dann eben der Wetterbericht! Doch das Fleisch ist stärker als der Geist, und so marschierte ich trotzdem vom Bahnhof Brig los. Immer wieder dachte ich eher an eine Wanderung durchs Vispertal, einfach mal so weit wie möglich, als dass ich ins Jungtal hochsteigen würde. Oder vielleicht würde ich das Saastal wählen. Schlechte Gefühle sind ja auch eine Art Vorwarnung, sagt man. Mensch, wird man auf der Asphaltstrasse müde! Nach einer gewissen Zeit beginnen die Sohlen richtigartig zu brennen. So war ich dann froh, nach vier Stunden in St. Niklaus den Aufstieg nach Jungen antreten zu können. Bergauf ist Erholung - ohne Scherz!

Der dunkle Wald, der tosende Bach, die erahnten schroffen Wände um St. Niklaus, der schmale Weg - alles trug zu einer recht intensiven Stimmung bei. Und immer wieder kam der Gedanke an den, der da hoch zog und nie mehr zurück kehrte. Für mich sind Bergtouren ganz stark auch spirituelle Unternehmungen. Der schöne Kreuzweg von St. Niklaus nach Jungen hoch, war ein intensives Erlebnis. Ich hangelte mich förmlich von Kreuzwegkapelle zu Kreuzwegkapelle.

So kommt man in Jungen an. Der Ort schien um diese Jahreszeit schon verlassen zu sein. Keine Strassenlampen. Plötzlich, hinter einem Haus hervorkommend, auf mich zu rennend und auf einem grossen Felsen vor mir abrupt anhaltend - zwei hell leuchtende Augen. War es Miau, Wau oder Wuf? Die Augen verschwanden wieder. Ich war sicher, sie würden gleich, hinter dem Fels hervortretend, unmittelbar vor mir auftauchen. Mich an die Geschichte von David und Goliath in der Bibel erinnernd, bückte ich mich nach einem einigermassen grossen Stein. Nicht umsonst also hatte ich in der letzten Zeit den Diskuswerferinnen in Peking zugeschaut. Und meine Steinplatte war in der Tat olympiaverdächtig. Angriff ist die beste Form der Verteidigung, und so ging ich überzeugenden Schrittes um den Felsen herum. Die Augen waren jetzt viel weiter weg als vorher noch und schienen sich eher vor mir zu fürchten. Ein paar Minuten höher oben im Dorf wiederholte sich die gleiche Szene - nur dass ich diesmal im Scheine meiner Stirnlampe erkannte, dass diese Augen nicht einem Hund und auch nicht einem Wolf sondern einem ganz gewöhnlichen Steinbock gehörten. Steinböcke mitten im Dorf ist aber doch etwas eigenartig!

Da ich nun mit allerlei steinzeitlichen Waffen versehen war, und mein Körpergewicht damit ein Vielfaches des ursprünglichen betrug, legte ich die nächsten zehn Kilometer bergan deutlich langsamer zurück. Mein nächstes Ziel war der Ort genannt Jungtal. Ein teilweise recht breiter Weg führt hinauf auf diese Alpe. Was mich sehr staunen liess, war eine vielerorts etwa zwei Meter hohe Steinmauer - die dem Sagen nach in den dreissiger Jahren - bergseits errichtet wurde. Sie wird wohl mehr als ein Kilometer lang sein. Lange konnte ich mir keinen Reim daraus machen. Erst beim Absteigen entdeckte ich, dass die Mauer auch dort weiter führt, wo kein Weg mehr ist. Ich legte mir eine Hypothese über den Sinn dieses Mauerwerkes zurecht. Ein Einheimischer bestätigte später die Richtigkeit meiner Annahme.

Jetzt war es an der Zeit, Turnschuhe gegen festeres Schuhwerk zu wechseln. Eine willkommene Gelegenheit, eine erste Pause seit Brig einzulegen. Etwas später komme ich bei den Stallungen im Jungtal an. Da die Phantasie nachts hin und wieder doch etwas verrückt spielt, warte ich nur darauf, bis der in diesem Szenario obligatorische Hund herausstürmt und mich in den Rucksack beisst. Auf den nächsten Metern an den Hütten vorbei und über etliche Hüterdrähte hinweg hätte Usain Bolt alt ausgesehen. Wo bleibt in solchen Momenten eine offizielle Zeitmessung? Da auch ich (gemäss meinem Namen) quasi von Geburt an gen-gedoppt bin, wäre die Leistung sensationell gewesen. Wird man mir deswegen später einige Gipfel aberkennen? Jedenfalls war ich in dieser Situation froh, damals gegen den Rat der Verkäuferin eine doppelt ausstaffierte Sommertourenhose erstanden zu haben. Der Hüttenhund hätte keine Chance gehabt. Auch dieses Abenteuer ging ohne Schaden für mich vorüber. Wohl schlief der Hund in dieser Nacht, oder es gibt in diesem Teil der Geschichte gar keinen Hund.

Und ein letztes nächtliches Ereignis. Wieder viel weiter oben, realisiere ich allmählich, dass ich mehr und mehr von kampflustigen Eringer Kühen umzingelt werde. Die kennt man ja von der Kantonalbank Werbung: voller Kampfeslust, standhaft bis in den Boden, von Walliser Urgestein. Ich fühle mich ungefähr so wie unser Roger Federer sich fühlen würde, wenn er in dunkler Nacht gegen lauter Kaminfeger mit lauter schwarzen Bällen spielen müsste. Von allen Seiten spüre ich diesen feuchten Atem in der Luft. Nein, diesmal würde ich nicht nach irgendwelchen Waffen greifen - ich bin doch nicht spanischer Stierkämpfer und kämpfe mit scharfen Pfeilen gegen an und sich wehrlose und friedliche Wiederkäuer und Vegetarier, nur um der Welt meinen nicht vorhandenen Mut zu zeigen. Ich würde mich dem direkten Ringkampf stellen, auch wenn ich von der Gewichtsklasse her leicht benachteiligt von meiner Erfahrung mit spitzen Hörnern aber deutlich bevorteilt bin. Ein letztes Mal putze ich meine Brillengläser und stelle nicht ohne Erstaunen fest, dass meine Gegner nicht wild gewordene Kampfkühe, geschweige denn fauchende Stiere sondern eher Kälber oder höchstens Erstmelken sind (ich kenne mich da nicht so recht aus).

Nun, da auch dies überstanden war, wage ich einen ersten Blick zurück. Vorher wusste ich, auch aus den bekannten Walliser Sagen und von den Geschichten meines Vaters, dass früher nachts und im dunklen Wald manch einer von manch einem von hinten angegriffen wurde. Manch einer wurde von manch einer unheimlichen Gestalt mit kalter Hand, so kalt wie Eis, berührt, oder vor diesem oder jenem gewarnt oder ernsthaft ermahnt. Nun, da ich zurückblicke, sehe ich weit unter mir ein Lichtermeer - Grächen, und viel weiter weg sehe ich ein zweites Lichtermeer - muss wohl Mailand sein. Oh, Blamage! - Mailand ist nicht Mailand, sondern Gspon, meine eigentliche Heimat. Jahraus jahrein, schon seit 35 Jahren mindestens, brennen da jede Nacht alle Strassenlampen, auch wenn kaum jemand da wohnt, nur für Fuchs und Has, oder für Hänsel und Gretel. 35 Jahre, weiss ich darum so genau, weil mein Vater einmal in der Gemeindeversammlung fragte, ob all diese Lampen denn nicht viel Strom bräuchten, so das ganze Jahr und die ganze Nacht hindurch. Nein, nein, um Himmels Willen! - war die Antwort. Mein Vater meinte dann noch halblaut, dass er nun auch solche Lampen in seiner Wohnung montieren lassen würde. Ist ja eigentlich klar, dass diese Strassenlampen keine Energie brauchen, ist doch nur Licht und keine Energie - und was soll überhaupt das ständige Getue wegen dieser Energiekrise und Erderwärmung ...

Und nun endlich noch kurz zur Tour

Ich habe zuerst das Sparruhorn über seinen NW-Grat bestiegen. Ist nicht schwierig. Ich hätte aber vielleicht nicht über Galkigi Flüe gehen sollen. So musste ich wieder einige Meter bis zum Einstieg absteigen. Vielleicht könnte man ab den Stallungen dem Jungbach folgen.

Den Aufstieg zum Festihorn von der Sparrulicke brach ich nach dem Kreuz ab. Ich ging weit ein Couloir hinunter und dann weiter westlich wieder viele Meter hoch. Erkenntnis: Auch wenn eine Route im Führer als "leicht" beschrieben wird, ist es ganz und gar nicht so, dass sie auch leicht ist, wenn man alleine unterwegs ist. Alleine unterwegs sieht alles etwas anders aus. Ein grosse Frage hier: welches ist der Gipfel des Festihorns? Eine, zwei Stunden (oder ein Grantkilometer) weiter rechts oder links? So erlebt man Überraschungen. Auch das Wasuhorn besteigt man gemäss Führer leicht.

In der Wasulicke traf ich auf Leute, die diesen Übergang zur Topalihütte benützen. Da stand auch ein Paar herum, das nicht gerade den standfestesten Eindruck machen. Später, als ich selber von der Lücke ins Jungtal hinunterstieg (Seile, Stangen, Leitern, vieles von der Natur wieder zurecht gebogen ...), stellte ich fest, dass dieser Weg nicht ganz leicht ist. So steigt man beispielsweise die Leiter auf den Gletscher hinunter und muss dann feststellen, dass die Leiter im Leeren endet. Die Gletscher senken sich halt ab - schön, dass wegen des Klimawandels wenigstens die Weltmeere ansteigen ...

Alles in allem eine schöne, wilde Gegend. Dort ist man dem Weisshorn nun wirklich nahe.

Die Tour, wie ich sie machte, dauerte fast 16 Stunden. In der Rekrutenschule mussten nach jedem Marsch noch Reaktionsübungen gemacht werden - links anhalten, marsch! - rechts anhalten, marsch! Im gleichen Sinn ging es nach meiner gestrigen Tour abends noch in den Tanzkurs nach Ried-Brig - Samba, samba ...
 


Hike partners: eugen

Gallery


Open in a new window · Open in this window

AD WT5
2 May 08
Wasuhorn · Zaza

Post a comment»