Und es gibt sie doch. Offiziell nicht mehr existierende Wege im Onsernone


Publiziert von Regula52 , 28. Mai 2014 um 23:59.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:14 Mai 2014
Wandern Schwierigkeit: T4+ - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Pizzo Cramalina 
Zeitbedarf: 1 Tage 4:00
Aufstieg: 900 m
Abstieg: 1300 m
Strecke:Berzona-Monte Iasco-Ledrima-Sassello-Passo della Garina-Campo-Laresid-Calagno di Sopra-Cortone 1220-Salmone di sotto-Forcla-Testin-Testa-Vii-Lettuno-Comologno
Zufahrt zum Ausgangspunkt:OeV
Zufahrt zum Ankunftspunkt:OeV
Kartennummer:CD Ticino 1:25000 und diverse alte Karten

Vollmond, herrliches Wetter, der Plan ist klar: Vollmondbiwaktour. 
Zudem  freute ich mich schon lange  auf die Fortsetzung meiner Talwanderung entlang der Sonnenseite des On
sernonetals auf mittlerer Höhe. 
Ein Tag unterwegs auf offiziell nicht mehr, oder nur teilweise existierenden Wegen, Abenteuer, Spannung, Herausforderung des Orientierungsvermögens.  Wow. 
Da ich am zweiten Tag bereits um 14h an einer Fortbildung in Lugano eintreffen musste, lag dann nicht mehr viel mehr als der Abstieg drin, zumal mich ein falsch platzierter Wegweiser an der Nase herumführte. 

Bewaffnet mit Karten jeglichen Alters mache ich mich auf den Weg. OeV nach Berzona. Dann gehe ich der Strasse entlang hinauf zum Dorf. Beim Friedhof wartet ein verspielter Labrador auf mich. Die freudige Begegnung wird bald zum Problem. Offensichtlich langweilt er sich und macht keinerlei Anstalten, im Dorf zu bleiben. Bei der Abzweigung nach Monte Iasco bei einer alten, einsamen Kirche oberhalb des Dorfes versuche ich den Besitzer anzurufen, dessen Telefonnummer sich am Halsband befindet, aber niemand antwortet. Der Junghund ist entschlossen, mir zu folgen, was ich aber etwas riskant finde, weil ich die Strecke gar nicht kenne. Also zurück ins Dorf, wo ich bei einem Häuschen auf eine junge Frau treffe. Auch sie hat einen Hund und mein Begleiter geht schnurstracks zu ihr ins Haus. Ich bin ihr dankbar, dass sie ihn mir abnimmt. 
Uebrigens scheint mir das Onsernone eine Exklave der Deutschschweiz zu sein. Auf alle Fälle habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht lohnt, die Leute in den Rustici, oder auf den Wegen auf italienisch anzusprechen. Da wurde ich nur schräg angeschaut. Auch der Postautochauffeur spricht, so viel ich ausmachen konnte, einen Luzerner Dialekt. 
Das mit der Sprache kam mir echt ein bisschen schräg vor. 
Also zurück zur alten Kirche. Anstatt auf dem schönen Weg ins Tal hineinzugehen, zweigen Spuren gerade nach der Kirche den Hang hinauf ab nach Monte Iasco. Es hat noch die eine oder andere Markierung. Frank Seeger in alpi- ticinesi  erwähnt den Weg von Berzona über Monte Iasco nach Ledrima und dann nach Sassello mit T4+.  Je höher man steigt, desto schöner wird der Weg.  Bald erreiche ich den Balkon von Monte Iasco mit einem schönen Rustico und der üblichen schönen Aussicht.  Oberhalb  der obersten Hütte geht der schöne und gut sichtbare Weg an einer Ruine vorbei ins Tal hinein. Kurz vor dem Tal des Bordione, wo der Weg laut Karte aufhört, kommt man zu einem Bächlein. Von dort sieht man den Weiterweg auf der anderen Seite des Tobels, etwas weiter unten. Die logischste Route führt dem Bächlein entlang etwas  hinunter, dann überquere ich das Bächlein nach links und komme zu einer Art Treppe in einem Felsen. Ich bin mir sicher, dass hier die natürliche Struktur von menschlicher Hand  für menschliche Bedürfnisse  nachgebessert worden ist. (s. Foto) Wenn man diese Route wählt, kommt man bequem hinunter und kann allen rutschigen, glitschigen nassen, schlammbedeckten Traversierungen ausweichen. 
Auf der anderen Seite geht es auf schönem Weglein weiter und gleich ist man in Ledrima. 
Von dort steige ich erst etwas ab und der Weg  in die nächste Schlucht befindet sich dort, wo er in der Karte  eingezeichnet ist. Zuerst muss man etwas suchen, es finden sich aber vergilbte rote Markierungen an den Bäumen. Mit der Zeit wird der Weg etwas deutlicher und man wählt die unterste Spur.  Beim nächsten Bach muss man etwas absteigen und sieht auf der anderen Seite den Weiterweg, der innert Kürze ins Tobel hinunterführt. Ich komme zur weit und breit einzigen Furt und auf der andern Seite führt der Weg zuerst gerade hinauf und dann dem Hang entlang nach Sassello.  Es bieten sich auf der ganzen Strecke von Berzona nach Sassello keine grösseren Schwierigkeiten, wenn man mit dem Tessiner Gelände einigermassen vertraut ist. 
Bei Sassello treffe ich dann auf den markierten Weg zum Passo della Maggia, dem ich kurz folge und ihn dann auch wieder nach rechts verlasse, um zu den obersten Hütten von Sassello aufzusteigen. Im einen der Rustici  sind Arbeiten im Gang. Ich treffe auf eine freundliche, selbstverständlich deutsch sprechende Frau. Ich frage sie nach den Wegen. Sie weiss nicht so recht Bescheid. Aber ins Garina hinunter würde sie mir nicht anraten.  Vor 15 Jahren habe das einer von einem kartographischen Institut versucht, aber der sei nach 20 Minuten total zerkratzt zurückgekommen und habe gesagt, diesen Weg lasse er fallen.

Also das Abenteuer beginnt. Zuerst folge ich dem Weg, der auf meiner neuen Karte immer noch eingezeichnet ist, der zum Bergrücken hinaufführt und dann in eine 180 Grad Kurve macht , um dann auf den Pino hinaufzuführen.  Bei der Kurve angekommen, zücke ich meine alten Karten. Da gibt es viele verschiedene Wege. Eigentlich möchte ich  den Weg, der einst  zur Costa dell'  Asèed und Costa dei Masgnèi  führte begehen. Wenn ich aber den Weg finde, der über die  Costa da Chignell und Zott zum Passo della Garina führt, bin ich auch zufrieden.  Also gehe ich erstmals geradeaus. die Höhe haltend. Ich befinde mich auf einem schönen Trassée. Es muss sich um einen einst schönen und mit Vieh begangenen Weg gehandelt haben.  Das Trassée ist breit und gut ausgebildet.  Der Kartograph muss irgend einen Fehler gemacht haben, da man hier bequem geht und mitnichten zerkratzt wird.  Noch selten hat mir ein Weg soviel Sicherheit eingeflösst,  wie dieser. Langsam beginnt sich der Weg abzusenken, also muss ich die Abzweigung  zur Costa dell' Asèed  verpasst haben. Etwas weiter unten finde ich aber neue blaue Markierungen, die mit Sicherheit dort hinauf führen.  Ich bleibe aber auf meinem Trassée und komme problemlos  zum Passo della Garina. 
Von dort gibt es auf der ältesten Karte eine eingezeichneten Weg, der den obersten Hütten folgt und nach Laresid führt.  Auch dieser ist noch in Ansätzen vorhanden, aber wegen der Vegetation etwas schwieriger zu finden.  Bei Laresid  findet sich oberhalb der Weide ein Weg, der oberhalb der Ruine vorbeiführt und dann in den Wald hinauf geht. Wie in der alten Karte eingezeichnet führt er nach Calagno di sopra.  Auf diesem Abschnitt  ist die Anforderung an die Orientierung  grösser. Bei einem Tobel angelangt muss man darin absteigen, bis man auf der anderen Seite wieder eine Wegspur findet.  Aber auch dieses Trassée flösst Vertrauen ein. 
Dann folgt der Abschnitt von Calagno di sopra  im Gebiet Pian Puzel zur Hütte auf 1220m von Cortone. 
Es findet sich zeitweise eine Wegspur , die sich aber immer wieder verliert. Wenn man sich aber mehr oder weniger an die Höhe 1200m hält kommt man zum Ziel.  Zuerst zu einer Wasserfassung und von dort auf schönem Weg zur Hütte auf 1220 m.  von Cortone.  Man quert zwei Tobel,  wo man etwas suchen muss. Es lohnt sich Entschlossenheit an den Tag zu legen. Bei der Hütte angelangt geniesse ich die Sonne und die herrliche Aussicht auf die glitzernden Berge.  
Von hier steige ich zu 1248m auf und finde den Weg nach Salmone di Sotto  problemlos. Dieser ist auch mit Bändeli markiert.  Bis anhin war die Tour bezüglich Fauna und Flora eher enttäuschend und nun die Ueberraschung. Im lichten Gebüsch sehe ich eine Schlange(s. Foto), eine riesige Schlange. Sie kriecht und kriecht und kein Ende ist in Sicht, so wie bei den  sehr langen Güterzügen.  Ich schätze sie auf mindestens 1,50m. vermutlich eine gelbgrüne Zornnatter.  Leider konnte ich die Augen nicht genau sehen, ob sie runde Pupillen hatte, oder Schlitze, aber von der Grösse her schliesse ich auf eine Natter. Welche Ueberraschung.  Als Ziel für den heutigen Tag habe ich die Forcla vorgesehen.  Ich träume vom wunderschönen Sonnenuntergang im Westen und vom Vollmond. 
Inzwischen hat sich stürmischer Nordföhn eingestellt. Ich suche mir den geschütztesten Platz hinter einem Felsen, aber beim ersten Windstoss will mein Biwak abheben.  Vor Kälte schlotternd krieche ich hinein und nicht mehr hinaus, aus Angst, dass es wirklich wegfliegt.  Der romantische Sonnenuntergang bleibt ein Traum und die Vollmondromantik  erstarrt bei diesen Temperaturen. Auf alle Fälle bin ich froh, wenn es morgen wird. Das war eine kalte Nacht. 
Am andern Morgen mache ich mich zeitig auf, da ich über Chilasco gehen möchte.  In Vii werden Ställe gebaut und das Maiensäss  scheint wieder bestossen zu werden.  Da sehe ich den Wegweiser nach Chilasco.  Ich frage mich, ob ich denn nun schon in Littuno sei.  Es gibt auch noch eine einzige rot-weisse Markierung.  Im  stellenweise sehr abschüssigen Wald suche ich nach einem Weg. Es gibt viele Tierspuren, die  sich aber im Nichts verlaufen. Ich beschliesse, dass da kein Durchkommen ist, gehe nach längerem Suchen zurück, wundere mich über den Wegweiser und beginne abzusteigen.  Etwa 50 m weiter unten, bin ich dann wirklich in Littuno und die Wegmarkierung  geht sehr deutlich nach links weg. Jetzt habe ich nicht mehr genügend Zeit , über Chilasco zu gehen  und steige weiter nach Cavigliano ab.  Wenig oberhalb des Dorfes begegne ich den Zistrosen, eine zweite freudige Ueberraschung. 

Höhenmesser und kontinuierliche Justierung desselben dringend zu empfehlen. 
 

Tourengänger: Regula52


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Kommentare (6)


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fuemm63 Pro hat gesagt:
Gesendet am 2. Juni 2014 um 21:50
Danke für diesen wunderbaren Bericht!

Regula52 hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. Juni 2014 um 21:46
Vielen herzlichen Dank für's Kompliment. Es war eine ganz spezielle Tour.
Sobald ich dazu komme, werde ich noch die Route auf einer Karte einzeichnen und zu den Photos hinzufügen.

bobi hat gesagt: Übrigens...
Gesendet am 6. Juni 2014 um 17:34
Übrigens:
mit dem Ponte Tibetano zwischen Monte Carasso ( Gane) nach Sementina ( Selvatico) wurde begonnen. Die Fundamente sind im Bau, der Weg von Monte Carasso her ist schon fast zu luxuriös ....
Gruss Bobi47

Regula52 hat gesagt: RE:Übrigens...
Gesendet am 6. Juni 2014 um 21:56
Vielen Dank für die Mitteilung. Habe sie gleich an den Sementinaspezialisten Andreas Seeger weitergeleitet.

Ist ja der Wahnsinn. Ich habe nie daran geglaubt, dass das kommt.
Jetzt muss ich mich wohl mit meinem Airolo- Locarno Projekt auf mittlerer Höhe beeilen, um das noch einigermassen einsam durchführen zu können, zu mindest in diesem Bereich.

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 31. Juli 2014 um 11:02
deine "abwegigen" Touren sind immer wieder reizvoll, eine Freude, sie zu lesen - und unbekanntes Tessin mitzuerleben!

lg Felix

Regula52 hat gesagt: RE:
Gesendet am 31. Juli 2014 um 23:12
Vielen Dank für's Kompliment.

saluti
Regula


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