Einsam und weglos auf Schänzlekopf (2069 m) und Schänzlespitze (2052 m)


Publiziert von ju_wi , 10. August 2008 um 02:04.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Allgäuer Alpen
Tour Datum:29 Juli 2008
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: D   A 
Zeitbedarf: 7:00
Aufstieg: 1200 m
Abstieg: 1120 m
Strecke:13,9 km
Unterkunftmöglichkeiten:Hinterstein
Kartennummer:BayLV Allgäuer Alpen

Zwischen Rauhhorn und Hochvogel verläuft ein Grat, der ein knappes Dutzend wenig bestiegener Gipfel beherbergt, die alle zwischen 2000 und 2300 Höhenmetern messen und damit als östliche Begrenzung des Ostrachtals dieses jeweils um mehr als 1000 Meter überragen. Auf der österreichischen Seite und oft nahe des Grates und seinen Einsattelungen läuft auch der Jubiläumssteig von der Prinz-Luitpold-Hütte zum Vilsalpsee. Von hier lassen sich viele der Gipfel "schnell" besteigen, während eine Tour aus dem Hintersteiner Tal immer eine ausgewachsene Bergtour darstellt. Von unserer oft besuchten Pension in Hinterstein haben wir einen tollen Blick auf das Rauhhorn und einen guten Teil des Kammes und so stehen diese Berge schon länger auf unserer Wunschliste.

Schänzlekopf und Schänzlespitze gehören dabei sicher zu den am wenigsten begangenen Gipfelzielen in der Mitte des Grates. Die Tour zu ihnen aus dem Hintersteiner Tal ist sehr selten begangen und von der Orientierung wirklich nicht einfach - wie wir merken sollten. Auf jeden Fall garantiert diese Tour ein einsames ursprüngliches Bergerlebnis, das sich so stark von den Touren auf befestigten Steigen unterscheidet. Wie sagt der AV-Führer immer so schön - und wenn man es geht, versteht man es besser: "Eine Tour für Individualisten."

Es geht schon morgens in unserer Pension los, als wir unserer 79-jährigen Pensionsoma erzählen, dass wir Schänzlekopf und Schänzlespitze besteigen wollen. "Wie? Natürlich kenne ich die Berge, es sind die dahinten. Ich habe aber noch nie gehört, dass da jemand raufsteigt." Wir nehmen den Bus Richtung Giebelhaus und ernten auch hier eine merkwürdige Nachfrage, als wir als Fahrtziel den Hinteren Erzberghof nennen. "Wo wollt's da aussteige? Wollt's zum Erzberg?"

Gut so. Am Hinteren Erzberghof steigen wir beiden als einzige aus dem voll besetzten Wanderbus gut einen Kilometer vor dem Giebelhaus aus. Kein Schild weist uns den Weg, aber zu Beginn können wir einem breiten Alm-Zufahrtsweg gut 300 Hm in die Bergflanke folgen. Es ist ein schöner warmer Sommertag und der für einen Fahrweg recht steile Anstieg treibt uns den Schweiß aus den Poren. Aber auch dieser erste Teil ist schon schön - die Wegführung folgt dem Erzbach, verläuft aber z.T. gut 50 - 100 Meter oberhalb des Baches. Auf ca. 1400 Metern gelangen wir an den kleinen Mitterhof mit Heuschober. Von hier an geht es nun auf schmalen, später kaum zu erkennenden Pfaden durch den Oberlauf des einsamen Erzbaches.

Bald schon sind wir nicht mehr sicher, ob wir den richtigen Tritten folgen und gehen mehr und mehr weglos. Laut unserer Karte und der AV-Wegbeschreibung sollte jetzt bald eine Verzweigung kommen bei der wir geradeaus müssen. Tatsächlich finden wir dann kurz später eine erkennbare Trittspur rechts den Hang hinaufführen. Nur - wo ist die Gerdeaus-Route. Nichts zu erkennen und das Gelände wird immer steiler, dichter bewachsen und unzugänglicher. Die Höhenlinien und das Quellbachsystem der Karte wird genauer studiert: Es muss hier doch irgendwo hergehen... Was solls, irgendiwe kommen wir da schon durch, denn ein gutes Stück weiter oben ist ein Querpfad zu erkennen. Allerdings sind dazwischen auch einige Felsstufen. Jedenfalls wird das Gras immer steiler und mit gerölligen Stücken kommen wir z.T. nur noch mit Händen und Füßen voran. An einer ersten Felsecke treffen wir auch nicht auf Spuren. Wir halten uns links und gehen durch Latschen weiter empor. Eine steile Grasflanke empor in eine Ecke erreichen wir eine nächste Felsstufe. Von der Höhe müssen wir ganz dicht an dem Querweg sein - aber es ist jetzt schon fast ein wenig heikel. An der Felsstufe quere ich eine steile Geröllrinne und klettere äusserst mühsam durch meterhohe Latschen empor. Margit hat dazu keine Lust und probiert ihr Glück lieber an der Felsstufe selbst. Jedenfalls gelangen wir beide wohlbehalten die 10 fehlenden Hm hinauf und auf ein flacheres Stück, wo wir durch lichteres Latschengestrüpp wieder zusammenlaufen. Noch über einen moosigen Bach und da läuft der kleine Pfad neben uns her. Der schwierigste Teil ist geschafft!

Wir müssen schon grinsen, als wir dem Querpfad Richtung Schänzlesattel folgen und sogar auf verblichene Markierungen stossen. Durch eine Gras-, Geröll- und Schuttflanke auf deren Gras auch viele Alpenrosen blühen, steigen wir in Serpentinen auf zum Schänzlesattel (eine eigene Wortschöpfung für den nach Karte nicht benannten Sattel zwischen Schänzlekopf und -spitze). Auf dem Sattel (1913 m) angekommen wollen wir von diesem beide Gipfel nacheinander besteigen. Eigentlich hatte ich die Schänzlespitze als ersten Berg ausgesucht, aber vom Sattel sieht man nur dichte Latschen und so wirkt der zwar steilere Schänzlekopf doch einladender. Von dort wird man dann wohl auch eine Wegführung erkennen zur Schänzlespitze. Wir steigen weglos durch die schrofige Flanke des Schänzlekopfs und kommen auf eine Art Gratrippe. Hier erkennen wir ganz schwache Trittspuren sowohl die Rippe kreuzend als auch quer in unserer Flanke bleibend. Da es hinter der Rippe schon etwas ausgesetzt aussieht folgen wir der steilen Geröllquerung zu einem Felsaufbau. An diesem hangeln wir uns weiter entlang und kommen an eine noch steilere Geröllrinne, die zu der Gratrippe wieder hinaufführt. Obwohl wir nicht sehr zuversichtlich sind, dass es dort weitergeht, kraxeln wir sehr vorsichtig durch die Rinne dort hinauf. Und wir haben Glück: Es folgt eine nun etwas einfachere Querung eines schmalen Kars zu einer felsigen weiteren Gratrippe, von der wir schon das Gipfelkreuz sehen, dass aber noch ein stück entfernt ist. An der Gratrippe kraxeln wir in nun eher felsigerem Gelände weiter schräg empor und gelangen zu einem sehr schönen fast horizontalen, längeren Felsgrat, der uns zum Gipfel und Kreuz führt.

Es gibt sogar ein Gipfelbuch, das liebevoll zusammen mit einer Wanderkarte verstaut ist. Während wir normalerweise nicht viel für Gipfelbücher übrig haben, so schauen wir hier neugierig nach und tragen uns ein. Wir sind erst die 5.Besteigung in diesem Jahr und das Ende Juli ! Der letzte war vor einem Monat hier oben. Wir genießen den Rundblick und schauen uns die Route zu unserem nächsten Ziel an, klar weiter links kann man auf einer Rippe an den Latschen vorbei auch gut zur Schänzlespitze aufsteigen. Aber zuerst müssen wir hinab. Wir gehen exakt den gleichen Weg zurück und sind vor allem bei der steilen Rinne in Nähe der Felsstufen höchst konzentriert und vorsichtig.

Am Sattel angekommen, queren wir auf Gras unterhalb der Latschen ostwärts bis zu derem Rand. Dort biegen wir in den Aufstieg durch schrofiges Grasgelände. Die ersten 50 Hm sind mittelsteil, dann wird das Gelände jedoch für ein gutes Stück nochmals steiler. Von dem Gipfelblick vorher wissen wir jedoch, dass man danach auf flacheres Gelände gelangt. Also weiter dadurch - und es geht eigentlich auch ganz gut. Nach der Steilpassage durch Fels und Gras erreicht man ein flacheres Plateau mit gut gangbarem Grasgelände. Auf diesem wenden wir uns zunächst Richtung Grat - denn die Schänzlespitze bricht nach Osten recht jäh ab. Dem Grasgrat folgen wir weiter nördlich zu einem Grenzstein, den wir für den höchsten Punkt halten. Doc hier angekommen sehen wir, dass dieser noch ein klein wenig weiter liegt. Hier gibt es nun wirklich weder Kreuz noch Steinmann - wir haben das Gefühl, dass hier nie jemand raufkommt. Wenn es am Schänzlekopf trotz Kreuz und manchmal sichtbaren Trittspuren weniger als 10 Besteigungen im Jahr sind, wieviel sind es dann wohl erst hier?

Wir nehmen auch hier den gleichen Weg für den Abstieg zum Sattel und steigen zurück in die Flanke Richtung Erzbachtal. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir wieder die Stelle, wo wir bei der Aufstiegskraxelei auf den PFad gestossen sind. Allerdings bleiben wir nun auf dem kleinen Pfad und queren weiter oberhalb der Felsstufen an den Fuß des Roßkopfes. Hier wenden wir uns mit dem Pfad nach links Richtung Sattel-Hütte. In weiten Bögen, die wir weglos steiler stark abkürzen, führt ein kleiner Pfad hinab, quert einen Bach und steigt auf eine Flanke oberhalb des Giebelhauses auf eine Jagdhütte zu. Bevor man zu dieser gelangt, ist es jedoch noch ein gutes Stück zu gehen durch steile, schmale Hangserpentinen und durch hohe Vegetation. Schließlich liegt nach einem rutschigen Stück die Jagdhütte vor uns und auf einem Fahrweg gelangen wir ins Bärgündelestal und die geteerte Spur zum Giebelhaus.

Das war für uns ein kleines Abenteuer.


Tourengänger: ju_wi

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Geodaten
 236.gpx Schänzlekopf und -spitze

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