Best of Lischana


Publiziert von danski , 6. März 2014 um 22:20.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Unterengadin
Tour Datum: 2 März 2014
Ski Schwierigkeit: S+
Wegpunkte:
Geo-Tags: Lischana Gruppe   CH-GR 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 2280 m
Abstieg: 2550 m
Strecke:San Jon - Chamanna Lischana; Piz San Jon Dadora E-Couloir - Vadret da Triazza - Piz Lischana - Lischana Westrinne - San Jon

Es war keine einfache Entscheidung. Sollte man wirklich in jene Ecke der Schweiz, wo es wenig bis kaum Neuschnee gegeben haben soll und die Wetteraussichten auch noch am zweifelhaftesten vorausgesagt wurden? Bezüglich Lawinensituation bewegten wir uns immerhin auf der sehr sicheren Seite. Mit der Aussicht auf einsame Hüttenromantik und einige gute Linien in den Unterengadiner Dolomiten fiel uns die Wahl dann doch etwas leichter.

Dank perfekt abgestimmter ÖV-Verbindungen ist das Unterengadin mittlerweile in die Reichweite der grossen urbanen Ballungszentren gerückt. Ein Glück für uns. Nach dem wir uns ins Scuol mit reichlich Essen für das Abendessen in der Lischana Hütte eingedeckt hatten, liessen wir uns aus Bequemlichkeit per Taxi zu den Stallungen von San Jon chauffieren. Von diesem Ausgangspunkt sind etwas mehr als 1000HM hoch zur Hütte zu bewältigen. Motiviert trafen wir bald auf Spuren aus dem Val Lischana. Zu unserem Erstaunen war der Aufstieg erst kürzlich frisch gespurt worden. Sollten nicht nur wir auf diese Idee gekommen sein? Schnell kamen wir auf der guten Spur voran und erreichten die Hütte in weniger als 2 Stunden. Tatsächlich bestätigten sich unsere Befürchtungen. Eine siebenköpfige Tourengruppe aus dem Allgäu sowie zwei weitere Toruengänger hatten die Hütte bereits wohlig warm eingeheizt und alle Schlafplätze belegt. Naja, irgendwie würde wir die Nacht schon um die Ohren schlagen können... Erst einmal sorgten wir für Bayrisch-Schweizerisch-Kanadische Völkerverständigung, was zu einer heiteren Stimmung beitrug. Und natürlich punkteten wir mit unseren Kochkünsten... Mit der Dämmerung intensivierten sich die Schneefälle. Vielversprechende Vorahnungen beschlichen uns für den kommenden Tag. Zur Nacht sei noch gesagt, dass wir doch noch 2 Matratzen entdeckten, auf denen wir wunderbar im Essraum von tiefem Powder und Unterengadiner Dolomitenfelse träumten...

Kurz vor 6:00 war es Zeit, den Träumen Taten folgen zu lassen. Noch wirbelten einzelne Flocken durch die kalte, neblige Luft, doch wir konnten die Kraft der Sonne bereits zaghaft erahnen. Um 7:00 verliessen wir die warme Hütte und bogen kurz dahinter Richtung Piz San Jon d'Immez. Eine ausgeprägte Rinne führt hoch zum tiefsten Punkt zwischen Piz San Jon d'Immez und Dadora. Von Beginn hatten wir 20cm sehr lockeren Neuschnee auf einer harten, rutschigen Unterlage zu spuren. Anfänglich etwas mühsam, wurde das spuren mit zunehmender Schneemenge angenehmer und die Tiefblicke beeindruckender. Wir spürten, dass diese Abfahrt einfach genial werden musste. Bezüglich Neuschneemengen wurden unsere Erwartungen bei weitem übertroffen. Von Stufe "gering" konnte jedenfalls nicht mehr die Rede sein... Mit reichlich Abstand und teilweise einzeln legten wir eine Skispur mit total etwas über 50 Spitzkehren bis zum Endpunkt auf rund 3000m. Was für ein Anblick! Die kalte Luft erfüllt von einzelnen Schneekristallen und Nebelschwaden, die das Sonnenlicht mystisch streuten. Es hätte uns eine weitere halbe Stunde gekostet, um auf den Gipfel, bzw. Vorgipfel des Piz San Jon Dadora zu gelangen, doch so viel Geduld brachten wir nicht auf. Denn wir wollten nur eines: Runter! Tiefer, leichter, kalter und vor allem ultra frischer Powder wirbelte uns um die Ohren. 450 konsistente 35-40° steile Höhenmeter eingespannt zwischen den beeindruckenden Felswänden der beiden Piz San Jon verdienten das Prädikat episch!

Ein prüfender Blick hoch zum Piz Lischana offenbarte ein ebensolches Potential. Nichts wie hin! Unsere bayrischen Freunde hatten bereits eine angenehme Spur durch die frisch verschneite Bergwelt gelegt. Wir kamen schnell voran, standen bald über dem Kessel des Vadret da Triazza, wo uns eine weitere sehr kurze, aber herrliche Abfahrt bevorstand. Bis zum Skidepot auf dem SE-Grat des Piz Lischana waren es noch einmal einige Spitzkehren mehr. Die Bayern waren gerade daran, eine Fussspur durch die steile Westflanke des Lischana zu legen, als wir zu ihnen aufschlossen und zeitgleich den Gipfel erreichten. High fives und Gratulationen machten die Runde. Hoch über dem ausgedehnten Hochnebelmeer fühlten wir uns wahrhaftig dem Himmel näher als der Erde. Aus Sympathie und Respekt überliess uns die DAV-Gruppe die Eröffnung der Lischana-Westrinne, wozu wir uns natürlich nicht zweimal bitten liessen. Unser Plan, die Lischana SW-Flanke zu fahren, liessen wir nach einem Situations-Check fallen. Die Wärme und viele tückisch überschneite Steine hätten in diesem sehr exponierten Gelände ein zu hohes Risiko dargestellt. Doch die Westrinne stellte eine zwar nicht gar so steile, doch durchaus ebenbürtige Alternative dar. Am Einstieg lag eine nicht unerhebliche Menge frischer Triebschnee direkt auf dem Geröll. Mit einem unüberhörbarem Wumm setzte sich dieser. Die ersten Meter waren wegen zu geringer Schneehöhe nicht fahrbar. Irgendwann muss man die Ski kurz in die Falllinie drehen um "tiefere" Gefilde zu erreichen. Waren wir erst einmal drin, gabs kein halten mehr. Einfach unbeschreiblich! Einige tückisch überschneite Steine haben unsere Beläge zwar zerkratzt, aber was solls! Wir glitten auf dem perfekten Teppich direkt ins wallende Wolkenmeer, bevor wir absolut geräuschlos in dieses Weisse nichts hineinschwebten. Dank einer Aufstiegsspur fanden wir zurück zur Hütte.

Über die Qualität der Talabfahrt waren wir uns nicht ganz schlüssig, doch hatten wir sie einmal unter den Skis, wurden wir eines besseren belehrt. Ein seidenfeiner Teppich auf weicher Unterlage! Wir hielten uns abfahrtstechnisch ganz links, was sich voll auszahlte. Keine Spuren und steiles, verspieltes Gelände liess einmal mehr keine Wünsche offen. Problemlos konnten wir noch bis Scuol Curlaina fahren.

Nach drei fantastischen Tagen in dieser Saison, bekommt das Unterengadin mehr als bloss einen Ehrenplatz in meiner best of. Und es lockt noch so manches Skitechnisches Projekt!

Tourengänger: danski


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