Über Stock und Stein - leider mit den Skiern


Publiziert von MatthiasG , 12. Dezember 2013 um 00:02. Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Rätikon
Tour Datum:11 Dezember 2013
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Ski Schwierigkeit: ZS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A 
Zeitbedarf: 8:00
Aufstieg: 1200 m
Abstieg: 1200 m
Strecke:13,7 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Auto
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Auto

Wir starten um 7:00 von Vergalda der Piste entlang in Richtung Gafierjoch. Erst zwischen Schafbergsee und dem Joch kommen erstmals Querungen bei mehr als 30° Neigung; leider eher ungünstig, egal wie man es macht, da die Hänge schon knapp darüber mehr als 40° Neigung haben (mit einer sehr praktischen Clinometer App gemessen). Hier befindet sich teils Triebschnee, Teils übelster Bruchharsch und auch so ziemlich alle Variationen dazwischen. Wir halten hier schon stellenweise bis zu 30 Meter Abstand und ich geh mit dem Lawinenairbag voraus, die Fangriemen sicherheitshalber abmontiert. Lawinenwarnstufe war zwar "nur" eine 2, aber ich hab schon übles erlebt und auch bei einer 1 gibt es keine Garantie gegen Lawinen. (Genau an dieser Stelle ging schon im Jänner ein 200m Schneebrett ab: http://www.vorarlberg.at/pdf/130129gafierjochgargellen.pdf)

Kurz nach der 2300m Höhenlinie noch ein steiler (>30°) Aufschwung (ca. 10 Spitzkehren), zum Glück ist die Passage mit Felsen durchsetzt. Direkt daneben sieht man über uns einen ca. 40cm tiefen Schneebrettausriss von ca. 10m Länge. Das Schneebrett ist an dieser Stelle ca. 15 Meter abgerutscht, vor mindestens einem Tag, in Verlängerung einer Aufstiegsspur. Dennoch könnte ich bis zum Gafier Joch insgesamt der um einen ganzen Grad niedrigeren Schwierigkeitsbewertung in einem ähnlichen Bericht zustimmen.

Danach wird es aber haarig. Vielleicht liegt es an mir, vielleicht an den heutigen Bedingungen, aber die Umrundung des Oswaldkopfes zum Madrisajoch entlang der darunter liegenden Steinmännchen führt mich an eine Stelle, die ich auf gar keinen Fall queren will. Die Neigung übersteigt stellenweise immer wieder die 35°, knapp unter uns eine Steilstufe (keine Ahnung wie weit es da runter geht, ich hab keine Lust nachzusehen) und über uns jede Menge ungustiöser Schnee in verschiedensten Konsistenzen. Mehrmals löse ich beim Aufsetzen der Skier bei einer Spitzkehre dicke, quadratmetergroße Bruchharschplatten von ihrer äußerst pulvrigen Unterlage und muss mitansehen, wie sie in den Abgrund stürzen. Daher weiche ich vom Weg ab und steige durch Gestein auf. Das ist zwar stellenweise sehr steil, so dass wir für ein paar Meter sogar unsere Skier abschnallen müssen (siehe Foto), aber dafür stabil. Kletterschwierigkeit höchstens eine I auf der UIAA Skala.

Schon vor diesen unlustigen Stellen wollte ich intuitiv eigentlich lieber auf das Juonenfürggli, welches viel harmloser zu erreichen ist, aber Paul ist dagegen, da dort die Abfahrt ins Gandatal viel steiler sei. Nächstes Mal würde ich das aber trotzdem bevorzugen, wahrscheinlich kann man südlich des Oswaldkopfes ohnehin auch zum Madrisajoch queren.

Für mich ist dann beim Erreichen des Joches die Anspannung wieder vorbei, für Paul aber kommt sie erst: leicht schockiert stellt er fest, dass nicht gerade viel Schnee liegt, und es außerdem auch hier zu Beginn sehr steil runter geht. Während Paul eine Jause zu sich nimmt, versuche ich mich noch am Oswaldkopf (ohne Skier, dafür aber mit Pickel). Eis gibt es zwar keines zu besteigen (das hab ich schon gleich vermutet, daher hab ich auch die Steigeisen nicht aufgeschnallt), aber der Pickel leistet mit dennoch sehr gute Dienste, da mir mehrmals die Griffe ausgehen. Der Pickel wird dann einfach in einen Felsspalt gesteckt, so dass ich mich an der Handschlaufe hochziehen kann. Ein paar mal muss ich auch auf Reibung gehen, einmal gleich mit dem ganzen Rumpf. Die senkrechte Kletterei würde ich normalerweise nicht ungesichert machen, aber es befindet sich eine sehr weiche, sehr tiefe Wechte unter mir.

Dennoch breche ich ganz knapp unter dem eigentlichen Gipfel ab, da ich eine Rinne queren müsste, welche mit sehr tiefem Triebschnee gefüllt ist, und Paul mich weder hören noch sehen kann. Schon unten bin ich an einer Stelle bis zur Brust eingesunken. Man müsste die Rinne wohl unten queren und auf der anderen Seite aufsteigen, dann würde es sicher gehen. Einen zweiten Anlauf mache ich nicht, Paul wartet ja schon eine Weile auf mich.

Nun geht es an die Abfahrt und unser erster Einblick lässt uns fürchten, dass wir die Felle nochmal brauchen könnten. Die ersten 100 Höhenmeter sind sehr steil und von besch...eidener Konsistenz, so dass ich eine Passage von sicher 20 Metern ganz feig seitlich hinunter rutsche. Zuerst wollte ich einen schönen Schwung im vermeintlichen Pulver machen, aber schon war ich im bzw. unterm Bruchharsch bis zur Brust eingesunken - beide Bindungen offen - und hatte ganz schön zu kämpfen. Ein unkontrolliertes Abrutschen wäre hier nicht gerade angenehm gewesen. Dann schaffe ich es endlich wieder in die senkrechte, aber es währt nicht lange: nach den erwähnten 20 Metern ist schlagartig wieder Pulver und es überschlägt mich einmal. 

Danach wird es besser (oder eher: weniger schlecht) und es stellt sich heraus, dass wir die Höhe sogar halten können und ohne Gegenanstieg bis zum Auto kommen. Zwischen der 2500m und der 2400m Höhenlinie wechselt der Schnee spätestens alle 20 Meter durch alle erdenklichen Konsistenzen, danach alle 5-10 Meter. (Dazwischen bewundern wir noch die schönen Spuren auf dem Madrisa Normalweg - wir hatten auch mit dem Gedanken gespielt, aber es war dann schon recht spät.) Noch nie im Leben habe ich eine so mühsame Abfahrt erlebt! Aber wenigstens ist das ein gutes Training. Am Talgrund überqueren wir eine kleine Holzbrücke und ich genieße meine Jause, während ich auf Paul warte, den ich (nicht ganz ohne Schadenfreude) 200 Höhenmeter weiter oben bei dieser letzten unangenehmen Abfahrt beobachten kann. Danach ist sehr gut gespurt und ungefähr ab der 1700m Höhenlinie ist sogar präpariert.

Für mich ist das auf jeden Fall eindeutig eine AD und das Plus gibt es aufgrund der ekelhaften Bedingungen und der (ersten) Klettereinlage. Die oben verlinkte, wohl recht ähnliche Tour, die einen Schwierigkeitsgrad weniger bekommen hat, wundert mich wirklich ein wenig. Den einzigen Gipfel den ich mit dem Autor gemeinsam habe, das kleine Seehorn, bewerten wir beide gleich, also wird es vielleicht tatsächlich nur an den Bedingungen heute liegen. Die zweite Klettereinlage beurteile ich als III, ebenfalls aufgrund der Bedingungen (Schnee). Das könnte unter anderen Bedingungen oder bei einem anderen Aufstieg durchaus auch nur eine II sein, oder vielleicht sogar noch weniger. Insgesamt empfehle ich die Tour so nicht zur Nachahmung. Wenn dann würde ich wie gesagt das Juonenfürggli nehmen, und außerdem natürlich auf eine bessere Schneesituation warten. Bereuen tu ich es aber nicht, es war einsam, wunderschön, lehrreich und ein gutes Abfahrtstraining.

Tourengänger: MatthiasG, paul_sch

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