Torrone della Motta und Torrone d'Orza


Publiziert von lorenzo , 6. Juli 2008 um 15:11.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum:29 Juni 2008
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: L
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Gruppo Torrone Alto   CH-GR   CH-TI   Gruppo Pizzo di Claro 
Zeitbedarf: 4 Tage
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Lumino, Seilbahn Lumino-Monti Savorù (http://www.alternatives-wandern.ch/bergbahnen/tessin.htm)
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Osogna
Unterkunftmöglichkeiten:Cap. Brogoldone AACB, Rif. Alpe Peurett, Rif. Alpe d'Oerz, Cap. Cava UTOE, Rif. Alpe di Lago
Kartennummer:LK 1273/1274/1293/1294

Wer von den Monti Savorù Richtung Rheinwald aufbricht, dem stellt sich etwa nach einem Drittel das mächtige Quermassiv des Torrentone in den Weg: nicht genug, dass man sich bis dahin den Weg abwechselnd auf insgesamt vier LK 1:25'000 zusammensuchen muss, Verwirrung stiften auch die je mindestens vier Namen (laut G. Brenna liesse sich über diese andauernde Verschiebung der Namen ein Buch schreiben) seiner beiden Hauptgipfel Torrone della Motta (Torent, Torrente oder Torrone Basso) und Torrone d'Orza (Torent, Torrente oder Torrone Alto bzw. Pizzo di Termine) sowie die auf den ersten Blick unübersichtlichen Routenführungen. Trotzdem oder gerade deshalb muss man der einleitenden Bemerkung von G. Brenna umso mehr zustimmen: "Mächtiges, felsiges Bollwerk, das seit eh und je jeden Bergsteiger, der es betrachtete oder bestieg, zu begeistern vermochte" (SAC-Clubführer Tessiner Alpen 3, 1996, S. 463).

29.6.2008: Bei drückend-tüppger Hitze schon am Vormittag bietet die kleine Seilbahn von Lumino auf die Monti Savorù für die ersten rund 1000 Höhenmeter eine willkommene Erleichterung. Von dort, wo es bereits merklich kühler ist, führt dann ein bequemer Bergweg grösstenteils im angenehmen Schatten des Waldes in nur rund zwei Stunden zur Alpe Peurett (T1-2), wo man am nachmittag faulenzen und im nahen Riale di Cresciano baden, und abends aus sicherer Warte den Gewittern über der Riviera und der Magadinoebene zuschauen kann.

30.6.2008: früher Aufbruch bei zwar sternenklarem Himmel, aber von Norden schon wieder aufziehenden Schleierwolken, und Aufstieg auf dem weiterhin markierten Bergweg (T3) über Alpe und Lago di Canee auf den P. di Claro (oder Visagno), der seinem Namen diesmal gerecht wird und frühmorgens mit einer klaren Rundumsicht aufwartet: "Claro que si!" Abstieg und Querung auf Pfadspuren nach Sabi, wo man auf weiss-blaue (später weiss-rote) Markierungen trifft, die über den Sattel E von P. 2600, Rosso di Grav, P. di Campedell SW-Flanke und Alpe d'Oerz zum Pso. del Mauro führen (insgesamt T3-4): hier Rucksackdepot und Abstecher auf den T. della Motta (weiss-blaue Markierungen, 3 Ketten, die oberste bei einer IIIer-Stelle, insgesamt T5). Abstieg Richtung Cap. Cava bis ca. 2200m und über die Forcarella di Lago zum Rif. Alpe di Lago (entspricht teilweise der Etappe 6, S. 98, im SAC-Alpinwanderführer Tessin von M. Volken, R. Kundert u. T. Valsesia, 2004).
 
1.7.2008, 5 Uhr morgens: das Klingeln des Weckers wird von Donnergrollen übertönt, also weiterschlafen! Bei anhaltend verhangenem Wetter kann ich mich erst vor 9 Uhr dazu aufraffen, den Schutz der Hütte zu verlassen: zurück zur Forcorella und an den Laghetti di Cava vorbei zur T. della Motta N-Flanke, die auf Route 941 (a.o. S. 478) zur Ganna del Torent gequert wird; beim leicht überhängenden Schlusskamin ziehe ich den Rucksack mit der Reepschnur nach (trotz Pfadspuren z.T. heikel, T5-T6, III; G.Brenna: L, III). Auf Altschneefeldern und zuoberst ausgeaperten, z.T. mühsamen und rutschigen Passagen auf Schutt und Fels (I-II) zur Btta. del Torrone. Von hier entlang dem W-Grat und durch die S-Flanke (Pfadspuren, Steinmänner, I-II, insgesamt L) auf den T. d'Orza SW-Gipfel (Gipfel 7). Abstieg: zurück zum Sattel N von P. 2759, durch ein Geröllcouloir (wo leider kein Schnee mehr liegt) hinunter bis 2500m und ansteigende Querung hinauf zur Btta. Alta; von hier durch das W-Couloir auf Altschnee rasch hinunter zur traumhaften Alpe d'Oerz (L, I-II), wo bei heisser Nachmittagssonne zunächst ein eiskaltes Bad in der Nala und für die Nacht ein Biwak im komfortablen Schafstall angesagt ist.

2.7.2008: Als ich um 6 Uhr startbereit bin, beginnt es wieder zu regnen! Also spare ich mir den Weiterweg über die Senda del Bo und den Pass Giümela für ein hoffentlich anderes Mal und entscheide mich für einen vorzeitigen Tourabschluss durch das wildromantische Valle d'Osogna, das mich dann mit seinen hohen Wasserfällen und tiefen Schluchten, durch die von Hand ausgehauene bzw. gebaute halsbrecherische Pfade, Steintreppen und Brücken führen, in seinen Bann zieht (T3).

Dass das Leben hier früher alles andere als romantisch gewesen war, erfahre ich dann einmal mehr von einem freundlichen älteren Mann auf Pönt, dessen Frau mir feinen Sciroppo di Pinia serviert (angeblich gut für die Bronchien!): in der kargen Nachkriegszeit musste er als Hirtenjunge während den jeweils vier Monate dauernden "Sommerferien" beim Hinauf- und Hinuntertreiben der Kühe, Ziegen und Schweine, beim Hirten, Melken und Heuen, sowie beim Tragen von Nahrungsmitteln, Holz zum Käsen, Ziegenkäse und Wildheu helfen. Geschlafen wurde bei den Tieren im Heu, und zum Essen gab es täglich Polenta und Milch. Er klärt mich auch genauer über die unterschiedliche Namensgebung auf: in Biasca seien unsinnigerweise Torent Basso und Alto gebräuchlich, bei ihnen in Osogna dagegen Torrone della Motta und d'Orza.

Mit grossem Respekt und ziemlich nachdenklich geworden, zottle ich schliesslich weiter Richtung Osogna hinunter.

Tourengänger: lorenzo

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Kommentare (6)


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Henrik hat gesagt: Wieder mal ein Beweis...
Gesendet am 6. Juli 2008 um 17:35
dass Stein, Fels und Schotter aufgeschichtet, verziert mit unzähligen Blumen und Flechten,
mit Wolkenspiel und Lichterglanz einen mystisch
gefangen nehmen kann - wenn man zuhause bleiben muss!

lorenzo hat gesagt: RE:Wieder mal ein Beweis...
Gesendet am 6. Juli 2008 um 17:54
Ging mir heute bei diesem miesen Wetter genau gleich!

Zaza hat gesagt: umso erstaunlicher...
Gesendet am 7. Juli 2008 um 08:14
dass die Biascheser Sektion der UTOE sich "Torrone d'Orza" nennt.

saluti, zaza

lorenzo hat gesagt: RE:umso erstaunlicher...
Gesendet am 7. Juli 2008 um 12:00
Ja, wirklich erstaunlich: gut möglich, dass ich es missverstanden habe. Villeicht solltest Du das von G. Brenna erwähnte Buch schreiben?

saletti lorenzo

Zaza hat gesagt: RE:umso erstaunlicher...
Gesendet am 7. Juli 2008 um 12:30
Der Wegweiser in Osogna deutet darauf hin, dass du es richtig verstanden hast.

Das Buch gibt es bereits:

Die Monographie von Gotthard End "Biasca und Val Pontirone" in den SAC-Jahrbüchern von 1922 und 1923 ist fantastisch und klärt zum Teil auch über diese Namensgebung auf.

Saluti, zaza

lorenzo hat gesagt: RE:umso erstaunlicher...
Gesendet am 7. Juli 2008 um 21:58
Dann wäre jetzt interessant zu wissen, was auf den Wegweisern in Biasca und im Val Pontirone steht?

Diese Monografie werde ich mir bei Gelegenheit wohl einmal ansehen, danke für den Hinweis.

saletti lorenzo


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