Piz Fenga Expedition über den Pass Futschöl


Publiziert von cls , 27. Juni 2008 um 17:06.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Unterengadin
Tour Datum:25 Juni 2008
Hochtouren Schwierigkeit: WS+
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: Fluchthorn-Gruppe   CH-GR   A 
Zeitbedarf: 1 Tage
Aufstieg: 2150 m
Abstieg: 2150 m
Strecke:Ftan, Val Tasna, Alp Valmala, Urschai, Marangun d'Urschai, Pass Futschöl, Zollhütte, Piz Fenga
Kartennummer:LKS 1:25000: Silvretta (1198), Gross Litzner (1178)

Schnelle Bike - Hike - Bivouac Piz Fenga/Fluchthorn Besteigung von Ftan (Unterengadin) aus.

Ich steckte gerade mitten in meinen Recherchen für eine Piz Fenga Besteigung, als Sputnik eine erfolgreiche Begehung postete. Die darin enthaltenen Informationen über die Verhältnisse vor Ort zeigten, dass die Bedingungen zur Zeit optimal sind. Und wenn es sich gerade dermassen anbietet - auch das Wetter soll mitspielen - rufe ich Asti an. Sie hatte genau Mittwoch und Donnerstag frei und ich habe ihr sowieso versprochen, eine Tour für direkt nach ihren Prüfungen zu organisieren. Voilà.

Eine Martina-, Landeck-, Ischgl-, Galtür-, Jamtal-Odyssee kam nicht in Frage, denn der Piz Fenga liegt nicht weit hinter dem Piz Tasna, deshalb wurde mir dann recht schnell klar, dass es wohl über den Pass Futschöl gehen wird und wir irgendwo dahinter Biwakieren. Am nächsten Morgen sollte es dann zum Fusse des Piz Fenga und über die Weilenmann-Normalroute auf den Gipfel gehen, wobei die Teilstrecke Ftan-Maranguns d'Urschai mit dem Velo zurückgelegt werden sollte. Also nichts wie los!

1. Tag

Aufstieg: 1200m, davon ca 640m mit Velo, Abstieg: 100m, davon 70m mit Velo.

Asti soll gegen 16:30 in Scuol ankommen, hat aber leider Verspätung und kommt eine Stunde später an. Ich organisiere bis dahin das fehlende Material (primär Velopneu und Esswaren) und bereite vor, was geht. Asti abgeholt, und um 18:30 gehts dann endlich los. Da ist es eigentlich schon recht klar, dass wir unsere Stirnlampen wohl besser in die oberen Schichten unserer Rucksäcke packen sollten.

Mit dem Velo auf der Strasse von Ftan Richtung Ardez und bei Sass Majur ins Val Tasna hinein. Die Strasse ins Val Tasna ist zu Beginn recht steil, man wird des öfteren zum Schieben gezwungen. Ab etwa Prà da Tasna lässt die Schieberei etwas nach. Ab Urschai reduziert sich die eigentlich bis dahin recht gute Schotterstrasse zu einem homöopathischen Feldweg und lässt Velocross-Stimmung aufkommen. Bald darauf (21:30) ist man bei der kleinen Hütte vom Maranguns d'Urschai. Hier "Velodepot" und kurze Brotzeit. Wir laden noch schnell alles schwere und kompakte in meinen Rucksack und alles Voluminöse und leichte in Astis, denn ihr linker Fuss ist immer noch in Reha und wir wollen nichts riskieren.

Auf der anderen Seite der Aua d'Urschai (Wasser des Urschai) die man von Maranguns d'Urschai über eine lustig-schmale und wacklige Holzbrücke erreicht, beginnt der Weg zum Pass Futschöl, welcher sich auf der nordwestlichen Talseite hochwindet. Wir starten etwa gegen 22:00 und es wird schon leicht dunkel, unsere Lampen brauchen wir jedoch noch nicht, es ist noch erstaunlich Lichtreich, die Schneereste auf den umliegenden Bergen spielen für uns Parabolspiegel. Nun beginnt unsere faunareichste Passage: Gleich zu Beginn müssen wir aufpassen, dass wir nicht auf die vielen Frösche treten, dauernd pfeifen las Muntanellas, später leuchten rechts und links vom Pfad ganz viele Glühwürmchen. Was für eine Stimmung zusammen mit dem unglaublichen Engadiner Sternenhimmel!

Nach P. 2485 müssen wir über die ersten Schneefelder gehen, wir holen unsere Stirnlampen hervor, denn es wird nun doch wirklich dunkel und gerade mit so viel Gewicht auf dem Rücken leidet sonst die Trittsicherheit enorm. Die anfangs noch spärlicher gesäten Schneefelder gehen nun langsam in eine geschlossene Schneedecke über, zusammen mit dem von Österreich herüberwehenden Nebel wird die Orientierung recht erschwert. Schnaufend und vom Nebel angefeuchtet erreichen wir endlich um 00:15 die Passhöhe.

Nun so schnell wie möglich ein Biwakplatz finden und Spaghetti!! Wir hoffen auf ein geschütztes Plätzchen bei der Zollhütte, welche sich etwa 20hm unterhalb der Passhöhe befinden soll, aber auch hier macht uns der extrem dichte Nebel das Leben schwer. Nur anhand der Felsen unterhalb der Hütte, an dem auch der Weg vorbeiführt, können wir sie nun endlich lokalisieren. Ich steige also hoch, um zu schauen, ob der Platz etwas taugt und was muss ich für eine Entdeckung machen? Also manchmal wird man wirklich sofort für harte Schindereien belohnt: Ich öffne die unverschlossene Türe zu der sehr kleinen Hütte und was sehe ich als erstes? Zwei sehr gemütliche Matratzen!! Ich flippe fast aus und hole Asti, welche auch eher an Halluszination glaubt. Nun denn, wir lassen uns nicht irritieren, sonder fangen sofort an, uns unsere Spaghetti in unserer Halluszination zu kochen, ich zaubere noch eine kleine Flasche Portwein hervor. Was für ein Znacht an was für einem Ort! Nach dem Mahl wird uns langsam klar, dass das keine Halluszination ist und wir taufen die Hütte "unser Bijoux". Nun aber hopp ins Bett, denn wir nähern uns den 2:00 und wir wollen ja früh am Start sein.

2. Tag

Aufstieg: 959m, davon 70m mit Velo, Abstieg: 2060, davon 640 mit Velo.

Ich wache ohne Wecker um 4:45 auf und koche mir mein Frühstück: warme Milch aus Milchpulver für das Müsli und einen Milchkaffee. Langsam kann auch Asti bei meiner Aktivität nicht mehr schlafen (auch wenn die Gemütlichkeit der Hütte zu endlosem Schlafen einlädt) und ich bereite das Gleiche auch noch für sie. Gegen 6:00 oder etwas danach brechen wir auf.

Zuerst folgen wir den Höhenlinien Richtung Westen, steigen dann auf etwa 2640 ab, um den Hang unterhalb des Kronenferners von etwa unterhalb von P. 2835 zu ersteigen. Danach queren wir in nörlicher Richtung das Hochplateau westlich vom Kronenferner und erreichen nach dem Erklimmen der Moräne den Einstieg zur Weilenmannrinne. Hier montieren wir Gstältli, Steigeisen und Helm und beginnen den Aufstieg.

Zuerst Weilenmannrinne, in der Mitte auf die Rippe. Unterhalb des letzten Felsens quert Asti durch die rechte Rinne direkt zum Gipfelaufbau, ich checke den Sattel :) Am Gipfelaufbau klettern wir in der Südflanke zuerst Richtung Westen, dann die charakteristische Links-Schlaufe zur Gipfelrinne und über dieselbe zum Gipfel. Bütsch al Piz! Fantastisches Wetterloch, alles rundherum - Piz Linard, Piz Buin, etc. - steckt in den Wolken, den Muttler sieht man erst gar nicht.

Abstieg fast wie Aufstieg, nur dass wir früher von der Rippe in die Rinne zurückkehren. Zwei kleine Steinschlagzwischenfälle, da ich jedoch rückwärts absteige kann ich die nötigen kleinen Ausweichmanöver einleiten.

Notizen zur Besteigung:

  • Der Schnee gefror aufgrund des warmen Wetters und partieller Bewölkung in der Nacht leider nicht. Da hatte Sputnik und ironknee mehr Glück. Die Gipfelrinnen/Firnfelder sind zum Glück recht lange im Schatten, in der Weilenmannrinne muss man sich östlich halten.
  • Unterhalb des obersten Felsen auf der Rippe empfiehlt es sich durch den Firn der rechten Rinne direkt zum Gipfelaufbau zu queren und gar nicht erst auf den Sattel zu steigen.
  • Wir habe keinerlei Sicherung benötigt. Mit Steigeisen und Pickel bewehrt und der entsprechenden Vorsicht ist das kein Problem.

Wir packen unseren Hochtourenkram wieder in die Rucksäcke und verlassen diesen fantastischen Berg und füllen unsere Wasserflaschen an den Gletscherbächen vom Kronenferner auf. Wir rutschen wir die lustigen Schneefelder unterhalb von P. 2835 hinunter und kehren mit einem grossen Hunger zur Zollhütte zurück, wo wir unser ganzes Biwakmaterial gelassen haben (hätten wir gewusst, was für ein Bijoux auf uns wartet...). Asti kocht noch die letzten Spaghetti, wir packen unser Zeug und zurück gehts über den Pass Futschöl. Als Dankeschön an die "Bergfreunde Galtür", denen die Hütte gehört, räumen wir noch ein wenig auf und nehmen viel Müll mit, den irgendwelche nachlässigen Zeitgenossen hier haben liegen lassen.

Die Österreicher haben schon wieder ihre Nebelmaschine angeworfen, zum Glück nicht in der Intensität, wie Nachts zuvor, denn so können wir recht schnell den Pass - wieder über viele Schneefelder schlitternd - heruntersteigen. Ich beeile mich ein wenig, denn dann kann ich mich bei Maranguns d'Urschai noch ein wenig ausruhen. Doch so reibungslos wollte man uns nicht absteigen lassen: In beeindruckendem Tempo braut sich ein Gewitter über dem Piz Cotschen zusammen und entscheidet sich dann auch noch zu unserem Leidwesen, in unsere Richtung zu ziehen. Als auf einmal Hagel einsetzt und der Blitz/Donner Zeitraum sich auf zwei Sekunden verkürzt, bekomme ich Schiss und hechte in geduckter Haltung über die kleine Brücke unter das Dach der Maranguns d'Urschai und bete, dass Asti, die, wie sie später erzählte, ihre Stöcke und Rucksack von sich warf und in "Blitzposition" brachte, nichts passiert. Mit unseren Nerven am Ende und riesigem Hunger setzen wir uns auf die Velos und fetzen zurück nach Ftan, wo ein kühles Bier auf uns wartet.

Was für eine Tour.



Danke an Sputnik und ironknee für ihre Informationen!

Tourengänger: cls

Galerie


Slideshow In einem neuen Fenster öffnen · Im gleichen Fenster öffnen


Kommentare (4)


Kommentar hinzufügen

Sputnik Pro hat gesagt: EXPEDITION FLUCHTHORN
Gesendet am 28. Juni 2008 um 07:15
Gratuliere Euch zur gelungenen Tour, genial! Habe zuerst auch gedacht vom Unterengadin aus zu starten, doch der Anreiseweg für uns war auf der österreichischen Seite kürzer.

Im September plane ich den Piz Tschütta (WS+; Fels II brüchig und rutschig) , vielleicht können wir ja eine gemeinsame Tour unternehmen. :-)

Viele Grüsse.

Andrej

cls hat gesagt: Tschütta
Gesendet am 28. Juni 2008 um 21:35
Piz Fenga ist echt wahnsinnig cool! Der Berg der Saison (solange Piz Tschütta noch nicht erobert ist). Und die Zollhütte ist echt ein Geheimtip. Hätten wir das gewusst, hätten wir den Biwakplunder nicht so in der Gegend rumschleppen müssen.

Ja, das fänd' ich lustig, den Tschütta zusammen zu machen. Was hast Du Dir vorgestellt? Mittleres Culoir Südwand E-Gipfel?

Anfang September wäre für mich besser, als gegen Ende, je nach dem, ob der Schutthaufen halt trocken ist ...

Sputnik Pro hat gesagt: Expedition Tschütta ;-)
Gesendet am 30. Juni 2008 um 08:17
Anfangs September sollte auch gut sein. Wohnst Du im Engadin? In dem Falle kannst Du dann sagen ob die Bedingungen trocken sind :-)

Genau die Route führt zuerst über Platten und dann durchs Mittlere Couloir. Anschliessend einfach über den Grat zum Ost- oder Hauptgipfel.

Gruss Sputnik

cls hat gesagt: Expedition Tschütta!
Gesendet am 30. Juni 2008 um 23:39
Ueila Sputnik

Ich wohne temporär und immer mal wieder im Engadin. Und sonst habe ich genügend "Insider", die uns über die Bedingungen informieren können.

Tiptop, dann halten wir das mal so provisorisch fest, oder?

Gruss
cls/uli


Kommentar hinzufügen»