Schesaplana (2964 m) - im Reich der Kalkriesen


Publiziert von 83_Stefan , 14. August 2013 um 23:36.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Rätikon
Tour Datum:19 Juli 2013
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Klettersteig Schwierigkeit: L
Mountainbike Schwierigkeit: L - Leicht fahrbar
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A   A-V   Montafon 
Zeitbedarf: 4 Tage
Aufstieg: 5700 m
Abstieg: 5700 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Über A14 oder S16 nach Bludenz. Von dort auf der L82 via Brand und Schattenlaganthütte zum kostenfreien Großparkplatz der Lünerseebahn (Auto abstellen - dort Ankunftspunkt am letzten Tag). Weiter mit dem Fahrrad siehe Beschreibung. Alternativ mit dem Öffentlichen Nahverkehr: Bahn nach Schruns; Rückfahrt vom Parkplatz Lünerseebahn nach Bludenz mit Bus, dort Zuganschluss.
Unterkunftmöglichkeiten:Tilisunahütte (2211 m, OeAV-Sektion Vorarlberg); Lindauer Hütte (1744 m, DAV-Sektion Lindau); Schesaplanahütte (1908 m, SAC-Sektion Pfannenstiel).
Kartennummer:Schweizer Landeskarten 1157 Sulzfluh und 1156 Schesaplana.

Schesaplana - welch klingender Name für den Bergsteiger! Der höchste Berg des Rätikons erhebt sich konkurrenzlos in den Himmel und verfehlt die Dreitausender-Marke nur knapp. Sogar ein Gletscher ist dem Gipfel vergönnt. Durch die auf dem Urgestein lagernden Bänke aus Kalkgestein zeigt sich der Rätikon besonders abwechslungsreich. Sanfte Berge aus Bündner Schiefer erheben sich neben schroffen Kalkzinnen. Karstplateaus und Höhlen finden sich, ebenso wie eine Vielzahl an spektakulären Türmen und Felsnadeln. Ein kleines Gebirge, das für den Betrachter eine Vielzahl an Landschaftseindrücken bereit hält. Eine Durchquerung mit Abstecher zu den hohen, recht isoliert stehenden Gipfeln ist ein Erlebnis, das man wohl nie vergessen wird.
Die beschriebene Tour ist als straffe Vier-Tagestour angelegt und führt in Ost-West-Richtung entlang der österreichisch-schweizerischen Grenze. Um dem sportlichen Aspekt Rechnung zu tragen, dient das Mountainbike zur Vervollständigung der Runde.


Tag 1: Tschagguns - Tschaggunser Mittagspitze - Tilisunahütte
Der Ausgangspunkt der Tour ist die Talstation der Lünerseebahn. Hier stellt sich die Frage, wie man nach Tschagguns kommt, wo der Anstieg zur Tilisunahütte beginnt. Per Bus und Bahn ließe sich das bewerkstelligen, doch die Sportlichen setzten auf's Fahrrad. Also geht's mit dem Radl durch's Brandner Tal bergab bis nach Bludenz, anschließend im Tal der Ill wieder aufwärts nach Tschagguns, weiter steil bergan zum Speicher Latschau und auf der Versorgungsstraße in Richtung Berggasthof Grabs, bis auf etwa 1060 m rechts der Steig zum Berggasthof abzweigt (insgesamt 37 Kilometer, 1000 Höhenmeter bergab und 550 Höhenmeter bergauf). Auf dem Steig - meist durch Wald - hinauf zum Berggasthof Grabs.

Hinter dem Gasthof beginnt ein Steig, der auf den Nordwestkamm der Tschaggunser Mittagspitze hinauf zieht. Ihm folgend am Kamm entlang bis zu einer Schulter, von der sich die Tschaggunser Mittagspitze recht eindrucksvoll zeigt. Am Kamm noch ein Stück direkt auf den Gipfel zu, dann wird er verlassen und man quert die Nordwestflanke der Mittagspitze, um die Senke westlich des Gipfels zu erreichen.

Der Abstecher zum Gipfel folgt deutlichen Trittspuren nach Nordosten in felsiges Gelände hinein. Steil bergan wird bald der Vorgipfel und sodann der kreuzgeschmückte Hauptgipfel erreicht - schöner Tiefblick ins Montafon. Zum Joch geht's wieder zurück auf dem Anstiegsweg.

Der Steig führt auf dem Kamm des Walser Alpjochs weiter bis zur Scharte P.2166. Dort geht's nach links abwärts, um das Schwarzhorn östlich zu umgehen. Durch begrüntes Gelände wieder leicht ansteigend wird die Hochfläche erreicht, in der der Tilisunasee liegt; bald darauf ist mit der Tilisunahütte das erste Tagesziel erreicht.

Tag 2: Tilisunahütte - Sulzfluh - Gemschtobel - Carschinahütte - Drusator - Lindauer Hütte
Von der Hütte leitet ein Steig westwärts durch Wiesen hinauf zum weiten Karrenfeld unterhalb der Sulzfluh, das gequert wird. Auf den Kamm hinauf und auf ihm zum Gipfelaufbau der Sulzfluh. Die steilen Felsen werden umgangen und von der Rückseite her erfolgt - recht zahm - der Anstieg zum höchsten Punkt (Gipfelkreuz und -buch). Die Sulzfluh überzeugt mit phantastischen Ausblicken zu den anderen Kalkriesen des Rätikons, sowie auf die völlig gegensätzlichen begrünten Berge im Süden.

Auf dem Anstiegsweg geht's zurück, bis am Kamm der Steig durch den Gemschtobel nach rechts abzweigt. Über Schutt und felsige Passagen geht's im Tobel abwärts. Weiter unten macht der Steig einen Rechtsknick und leitet versichert durch einen sperrenden Felsriegel aus dem Kar hinaus. Am Verzweigungspunkt nach der Stufe den oberen Steig wählen und durch Geröll und über Wiesen unterhalb der eindrucksvollen Felswände nach Westen hinüber zur Carschinahütte, die als Zwischenstopp dient.

Von der Hütte auf gutem Steig hinauf zum Drusator. Hier bringt der Rätikon-Hauptkamm besonders spektakuläre Felsformationen hervor, eine Zinne übertrifft die andere an Eleganz. Besonderer Blickfang beim Anstieg sind aber natürlich die Drei Türme, die sich als unbezwingbar zeigen.

Auf der anderen Seite geht's - anfangs etwas steiler - hinunter zu einem flachen Geröllfeld, auf dem einst eine Zollwachthütte stand. Weiter durch begrünte Hänge zur Lindauer Hütte, die wenig östlich der weithin sichtbaren Ober Sporaalpe am Waldrand liegt. Hier wird die zweite Nacht verbracht. Von der Hütte zeigen sich besonders die Drei Türme von ihrer Schokoladenseite.

Tag 3: Lindauer Hütte - Großer Turm - Mittlerer Turm - Sporertobel - Öfapass - Schweizertor - Cavelljoch - Schesaplanahütte
Auf dem Steig hinauf in Richtung Drusator. Auf ca. 2170 m an bezeichneter Stelle nach rechts auf markiertem Steig (laut Schild nicht markiert) ansteigend durch Schutt die Nordflanke nach Westen hin queren. Nördlich des Sporaturm wird die markante Seitengratrippe überschritten und man gelangt in den Sporertobel. Je nach Bedingungen über Schutt oder Firn hinauf ins Karende. Rechts werden die begrenzenden Felsen auf gesichertem Steig überschritten und man gelangt in den oberen Teil des Kars, wo die Markierungen enden. Deutlichen Spuren folgend, geht's durch Karstgelände hinauf zum Verbindungsgrat Großer/ Mittlerer Turm und am Kamm weiter zum Großen Turm, dessen Kreuz wohl zwischenzeitlich vom Blitz entsorgt wurde. Zumindest ein Buch ist noch vorhanden, ein kleines "self-made"-Holzkreuz ist als Ersatz aufgestellt. Der Gipfelblick ist klasse und lebt wieder vom Kontrast zwischen den hellen, spektakulären Kalkzinnen und den begrünten, saften Urgesteinsbergen. Ein besonderer Blickfang ist weiterhin der Eistobel, steil unterhalb des Gipfels.

Wenn man schon mal da ist, sollte man auf einen Abstecher zum Mittleren Turm auf keinen Fall verzichten. Dieser wird unschwierig über den Verbindungskamm in wenigen Minuten erreicht (Kreuz und Buch). Von ihm zeigt sich vor allem die gewaltige, wenig geneigte Felsplatte am Fuß der Türme eindrucksvoll. Derart viele Highlights wie an den Drei Türmen gibt's sonst nur sehr selten auf so kleinem Raum - Felstürme, riesige Platten, steile Gletscher, mächtige Zinnen... was für ein Anblick!

Auf dem Anstiegsweg geht's wieder abwärts. Der Sporertobel wird aber nördlich des Sporaturms nicht verlassen, sondern man bleibt im Kar, wo spärlich markierte Spuren abwärts leiten. Am Ausgang des Kars eine Steilstufe links umgehend, wird bald wieder der markierte Hauptweg erreicht, dem man nach links hinauf zum Öfapass folgt.

Auf der anderen Seite durch Wiesen wieder abwärts, bis man kurz vor der ehemaligen Zollwachthütte nach links zum Schweizer Tor abzweigt. Hier verschwindet das gesamte Wasser der Bäche unter den Kalkwänden, um dann auf der schweizerischen Seite als große Quelle wieder zu Tage zu treten.

Vom Schweizer Tor steil und teils versichert abwärts, bis unbezeichnete Steigspuren steil hinunter zum Wanderweg führen. Auf ihm nach rechts in westlicher Richtung weiter zur großen Quelle, die aus dem Fels tritt. Der Steig leitet wieder bergauf, bis am Chilchli die Scheitelhöhe erreicht ist. Anschließend führt er hinüber zum Cavelljoch, wo man gut den Lünersee einsehen kann. Der halbleere Stausee gibt ein trauriges Bild ab.

Der restliche Teil des Weges ist zwar schnell beschrieben, aber weniger schnell gegangen, denn es ist noch sehr weit. Der Prättigauer Höhenweg quert die begrünte Südseite leicht fallend nach Westen, bis er endlich die Schesaplanahütte erreicht, die als Quartier für die Nacht dient.

Tag 4: Schesaplanahütte - Schesaplana - Totalphütte - Lünersee - Douglasshütte - Böser Tritt - Parkplatz Lünerseebahn
Wer die Schesaplana alleine genießen möchte, der muss zu ungewöhnlicher Zeit unterwegs sein. Daher Start um 01.30 Uhr an der Schesaplanahütte. Im Schein des Vollmondes folgt man dem Schweizer Weg, der über den Rücken, auf dem die Hütte steht, an die Südwand heranführt. Die weiß-blau-weißen Markierungen leiten nach links, eine markante Schlucht wird gequert (Drahtseil) und jenseits geht's durch Schrofen aufwärts, bis der lange Quergang nach rechts beginnt. So gelangt man zur Scharte P.2728 (markanter Steinmann, wichtig beim Abstieg).

Von hier entweder weglos am Südwestkamm hinauf zum Gipfel oder auf dem offiziellen Steig durch das Kar zum Südostkamm und auf diesem zum Gipfel. Ein Sonnenaufgang auf der Schesaplana ist ein Erlebnis der Sonderklasse. Wenn die Sonne gerade über den Bergen des Allgäus und des Lechquellengebirges aufgegangen ist, werfen die Kalkriesen des Rätikons lange Schatten, während die Berge westlich des Rheintals noch im Dunkel liegen. Erste Sonnenstrahlen tauchen den Brandner Gletscher in ein zartes Rot - diese Momente sind es, die bleiben! Die Sicht reicht von der Zugspitze bis zu den Walliser Viertausendern.

Bevor die Wanderer von der Totalphütte herauf kommen, beginnt man am besten mit dem Abstieg. Am Südostkamm geht's bergab, bis der Weg nach links abzweigt, der durch ein Kar bergab leitet. Nach einer kurzen, steileren Stufe wird die weite Totalp erreicht. In östlicher Richtung geht es durch Karstgelände zur bereits lange sichtbaren Totalphütte.

Von dort folgt man dem Hüttenweg nahe der Seilbahn bergab, dieser schwenkt nach Nordosten um und führt über dem Lünersee nur mehr schwach abfallend dahin, bis schließlich doch der See erreicht wird. Weiter auf der breiten Schotterstraße zum Damm, auf dem die Douglasshütte steht.

Wer es mit dem sportlichen Aspekt nicht so genau nimmt, kann mit der Lünerseebahn zum Parkplatz hinabschweben, der Rest steigt am Wanderweg über den Bösen Tritt ab, der sich überhaupt nicht als böse erweist. Jetzt müssen mit dem Auto nur noch die Fahrräder oberhalb des Speichers Latschau geholt werden.

Schwierigkeiten:
Mit dem Radl vom Parkplatz Lünerseebahn zum Ausgangspunkt oberhalb Latschau: L.
Anstieg zur Tilisunahütte via Walser Alpjoch: T3.
Abstecher zur Tschaggunser Mittagspitze: T4, I.
Von der Tilisunahütte zur Sulzfluh: T3 (unteres Level, kaum Schwierigkeiten).
Via Gemschtobel zur Carschinahütte: T4- (ein kurzes versichertes Stück beim Verlassen des Tobels).
Über Drusator zur Lindauer Hütte: T3.
Großer und Mittlerer Turm via Sporertobel: T4, L (eine kurze, klettersteigartige Passage am Ende des Tobels).
Über Öfapass, Schweizertor und Prättigauer Höhenweg zur Schesaplanahütte: T4 (nur ein kurzes Stück beim Abstieg vom Schweizer Tor, sonst T2).
Schweizer Weg zur Schesaplana: T4.
Abstieg zur Totalphütte: T3.
Von der Totalphütte über Lünersee und Bösen Tritt zum Parkplatz Lünerseebahn: T2.

Fazit:
Eine gigantische 5*-Rundtour, bei der die isoliert stehenden Kalkriesen des Rätikons besonders in Erinnerung bleiben werden. Weiterhin reizvoll ist der Kontrast zwischen den wilden Kalkburgen und dem tiefen Grün der Matten. Das Highlight der Tour ist aber natürlich der Sonnenaufgang auf der Schesaplana. Die Begehung des Schweizer Wegs bei Nacht setzt allerdings eine gehörige Portion alpiner Erfahrung voraus. Der Lünersee ist potthässlich, vor allem, wenn er fast leer ist und die Betonelemente sich alles andere als nahtlos in die wunderschöne Landschaft einfügen.

Mit auf Tour: Bäda.

Anmerkungen:
paul_sch hat den Großen Turm neulich als Rundtour über Sporer- und Eistobel begangen:
*Drei Türme, großer Turm (rauf Normalweg, runter Eisjöchle).
Auf der Schesaplana wimmelt es derzeit von HIKRs. Dieses Jahr waren schon Dimmugljufur, dulac, Rhabarber und a1 oben.

Tourengänger: 83_Stefan

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Geodaten
 17354v1.kml Tourenskizze (kein GPS)

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Kommentare (6)


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churfirst hat gesagt:
Gesendet am 15. August 2013 um 09:20
Gratulation zu dieser tollen Tour und Danke für die vielen schönen Fotos! Das Rätikon ist wirklich eine sehr beeindruckende Landschaft.

Beste Grüße

Michael

83_Stefan hat gesagt: RE:
Gesendet am 17. August 2013 um 08:07
Hallo Michael, vielen Dank für dein Lob! Ich war auch begeistert vom Rätikon - war mein erster Besuch dort.

paul_sch hat gesagt:
Gesendet am 15. August 2013 um 09:43
Tolle Runde! Ich war übrigens schon 3x auf der Schesaplana dieses Jahr. ;-) Es ist bei mir ein Ritual, im Frühsommer die idealen Schneeverhältnisse zum Abrutschen auf dem Allerwertesten zu finden. LG, Paul

83_Stefan hat gesagt: RE:
Gesendet am 17. August 2013 um 08:07
Danke dir, Paul! Die Schesaplana ist dein Hausberg ;-) !

Schmiger hat gesagt: Herrliche Tour, herrlicher Bericht...
Gesendet am 15. August 2013 um 16:23
War selbst schon 1-2x im Rätikon unterwegs, auch im Winter zum skifahren schon dort gewesen, und ein wirklich sehr schön geschriebener Bericht der einen ins Schwelgen bringt...

Muss demnächst auch mal wieder da runter, die Zimba ruft immer noch so laut... ;)

83_Stefan hat gesagt: RE:Herrliche Tour, herrlicher Bericht...
Gesendet am 17. August 2013 um 08:09
Hallo Schmiger, vielen Dank! Die Zimba ist schon wirklich ein schöner Berg - ich höre sie auch immer rufen ;-) .


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