Geniessertour Oberblegisee und Eggstöcke


Publiziert von Fico , 28. Juli 2013 um 23:24.

Region: Welt » Schweiz » Glarus
Tour Datum:21 Juli 2013
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettersteig Schwierigkeit: S+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GL   CH-SZ   Glärnischgruppe   Ortstockgruppe 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1475 m
Abstieg: 675 m
Strecke:Brunnenberg-Oberblegisee-Bösbächi Beiz-Seblengrat-Bergrestaurant Gumen-Gumengrat-Leitereggstock-Vorderer Eggstock-Mittlerer Eggstock-Hinterer Eggstock-Bützi-Gumen Bergstation
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Luchsingen-Hätzingen, Bergstation Brunnenberg
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Linthal Braunwaldbahn, Gumen Bergstation
Unterkunftmöglichkeiten:Bergrestaurant Gumen www.gumen.ch/
Kartennummer:1173 (Linthal)

Als ich vom Gumengrat aus ins Bächital schaute und von Weitem den idyllisch blauen Oberblegisee sah, nahm ich mir vor, diese schöne Gegend einmal zu besuchen. Das war vor sechs Jahren. Damals war ich für ein paar Tage in Braunwald, um mein Glück als „Klettersteigtourist“ zu versuchen, mit einem gemieteten Klettersteigset und einer tüchtigen Portion Abenteuerlust. Ausser einem Wochenend-Kletterkurs, einmal vor 30 Jahren, hatte ich keinerlei Erfahrung im Fels und konnte daher nicht wissen, was mich auf einem Klettersteig erwarten würde. Als ich an jenem Samstagnachmittag in die 150 Meter hohe Wand einstieg, war sonst niemand mehr unterwegs. Wir waren also nur zu zweit, der Fels und ich. Beim Blick nach unten, in die Tiefe, verspürte ich keine Angst. Weit besorgter schaute ich immer wieder nach oben, was wohl noch alles kommen würde. Meine einzige Zuversicht war die Gewissheit, dass ich mich nicht versteigen konnte, da stets am Drahtseil gesichert, und dass irgendein Weg auch wieder aus dem Felslabyrinth hinausführen würde.
 
Ganz allein auf mich gestellt durch die mächtigen Felsen zu steigen, war ein unvergesslich schönes Erlebnis, das sich tief eingeprägt hat. Nun, sechs Jahre später, war endlich die Gelegenheit für den Oberblegisee gekommen, und zwar in Verbindung mit den Eggstöcken. Denn dort hatte ich noch eine Rechnung offen: den Hinteren Eggstock, den ich mir damals nicht zugetraut hatte. Der Aufsteig über den Klettersteig wird als „sehr schwierig“ beschrieben. Zwei überhängende Stellen benötigen nicht nur Schwindelfreiheit, sondern auch genügend Kraft in den Armen. Nach der Lektüre der verschiedenen Hikr-Berichte wollte ich diesmal einen Versuch wagen. Den Abstieg vom Mittleren Eggstock hatte ich als sehr mühsam und unendlich lange in Erinnerung. Ein Grund mehr, die Herausforderung anzunehmen!
 
„Eifach gnüssä!“, steht auf der Tischserviette im Berggasthaus Gumen. Für den, der mit der Seilbahn ankommt, trifft das zweifellos zu. Für alle andern gilt eher: ohne Schweiss, kein Preis! Damit mein Vorhaben zur Geniessertour wird, nehme ich mir zwei Tage Zeit und wandere vom Oberblegisee her auf den Gumen, wo ich die Nacht verbringe. So bin ich am nächsten Tag gut akklimatisiert und kann mich frisch ausgeruht auf die Eggstöcke konzentrieren. Wer die Sache möglichst schnell hinter sich bringen will, könnte die Tour rein theoretisch auch an einem Tag bewältigen: Für die Wanderung vom Oberblegisee zum Gumen benötigt man 3 ½ Stunden, für alle drei Eggstöcke 5 bis 6 Stunden.
 
Von Luchsingen aus nehme ich die Seilbahn, die mir die ersten 500 Höhenmeter Aufstieg schenkt. Die eigentliche Tour beginnt somit erst auf dem Brunnenberg. Von dort führt der markierte Wanderweg zum Oberblegisee. Der einstündige Marsch in der Mittagshitze ist schweisstreibend. Umso genussvoller ist das anschliessende Bad im Bergsee, der erstaunlich warm ist – gefühlte gute 20 Grad. An diesem schönen Sommersonntag wird der Oberblegisee verständlicherweise rege besucht. Dennoch hat es genügend Platz für alle. Ausgeruht und erfrischt versuche ich anschliessend, den See auf der westlichen Seite zu umrunden. Dort ist Einsamkeit garantiert, denn einen Weg gibt es nicht.
 
Nach anfänglichen Wegspuren wird das Gelände zunehmend unwegsam. Auf meiner 25’000-Karte von 1979 ist auf etwa 1480 m Höhe ein Weg eingezeichnet. Also steige ich langsam höher, in der irrigen Annahme, bald einmal auf diesen alten Weg zu treffen. Im Nachhinein lächle ich über meine naive Erwartung, in diesem Gelände nach mehr als 30 Jahren einen nicht mehr unterhaltenen Weg zu finden. Und sollte es ihn tatsächlich noch geben, ist er irgendwo unter der üppigen Vegetation versteckt. Jedenfalls begegne ich ihm nirgends und weiss kaum mehr, wo die Füsse hinstellen. Der Wanderstock wird zum Blindenstock, mit dem ich mich vorantasten muss. Die nächstbeste Geröllspur benütze ich, um rasch wieder auf die Höhe des Sees abzusteigen.
 
Nach diesem sinnlosen Höhenmeterausflug erreiche ich schweissgebadet das südliche Ende des Sees, wo ich, hinter den grossen Felsblöcken versteckt, hemmungslos ein zweites Bad im kühlenden Nass geniesse. Einen solchen See sollte man bei den sommerlichen Temperaturen stets in der Nähe haben! Dann mache ich mich auf den Weg Richtung Gumen, meinem heutigen Tagesziel. In der Bergwirtschaft Bächialp kehre ich ein und stärke mich für den anschliessenden Aufstieg. Über den Eggstöcken und ganz hinten im Bächital sind dunkle Wolken aufgezogen. Hoffentlich erreiche ich mein Ziel vor dem zu erwartenden Gewitter. In den frühen Abendstunden ist es noch immer schwülwarm. Die Luft ist derart mit Feuchtigkeit gesättigt, dass trotz Sonnenstrahlen einzelne Regentropfen fallen. Zuerst halte ich sie für meine eigenen Schweisstropfen. Es ist kurz nach 19 Uhr, als ich auf dem Seblengrat ankomme. Die Gewitterwolken haben sich zum Glück wieder verzogen. Bis zum Gumen ist es nicht mehr weit. Gemütlich geht es nun auf dem Wanderweg mehr oder weniger geradeaus. Die Tische draussen vor dem Bergrestaurant sind nass. Offenbar hat sich dort vor Kurzem eine Wolke entleert.
 
Als ich am nächsten Morgen früh aufstehe, zeigt sich der Himmel wolkenlos. Um halb sieben bekomme ich bereits das Frühstück, so dass ich mich zeitig auf den Weg machen kann. Um acht Uhr bin ich auf dem Gumengrat und geniesse die Aussicht: vor mir gestochen scharf die Leiteregg, mein erstes Gipfelziel, zu meiner Rechten, weit unten im Dunst, glitzert der liebliche Oberblegisee, davor liegt die romantische Bächialp. Am Himmel ist die erste, kleine Wolke zu sehen. Im Laufe des Tages werden sie immer zahlreicher. Vor dem Einstieg rüste ich mich aus, mit Klettersteigset und Helm. Doch der Weg durch die Felsen ist nicht mehr so eindrücklich wie beim ersten Mal, das Umhängen nach jedem Segment wird zur Routine, zur lästigen Pflicht.

Nach einer guten Stunde bin auf dem Leitereggstock (2310 m), vor mir das nächste Gipfelziel, das ich gleich in Angriff nehme. Abgesehen von einer luftigen, etwas abdrängenden Stelle treffe ich auch dort auf keine nennenswerten Schwierigkeiten. Auf dem Vorderen Eggstock (2449 m) trage ich mich ins Gipfelbuch ein und gönne mir eine erste Pause. Die Sonne hat sich bereits hinter den Wolken verzogen, so dass es noch angenehm warm, aber nicht mehr heiss ist.
 
Nach einem kurzen Abstieg kommt die spektakuläre Hängebrücke. Sie ist luftig, aber völlig harmlos. Da sie sich bei jedem Schritt ein wenig bewegt, ist sie eine gute Gelegenheit für Leute, die noch etwas Höhenangst wegtrainieren müssen. Oder anders gesagt: Wer auf der Charlottenbrücke weiche Knie bekommt, soll den Hinteren Eggstock besser auf ein anderes Mal verschieben. Der Weiterweg über den Grat auf den Mittleren Eggstock (2420 m) ist zwar ausgesetzt, jedoch unproblematisch, da man stets am Drahtseil gesichert geht. Auch auf diesem Gipfel findet man nebst einem grossen Steinmannli ein massives Holzkreuz mit Gipfelbuch. Die Rundsicht ist grossartig, reicht heute aber leider nicht allzu weit. Sonne und Wolken wechseln sich ab. Über eine saftig grüne Blumenwiese geht es an der Schutzhütte vorbei zum Abstieg. Schon bald trennen sich die Wege. Es gilt, sich zu entscheiden: zwischen dem langen, mühsamen Ausstieg und dem letzten, bedeutend schwereren Abschnitt des Klettersteigs. Grimmig schaut die Wand des Hinteren Eggstocks zu mir herüber. Soll ich wirklich das Schicksal herausfordern? Bis jetzt ist alles gut gegangen, ohne irgendwelche Schwierigkeiten, und es ist noch nicht einmal ganz halb zwölf. Kurz entschlossen entscheide ich mich für die abenteuerlichere Variante. Am Warnschild vorbei, mit dem Giftflaschensymbol und der Frage: „Bist du richtig gesichert?“, mache ich mich auf den Weg.
 
An der ersten Schlüsselstelle scheitere ich beinahe, da ich zuerst keine geeigneten Tritte und Griffe finde. Bei der nächsten, leicht überhängenden Stelle, als sich der Rucksack wieder vom Rücken löst und der Schwerkraft folgen möchte, reicht meine Armkraft nur ganz knapp, um mich hinaufzuziehen. Kurzum, der Klettersteig beim Hinteren Eggstock ist happig und kann nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Auf einem fussbreiten Stand mache ich – gut gesichert, mit einem der beiden Karabinerhaken an einem Eisenbügel eingehängt – einen Fotohalt und atme tief durch. Das letzte Stück bis auf den Gipfel ist dann wieder vergleichsweise einfach. Gross ist die Freude, als ich um die Mittagszeit oben auf dem Hinteren Eggstock (2445 m) ankomme. Etwas weniger als fünf Stunden habe ich gebraucht, um mein Ziel zu erreichen. Trotz einer leichten Zerrung in den Armen hat es sich gelohnt, das kleine Wagnis auf mich zu nehmen!
 
Der Abstieg führt auf einem schmalen, weiss-blau-weiss markierten Pfad durch die Südwestflanke. Er ist nicht übermässig steil, aber feucht und unangenehm rutschig. Ganz so, als hätte es hier eben erst geregnet. Obwohl eigentlich unschwierig, ist höchste Konzentration gefragt. Ein Ausrutscher wäre kaum aufzufangen und hätte dementsprechend fatale Folgen. Und Drahtseile an heiklen Stellen sucht man vergeblich. Lieber ein paar leicht überhängende Felsen auf dem Klettersteig als diese rutschige, schmierige Angelegenheit! Nach ungefähr einer halben Stunde wird es wieder gemütlicher. Vereinzelt hat es noch kleine, ganz ungefährliche Schneefelder. Schon bald komme ich beim „Treffpunkt 2222 m“ vorbei und kurze Zeit später, nach dem Bützi (2150 m), erreiche ich den weiss-rot-weissen Bergweg.
 
Als ich einmal kurz anhalte, um die Alpenrosen vor der Ortstock-Kulisse zu fotografieren, kommt von hinten eine Wanderin. Sie scheint es eilig zu haben: „Darf ich mal schnell durch?“ Die Alpenrosen hat sie vermutlich ebenso wenig bemerkt wie die Edelweisse, die ab und zu am Wegrand blühen. Nach 7 ½ Stunden bin ich wieder beim Bergrestaurant Gumen. Die Tische draussen sind so nass wie am Vortag. Ob es hier geregnet habe, frage ich die Wirtin. „Ja, vor zehn Minuten. Nur kurz, aber es hat genügt, dass wir die Sonnenschirme hereinholen mussten.“ Zum Glück habe ich mich vorher, beim Abstieg, nicht beeilt! Meine zweitägige Geniessertour beende ich mit einer feinen Erdbeerschnitte auf der Terrasse des Restaurants. Dann fahre ich mit der Sesselbahn hinunter nach Braunwald.

Tourengänger: Fico


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Kommentare (2)


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Wanderer82 hat gesagt:
Gesendet am 29. Juli 2013 um 00:34
Hm, vor 2 oder 3 Jahren war ich mit einer Wandergruppe am Oberblegisee. Wir "umrundeten" den See auch auf der Westseite, kamen aber vom anderen Ende her. Von da her gab es - so ich mich richtig erinnern kann - eine Art Weg durch die Vegetation. Ich mag mich erinnern, dass es etwas mühsam war und gegen Ende war da tatsächlich nur noch Geröll und wir stiegen dann ziemlich rasch weiter runter.

Felix Pro hat gesagt:
Gesendet am 27. August 2013 um 07:37
spannender, informativer Bericht!
der Hintere Eggstock schon schön happig (K5 bei Hüsler) - Bravo

lg, Felix


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