Wir nahmen im Bahnhof Betten die 06:20 Uhr Seilbahn nach Betten-Bettmeralp, das heisst wir wollten sie nehmen, denn wir waren drei Sekunden zu spät und mussten daher eine halbe Stunde warten. Später lief alles nach Wunsch und Plan. Auch das Wetter liess nichts zu wünschen übrig. Was uns sehr verwundert hat, waren die Massen Schnee, die auf der Bettmeralp auf 1924 m ü. M. noch herumliegen.
Diese Tour macht natürlich nur Sinn, wenn die Skilifte nicht mehr in Betrieb sind. So kann man in aller Ruhe die Pisten hoch laufen und oben dann die einmalige Aussicht aufs Weltnaturerbe, aber auch auf die Walliser Alpen im Süden, geniessen.
Auf dem Aletschgletscher konnte man recht viele Tourer beobachten, die zum Mittelaletschbiwak unterwegs waren. Ich glaube die Verhältnisse am Aletschhorn waren und sind noch immer ideal.
Die Fotos, die ich anfüge, dienen eher der Auffrischung der Geographiekenntnisse. Da ich fast zehn Kilometer von all diesen schönen Bergen entfernt wohne, kenne ich ihre Namen nicht mit Bestimmtheit. Vielleicht kann sie jemand benennen.
Hier nun meine Murmeltiergeschichte:
(Wahre) Gedanken eines Murmeltiers
Uah! - Hab ich wieder mal gut geschlafen. Muss wohl Monate durchgepennt haben. Was hat mich denn bloss aufgeweckt? - Ist doch sicher mein innerer Wecker gewesen. Das grosse Frühlingserwachen? - Ja, es ist wirklich recht warm in meiner Wohnung. Doch, auh! - unglaublich, wie diese Glieder schmerzen. - Ist ja logisch, wenn man so lange auf der faulen Haut liegt. Und mein Grasbett ist nun wirklich keine Bikoflex. Und erst die Luft in unserem Schlafzimmer! - Ich sage dir: zum Schneiden. Warte, da stimmt doch etwas nicht mit mir! - Wo ist nur mein molliger Bauch geblieben? Und, oh weh, meine Wangen sind ja ganz eingefallen. Ich sage dir, bin ich steif und kraftlos! - Kann mich ja kaum bewegen. Hoffen, dass in der Vorratskammer noch ein paar Beeren vom gestrigen Nachtessen herumliegen. Oder wenigstens ein Büschel Gras. - Nichts! - Mein Liebster hat wieder mal alles weggeräumt. Wenn er aber so schläft, ist er aber wirklich ganz süss. Und erst die Kleinen! - kaum hörbar in ihrem leisen Schnarchen.
Etwas ist aber hier doch anders als sonst! - Stimmt, unsere Wohnung ist heute so finster. Ich kann ohne Taschenlampe kaum etwas sehen. Wo ist bloss der Ausgang? - E muss da drüben um die Ecke sein. Dort war es ja immer besonders hell. Heute kein Sonnenstrahl, kein Schimmer von aussen. O.k. - mal nachschauen, mal nachtappen. Oh Schreck! Ein Unglück, eine Katastrophe, eine Lawine. Unser Korridor in die Oberwelt ist voll kalten, eisigen Schnees. Wie kommen wir hier nur raus? - Wir sind bestimmt alle verloren! - Jetzt heisst es vor allem eins: klaren Kopf bewahren, und ruhig Blut. Thomy, meinen Mann, erst gar nicht wecken. Gibt ja nur Streit, wenn wir zusammen arbeiten. Kinder schnarchen lassen. Und vor allem nichts wie an die Arbeit. Fühlt sich dieser Schnee an meinen Füssen aber kalt an! Und hart ist er, sehr hart.
Seit Stunden schon, kratze, krabble, scharre, mit einem Wort schufte, ich wie eine Verrückte. Unser Wohnzimmer wird jetzt auch einem Eispavillon gleich sein. Kratze den Schnee einfach mit meinen Vorderfüssen los und reiche ihn mit meinen Hinterpfoten nach hinten. Nicht gerade weitsichtig, aber was bleibt mir anderes übrig! - Und erst das Resultat: jetzt hält mich vorne und hinten kompakter Schnee gefangen. Gefangen in meinem eigenen Gang - welche bitteres Ende! Und meiner Familie im Bau geht es nicht besser. Oh, die Armen! - Wenn sie nur von allem erst gar nichts mitbekommen. Im besten Fall wird es noch Stunden dauern, bis ich da raus bin. Alles tut weh, alles ist kalt. Die wirrsten Gedanken huschen durch mein Gehirn, während meine Füsse wie wild scharren. Wo bin ich? Wie weit geht es noch? Versuche zu rechnen. Pi im Quadrat? Ach was! - r im Quadrat. Haben wir doch damals in der Schule gelernt. Oder war es: Murmeltierschnauze bis Ohrende im Quadrat mal pi im Quadrat, nein mal pi, mal Murmeltierlänge, mal Wurzel … ich weiss es nicht mehr! Zwei pi, 3.1415, ... mein Hirn ist voller wirren Zeugs. Komm ich überhaupt noch vorwärts? Mir ist , als hätte ich schon zehn Murmeltierlängen gegraben, oder waren es zwanzig? Das wären dann fast zwei Murmeltiertage. Umgerechnet ein gutes Wühlmausjahr. Doch irgendwie ist mir nun doch, als würde der Schnee langsam weicher. Ist da nicht ein leichter Blauschimmer? Dodoch, tatsächlich bin ich bald durch. Ja noch ein paar Pfoten weit, und dann ist es geschafft. Bestimmt wartet am anderen Ende schon Bundesrat Moritz Leuenberger mit einer Flasche Champagner. So hab ich’s noch gestern Abend am Fernsehen gesehen. Bei jedem Durchstich ist er dabei. Dann gibt’s Blechmusik, Ansprachen und Bratwurst. Freude herrscht! - bald kann ich das auch alles geniessen. Doch insgeheim mag ich all diese Aufregung eigentlich gar nicht.
Endlich gleissendes Licht. Schmerzende Helle überall. Bin ich im Paradies? Und Moritz ist nicht auszumachen. Und auch Ogi nicht, der doch sonst überall dabei ist. Langsam gewöhnt sich mein Auge an die Helle. Schnee weit und breit, meterhoch Schnee! Nur weit drüben am Hang da, meine ich grünes Gras und Stauden ausmachen zu können. Und hier haben wir uns doch noch gestern getummelt und haben gefressen, was das Zeug hält. Dumme Sprüche bis an den Bach ab gemacht. Doch dann eines guten Herbsttages, ohne Warnung, ohne Ahnung unsererseits, sag ich dir, haben die Schlaumeier von der künstlichen Beschneiung ihre Kanonen gestartet und unser Quartier mit hässlichem, kalten Schnee eingedeckt. Eine Gemeinheit sondergleichen! - Uns blieb nur noch die Flucht nach unten, nach innen, in die winterlange Meditation. Und jetzt wollen die Schlauköpfe noch alles mit Gletscherfolie abdecken. Das wird unser aller Untergang sein. Denkt denn niemand an uns? Zum Glück braucht es aber wenigstens ein Baugesuch. Das habe ich im „Walliser Boten“ gelesen. Ja, genau das habe ich gelesen. Dann werden grössere Schlauköpfe über kleinere Schlauköpfe entscheiden. Irgendwie auch lustig.
Und während ich so sinniere, wird mir bewusst, in welch auswegsloser Lage ich mich noch immer befinde. Oh ich erbärmliches Murmeltier, inmitten eines grenzenlosen Schneefeldes, weit weg von jeder Nahrungsquelle, und getrennt von meinen Lieben drinnen in der Wohnung. Da wäre vielleicht eine Fluchtmöglichkeit nach oben! - Ich meine übers weite Schneefeld hinüber in die lockende Vegetation. Dort am Hang lebt ja Tobi. Habe ihn schon ein paar Mal pfeifen gehört. „Hat gut gebaut, wer auf den Hang vertraut“ - hat er in grossen, leckeren fetten Lettern auf sein Haus geschrieben. Der hat gut pfeifen! Dem wachsen die Gräser ja geradewegs in die Wohnung. Ich könnte den riskanten, deckungslosen Weg übers Feld riskieren, bei ihm um Unterschlupf für ein paar Tage bitten und mir nebenbei ein-zwei Kilo Fett anfressen. Doch ich kenne diesen Typ Artgenossen zu gut. Wohl sitzt er jetzt schon tagelang braungebrannt vor seinem Bau und geniesst die warmen Sonnenstrahlen. Und wenn er mich sieht, wird er nur an das eine denken - ich meine an den Nachwuchs - ich meine ans Machen desselben und dann an nichts mehr. Und da bei ihm alles sehr schnell geht, werde ich bald keinen Deut besser dran sein als jetzt.
Bin ich froh, hat mich mein Schöpfer mit ganz scharfen und logischen Gedanken versehen. Doch warum haben meine Ahnen nur diesen Wohnort gewählt? - Das nenne ich Schicksal: man wird irgendwo hineingeboren, und dann heisst es: „débrouillez-vous!“ - Genau gleich geht es den Zweibeinern: die einen kommen im hungernden Afrika die anderen im satten Europa zur Welt. Hört mir auf mit Afrika! Ich gehöre in die Berge. Da will ich sein und sterben. Und im Sommer ist es hier am Bettmersee eigentlich auch nicht übel: Nahrung so weit das Auge reicht, prima Aussicht und sogar Stranderlebnisse mit unseren Kleinen noch und noch.
Mein Gatt - verliere ich mich wieder in Gedanken. Denke ans Baden, und dabei befinde ich mich immer noch in höchster Gefahr, mitten auf weitem Feld, mitten im Schnee. Schleicht dort unten nicht schon ein Fuchs herum? - Und da oben, ist das nicht ein Adler? - Oder ist es nur ein Heli der Air Zermatt? - Wir Tiere sind mit der Angst und mit dem Hunger und mit allen Unbilden der Natur gross geworden. Darum lass ich mich nicht so schnell erschrecken. Doch wachsam bin ich stets. „Be alert - be prepared!“ hat Papa immer gesagt. Doch nun definitiv: Da unten kommen nun ganz gewiss zwei rotjackige Zweibeiner auf langen Latten mit zwei Stöcken bestockt den Hang hoch. Ich grabe, dass der Schnee nur so dahinstiebt. Rot ist in unserem Reich schon immer ein Zeichen der Gefahr gewesen. Darum abhauen, so schnell es geht. Zwei Murmeltierlängen ist der Schnee recht locker, weil von mir schon vorgelockert. Ich bin gerettet!
Ich ducke mich, so gut ich kann. Und die zwei da oben stehen noch etwas herum und staunen. Sagt der Kräftigere zur Schöneren: „Fünfzigtausend Höhenmeter bin ich diesen Winter schon hochgestiegen!“ - Sagt die Schönere zum Kräftigeren: „So!“ - Und ich denke mir: Der Zweibeiner hat die Angst besiegt, und nun klettert er in seiner Musse steile Berge hoch, um sie wieder zu finden. Andere Zweibeiner joggen wie wild in unserem Revier herum - nur um Fett zu verbrennen. Verrückte Welt! - Ich mache mir die grössten Sorgen um meine Fettreserven und werd sie in unserem Reich im Schlafe wieder von selber los. Und die da reden nur von kalorienarmer Nahrung. Mal einen Sommer lang nur Gräser fressen und Körner picken, dann vergeht euch das schon. Ich hab’s: im Sommer verkauf ich den Touristen hier meine Idee - „schlank im Schlaf, schlaf im Schrank!“.
Ach, schon wieder bin ich in meiner Gedankenwelt verloren. Die beiden Roten sind nun schon weit oben am Bettmerhorn. Eigentlich friedlich diese Tourer. Wieso sind sie nur rot? Die grünberockten Zweibeiner, die im Herbst hier auftauchen, sind doch viel gefährlicher. Bestockt mit einem Schiessgewehr schiessen sie auf alles, was sich bewegt. Zum Glück sind damit die lauten Mähmaschinen aus unserer Gegend verschwunden. Und mein Gatte hatte für einmal die gute Idee, uns allen ein Schild mit der Innschrift „WIR SIND EIGENTLICH GAR KEINE MURMELTIERE!!!“ umzuhängen - seither sind wir von jedem Schuss verschont geblieben. Da heisst es, wieder einmal umdenken in unserer modernen Welt: rot ist nicht mehr so gefährlich - grün wird immer gefährlicher. Und es kommt noch dicker: Als hätten wir mit Füchsen, Mardern und Adlern nicht schon genug Sorgen, wollen uns die Grünen jetzt auch noch Wölfe und Bären vor die Wohnungen stellen. Wer denkt da noch an uns friedliebende Ururbewohner dieser Gegend? - Friedlich sind wir und tun niemandem etwas zu Leide, und sie drohen schon mit der nächsten Generation blutrünstiger Bestien: Leoparden, Geparden und Hyänen.
Und so vergeht die Zeit und meine Lieben sind noch immer von aller Umwelt abgeschnitten. Zurück an die Arbeit! Erstaunlich die Kraft, die mir mein Philosophieren zurückgegeben hat. Oder ist es die Wut, die mich antreibt? Und wieder fliegt der Schnee, wie er nur fliegen mag, und diesmal wird er vom Wind weit weg gefegt. Man hätte damals doch eine zweite Röhre bauen sollen! - überleg ich mir bei dieser hoch repetitiven Arbeit. Und ich wühl und arbeite so gut ich kann. Und die Energie schwindet wieder. Und der Schnee wird nach innen wieder härter. Moritz, schick mir doch bitte eine Tunnelbohrmaschine! Moritz, schick mir endlich eine TBM, sag ich halblaut immer wieder. Nützt alles nichts. Guschepain, Herr aller Stromlinienförmigen, hilf mir in meiner Not! Es folgt ein Stossgebet dem anderen. Oh, Evelyn, oh du Martyrerin, hilf mir in meinem Martyrium, mach mich schlüpfriger und schlumpfiger, als ich schon bin. Ich zapple und wüte wie ich kann und komme kaum voran. Stossgebete nützen nichts, ich versuch’s mit Ziehgebeten. Lieber Samuel, schenk mir in dieser hitzigsten aller hitzigen Schlacht die Ruhe und Besonnenheit, die ich so dringend benötige. Steh mir bei, Calmy-Ray, stay calm! Und noch ein Stossgebet aus tiefster Not:
Oh liebe Doris meine
schick mir bitte eine
sei’s auch nur eine kleine
Tunnelbohrmascheine!
All mein Beten zeigt keine Wirkung. Die Füsse werden wunder, das Fell nasser und dünner. Alleluja sog ich. - Ogi, schick mir endlich diese Tunnelbohrmaschine. Oh Ogi, du Grossgewachsener, du am Lötschberg Aufgewachsener, du mit der NEAT Grossgewordener. Schon meine Ahnen haben dich angefleht. Du, der du überall bist und nirgends, du Freund der Walliser, du Freund der Bergler, du Bergler, wo bleibt nur die TBM? Wütender schrei ich: alleluja. Wo bleibt diese TBM, diese verd... Bohrmaschine. Da ein letztes Kratzen und Scharren, ein letztes Ächzen und Krächzen und ich bin durch, bin wieder in meinem vertrauten Wohnzimmer. Alle sind jetzt auf und munter, und alle staunen wegen meines Aussehens. „Nein, alles ist gut, es geht mir gut, es ist gut!“. Und mein Alter fragt mich: „Na schon wieder im Ausgang gewesen, und wo bleibt das Essen, und wo ist die frische Unterwäsche?“ Und die Kleinen sind schon drauf und dran hinaus zu blochen. Ich sinke in mich zusammen, bin nur todmüde und vor allem froh, dass der Weg in die Freiheit wieder frei ist. Ob mit Blocher oder ohne Blocher, nichts wäre einfacher als schwieriger gewesen.
Und da noch eine Überraschung! - Haben die Rotjacken doch tatsächlich unsere Lage richtig eingeschätzt und viel Grünzeug vor unserem Eingang deponiert. Das meiste zwar absolut ungeniessbar - wir fressen doch keine Alpenrosenblütenblätter! Doch der gute Wille hilft uns moralisch allemal. Und sie haben die von uns in Schnee geschriebenen Spuren richtig gedeutet: zaghafte Schritte vom Eingang weg - drei Schritte vor und zwei zurück - unsere Angst förmlich in den Schnee geschrieben - keine Spur auch nur annähernd bis zu den grünen Matten - und immer wieder fliehende Schritte zurück zum Eingang - Zeichen der erkannten Gefahr, der stetigen Angst - und wieder nichts gefressen!
Einige von uns werden überleben ...













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