Herzogstand (Nordgrat) bis Heldenkreuz


Publiziert von Wagemut , 14. Juni 2013 um 17:09.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Bayrische Voralpen
Tour Datum:11 Juni 2013
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 
Zeitbedarf: 8:30
Aufstieg: 1100 m
Abstieg: 1100 m
Strecke:14 km
Unterkunftmöglichkeiten:Berggasthaus Herzogstand
Kartennummer:AV-Karte, BY9, Estergebirge Herzogstand, Wank

Nachdem ich spontan frei nehmen konnte, wollte ich den Tag gut nutzen. Angesichts der jüngsten Schneefälle wählte ich ein niedriges Ziel aus, den Herzogstand. Bisher hatte er mich wegen seiner enormen touristischen Bedeutung stets abgeschreckt.:-) Heute, an einem Tag unter Woche, rechnete ich mir gute Chancen aus, wenigen Menschen zu begegnen.
Der Herzogstand Nordgrat, laut Zebhauser* "ein brüchiger IIIer, kompliziertes Gelände" schwirrte mir schon länger im Kopf herum. Mein erster Plan war, mir nur den Einstieg anzuschauen...


Ein netter Münchner nimmt mich vom Bahnhof in Kochel im Auto bis zum "Kesselbergpass" mit. Vom Urfelder Reitweg zweige ich auf 1142m auf den Pionierweg Richtung Schlehdorf ab. Nach ca 10 min Abstieg überquert der Weg einen geröllerfüllten Graben.
Nach diesem steige ich links über einen relativ lichten, waldigen Rücken aufwärts. Das Gras ist noch nass und ab und zu ziehen hartnäckige Nebelschwaden vorbei. Ich bin am Überlegen, ob ich hier hinaufklettern oder doch lieber den Normalweg gehen soll.
Erstmal ein zweites Frühstück und dann "naja, anschauen kann ichs mir ja mal"

Bald stoße ich auf eine freiere Fläche mit steilem, im oberen Teil felsdurchsetzem Grashang.
Mit etwas Phantasie kann man das als (flache) Rinne sehen, die laut Routenbeschreibung zum Latschenbuckel hinaufführt.
Über den Hang geht es hinauf, wobei ich mich durch Latschen hindurchzwängen muss. Links sieht man die Schlucht, die den Nordgrat östlich begrenzt. Die Orientierung ist also nicht all zu schwer. Bald folgt ein kurzes Latschenfeld, dass ich nach rechts aufwärts querend verlasse, indem ich auf das Ende einer Rinne/ Grabens zuhalte.
Ich bleibe eine Weile im Graben, der eigentliche Grat links von mir erscheint mir im Moment zu schwierig, da ein kurzer ausgesetzter Aufschwung überklettert werden müsste. Im Graben also über gutgriffigen, teilweise plattigen Fels (II) bis hinter den Aufschwung und links zurück auf den Grat.
Am mit ein paar Latschen versehenen Grat entlang geht es weiter aufwärts. Dort wo der Grat leicht nach links umbiegt, bildet er eine hohe Wand/Turm. Rechts von dieser befindet sich ein Durchschlupf, ein kurzer Kamin (II), hinter dem man wieder links zum Grat hinaufsteigen kann. An diesem Punkt prüfe ich noch einmal, ob ich den Grat bis zum Gipfel gehen, oder doch umkehren soll, da es immer noch recht neblig ist. Der Fels ist entgegen meiner Erwartung bis auf wenige Stellen nicht sehr brüchig. Auf dem Turm sitzend, warte ich ab, bis der Nebel sich verzieht. Vom Turm geht es auf schmalem Grat, links und rechts zeigen sich tiefe beeindruckende Schluchten und steile Felswände, zu einer kleinen Scharte hinab.
Weiter oben ist schon der große Turm zu erkennen, der auch im Führer beschrieben ist. Dass es sich um ebenjenen handelt, erfahre ich aber erst, als ich an diesem anlange, denn der darauffolgende Abstieg geht genau so vonstatten wie es im Führer beschrieben ist.
Zunächst steige ich weiter am Grat hinauf, bis ich den Aufschwung des großen Turms erreiche. Der Turm weist einen feuchten, ca. 10m langen Kamin auf, welcher am Anfang fast flach und am Ende ca. 2,5m senkrecht ist. Mit dem Rücken zur einen Wand spreize ich mühsam und mit etwas flauem Gefühl den feuchten Kamin hinauf und erreiche mit wenigen Schritten den Scheitel des Turms. Gleich dahinter kommt ein kleines Schärtchen. Kurz oberhalb ist ein schwarzes Seil um einen Block gelegt, das nötigenfalls zum Abseilen dienen kann.
Wenige Meter nach dem Schärtchen bricht der Turm steil nach Süden ab. Deshalb klettere ich links ein paar Meter eine steile Rinne ab und quere auf schmalen Bändern rechts herum, bis ich auf der Südseite des Turms angekommen bin. Ab hier ist der Grat für eine kurze Zeit latschenbewachsen, geht aber bald wieder in felsiges Gebiet über. Endlich sehe ich das Gipfelkreuz östlich des Pavillions, auf das der Grat zielgenau zuführt.

Der Nebel hat sich endgültig verzogen. Vom Herzogstand gehe ich beschwingt über den Grat zum Heimgarten. Weiter gehts problemlos auf  Ölrain, Eckleiten und Osterfeuerspitze. Beim Heldenkreuz war ich bisher nicht. Deshalb verlasse ich auf ca. 1160m den gewöhnlichen Pfad und halte mich an einen Gamswechsel. Er führt mich am Grat weiter, der bald recht steil wird. Noch einmal muss ich mich gut konzentrieren, denn links liegt der Klammgraben ziemlich weit unten...:-) Doch dann ist auch diese Passage überwunden. Vom Heldenkreuz aus führt mich ein guter Pfad hinab und ich erreiche wohlbehalten Eschenlohe. 

Fazit: Die Tour hat sich gelohnt. Die wilde Landschaft der Herzogstandnordwand ist berauschend schön. Wie der Führer sagt, handelt es sich um "kompliziertes Gelände" Bis zum großen Turm war ich vermutlich meistens nicht exakt auf der originalen Route!! Viele Wege führen zum Herzogstand.:-)
Überwiegend liegen die Schwieigkeiten zwischen I. und II. SG. Die Brüchigkeit hielt sich erstaunlicherweise in Grenzen und IIIer Stellen, soweit vorhanden, ließen sich gut meistern. Da ist der NO-Grat am Jochberg brüchiger.

*Helmuth Zebhauser, Kletterführer Bayerische Voralpen, München, 4. Auflage 1966   

Tourengänger: Wagemut


Kommentare (4)


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frehel hat gesagt:
Gesendet am 22. Dezember 2015 um 22:22
Hallo Joseph,

vielen Dank für den Bericht, er ist eine schöne Anregung. Ich bin heute nur mit deiner Beschreibung und ohne Zebhauser, problemlos über den Nordgrat hoch.
Dass du den Fels da nicht brüchig findest, ist bewundernswert. Ich bin da viel sensibler und habe mich an einigen Stellen etwas hochgezittert. Hat sich aber sehr gelohnt.

VG,
Moritz

Wagemut hat gesagt: RE:
Gesendet am 26. Dezember 2015 um 21:58
Servus Moritz,

freut mich, dass der Bericht ein bisschen bei der Wegfindung helfen konnte! Ich bin inzwischen schon recht häufig den Nordgrat gegangen. War s bei Deiner Begehung einigermaßen trocken? Die etwas schwierigere Variante, die Nordostwand, bin ich auch mal rauf. Da ist allerdings der Einstieg sehr verzwickt, bzw. die Beschreibung aus dem Zebhauser ist nach den ersten Klettermetern nur schwer nachvollziehbar.:-)

Oben raus, in einer Art Kessel unter dem Gipfel, hats aber definitiv wunderbare Platten (nicht zu steil) und danach ca. 50 hm unter dem Gipfel gestuften, schönen Fels. Würde bei den derzeitigen Verhältnissen wahrscheinlich sogar gehen.

Viele Grüße vom Joseph

frehel hat gesagt: RE:
Gesendet am 26. Dezember 2015 um 22:57
Trocken und schneefrei wars am Grat großteils, das Minischneefeld oben unterm Gipfel hat nicht gestört. Direkt unter dem Gipfel hatte es im gebankten Plattenkalk etwas Eis, aber das ließ sich umgehen.

Wenn du mal Zeit hast, kannst du vielleicht ein paar Details zur Nordwand nachtragen. Den Zebhauser finde ich bei den beiden Touren nicht sehr klar geschrieben.

VG,
Moritz

dude hat gesagt: Bitte Aufpassen!
Gesendet am 14. April 2017 um 21:08
Servus beinand,
zwar hört sich die Tour nach einer einsamen Genußroute an, dennoch möchte und muss ich hier noch dringend eine Warnung aussprechen:
Der Fels der Nordwand des Herzogstands ist sehr sehr brüchig. Selbst feste und stabil erscheinende Blöcke können sich lösen und je nach Gestein ist weder abklettern noch abseilen teilweise möglich. Ich selbst musste die Erfahrung machen, als sich plötzlich beim Hochziehen eine kubikmetergroße Erd- und Felsformation löste. Klopft mal an dem Fels! Selbst einer "grünen" Latsche würd ich hier nicht vertrauen (die wurzeln außerdem flach).
Ich persönlich halte die Nordostwand des Herzogstands aufgrund ihrer Brüchigkeit für sehr gefährlich und unberechenbar. Selbst mit vollständiger Kletterausrüstung.
Bitte passt auf Euch auf!


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