Großes Seehorn NW-Grat


Publiziert von Michael26 , 20. Mai 2013 um 17:57.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Silvretta
Tour Datum:10 August 2011
Klettern Schwierigkeit: III (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A 
Zeitbedarf: 2 Tage
Aufstieg: 1400 m
Strecke:Bieler Höhe - Saarbrückner Hütte - Seelücke - Großes Seehorn NW-Grat
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Bieler Höhe über die Silvretta Hochalpenstraße (per Pkw oder Bus). Alternativ Start vom Vermuntstausee.
Unterkunftmöglichkeiten:Saarbrückner Hütte

Bereits 2010 wollten wir einen 3000er von der Saarbrückner Hütte aus machen und nahmen das Große Seehorn über den Normalweg ins Visier.
 
Der Normalweg führt von der Seelücke über den Seegletscher zunächst durch die SW-Wand bis ca. in die Wandmitte, zieht dann nach links durch eine Rinne auf den NW-Grat hinauf und über diesen weiter zum Gipfel. Die Route ist im AV-Führer mit Schwierigkeitsgrad II angegeben, allerdings nur bei guten Verhältnissen ohne Vereisung/Schnee in der Wand oder auf dem Grat.
 
Bei unserem ersten Besteigungsversuch (in 2010) entdeckten wir kurz hinter der Seelücke links in der Wand einen markierten Einstieg zu einer offenbar gut gesicherten Route, die, wie sich später heraus stellen sollte, ganz neu über den gesamten NW-Grat eingerichtet worden war. Durch die gute Absicherung beruhigt folgten wir der Route, ohne Details der Routenführung zu kennen. Im Schwierigkeitsgrad II-III ging es zunächst problemlos direkt auf den NW-Grat hoch und dann dem Grat folgend Richtung Seehorn-Gipfel, bis wir nach ca. 6-7 Seillängen von einer wilden Gratlücke gestoppt wurden. Vor uns ein 10-15 m Abbruch in eine Scharte, dahinter ein Gratturm, rechts die steile Wand nach Süden hinunter zum Seegletscher, links die mehrere 100 m abbrechende Nordwand des Großen Seehorns. Jetzt rächte sich die Unkenntnis der Route, denn der weitere Routenverlauf war uns nicht klar und wir zogen sogar in Erwägung, umzudrehen und die Route zurück abzusteigen. Schließlich seilten wir uns doch in die vor uns liegende Scharte ab, in der Hoffnung, den weiteren Routenverlauf von hier aus zu finden. Irrtümlicherweise versuchten wir dabei den jetzt vor uns liegenden Gratturm rechts (südlich) zu umgehen, mußten dabei aber mehrere Seillängen durch heikles, weil brüchiges Schrofengelände bis in die SW-Wand queren und erreichten dabei schließlich den Normalweg. Da sich das Wetter unsicher entwickelte entschlossen wir uns von dort aus über den Normalweg abzusteigen, d.h. wir nutzten die letzten Seillängen der Abseilpiste, die vom Gipfel des Großen Seehorns durch die SW-Wand eingerichtet ist, und folgten dem Seegletscher zurück zur Seelücke. Später erfuhren wir auf der Saarbrückner Hütte, dass die ganz neu eingerichtete Route über den NW-Grat den oben beschriebenen Gratturm ganz einfach links, also nördlich, umgeht, und nach dem Turm weiter über den Grat zum Gipfel führt, angegebener Schwierigkeitsgrad III mit einer Stelle IV-.
 
Ein Jahr später in 2011 sind wir wieder auf der Saarbrückner Hütte, um die Route über den NW-Grat zu vollenden, diesmal bestens über die Routenführung informiert. Bei optimalem Wetter starten wir um 6 h von der Hütte und folgen dem Normalweg bis in den unteren Bereich der SW-Wand zu der Stelle, an der wir ein Jahr vorher unseren Besteigungsversuch aufgegeben hatten. Von dort klettern wir schräg nach links auf den NW-Grat, den wir (aus Routensicht gesehen) genau hinter dem Gratturm erreichen. Ab da geht es ohne jegliche Orientierungsprobleme Richtung Gipfel weiter. Zunächst erreichen wir die mit IV- angeschriebene Schlüsselstelle, ein steiler Grataufschwung, der sich aber nicht zuletzt wegen der guten Absicherung problemlos bewältigen läßt (Bewertung im oberen 3. Grad würde auch passen). Etwas heikler wird es weiter oben bei der Einmündung des Normalwegs, der als steile Rinne von rechts kommend aus der SW-Wand auf den NW-Grat herauf zieht, denn hier befindet sich vereister Schnee in der Route. Aber letztlich ist auch das kein Problem und wir erreichen in schöner Kletterei den Gipfel. Da wir in weiterem Umkreis auf dem höchsten Gipfel stehen haben wir eine wunderbare Fernsicht: Im Westen der Blick zurück auf den NW-Grat, über Kleinlitzner und Kromerspitzen bis ins Rätikon, im Norden die Lechtaler Alpen und das Verwall, im Osten der Blick über den Ostgrat zum Großlitzner und dahinter zu den Silvrettariesen, im Süden das Engadin mit der Berninagruppe und dem strahlend weißen Bianco-Grat.
Nach der bei dem schönen Wetter genußvollen Gipfelrast geht es ans Abseilen durch die SW-Wand. Die Abseilpunkte lassen sich alle einfach finden, aber mit unserem 50 m Seil werden es sicherlich 15 oder mehr Abseillängen und dann folgt noch der Abstieg über den anfangs sehr steilen und aufgrund der herrlichen Sonne völlig aufgeweichten Gletscher. Zuletzt müssen wir kurz vor der Seelücke sogar noch über Blankeis, und obwohl es hier nicht mehr steil ist müssen wir einige Tritte mit dem Pickel schlagen, um nicht ganz hilflos herum zu rutschen. Als wir schließlich wieder die Saarbrückner Hütte erreichen, bringen wir einen wunderbaren Bergtag mit, haben aber auch ca. 9 h Steigen, Klettern und Abseilen in den Knochen.
 
Fazit:
Wunderbare, hochalpine Unternehmung ohne größere technische Schwierigkeiten, die man aber keinenfalls unterschätzen sollte weil
  • die Route über den gesamten NW-Grat sehr lange und über weite Strecken sehr ausgesetzt ist (15-20 Seillängen) einschl. eines anspruchsvollen Abseilmanövers über die Gratlücke,
  • über die SW-Wand min. 15 Abseillägen (mit 50 m Einfachseil) zu bewältigen sind,
  • Zu- und Abstieg über einen Gletscher erfolgt, im oberen Bereich mit einer Hangneigung um die 35 Grad,
  • überall mit Schnee und Eis in der Wand und auf dem Grat zu rechnen ist.
 
Daher sollte man die Route nur angehen
  • bei stabilem Wetter, guter Sicht und ausreichender Zeit,
  • mit entsprechender Ausrüstung,
  • bei Beherrschung sämtlicher erforderlicher Techniken und
  • ausreichender Kondition.

Ausstiegsmöglichkeit aus der Route bestehen nach dem Gratturm (unser Einstiegspunkt zum zweiten Routenabschnitt, aber heikel und brüchig) und weiter oben über den Normalweg (mit Abseilmöglichkeit).
 
Erforderliches Material:
Vollständige Kletterausrüstung mit Min. 50 m Seil, Schlingen, Karabinern und Helm.
Pickel ist zu jeder Jahreszeit zu empfehlen.
Steigeisen sind zu empfehlen, falls auf dem Gletscher mit Verharschung/Vereisung zu rechnen ist.

Tourengänger: Michael26

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Kommentare (1)


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simba hat gesagt: Interessante Tourenidee!
Gesendet am 20. Mai 2013 um 18:06
Vllt. verschlägt es mich dank dieser Anregung nochmals in diese Gegend.
Im Übrigen...mit einem 50 Meter Seil muss man 8mal abseilen vom Gipfel des Seehorns bis man zu Fuß absteigen kann - so meine Erfahrung bei der Überschreitung von Litzner und Seehorn.
Beste Grüße
Si


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