Durch die ukrainischen Waldkarpaten zum Bergkopf der Runa


Publiziert von Nesnakomez , 19. Mai 2013 um 12:42.

Region: Welt » Ukraine » Uschanskij Prirodnij
Tour Datum: 4 Mai 2013
Wandern Schwierigkeit: T2 - Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: L
Zeitbedarf: 7 Tage
Strecke:~110 km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Es gibt eine Zugverbindung von Dresden ab 19:08 Uhr mit Umsteigen in Prag, im Kurswagen weiter bis Humenne. Von dort aus geht es mit einer Vorortbahn bis Snina/Werk, der vorletzten Haltestelle dieser Strecke. Ankunft 11:15 Uhr. Am besten den Nachtzug nehmen, denn wir waren insgesamt 16 Stunden unterwegs.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Rückfahrt von Uschgorod aus mit dem Bus nach Tschop und von dort weiter mit dem Zug über die Grenze nach Cierna nad Tisou. Diese Überfahrt ist von der Strecke her sehr kurz, vom Zeitaufwand hingegen riesig, denn man wird zweimal gründlich gefilzt, damit man nichts in die EU schmuggelt. Diese Untersuchung ist schlimmer als im Flughafen. Die Weiterfahrt geht über Kosice, Prag...
Unterkunftmöglichkeiten:Unterkünfte findet man kaum entlang der Strecke. Natürlich gibt es ein schönes Hotel in Snina/Slowakei. Auch in den größeren Orten der Ukraine kann man Glück haben, beispielsweise in Lumshory und Welkij Beresnij. Trotzdem würde ich dringend empfehlen, ein Zelt einzupacken, denn in Uschgorod, wo wir es am wenigsten erwarteten, waren auf Grund eines Nationalfeiertages alle Hotels überbelegt. Selbst auf dem Bahnhof kann man nicht übernachten, denn der wird über Nacht zugeschlossen.
Kartennummer:125/144 Top.-Karte Ukraine

Die Idee, von der Slowakei über die Grenze zu wandern und ein Stück in die Waldkarpaten der Ukraine hinein, war unserer begrenzten Zeit geschuldet, denn wir hatten nur eine Woche plus Wochenende zur Verfügung.
Sonnabend. Die Anfahrt verlief reibungslos. In Snina/Slowakei (220 m) stiegen wir aus, direkt an einer trostlosen Fabrik mit Schornsteinwahrzeichen. Aber die Wege waren gut beschildert (blaues Zeichen) und ich gehe deswegen in der Slowakei nicht weiter auf die Details ein. Am Hotel kann man sich noch mal richtig stärken, bevor es ins Vihorlat-Gebirge hinauf geht. Erst Asphaltstraße, dann am Grab des unbekannten Soldaten abbiegen. Der Sninsky Kamen (1006 m) thront hoch über Snina, das man an dem Schornstein gut erkennen kann und bietet herrliche Rundumsicht nach allen Seiten. Abstieg über den kleinen See Morske oko (Meerauge) und weiter Asphaltstraße. Irgendwann auf dem gelben Weg links abbiegen und Richtung Dorf Strihovce gehen. Achtung! Man kann sich vorm Paß leicht verlaufen! Immer drauf achten, daß man das gelbe Zeichen nicht verliert.
Sonntag. Um 12.20 Uhr fährt (Sonntags) ein Bus nach Ubla, dem Grenzort. Wenn man den nimmt, erspart man sich rund 12 km Asphalttreterei. In Ubla gibt es Wasser, es gibt sogar Richtung Grenze ein Motorest. Der Grenzübertritt verlief schmerzfrei (man braucht nur einen gültigen Paß)und schlagartig wurde die Straße schlechter. Nicht den Wegweisern glauben, zur Linken im Wald ist ein Militärgebiet. Das sollte man meiden. Statt dessen einen Umweg machen und geradeaus wandern nach Malij Beresnij , dann nördlich abbiegen das Kloster der Unierten Kirche (Ukrainisch griechisch-katholische Kirche) besuchen. Zu unserem Erstaunen wurde grade Ostern gefeiert, sechs Wochen nach unserem Ostern. Weiter die Straße nach Velkij Beresnij, dort gibt es am Bahnhof billige Unterkünfte. Das positive an diesem „Hotel“ ist, daß es sehr billig ist und man sich duschen kann. Das negative würde nicht auf diese Seite passen. Wenn man den Ort besichtigt, bei dem das schönste die zum Feiertag hübsch angezogenen jungen Frauen sind, dann sollte man auch im Ortszentrum, am Denkmal über die Brücke über den Fluß gehen. Neben dem Kulturschock, den schon die Ukraine bietet, fühlt man sich plötzlich nochmal woanders angekommen, irgendwie als Komparse in dem sowjetischen Film „Das Zigeunerlager zieht in den Himmel“.
Montag. Jetzt ging es richtig los, auf den Jawornik (1017 m). Im Stadtgebiet von Velkij Beresnij (220 m) auf dem gelben Weg nördlich halten, dann am Ortsausgang rechts über die Brücke, rotes Zeichen. Nach der Brücke kommt bald ein Schilift. Entlang des Baches immer dem roten Strich hinterher. Es geht ziemlich steil bergauf. Der Weg ist zwar so schmal, daß in Deutschland noch nicht mal „Trampelpfad“ richtig paßt, aber an den Bäumen ist immer das rote Zeichen zu sehen. Weiter oben gibt es eine Freifläche mit Fernsicht. Diese queren und aufpassen, daß man das rote Zeichen wiederfindet! Einem Forstpfad folgen, der etwas nach unten führt, bis er in einen größeren Weg mündet, der völlig ausgefahren ist. Der führt nach oben. Fast oben, am Gipfel gibt es eine Quelle zum erfrischen. Oben am Judasgipfel (972 m) stehen auf Privatgelände Hütten. Der eigentliche Gipfel ist ein Stück hinter der Sendestation. Dahinter gibt es noch einmal eine schöne Sicht auf unser künftiges Wandergebiet zur Polonina Runa.
Vor dem letzten Gipfel des Kammes rechts abbiegen und dem gelben Zeichen folgen. Es geht steil bergab. Serpentinen kennt man bei ukrainischen Forstwegen nicht. Irgendwann gelangt man auf Weideflächen und findet eine Quelle, die mit einem Birkenzaun geschützt ist. Ein guter Platz zum Rasten.
Dienstag. Der Ort Tschernogolowa (Schwarzer Kopf ~250 m) kennt eine Post, eine Bar, einen Lebensmittelladen und eine Kaschemme. Gelegenheit, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Mitten im Dorf fand eine Schlacht statt. Junge Mädchen und Jungen spritzten sich gegenseitig mit Wassereimern naß. Am Dorfende links über eine Brücke und die Straße weiter. Irgendwann gabelt sich diese und wir folgen links nach Bukowzewo. Im unteren Ortsteil ein paar Karpatenhäuser, ein geschlossener Laden, ein geschlossenes Kulturhaus. Dafür auf der anderen Seite des Baches eine wunderschöne Kirche aus Holz.
Der Weg geht links an der Kirche vorbei nach oben. Die Felder sind als Terrassen angelegt, erinnert ein wenig an die Reisfelder in Asien. Wo diese Terrassen enden, wird es unübersichtlich. Da gerade ein Gewitter aufzog, entschlossen wir uns, hier zu übernachten.
Mittwoch. Die Dorfbewohner erklärten uns den Weg nach Lumschory. Sie erzählen auch von einem Kloster in der Nähe. Dieses Kloster besuchen wir als erstes (immer den orangen Wegepfeilen hinterher), denn so etwas ist uns einen kleinen Umweg wert. Eine ältere Nonne aus Saratow führt uns herum. Ein Mönch erzählt uns, daß er den Platz für das Kloster selbst gefunden hat. Jesus hat mit ihm gesprochen und ihm befohlen, genau hier ein Kloster zu gründen. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Ostvölker ist für mich wiedermal sehr rührend, wir saßen mit den Arbeitern, den Mönchen und der Nonne am Tisch und tranken Birkenrindenkwaß. Sie gaben uns eine Flasche mit auf dem Weg. Wir mußten wieder zurück zum Ausgangspunkt und dann ging es ohne Wegmarkierung einen zuwachsenden Pfad aufwärts. Über mehrere Lichtungen bis zum Hochwald. Dort ging der Pfad nach oben, aber nur, um sich ein paar hundert Meter weiter völlig zu verlieren. Wir kraxelten den steilen Hang querfeldein hinauf. Da bei mir inzwischen im Gedärm der ungewohnte Klostertrank seine Wirkung entfaltete, war ich auf dem Gipfel völlig entkräftet. Ein Forstweg verläuft etwas hinter dem Kamm und führt immer in nordöstliche Richtung.
Dieser Bergstock hat auf meiner Karte keinen Namen, ist aber bis zu 913 m hoch.  Von dort hat man wunderbare Blicke nach Westen auf das zurückliegende Wandergebiet und nach Osten auf das bevorstehende. Es gibt einen Abzweig nach Norden zum Berg Malaja Goliza (1183 m), kurz dahinter zweigt in südöstlicher Richtung ein steiler Weg nach Lumschory ab. Weiter unten geht dieser Stichweg in Felder oberhalb des Dorfes über, dann folgt auch bald der Ort. Die Dorfstraße endet in einer Asphaltstraße und genau an dieser Stelle befindet sich ein Laden mit Ausschank. Genau an der richtigen Stelle, muß ich sagen.
Wir halten uns links und kommen an verschiedenen Touristenzentren vorbei. Dicke, teure Autos brummen vorüber. Hier fände sich sicher eine Übernachtung nach westlichem Standard. Ganz hinten geht der Weg in ein Privatgelände über, auch ein Touristenzentrum, wo die Leute in Kesseln baden, unter denen Feuer brennt (fast wie in der Hölle). Nicht irre machen lassen, der Straße folgen, die jetzt in Serpentinen nach rechts wieder nach oben führt. Diese Straße ist schlecht und teilweise nur ein Bachbett, aber eigentlich kann man nicht falsch laufen. Ein paar Kilometer weiter oben gibt es einen kleinen See in wunderschöner Landschaft. An einem ehemaligen Kinderferienlager stehen noch zwei Hütten, mit Asbest gedeckt und mit Feuerstelle. Hier kann man gut rasten. Gegenüber hielten zwei Jeeps voller Leute, die ihr Zelt aufbauten, eine Kettensäge rausholten und sich für ihr Lagerfeuer einen Baum fällten.
Donnerstag. Heute ist in der Ukraine wieder Feiertag – Tag des Sieges. Ganze Gruppen mit Ehrenkränzen stiegen den Berg hinauf.  Vom See ist es nicht weit bis zur Baumgrenze. Dort liegt noch Schnee, mit dem ich den Schweiß von meiner Stirn abwischen kann. Die Polonina Runa ist ein gewaltiger Berg, eine riesige Alm. Zu Zeiten des Kalten Krieges hatte hier die Rote Armee Atomraketen stationiert und betrieb eine Abhörstation. Der ganze Gipfel war Sperrgebiet. Darum wurde auch ein Weg aus Betonplatten gebaut. Die Runa ist deswegen einer der wenigen hohen Berge der Karpaten, auf die man mit dem Auto fahren kann. Das nutzen die Ukrainer auch reichlich. Quads, Motorräder, PKW… fahren an uns vorbei.  Sogar ein Gleitschirmflieger raste über unseren Köpfen dahin. Die alten Militäranlagen – heute nichts als verrottende Betonbunker – stehen an der höchsten Stelle des Berges Runa (1475 m). In ihrem Inneren fand ich es unheimlich – fast gespenstig. Sie sind voller Eis und Schnee. Gegen drei leerte sich der Gipfel schlagartig. Alle Ukrainer fuhren oder stiegen zu Tale. Es wurde ganz still. Wir liefen in nordöstlicher Richtung, wobei wir wunderbare Ausblicke über die Berge der Waldkarpaten genossen, Huzulenpferden begegneten. Unsere Karte stimmte an dieser Stelle nicht ganz mit der Wirklichkeit überein, denn wir kamen an einer anderen Stelle unten heraus, als wir wollten. Das merkten wir nur, weil der Bach südwärts floß und nicht nordwärts.  Also wanderten wir hoch zur Wasserscheide, wo es große Wiesen gibt (Preluka).
Freitag.  Die Strecke bis zur Bushaltestelle von Ljuta ist ungefähr 14 km lang. Die „Straße“ führt über teilweise völlig zerwühlte Wege nördlich immer am Bach entlang. Schöne Wiesen säumen den Weg. In Ljuta muß man die Leute fragen, wann der Bus fährt. Einen Busfahrplan wird man in diesen Gegenden sowieso selten zu Gesicht bekommen. Gegen drei rumpelte der Bus, voll mit Leuten, Kartoffelsäcken und uns zu Tale bis Uschgorod. In Uschgorod war wegen der Feiertage nirgends ein Hotelzimmer zu bekommen. Auch herumtelefonieren führte zu nichts. Wenigstens Abendbrot wollten wir uns gönnen. Aber als ich in der Gaststätte „Kaktus“ mehr als eine Stunde auf eine Pizza Magarita gewartet hatte, riß mein Geduldsfaden und wir zogen ab, mit leeren Magen. Hungrig und obdachlos in Uschgorod – die Laune auf dem Tiefpunkt. Wir fuhren mit dem Taxi aus der Stadt und suchten uns in unserer Not eine passende Stelle zum Übernachten.
Sonnabend. Stadtbesichtigung, Einkauf, Abfahrt 15:08 Uhr nach Tschop. Weiter über die Grenze nach Hause.
Rückblickend kann ich folgendes sagen: Die Strecke ist nicht anspruchsvoll aber trotzdem nicht für jedermann. Es gibt keine zusammenhängenden Bergketten, man steigt immer tief aus dem Tale auf die Berge hoch und auf der anderen Seite wieder ganz nach unten. Man braucht auf jeden Fall eine gute Karte, Russischkenntnisse (Ukrainisch ist vom Russisch ungefähr so weit entfernt, wie Sächsisch vom Bayrisch) und ein großes Maß an Anspruchslosigkeit (es gibt wenig Wegmarkierungen, es gibt wenig Wege, es gibt keine komfortablen Quartiere). An Raubtieren soll es zwar Bären und Wölfe geben, wir sahen keine, aber dafür umso mehr Mücken, Gnitzen und Zecken.
Wer damit keine Probleme hat, für den wird es, wie für uns, sicher ein unvergeßliches Abenteuer.

Tourengänger: Nesnakomez

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Kommentare (2)


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Sputnik Pro hat gesagt:
Gesendet am 19. Mai 2013 um 15:33
Privjet Neznakomez,

Toller Bericht aus einer schönen Region die ich in Zukunft auch noch besuchen werde, besonders um den Hoverla zu besteigen. Willkommen übrigens bei HIKR, hast du noch mehr Tourenberichte aus den Ländern der Ex-UdSSR?

Gruss, Sputnik

PS: Kannst ja noch Wegpunkte setzten für deinen Bericht, wenn du Hilfe benötigst schreibe mir einfach ein PM.

Nesnakomez hat gesagt: RE: Ukraine
Gesendet am 19. Mai 2013 um 21:54
Nasdarowje Sputnik, ich war in der Vergangenheit ein paarmal in der ExSU. Die
Tourenbeschreibungen schlummern in meinen Tagebüchern und dort will ich
sie auch lassen, bis ich mal sehr viel Zeit habe. Mit den Wegpunkten
weiß ich nichts anzufangen - mein GPS habe ich wegen Gewicht und kurzer
Akkuhaltbarkeit zu Hause gelassen. Wo soll ich jetzt im Nachhinein
Koordinaten herholen?

Trotzdem bin ich erleichtert, daß der Bericht jemanden interessiert.
Vielen Dank an DICH!

Gruß E. R.


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