Siplinger Kopf


Publiziert von schimi , 9. Juni 2013 um 22:06.

Region: Welt » Deutschland » Alpen » Allgäuer Alpen
Tour Datum: 9 Mai 2013
Wandern Schwierigkeit: T4+ - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: D 

Wir starten im kleinen Weiler Gunzesrieder Säge. Auf einer kleinen asphaltierten Straße gehen wir Tal einwärts bis zum Abzweig der zur Hirschgundalpe hinaufführt. Gleich nach der Bachüberquerung zweigt ein Weg nach rechts von diesem Weg ab. Wir folgen zunächst dem Bachverlauf bevor es dann vor einer steilen Schlucht links hoch in den Buchenwald geht. Das Gelände im Wald ist sehr steil und es ist auch flankiert von einer senkrechten Wand aus dem hier vorherrschenden Nagelfluh. Viel loses Gestein liegt vor dieser auf der Erde und wir hoffen, dass es während unserem Aufstieg keinen Nachschub von oben gibt.

Der Weg ist recht breit in Anbetracht der Geländesteilheit. Es scheint so, als würde der Weg für den Almauftrieb genutzt. Es liegen auch Stacheldraht und Pfähle am Wegesrand. Einzelne Schneereste machen uns kaum Schwierigkeiten, und so versuchen wir die steinschlagkritischen Stellen zügig zu passieren.

Nach und nach läßt die Steilheit des Geländes nach. An ein paar Stellen kann man rechts in die Schlucht hinabschauen, an deren Rand entlang wir aufgestiegen sind. Aber erst hier, recht weit oben, tritt sie optisch in Erscheinung. Wir stehen an einer senkrechten Nagelfluhwand und schauen beeindruckt nach unten.

Ein paar Minuten später verlassen wir den Wald und kommen dank der Nordausrichtung unserer Tour schon in den Bereich, wo noch mächtige Altschneereste liegen. Wir halten auf die Obere Sipplinger Alpe zu, und haben schon nach wenigen Metern den Verlauf des Weges im tiefen Schnee verloren. Kein Mensch war in den letzten Tagen oder Wochen hier. Alle Spuren im Schnee sind bereits fast unkenntlich und von der Witterung egalisiert. Aber wir kennen ja die Richtung. An der Alpe angekommen machen wir eine Brotzeit und schauen intensiv in unsere Landkarte. Vor uns liegt ein schneegefülltes Becken und der Ausblick auf die Hänge drum herum macht mich vorsichtig, denn wir sind heute ohne Lawinensicherheitsausrüstung unterwegs.

Wir können anhand der Landkarte den Wegverlauf in der Landschaft nachvollziehen. Aber ich möchte diese Richtung ohne LVS nicht einschlagen. Zu steil erscheint mir das Gelände drum herum. Wir blicken hinauf zur hier schon sichtbaren Sipplinger Nadel und erkennen kurz vorher dort den Weg wieder aus dem Schnee auftauchen. Fast schon südwestlich ausgerichtet, hat die Sonne hier schon ihre Sommervorbereitung abgeschlossen. Das Gelände zwischen uns bei der Alpe und dort oben an der Sipplinger Nadel ist schon so abgetaut, das wir fast ohne Schneekontakt in direkter Richtung hinaufsteigen können, um das schneegefüllte Becken zu umgehen.

Als wir den anstrengenden Steilaufstieg hinter uns haben, und dem Weg weiter folgen können, kommen wir noch an zwei steile Schneefelder, die wir vorsichtig überqueren. Bei der Sipplinger Nadel angekommen, genießen wir ein wenig die Aussicht nach Norden auf die abgetauten Südhänge der Nagelfluhkette.

Bei der Sipplinger Nadel führt der Weg um eine Geländerippe auf die Ostseite des Berges. Das Ergebnis des Richtungswechsels ist eine wieder geschlossene Altschneedecke von bedeutender Mächtigkeit. Wir versuchen deshalb direkt auf dem Grat, der in einem schmalen Bereich noch schneefrei ist, weiter in Richtung Gipfel zu gelangen.

Nach ein paar Minuten werden wir aber von einer Kletterstelle gestoppt, die wir ohne Sicherung nicht sicher überwinden können. Wir beschließen deshalb hier den Gipfel auszulassen und zur Feldalpe hinüberzugehen; dort führt im Sommer ja auch ein Weg hinüber. Und in der Tat, kann man trotz einer Schneehöhe von sicher einem Meter, den Wegverlauf an den Geländekonturen erkennen. Gut drüben angekommen konsultieren wir wieder unsere Kompass-Landkarte. Sie weist uns von der Alpe in direkter Linie nach unten und schwenkt dann nach rechts.

(Heute wissen wir, dass der Weg nicht existiert). Gewarnt sei also jeder vor dieser Kompass-Landkarte! Im Sommer mag das ja noch funktionieren, wenn kein Schnee die Wege zudeckt. Wir laufen dort jedoch in ein kleines Abenteuer.

Das Gelände unterhalb der Alpe ist steil, unübersichtlich und stark gegliedert. Senkrecht stehende Felsplatten in steil abfallendem Gelände; dazwischen sehr steile Wiesen mit Nadelbäumen bestanden. Das ganze Gelände, zumindest dort wo man laufen könnte von Schnee bedeckt, Fußspuren sahen wir heute sowieso keine verwertbaren. Ich folge dem vermeintlichen und auf der Karte eingezeichneten Weg von der Alpe nach unten. Immer wieder schwenke ich nach rechts, wie die Landkarte es mir deutet. Aber immer lande ich an einem fast senkrechten Felsgelände, über das wir unmöglich absteigen könnten.

Wir gehen noch ein Stück geradeaus nach unten und versuchen es wieder mit dem Schwenk nach rechts. Nach dem dritten Rechtsschwenk-Versuch sind wir schon die Hälfte der Höhe abgestiegen bis zu unserem sicheren Weg. Uns ist klar, dass es keinen Weg geben kann. Die Frage ist nur, ob wir hier absteigen können; gut die Hälfte haben wir ja bereits hinter uns, oder ob es noch steiler wird und wir im Schnee wieder zu Sipplinger Nadel aufsteigen müssen, um die ganze Tour zurückgehen. Luftlinie trennen uns vom sicheren Wanderweg noch etwa ein Kilometer, wir sehen ihn immer wieder sehr deutlich; er erscheint sehr nah. Trotzdem liegt dazwischen ein Steilabstieg, den wir immer nur zu einem Teil einsehen können.

Da es uns von hier betrachtet noch sicher machbar erscheint, gehen wir weiter in den Steilabstieg, auch in der Hoffnung irgendwann das Ganze noch bevorstehende Gelände einsehen zu können. Wir steigen durch eine Felslücke hinab, die noch schön mit Schnee gefüllt ist. Hier haben wir es leichter als es im Sommer wäre; da wäre ohne Seil wahrscheinlich nicht zu machen gewesen. Aber so können wir im ideal weichen Schnee eine schöne steil verlaufende Spur anlegen und verlieren so wieder 50 Höhenmeter.

Wir kommen jetzt in den Bacheinschnitt, den wir schon aus der Karte kennen und wissen, dass wir hier vollends absteigen müssen. Nun können wir auch bis in das leichte Gelände hinunter sehen, da der Bachverlauf geradeaus nach unten führt. Es sind höchsten noch 150 bis 200 Höhenmeter. Allerdings ist der Bach von Schnee verschüttet und wir laufen Gefahr im Altschnee einzubrechen und im Wasser zu landen, was ein unkalkulierbares Risiko wäre.

Wir spitzen ganz scharf die Ohren und schauen uns Bachverlauf soweit sichtbar und Schneedecke genauestens an. Möglichst abseits des Wasserverlaufs steigen wir vorsichtig ab. Zweimal muss ich den Bachverlauf queren; dazu schnalle ich die Schneeschuhe an um nicht so leicht einzubrechen.

Endlich wird der Tobel etwas breiter und gibt uns die Möglichkeit am Rande in sehr steilem Geröll abzusteigen. Zwar ist es hier nicht einfach hinunter zu kommen, jedoch sind wir aus dem absoluten Gefahrenbereich. Weitere 10 Minuten später können wir das erste Mal wieder ruhig durchatmen; wir sind wohlbehalten unten angekommen und setzen uns erst einmal für ein paar Minuten um uns zu entspannen.

Wir haben jetzt als letzte Hürde noch eine Bachüberquerung auf dem Programm, da wir jetzt aber wieder im Almgelände sind, erfolgt diese in eher lockerer Atmosphäre. Dahinter steigen wir die paar Höhenmeter zur Hirschgundalpe hoch und wollen von dort den Wanderweg wieder absteigen.

Dort empfängt uns allerding ein großer Hirtenhund, der mit unserer Ankunft überhaupt nicht einverstanden ist. Damit er nicht vollkommen ausflippt steigen wir über die Wiese etwas nach oben, da dort der Weg zur Alpe Rappengschwend führt, der für uns keinen Umweg bedeutet. Der Weg führt uns noch etwas nach oben, allerdings ohne steil zu werden.

Unsere letzte Herausforderung ist jetzt nur noch, nicht im Schmelzwasser der Altschneefelder unterzugehen. Wir erreichen die Alpe aber problemlos, um dort dann wieder auf festem Weg anzukommen. Die letzte Stunde ab hier geht es dann sanft bergab und wir erreichen die Gunzesrieder Säge müde zufrieden und sind froh, dass alles gut gegangen ist.


Tourengänger: schimi

Galerie


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