Stanser-Triologie von Luzern aus


Publiziert von Tobi , 2. Mai 2013 um 21:43.

Region: Welt » Schweiz » Nidwalden
Tour Datum:25 April 2013
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: Bauen - Brisen - Bürgenstock   CH-NW   CH-LU   Stanserhornkette   Pilatusgebiet   CH-OW 
Zeitbedarf: 17:30
Aufstieg: 3500 m
Abstieg: 3500 m
Strecke:55km
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Luzern
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Stansstad

Die drei dominierenden Berge von Stans sind der Bürgenstock, das Buochserhorn und natürlich das Stanserhorn. Die Idee, diese drei Gipfel zu einer Tour zu verbinden, schwebt mir schon lange vor. Ebenso der Anspruch, möglichst viele Gipfel direkt von der Haustüre aus zu besteigen. Die angekündigte klare Vollmondnacht und der darauf folgende strahlende Frühlingstag scheinen für eine Kombination dieses Vorhabens perfekt zu sein.
 
Da ich den Sonnenaufgang auf dem Stanserhorn erleben möchte, marschiere ich nach kurzem Schlaf um halb zwei Uhr morgens von zu Hause los. Der Vollmond strahlt zwar in voller Pracht, aber viel bringt mir dies nicht, da ich den Weg nach Stans fast gänzlich entlang hell erleuchteter Hauptstrassen zurücklege. Also ein ziemlich monotoner Anmarsch zum ersten Aufstieg. Aber dennoch geniesse ich diese einsamen Stunden am frühen Morgen. Einfach mal Zeit für mich alleine. Über Gott und die Welt sinnieren, Gedanken nachgehen und dem innerer Monolog lauschen. Kann dies die heutige Smartphone-Generation überhaupt noch? Können sie solche Momente ohne Dauerbeschallung aus den Kopfhörern und ständiger Onlineverbindung zu den „sozialen“ Medien noch geniessen, oder auch einfach nur aushalten?
 
Erst nach Horw (436m) gelange ich etwas weg von den Autostrassen an das Seeufer, dennoch konkurriert auch hier der Mond mit der künstlichen Beleuchtung. In Hergiswil (436m) lungert ein Dachs auf der Strasse herum, wenig später andere Nachtgestalten in einer Bar. Unter dem Lopper unterbricht ein grelles Surren die Stille der Nacht: Ein Stein zerschellt an der Schutzinstallation und plätschert in den See. In Stansstad (436m) beginnt eine Zeitungsverteilerin ihre Arbeit. In Stans (448m) tausche ich nach drei Stunden Marsch die Turnschuhe gegen die Bergschuhe und beginne mit dem Aufstieg aufs Stanserhorn.
 
Zügig gewinne ich an Höhe. Nun könnte mir der Mond leuchten, doch dieser hat sich bereits verabschiedet. So brauche ich im Kniriwald noch kurz die Stirnlampe, bevor es anfängt zu dämmern. Auf 1200m verlasse ich den Wald und betrete schon bald die ersten Schneefelder. Leider ist die Nacht zu warm gewesen, als der Schnee hätte gefrieren können. So sinke ich meist bis zu den Waden ein. Am komfortabelsten gestaltet sich der Aufstieg über das verfallende Trasse der alten Standseilbahn.
 
Gegen halb Sieben Uhr erspähe ich zwei Birkhähne beim Revierkampf. Rasch will ich das Teleobjektiv auf meine Kamera montieren, als ich unverhofft aus dem Augenwinkel die aufgehende Sonne gewahre. Zwei Naturschauspiele zur gleichen Zeit; ich muss mich entscheiden. Schnell schraube ich wieder das Weitwinkelobjektiv an und versuche den Moment des Sonnenaufgangs festzuhalten. Als ich das Objektiv wieder gewechselt habe, haben die Hähne ihren Kampf bereits beendet. Doch so ganz scheint die Fehde noch nicht beigelegt zu sein. Ich beobachte die Szene noch eine Weile und tatsächlich beginnen sie nochmals mit ihrem Imponiergehabe.
 
Auch mir steht noch ein Kampf bevor. Eine immer mühsamer werdende Schlacht gegen den Schnee. Teilweise sinke ich wegen den darunterliegenden Heidelbeersträuchern bis zur Hüfte ein. Langsam wühle ich mich voran. Erst auf dem Grat werde ich von der Plackerei erlöst. Das letzte Hindernis ist die Absperrung vor der Bergstation. Hier sind soeben Arbeiter mit der Gondel eingetroffen. Kaffee gibt es trotzdem noch nicht. So setze ich meinen Weg fort. Natürlich muss ich dabei wieder die Absperrung überklettern. Momentan sind noch alle Wanderwege gesperrt. Darauf macht mich auch ein Arbeiter aufmerksam. Es sei wegen der Verantwortung. So stehe ich eben auf eigene Verantwortung nach etwas mehr als sechs Stunden Anmarsch auf dem Stanserhorn (1897.8m).
 
Der Abstieg nach Chrinnen (1719m) ist weitgehend schneefrei. Nur in der grosse n Rinne, welche sich von diesem Sattel ins Tal zieht, liegt noch reichlich Schnee. Vor allem wohl von Rutschen aus der Stanserhorn Südflanke. Problematischer sind allerdings die Stellen, welche der Schnee erst vor kurzem freigegeben hat. Diese sind äusserst schmierig. Nur mit Hilfe der Wanderstöcke kann ich einen Abflug in die Krokusse verhindern. Ab Wiesenberg (1045m) habe ich wieder intensiveren Asphaltkontakt, der nur durch den Pfad im schönen Frühlingswald unterbrochen wird. In Dallenwil (485m) gönne ich mir ein Frühstück im Volg: Nussgipfel, Vanilletasche und Schokodrink.
 
Keine sehr sportliche Verpflegung, dies wirkt sich auch auf den nachfolgender Aufstieg aus. Irgendwie komme ich nicht in die Gänge, habe Mühe meinen gewohnt zügigen Rhythmus zu finden. Der asphaltlastige Wanderweg mit Baustellenverkehr hinauf nach Niederrickenbach (1162m) trägt auch nicht gerade zur Motivation bei. Erst ab Steinrüti erwartet mich wieder Naturbelag, aber auch Schneereste. Nun ist wohl auch das Frühstück verdaut, mit vollem Elan steige ich nach oben. Fast mit etwas zu viel Schwung, so dass ich auf dem höchsten Punkt des Bleikigrat (1592m) lande. Kein Unglück, so habe ich nebenbei einen Gipfel mehr ab Luzern eingesackt.
 
Nach diesem Mini-Patzer biege ich nun auf den richtigen Grat ab und auf diesem weiter zum Gipfel. Auf den letzten Metern vor dem Buochserhorn (1807m) begrüsst mich ein unglaublich dichter Teppich voller Krokusse. Man kann kaum den Schuh aufsetzen, ohne ein Blümchen zu zertreten. Allerdings hat der Schnee vom vergangenen Wochenende etliche Blüten in Mitleidenschaft gezogen.
 
Nach der Mittagsrast beim riesigen Gipfelkreuz folgt der Abstieg über den Nordwestgrat. Diese Variante ist bei den Verhältnissen kein Zuckerschlecken. Denn exakt auf dem Grat hält sich der Schnee hartnäckig. Ein Ausweichen in die Flanke ist wegen dem flachgedrückten, langen Gras eine heikle Alternative. Da sinke ich lieber wieder bis zu den Knien in der weissen Pracht ein. Auch wenn dies mit den kurzen Hosen ein ziemlich erfrischendes Erlebnis ist. Mehr Sorgen bereiten mir da die zahlreichen Schneeresten in der Westflanke. Doch der Gizitritt präsentiert sich zum Glück weitgehend schneefrei. Die Leiter und die Seile haben zudem den Winter schadfrei überstanden. In den feuchten Stellen mit den vereinzelten Schneeresten bin ich um diese Sicherungen froh. Nach dem Ribihuisli (1219m) sind die heiklen Passagen vorbei und der restliche Abstieg durch den frühlingshaften Wald nach Buochs (445m) kann entspannt genossen werden.
 
Von Buochs nach Ennetbürgen (435m) folge ich der Hauptstrasse. Auf dem Dorfplatz ziehe ich wieder die Turnschuhe an. Die ersten Schritte sind eine Qual. Die Füsse brennen und die Fersen stechen. Ich spiele schon mit dem Gedanken, das Projekt an diesem Punkt zu beenden. Die beiden bisherigen Gipfel ab Luzern sind keine zu verachtende Bilanz. Die baldige Abfahrt des Postautos lockt sehr zur Heimreise. Angeschlagen trotte ich in den Dorfladen und gönne mir eine Glace und Cola. Da wünscht mir die Verkäuferin noch einen schönen Tag und es macht „Klick“ in meinem Kopf. Sie hat Recht, der Tag ist noch nicht vorbei! Auch die Füsse haben sich in der Zwischenzeit an die leichten Schuhe gewöhnt und meckern nicht mehr.
 
Wieder top motiviert nehme ich den letzten Aufstieg des Tages in Angriff. Zunächst gemächlich -noch die Glace schlürfend und die Cola nippend, doch dann in zunehmend zügigerem Tempo. Die Beine fühlen sich wieder so frisch an wie am Morgen. Auch die Fussmuskulatur wird mit dem leichten Schuhwerk nochmals gefordert, da der Weg nun meist quer über die blühenden Wiesen führt. Und dies nach vierzehn Stunden unterwegs. Auf dem Chänzeli gönne ich mir eine kurze Pause und geniesse den Tiefblick auf den Vierwaldstädtersee. Anschliessend ist es zum letzten Gipfel des heutigen Tages ein Katzensprung. Mit dem Bürgenstock (1127.8m) habe ich zum Abschluss auch den höchsten Punkt der Stadt Luzern von eben dort aus bestiegen.
 
Zunächst gestaltet sich der Abstieg über den Wanderweg kurzweilig. Doch dies ändert sich beim Erreichen der Hotels. Wegen der Baustelle sind Strassen gesperrt. Doch mir erschliesst sich die Umleitung für Wanderer nicht und so begebe ich mich nochmals in verbotenes Terrain. Ich möchte nun einfach nur noch ohne Umwege ins Tal. Deshalb folge ich der Hauptstrasse nach Obbürgen (736m). Dort biege ich wieder in den Wanderweg ein, der mich mit mehr Abwechslung hinunter nach Stansstad (436m) geleitet. Exakt drei Minuten nach 19:00 treffe ich am Bahnhof ein. Also genau drei Minuten nachdem die Bahn nach Luzern abgefahren ist und der Kiosk geschlossen hat. Wäre ich doch früher von zu Haus los gelaufen…
 
 
Fazit: Ein langer und abwechslungsreicher Tag, der viel zu bieten hatte. Nach langem Anmarsch ein schneereicher Aufstieg mit einem Birkhahnenkampf bei malerischem Sonnenaufgang. Frühlingshafte Wälder vor und nach Dallenwil. Ein unglaublicher Krokussteppich auf dem Buochserhorn. Herausfordernder Abstieg über den Gitzitritt. Aufstieg zum Bürgenstock über bunte Wiesen mit blühenden Bäumen. Das nenne ich einen erfüllten Tag.
 

Tourengänger: Tobi

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Kommentare (15)


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Runner Pro hat gesagt: Hut ab... !
Gesendet am 2. Mai 2013 um 21:56
eine Wahnsinns-Tour - Gratuliere! Und merci für die super Bilder...

Tobi hat gesagt: RE:Hut ab... !
Gesendet am 4. Mai 2013 um 09:04
Vielen Dank für die Gratulation und das Lob.
Diese Runde könnte man sicher auch rennend machen (evtl. einfach mit anderem Abstieg vom Buochserhorn)...

Gruss Tobi

Runner Pro hat gesagt: RE:Hut ab... !
Gesendet am 4. Mai 2013 um 16:53
Ja, das könnte man wohl :-). Die Inspiration hast Du bereits gegeben...

Merida hat gesagt: Gratulation
Gesendet am 2. Mai 2013 um 21:59
nach Luzern zu dieser monsterwürdigen Tour!
Die Bilder vom Sonnenaufgang sind einfach der Hammer, Danke!
Grüäss, Stephan

Tobi hat gesagt: RE:Gratulation
Gesendet am 4. Mai 2013 um 09:07
Hallo Stephan, Danke für die Gratulation. In echt war der Sonnenaufgang natürlich noch viel eindrücklicher, ein absolut empfehlenswerter Moment.

Gruss Tobi

Henrik hat gesagt: Gratulation zur Monstertour...
Gesendet am 2. Mai 2013 um 22:08
und ja, deine Fragestellung zu Beginn

> Können sie solche Momente ohne Dauerbeschallung aus den Kopfhörern und ständiger Onlineverbindung zu den „sozialen“ Medien noch geniessen, oder auch einfach nur aushalten?

Wahrscheinlich nicht, denn allein der Verlust ist ja schon eine "Katastrophe"!

Herzlich

Henrik

Alpin_Rise hat gesagt: RE:Gratulation zur Monstertour...
Gesendet am 3. Mai 2013 um 16:05
Wenn "walking 1sam @ dunkle Nacht" getwitter & gepostet werden kann und der erste like/+1 prompt gefeedbackt wird, ist so eine Nachwanderung aushaltbar, auch für die "Jungen"!

Ist heute jemand <30 Lebensjahre, der/die sein Leben nicht permanent virtuell abbildet/frisiert, sozial randständig? Wieviele ? Meiner Erfahrung nach schmieren weit mehr als die Hälfte aller ÖV-User dauernd auf dem Touchscreen rum... Realkontakt ist für Ewiggestrige.

G, Rise

Tobi hat gesagt: RE:Gratulation zur Monstertour...
Gesendet am 4. Mai 2013 um 09:12
Lieber Herr Rise

Sehr treffend zusammengefasst. Mir persönlich reicht Hikr.org als virtuelle Abbildung meines (Wander-)Lebens.

>Meiner Erfahrung nach schmieren weit mehr als die Hälfte aller ÖV-User dauernd auf dem Touchscreen rum.

Genau diese Beobachtung hat mich zu meinem Statement im Bericht bewegt.

Grüsse von einem bekennenden Ewiggestrigen ;-)

Alpin_Rise hat gesagt: RE:Gratulation zur Monstertour...
Gesendet am 4. Mai 2013 um 12:56
Ja, auf hikr sind die Adressaten wenigstens richtig; ich möchte mein Umfeld nicht ungefragt mit (Berg)Spam zumüllen. Abgesehen davon, dass manch eineR unsere Untaten nicht richtig einzuordnen weiss...

Manchmal glaube ich, das richtige Leben spiele sich auf 5 Zoll Bilddiagonale ab und jenseits von Ohrstöpsel und Touchscreen drohe eine unaushaltbare Realität...
Der Beobachtungen wären noch viele, dieses Forum aber defintiv der falsche Platz dafür!

G, Rise

Übrigens: Die Ewiggestrigen sind die Avantgarde von Übermorgen!
Übrigens2: schöne Tour! Mal sehen, ob es mir auch noch zu längeren Spaziergängen reicht diesen Sommer!

Bergamotte Pro hat gesagt: Nun beginnt sie wieder...
Gesendet am 3. Mai 2013 um 08:29
...die Monstertouren-Saison. Herzliche Gratulation und ich freue mich auf weitere solche Berichte diesen Sommer.

Gruss
Bergamotte

Tobi hat gesagt: RE:Nun beginnt sie wieder...
Gesendet am 4. Mai 2013 um 09:16
Ja, musste lange darauf warten. Habe diese Tour wegen dem frühen und hartnäckigen Schnee schon ein paar mal verschieben müssen.

Danke für die Gratulation, Gruss Tobi

xaendi hat gesagt:
Gesendet am 3. Mai 2013 um 09:57
Kaum ist der Schnee weg, hat Tobi die Siebenmeilenstiefel geschnürt :-) Cool!

Tobi hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. Mai 2013 um 09:21
Eigentlich schätze ich ja den Winter. Denn er gibt mir Gelegenheit, mich zu erholen und Kraft für die nächste Wandersaison zu sammeln. Aber diesmal konnte ich sein Ende wirklich kaum erwarten...

Gruss Tobi

bulbiferum Pro hat gesagt:
Gesendet am 3. Mai 2013 um 10:06
Hallo Tobi
Ich denke, allein das Beobachten der beiden Birkhähne war die Tour schon wert. Schöne Fotos.
Lg Markus

Tobi hat gesagt: RE:
Gesendet am 4. Mai 2013 um 09:24
Sali Markus

Absolut. Ein aussergewöhnlich eindrücklicher Moment. Insbesondere natürlich im sanften und warmen Licht der aufgehenden Sonne.

Gruss Tobi


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