Pizzo Barbarera (2804 m) aus dem Val Canaria


Publiziert von marmotta , 8. April 2013 um 08:01.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Bellinzonese
Tour Datum: 6 April 2013
Schneeshuhtouren Schwierigkeit: WT5 - Alpine Schneeschuhtour
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   CH-UR   Gruppo Piz Blas   Gruppo Pizzo del Sole   Gruppo Pizzo Centrale 
Zeitbedarf: 5:30
Aufstieg: 1700 m
Abstieg: 1700 m
Strecke:Airolo - Valle - P. 1189 - Rütan dei Sassi - Pautàn - Canaria - Grasso della Froda - Quartina - Pian Bornengo - Lago Froda - P. 2571 - Pizzo Barbarera retour
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Airolo
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Airolo
Kartennummer:LK 1232 (Oberalppass), 1252 (Ambri-Piotta)

Das Gebiet südlich des Oberalppasses hält eine ganze Reihe schöner und beliebter Touren bereit. Bewegt man sich jedoch nur ein klein wenig ausserhalb des durch die Bergbahn vorgegebenen Radius, ist man im Winter meist allein unterwegs. So findet sich  z.B. zum Pizzo Barbarera (2804 m) -immerhin der höchste Gipfel der gesamten Bergkette zwischen Gotthardpass und dem Val Canaria mit entsprechend umfassender Aussicht- auf Hikr.org nur ein einziger Bericht über eine Besteigung in der schneefreien Zeit, Dokumentationen über eine Winterbesteigung sucht man im ganzen World Wide Web vergeblich. Dabei deutet bereits ein Blick auf die topographische Landeskarte an, dass sich dieser Gipfel sehr gut für eine Besteigung mit Skis oder Schneeschuhen eignet, entsprechend gute und sichere Schneeverhältnisse vorausgesetzt. In einem Frühling, der zumindest in den Nordalpen diese Bezeichnung bislang kaum verdient hat, kam mir dieses spannende Projekt in der "Sonnenstube" der Schweiz gerade recht…
 
Die Wetterfrösche versprachen zwar für die ganze Schweiz viel Sonne auf den Berggipfeln, doch da ich nicht erst stundenlang durch eine graue und neblige Landschaft steigen wollte, starte ich meine Tour erneut ennet dem "Loch", wo mich in Airolo auch tatsächlich wie erwartet (bzw. erhofft) strahlend schönes Wetter mit blauem Himmel und Sonnenschein empfängt. Die längst aperen Südhänge oberhalb Airolo muten bereits sehr frühlingshaft an, doch weit oben leuchten die frisch verschneiten Berggipfel in strahlendem Weiss.
 
Oberhalb von Valle gelange ich auf einem dem Hang entlang führenden Fahrweg via P. 1189 rasch zur Fahrstrasse ins Val Canaria. Diese ist zwar ab der Brücke bei P. 1251 offiziell gesperrt (s.a. hier), doch da es den Anschein macht, als würde die Strasse dennoch regelmässig befahren und begangen und ich es auch nicht wahrhaben will, dass meine geplante Tour bereits hier enden soll, gehe ich stur weiter…
 
Die Strasse ist -abgesehen von wenigen, ganz kurzen Abschnitten- bis zur Rustici-Siedlung Pautàn (1560 m) komplett schneefrei. Da die Schneedecke hartgefroren ist und am Morgen noch gut trägt, gehe ich auch hinter der verlassenen Siedlung zunächst ohne Schneeschuhe weiter, montiere sie aber auf knapp 1600 m doch (warum den Ballast auf dem Rücken tragen, wenn man nicht unbedingt muss?). Im Schatten ist es noch nicht allzu warm, zudem weht ein leichtes Lüftchen - so hält sich die Schwitzerei bis ins hintere Talende an der Wasserfassung bei Grasso della Froda noch in Grenzen. Nach der Brücke bei P. 1661 hielt ich mich übrigens unsinnigerweise an das Trassee der Alpstrasse - man durchschreitet auf ihr zwar die hübsche Alp Canaria (1690 m), muss danach aber über längere Zeit mühsam den Hang auf der orographisch linken Seite des Canaria-Bachs (rechts im Aufstiegssinn) queren, was mit Schneeschuhen und bei harten Schneeverhältnissen alles andere als ideal ist. Viel besser hält man sich -bei entsprechender Schneelage- gleich im (schneegefüllten) Bachbett, dem man z.Zt noch ohne Schwierigkeiten bis ins Talende folgen kann (dies habe ich dann auf dem Rückweg auch gemacht).
 
Über die Wasserfassung hinweg weiter im Bachbett durch die Steilstufe (im Winter ein breites Schneecouloir), bis sich das Gelände wieder weitet und man in eine herrliche, tiefverschneite Hochebene eintritt. Hier mäandert der Bachlauf offenbar hin und her und hat sich tief in den Boden eingefressen - dies ist auch unter den gewaltigen Schneemassen zu erkennen, die entsprechende Einschnitte und Erhebungen nachzeichnen, teilweise haben sich meterhohe Wächten gebildet. Die folgende Steilstufe zur Pian Bornengo sieht von unten eher unscheinbar und harmlos aus, entpuppt sich dann aber mit den Schneeschuhen als absolut grenzwertig. Im Aufstieg wähle ich einen deutlich ausgeprägten Sporn mit einigen Felsen, an denen ich mich kurz sogar hochziehen muss - so steil ist es bzw. so schlecht greifen die Frontzacken im leicht aufgesulzten Hartschnee. Für den Abstieg wählte ich später den Hang etwas weiter westlich, über den auch der Sommerweg führt - doch auch hier musste ich auf einem kurzen Abschnitt rückwärts absteigen (bei besseren, sprich pulvrigen Schneeverhältnissen ginge das jedoch sicher auch mit den Schneeschuhen im "Vorwärtsgang").
 
Von der Pian Bornengo leitet eine weitere, kurze Steilstufe linkshaltend zu einem Absatz, von dem plötzlich eine wunderschöne, nur mässig ansteigenden Aufstiegsmulde zum Lago di Froda (2438 m)  sichtbar wird. Durch die enorme Sonneneinstrahlung (immerhin haben wir anfangs April, auch wenn man das im Norden kaum glauben mag…) ist mir nicht nur sehr warm geworden, nein - auch der Schnee wird immer weicher und sulziger, die Tragfähigkeit nimmt rasant ab! Was dies für Konsequenzen hat, ist klar - schliesslich will bzw. muss ich hier auch wieder zurück und bin auf einigermassen günstige und sichere Schneeverhältnisse angewiesen. Der Gipfel des Pizzo Barbarera erscheint plötzlich unglaublich weit entfernt und (für mich) unerreichbar. Als ich bereits über einen Rückzug nachdenke, spielt mir jedoch glücklicherweise die Wetterküche in die Karten: Hohe Wolkenfelder bedecken den Himmel und es wird augenblicklich markant kühler - also doch weiter!
 
Die Nordostflanke des Pizzo Barbarera wird auf einer Höhe von ca. 2600 m von einem Felsgürtel durchzogen, unter dem die Flanke sehr steil abfällt. Diesen Felsriegel gilt es zu überwinden - am besten geht dies, indem man sich zunächst an den Ostgrat hält und entweder direkt über diesen (felsig) oder etwas unterhalb entlang einer schwach ausgeprägten Terrasse zu P. 2571 gelangt. Der restliche Aufstieg über die zum besagten Felsgürtel flach auslaufende Gipfelflanke ist logisch: Man hält auf den Pizzo Barbarera-Nordgrat zu, den man bei P. 2711 oder schon etwas weiter südlich (also Richtung Gipfel) erreicht. Über etwas wechselnden Schnee (mal hartgefroren bzw. -gepresst, mal weich und seifig) gelange ich in wenigen Minuten zum höchsten Punkt des Pizzo Barbarera (2804 m). Es ist schon verrückt: Da kann man noch so oft auf Berge steigen - es ist und bleibt doch ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wenn man -in freudiger Erwartung- die letzten Meter zum höchsten Punkt aufsteigt, von dem alles ringsum unter einem liegt. Und: Je länger und mühsamer bzw. schwieriger der Aufstieg war, umso stärker scheint dieses Gefühl zu sein, dass einen da überwältigt!
 
Oben geniesse ich die wirklich umfassende Rundumsicht auf ein Meer von bekannten und unbekannten Gipfeln. Die von Süden hereindrückenden Quellwolken trüben zwar ein wenig die Sicht, doch keineswegs meine Stimmung. Als mir irgendwann dann doch etwas kalt wird, trete ich wieder den Abstieg an. Dieser erfolgt zunächst entlang des (stark überwächteten) Nordgrats bis P. 2711 (Markierungsstange). Von dort steche ich ostwärts hinunter, um durch eine steile Rinne, welche ich im Aufstieg vom Lago di Froda ausgemacht hatte, zu dem riesigen Kessel zu gelangen, in den der See (von dem freilich im Winter nichts zu sehen ist) eingebettet ist. Leider ist das Licht nun derart diffus, dass ich in dem endlosen Weiss nicht wirklich erkennen kann, wie steil das Gelände hier abfällt und wie gut der Schnee weiter unten ist. Aus Vernunftsgründen nehme ich daher Abstand von meinem Plan und stapfe dem oberen Rand des Felsgürtels entlang zu meiner Aufstiegsspur, über die ich dann ohne Schwierigkeiten absteige. Dank der Bewölkung ist der Schnee nicht allzu weich geworden, aber gerade so "al dente", dass ich -mit Ausnahme der zwei Steilstufen (hier wäre ich mit Skiern deutlich besser bedient gewesen)- genussvoll absteigen kann.
 
Erst nach der Alp Canaria auf knapp 1700 m hat der Schnee durch die Temperaturen und die vormittägliche Sonneneinstrahlung so stark gelitten, dass ich immer wieder tief einsacke. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis Pautàn, wo ich die Schneeschuhe endgültig auf den Rucksack binde und nach einer längeren Rast den restlichen Abstieg durch´s Val Canaria nach Airolo in Angriff nehme. Bei nun wieder strahlendem Sonnenschein geniesse ich die Wärme, die ich förmlich in mich aufsauge - im Wissen, dass es zuhause wieder kalt und grau sein wird.        

Tourengänger: marmotta


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