Die Bergtour 1989 (1. Teil) - Cima di Lago 2832 m


Publiziert von basodino Pro , 17. März 2013 um 15:17.

Region: Welt » Schweiz » Tessin » Locarnese
Tour Datum:18 Juli 1989
Wandern Schwierigkeit: T3+ - anspruchsvolles Bergwandern
Hochtouren Schwierigkeit: L
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-TI   Gruppo Cristallina   Gruppo Poncione di Vespero   Gruppo Pizzo di Rod 
Zeitbedarf: 3 Tage
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Ossasco erreicht man mit Pkw oder Bus von Airolo zu Beginn des Valle Bedretto
Unterkunftmöglichkeiten:Capanna Cristallina CAS (2349 m), seit längerem zerstört und auf dem Passo Cristallina 2568 m wieder aufgebaut

Fortsetzung meines Berichtes:

Frühherbst 1988:
Nach meinem Schulabgang und vielen verlorenen Kontakten lernte ich Susanne kennen. Zwar "kannten" wir uns schon seit 2 Jahren, doch erst jetzt kam es zu einem richtigen Kontakt, nachdem ihre Schwester für ein Jahr in die französische Schweiz gezogen war.
In vielen Gesprächen lernte man sich kennen, ohne dass sich eine innigere Freundschaft bildete. Doch eine Idee wurde geboren, ein Bergurlaub zu zweit oder in einer größeren Gruppe. Für die Verwirklichung ergaben sich gleich zu Beginn sehr ungünstige Voraussetzungen, da wir uns nicht vorstellen konnten, dass Susannes Eltern von einem solchen Projekt zu überzeugen wären.
Nach einem Streit mit ihrer Schwester rückte das Vorhaben in unendliche Ferne. Susanne glaubte nicht mehr daran, doch ich entgegnete ihr, dass sie die Hoffnung niemals aufgeben sollte, den Träume sterben nicht zuerst an der Realität, sondern an den Menschen, die sie aufgeben. Wie sich zeigen würde, sollte ich das Glück haben, hier einmal Recht zu behalten.

Winter 1988/89:
Meine Entscheidung eine Bergtour zu organisieren ist längst gefallen. Ich machte mich an die Arbeit, ein Projekt zu entwerfen. Nach kurzer enthusiastischer Arbei stand das Projekt innerhalb einer Woche. Die Reaktionen waren sehr ermutigend. Mit Reinhard und Michaela fand ich gleich zwei begeisterte Anhänger.

24. Mai 1989:
Unser erstes Vortreffen fand statt. Florian hatte unsere Gruppe noch verstärkt. Eine Woche zuvor war ich im Val Bavona, um zu realisieren, dass noch ca. 1,75 m Schnee an der Basodinohütte lagen, und dass die Entwicklung schon soweit fortgeschritten war, dass wir sicherlich am 16.07. starten könnten. In einer kurzen Diskussion klärten wir einige Fragen, die die Ausrüstung und Route betrafen. Ein Kernteam hatte sich gebildet.

17. Juni 1989:
Die Stuttgarter Kickers waren aus der Bundesliga abgestiegen. Ich lud Willy ein, mit mir und Michaela einen Abend zu verbringen. Nach tiefgreifenden Gesprächen war eine neue Konstellation denkbar. Willy stieg ins Bergtourteam ein, wenn er auch erst gegen Ende zu uns stossen wollte.

Anfang Juli 1989:
Zwei mehr oder weniger erwartete Ereignisse warfen das Team nochmals durcheinander. Reinhard konnte aus gesundheitlichen Gründen definitiv nicht an unserer Bergtour teilnehmen. Das hätte uns hart getroffen, wenn nicht Susanne wie aus der Versenkung auf einmal angefragt hätte, ob sie doch noch mitkommen könnte. So waren wir am Start doch wieder 4 Teilnehmer.
In einer zweiten Vorbesprechung klärten wir noch die Aufgabenverteilung, doch prinzipielle Fragen blieben ungeklärt, ein großer Fehler, wie sich später herausstellen sollte.

Fast alle möglichen Vorbereitungen waren getroffen, und so sehnten wir den Start des Unternehmens herbei. Nicht zuletzt deshalb, weil Susanne und ich im Vorfeld mit Kreislaufproblemen zu kämpfen hatten, doch das sollte später das geringste Problem werden.

15. Juli 1989:
Die Arbeit des vergangenen halben Jahres saß mir noch in den Knochen. Abends suchte ich mit Reinhard ein wenig Entspannung im Kino. Die Geisterkomödie "High Spirits" lenkte uns für knapp 2 Stunden ab. Erst nach 22 Uhr kam ich so zum Packen. Als mein Rucksack mit 9,5 kg das gewünschte Gewicht hatte, ging ich beruhigt ins Bett. Dieses Mal war ich mir recht sicher, dass ich nichts Wichtiges vergessen hatte.

16. Juli 1989:
2.55 Uhr: Der Wecker klingelte, mein alltäglicher, gefürchteter Feind!!!
3.00 Uhr: Nachrichten! Ich konnte nicht weiterschlafen, durfte es ja auch nicht. Endlich raffte ich mich zur wahren Großtat des Tages auf: dem Aufstehen; im Schnelldurchlauf sprang ich durchs Bad und in die Kleider.
3.25 Uhr: Ich war tatsächlich schon bei Susanne. Sie war mindestens so desolat wie ich kurz zuvor. Meine Stimmung hellte sich auch nicht auf, als ich mir ihren Frust und Streß des Vortages detailliert anhören durfte.
3.52 Uhr: Michaela hatte überhaupt nicht geschlafen. Trotzdem packte sie die letzten Sachen erst jetzt in ihren viel zu schweren Rucksack. Leider entging es mir zu dieser frühen Stunde, das Gewicht zu kontrollieren und die Hälfte wieder rauszuschmeißen. Viel Ärger wäre uns erspart geblieben.
4.10 Uhr: Florian setzte mit seinem 16.5 kg-Rucksack noch einen oben drauf, doch er schaffte es gut, dieses Schwergewicht durch die Alpen zu wuchten.
4.20 Uhr: Die Fahrt in den Süden begann, endlich.
So voreilig hätte ich das nicht schreiben sollen, denn jeglicher Optimismus starb kurz nach der Schweizer Grenze. In Zürich gab mein gelber BMW 1802, damals schon 15 Jahre alt, auf. Um 6 Uhr morgens an einem Sonntag mitten in einer fast fremden Stadt fühlte ich mich wie in einer Wüste, als der Auspuff brach und über den Asphalt schepperte. Wer sollte uns um diese Zeit helfen. Der BMW-Servicemann kam schließlich um kurz nach 9 Uhr, um das endgültige Aus der Fahrt zu attestieren. Nur meine Müdigkeit ließ mich gelassen bleiben. Mein Halbcousin wohnte damals in Zürich und sagte uns schnelle Hilfe zu. Er würde sich um den Wagen kümmern. Wir nahmen die Tram zum Bahnhof und verpassten den Zug um 10.07 Uhr denkbar knapp. Nun kostete uns der Zwischenstop schon ganze 5 Stunden.
Um kurz nach 11 Uhr hatten wir uns ein Abteil erkämpft. Die Gänge waren überfüllt, die Luft stickig, wir fühlten uns gestreßt und abgekämpft, aber allmählich stellte sich doch ein wenig Ruhe und Entspannung ein. Endlich bekam ich das Feeling, dass der Urlaub begonnen hatte.
Nach knapp 2 Stunden begrüßte uns die Alpensüdseite mit herrlichem Sonnenschein. In Airolo (1141 m) hatten wir eine halbe Stunde Zeit, um Kontakt mit zu Hause aufzunehmen, bevor der Bus fuhr. Die geängstigten Eltern beruhigten wir wieder, befiel mich doch jetzt das Gefühl, dass uns nichts mehr aufhalten konnte. Eine erste kleine Schwäche (Kreislauf?) nach dem Aussteigen aus dem Zug hatte ich überwunden.
Um 13.45 Uhr waren wir in an unserem Startpunkt in Ossasco (1313 m). Die Rucksäcke wurden gehfertig verschnürt und auf ging's! Schon nach einigen Metern verfingen wir uns im Gestrüpp. Mit etwas Glück fanden wir aber wieder die Spur, die uns auf einen Fahrweg führte. Michaela kämpfte mehr mit sich als mit der Steigung, da ihr die ungewohnte Bergluft Streiche spielte. Trotzdem kamen wir nach 2 Stunden auf die Alpe Cristallina (1800 m). Hier machten wir eine längere Pause. Die gegenüberliegende Seite mit dem spitzen Pizzo Rotondo faszinierte uns genauso, wie der tiefblaue Himmel, der durch ein paar Schäfchenwolken eine ganz eigene Ausstrahlung hervorrief.
Kurz nachdem wir das zweite Teilstück in Angriff genommen hatten, mussten wir das Gewicht der Rucksäcke neu verteilen. Michaela konnte ihre Last nicht mehr alleine tragen. Jeweils 2-3 kg wanderten in Florians und meinen Rucksack. Doch brachte das nicht den gewünschten Effekt. Michaela zeigte einige Symptome mangelnder Akklimatisierung und konnte Ihre Kräfte nur mit viel Willen aktivieren. Man merkte erste Anzeichen, dass sie die Berge nicht gewohnt war.
Schließlich erreichten wir nach weiteren zwei Stunden die Capanna Cristallina CAS (2349 m, heute zerstört und am Passo Cristallina wieder aufgebaut). Susanne, Florian und ich hatten mit unseren Kräften gut haushalten können und erreichten das Ziel müde aber sicher. Michaela setzt ihren starken Willen ein und kam mit ein paar Minuten Abstand an der Hütte an. Auf den letzten 100 Höhenmetern hatten wir keine Rast mehr gemacht, so dass wir einen kleinen Vorsprung hatten. Der berühmt-berüchtigte 3:1-Splitt zeichnete sich erstmals ab.
Nach einer halben Stunde waren wir aber soweit wieder hergestellt, dass uns das erste Abendbrot in den Bergen richtig schmeckte.
Leider musste ich aber noch einen Mißton am ersten Tag notieren. Michaelas Behauptung, sie könnte den gleichen Weg gleich nochmals laufen, geäußert gerade mal 10 Minuten nach unserer Ankunft, brachte mich ein erstes Mal auf die Palme. Dieser erste Ärger wurde aber noch runtergeschluckt.
Die erste Nacht auf der Hütte, erfahrungsgemäß sehr unruhig, bildete auch hier keine Ausnahme.

17. Juli 1989:
Am frühen Morgen stand ich als erstes auf, ging ins Bad, weckte die anderen und kümmerte mich ums Frühstück. Bis kurz vor Schluss der Tour sollte so fast jeder Tag beginnen.
Obwohl ich schon um 6.30 Uhr wach war, kamen wir letztlich erst gegen 9 Uhr los. Aber heute wollten wir nicht hetzen. Eine ruhige Eingewöhnungstour stand an, und die Sonne ludt uns dazu ein. Nach dem Passo Naret (2438 m), der uns mit einem kühlen Wind begrüßte, fiel der Weg steil zum Stausee ab. Susanne sah sich erstmals mit einem kleinen Kletterstück konfrontiert. Noch ungeschickt überwand sie es und gewann an Sicherheit: eine Voraussetzung für die spätere Ersteigung der Cristallina.
Am Lago Naret machten wir im Windschatten eines flachen Felsens eine lange Mittagspause. Mit Salami, Käse und Brot war das Essen ebenso schlicht wie gut, so wie das sonnige Wetter, dass in einigen Schleierwolken atmosphärische Phänomene wie Halo und Nebensonnen verriet. Am frühen Nachmittag gingen wir wieder zurück zur Hütte. Für 20 Minuten fanden wir zu viert einen Gehrhythmus wie später nie wieder. Wahrscheinlich lag es an der guten Atmosphäre dieses zweiten Tages, daß wir harmonierten, doch die beiden folgenden Abende zerstörten jeden Ansatz eines intakten Gruppengefühls.
An diesem Abend begann Michaela eine kontroverse Diskussion. Wir waren gerade dabei über den Aufstieg zur Cristallina zu sprechen, als Michaela mit einem total aus der Luft gegriffenen Vorschlag auftrumpfte. Sie schlug vor, die Cristallina von Norden zu besteigen (das ist die einzige Seite, auf der es keine Route gibt, die leicht zu begehen ist). Sie meinte, der Berg sei einfach zu "hasig", so dass wir einen gewissen Reiz hineinbringen sollten. Der Berg sei unattraktiv und für jedes Kind zu besteigen. Nun wurde mir endgültig klar, dass Michaela über keinerlei Bergerfahrung verfügte. Da sie diesen Anspruch aber weiterhin aufrecht erhielt, kamen wir auf keinen akzeptablen Konsenz. Auch bei anderen Fragen stellte sie utopische Behauptungen in den Raum, die wir nur schwer relativieren konnten. Nun war auch in Gesprächen und in Ruhephasen ein "3:1"-Splitt vollzogen. Susannes Versuch am nächsten Tag hinter Michaelas Kulisse zu blinzeln, zeigte auch keinen Erfolg.
Auch die zweite Nacht wurde unruhig, da eine Jugendgruppe im Stockwerk über uns für einen Geräuschpegel sorgte, dass die Mädels kaum und Florian und ich auch nur wenig schlafen konnten.

18. Juli 1989:
6 Uhr, ich konnte nicht mehr schlafen. Trotz Müdigkeit raffte ich mich auf und begann das Morgenritual noch eine halbe Stunde früher als gestern. Michaela und Susanne, noch von der wenig erholsamen Nacht gebeutelt, zogen es vor den Tag ruhig angehen zu lassen. Auch Florian war kaum motivierter. Nur Michaelas miese Laune machte uns dann Beine.
Auf dem Passo Cristallina (2568 m) entspannte ich mich langsam. Das Bergfeeling stellte sich langsam ein. Ohne Mühe erreichten wir die Cima di Lago (2832 m) in 1,5 Stunden. Florian kam voll auf seine Kosten, da der kleine Gipfel einen herrlichen Blick auf die umliegenden Berge eröffnete. Die Cristallina schien auf Ihrer Westseite uneinnehmbar, der Basodinogletscher lag im Süden flach und eben wie ein Ruhekissen, dazwischen glitzerten ein paar grüne Stauseen in den Tälern. Auf dem Rückweg fanden wir eine kleine verfallene Schutzhütte. Leider bot sie keinen Schutz gegen den kalten Wind, so dass erneut ein Fels als Windschutz herhalten musste. Während der kurzen Pause begegneten uns zwei leicht bekleidete Einheimische von der Hütte, die den Gipfel in der halben Zeit machten und wahrscheinlich auch nicht froren. Bergleute halt!
Noch in der Mittagszeit kamen wir von der Cima zurück. Da Michaela und Susanne auf einen gemeinsamen Spaziergang gingen, nutzten wir Männer die Chance für eine erste ruppige Rasur mit kaltem Wasser. Nach 2 Stunden kamen die Mädels zurück. Sie hatten ein paar Steine in der Nähe eines Passes gesammelt. Michaelas Stimmung schlug um, als sie ihre Kamera vermisste. Obwohl sich die Kamera schnell wieder fand, blieb sie unansprechbar vor der Hütte sitzen. Wir drei zogen uns ins Lager zurück, um auszuruhen, rumzualbern, Gedanken auszutauschen. Michaela blieb bis zum Abendessen verschollen, was zu Spekulationen Anlass gab.
Um 18.30 Uhr war es Zeit fürs Abendessen, schlimme Befürchtungen bekamen neuen Nährstoff. Michaela war zwar kurz wieder da, aß aber nichts, verschwand immer wieder, um ihre Tränen zu verstecken. Wir aßen tapfer unsere Teller leer, unsicher irgendetwas zu sagen. 
Michaela kam nach einer längeren Pause wieder und aß ein wenig vom Bohnensalat. Ihr Reitpferd sei verunglückt und getötet worden. Sie hatte den ganzen Nachmittag eine Vorahnung mit sich herum getragen und fand es jetzt bestätigt. Susanne brach in Tränen aus, Michaela war über diesen Punkt scheinbar schon hinaus. Florian und ich blieben sprachlos. Verkrampft nagten wir an den Essenresten, die uns nicht mehr schmecken wollten. Langsam zeichnete sich ein Bild von den Geschehnissen ab. Die Spannung erreichte einen zweiten Höhepunkt. Michaela gab ihrer Einsamkeit Ausdruck, indem sie uns beschuldigte, ihr keine Freunde zu sein. Das war für mich genug. Ich reagierte! In Sekunden war ich aus der Hütte draußen in der Steinwelt. Der Himmel war grau geworden, Niesel drohte richtigen Regen an. Hinter einem großen Stein verschanzte ich mich im Windschatten, um nachzudenken. Meine Gedanken wirbelten herum. Langsam konnte ich das Wirrwarr beruhigen, stabile Bilder erschienen und wurden langsam wieder zu einem Film. Als ich wieder geradeaus denken konnte, kehrte ich zur Hütte zurück.
Michaela kam aus der Hütte gerannt. Sie hatte mich gesucht. Ich versicherte ihr, dass mir nichts passiert war. Wir gingen gemeinsam zum Lager hinauf. Auf den Betten lag betretenes Schweigen. Ich schrieb meine Gedanken nieder, während Michaela immer wieder Fetzen von Worten von sich gab, die sich als Bild in eine Vision erhoben. Sie sah soviele Fehler, die sie bisher gemacht hatte, als falsch ein und erkannte viele Möglichkeiten, wie ein besserer Weg funktionieren könnte. Doch die Vision verflog wie ein Traum.
Nach diesen bedrückenden Stunden fanden wir drei erschöpft zum ersten Mal Ruhe. Michaela mied der Schlaf noch lange, kein Wunder.
Ich glaube, wir haben später diesen Abend viel zu wenig in unsere Überlegungen einbezogen. Nie wieder ist darüber geredet worden, was man aus dieser Vision hätte machen können. Weder Michaela, noch ich konnten die Einsichten des Momentes verarbeiten oder gar nutzen, schade!

Fortsetzung!



Tourengänger: basodino


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