Zanaihorn (2821 m) von Vättis via Vättnerchopf (2618 m)


Publiziert von marmotta , 29. November 2012 um 20:37.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:24 Oktober 2012
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SG 
Aufstieg: 2140 m
Abstieg: 2140 m
Strecke:Vättis - Älpli Ladils - Vättnerchopf - P. 2663 - P. 2634 - P. 2647 - P. 2609 - Furggla - Crisp - Zanaihorn - Oberboden - Säss Tersol - Gigerwald - Vättis
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Vättis
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Vättis

Das Zanaihorn (2821 m) zählt zu den 3 "grossen" Gipfeln im Taminagebirge - es sind die drei höchsten St. Galler Gipfel, welche vollständig innerhalb dieses Kantons liegen und ihre Spitze nicht mit einem anderen Kanton teilen müssen. Und doch kennen Viele nur den Pizol (2844 m), auf dem sich sommers wie winters "dank" der seilbahntechnischen Erschliessung viel Volk tummelt. Das Sazmartinshorn (2827 m) und das Zanaihorn werden weit weniger oft und meist nur von Einheimischen bestiegen. Die Zustiege sind lang und teils weglos, die Routen über die Grate und Flanken brüchig und mühsam. Was ihren Reiz ausmacht, ist die Einsamkeit und die wilde Landschaft, die sie umgibt.
 
Bereits im Jahr 2009 hatte ich einen Versuch unternommen, das Zanaihorn mittels Überschreitung des gesamten Südgrats zu erreichen, welcher sich über das Chli Zanaihorn (2764 m) bis zu P. 2662 zieht, wo er sich zum Vättnerchopf und zum Drachenberg gabelt. Damals war auf dem Chli Zanaihorn Schluss, von wo ein Abklettern nach Norden über die senkrechte und überaus brüchige Wand -wie auch der SAC- Clubführer richtigerweise bemerkt- kaum zu verantworten ist.
 
Da mir sowohl für den Nordgrat (vom Pizolsattel) als auch für den Ostgrat das Zeitfenster Ende Oktober zu knapp war, entschied ich mich, es erneut über den Südgrat von Vättis via Vättnerchopf und Furggla zu versuchen, diesmal jedoch den Gratabschnitt zwischen Furggla und der Scharte nördlich des Chli Zanaihorns in der Westflanke zu umgehen. Von Mitte Mai bis Mitte Oktober lassen sich an Wochenenden Zustieg und Höhenmeter erheblich verkürzen, wenn man den ersten Postautokurs nimmt, der dann jeweils bis cff logo Gigerwald, Restaurant verkehrt. Man kann so auf einer Höhe von bereits 1230 m starten und erreicht über das Tersol wesentlich schneller die Geröllhalden im Grisp und damit den Einstieg in die Westrampe des Zanaihorns. Dafür entgeht einem der schöne Gratabschnitt zwischen P. 2662 oberhalb des Vättnerchopfs und der Furggla (2574 m).
 
Von Vättis (943 m) geht es zunächst auf dem unerbittlich steilen Alpweg hinauf Richtung Älpli Ladils (1890 m). Die dicke Nebeldecke, welche an diesem Tag bis weit in die Alpentäler des Prättigaus und der Surselva reicht, durchstosse ich auf einer Höhe von 1200 m. Kurz vor Erreichen der Alp steige ich -einzelnen Viehpfaden folgend- westwärts über die Weideböden zur Südostflanke des Vättnerchopfs auf, um dort über die Platten zum obersten Abschnitt des Ostgrats zu gelangen. Die Flanke ist steil, aber ordentlich gestuft, so dass der Aufstieg über die "Platten" (bei trockenem Untergrund) problemlos ist (T3, im obersten Abschnitt, wo ein felsiger Sporn von Osten erreicht wird, T4). Man braucht den felsigen Sporn nicht bis zur Grathöhe erklettern, sondern kann ihn bequem ca. 50 Hm unterhalb umgehen und die folgende, steile Grasflanke zum Gipfelkopf aufsteigend queren, um dann die Grathöhe an beliebiger Stelle zu erreichen. Kurze Kraxeleinlage am Gipfelkopf in leichten, aber brüchigen Felsen (T4+). Vom mächtigen Gipfelkreuz, das nicht ganz auf dem höchsten Punkt des Vättnerchopfs (2618 m) steht, bietet sich ein prächtiger Ausblick auf den Calanda vis à vis sowie die vielen Gipfel im Rätikon, der Silvretta und im Bündnerland.
 
Kurz nachdem ich den Gipfel des Vättnerchopf wieder nach Norden verlassen habe, werde ich (leider) noch Zeuge einer erfolgreichen Steinbockjagd. Ein älteres Jägerpaar zeigt stolz auf den Minuten zuvor (quasi vor meinen Augen) erlegten und nun blutend im Schnee liegenden, dreieinhalbjährigen Bock. Gut, gibt es diese aufopferungsvoll tätigen Jäger - sonst würde unsere schöne Bergwelt wohl bald zugrunde gehen…
 
Während es also andernorts in Kürze ein feines Steinbock-Carpaccio geben wird, steige ich unbeirrt weiter zum höchsten Punkt des Grats, wo dieser sich (abfallend) zu Vättnerchopf und  Drachenberg gabelt. Nicht immer sind also die benannten und kotierten Gipfel auch die höchsten Punkte eines Berges. Insofern hätte dieser ominöse P. 2663 aus meiner Sicht durchaus einen Namen verdient, wie wär´s mit "Hinter Drachenberg"?
 
Die folgende Gratwanderung ist Genuss pur: Mehr oder weniger der Gratschneide nach Norden folgend, geht es etwas auf und ab mit schönen Ausblicken ins Taminagebirge, insbesondere zu dessen im Westen dominierenden Gipfel, dem Sazmartinshorn (2827 m).
 
Von der letzten, felsigen Erhebung P. 2609 bricht der Grat steil in die bedeutende Scharte darunter, die Furggla (2574 m) ab. Die Furggla war vor Herstellung des Wegs von Gigerwald einst ein wichtiger Übergang bzw. der einzige Zugang zur Bestossung der Alp Tersol. Ein riesiger Steinmann markiert diesen Passübergang. Der alte Alpweg, welcher von der Calvina über die Furggla hinunter ins Tersol führt, ist am Verfallen, jedoch noch immer gut zu erkennen und zu begehen.
 
Von eben diesem P. 2609 klettere ich in der Westflanke soweit ab, bis ich die senkrechte Schichtstufe überwinden kann. Die Kraxelei über die brüchigen und scharfkantigen Flyschplatten ist etwas "tricky" und erreicht auf einigen Metern locker den II. Schwierigkeitsgrad. Anschliessend quere ich durch die Felsen hinunter zur Furggla, wo sich noch etwas Restschnee gehalten hat. Vielleicht könnte man von P. 2609 auch direkt der Gratschneide nach in die Furggla abklettern, möglicherweise habe ich dies bei meiner letzten Begehung auf der Chli Zanaihorn-Tour auch gemacht, erinnern mag ich mich nicht mehr recht daran. Sieht allerdings ebenfalls sehr steil aus, insgesamt ist diese Passage sicher die schwierigste der gesamten Tour (T5).
 
Von der Furggla steige ich nun auf dem (schneebedeckten) obersten Abschnitt des alten Alpweges (einzelne, verblassende rote Markierungen) bis auf eine Höhe von ca. 2450 m ab, wo ich auf passablen Steinwildspuren die riesigen Geröllhalden des Grisp queren kann. Unter dem Felsturm des Chli Zanaihorns angelangt, orientiere ich mich wieder nach oben - steil und mühsam geht es auf Schieferschutt und Geröll auf eine grasige Rippe, auf der es sich wieder etwas besser aufsteigen lässt. Von oben werde ich skeptisch von einigen Steinbockveteranen beäugt. Nachdem ja an diesem Tag bereits auf sie geballert wurde, halten sie sich in respektvoller Distanz auf und lösen auch immer wieder bedrohlichen Steinschlag aus.
 
Die gewaltige Geröllrampe, die sich vom Südgrat des Zanaihorns jenseits des Chli Zanaihorns herunterzieht, ist kaum zu verfehlen. Man steigt in dieser, einen kleineren Schichtkopf nördlich des Chli Zanaihorns rechts liegen lassend, äusserst mühsam empor (T4). Harte, aber guttrittige Altschneereste vereinfachten die Sache stellenweise - im Geröll sucht man sich zum Aufsteigen die grössten Brocken heraus, anderenfalls gilt die alte Regel "2 Schritte hoch, einer zurück"…
 
Mit müden Beinen erreiche ich irgendwann den breiten Schuttrücken des Zanaihorns, über den ich -wegen des rutschigen Schiefer-Geröll-Mixes noch immer sehr mühsam und anstrengend- den Gipfel mit dem grossem Metallgipfelkreuz erreiche. Eine fantastische Aussicht an diesem wohl letzten warmen Herbsttag, an dem es auf dieser Höhe noch keinen Schnee hat, belohnt mich für die Aufstiegsmühen.
 
Nachdem ich mindestens eine Stunde bei herrlichem Sonnenschein und T-Shirt-tauglichen Temperaturen auf dem Gipfel verweilt habe, stürze ich mich voller Vorfreude in den Abstieg. Fast müsste man "Abfahrt" sagen, denn der Geröllsurf durch den Schutt der gesamten Zanaihornflanke (einer der besten, die ich je unter meine Bergschuhe nahm) gleicht fast einer Skiabfahrt: Im Aufstieg fürchterlich mühsam, im Abstieg schlicht genial!
 
Entsprechend schnell erreiche ich (mit völlig verstaubten Schuhen, hehe) den Oberboden, wo ich am Bergbach meine Flasche auffülle. Weiter auf Schafpfaden hinunter ins Tersoltal, wo mich die (schattige) Realität eines Bergtages Ende Oktober einholt. Im tief eingeschnittenen Tersol-Tal gibt´s um diese Jahreszeit bereits um 15 Uhr keine Sonne mehr. Wenig später tauche ich kurz vor Gigerwald auch wieder in den feuchtkalten Nebel ein. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es mit dem anvisierten Postauto in Vättis mal wieder ganz knapp wird. Kurz darauf erlöst mich jedoch ein Alphüttenbesitzer von meiner Hatz auf der wenig erbaulichen Fahrstrasse. So habe ich das Vergnügen, in einem klapprigen und lauten 66er Range Rover mitzufahren (merci vielmal), unwillkürlich muss ich an Henrik denken…
 
So bleibt mir in Vättis bis zur Abfahrt des Postautos noch genügend Zeit, mich am Dorfbrunnen etwas frisch zu machen und im kleinen Dorfladen etwas Proviant für die Heimfahrt einzukaufen.   

Tourengänger: marmotta

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