Hohe Geige 3393m - Soloüberschreitung und Route der Erstersteiger im Abstieg


Publiziert von alpensucht , 6. November 2012 um 01:44.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Ötztaler Alpen
Tour Datum: 8 Juli 2012
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS-
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: A 
Zeitbedarf: 11:00
Aufstieg: 2500 m
Abstieg: 2500 m
Strecke:Siehe Wegpunkte bis zurück zum Campingplatz Huben ca. 24km
Unterkunftmöglichkeiten:Camping Huben, Rüsselsheimer Hütte

Am letzten Tag unserer Tourenwoche entspannen meine beiden viel älteren Bergfreunde beim Plaisirklettern, so dass ich allein zu einem gewagten Unternehmen aufbreche: die Überschreitung der Hohen Geige von Längenfeld im Ötztal aus. Wegen des geplanten gemeinsamen Abschlusses unseres Urlaubs abends im Restaurant, muss ich spätestens 21 Uhr wieder zurück sein. Eine gigantische Konditionstour wartet, die Abstiegsroute ist noch ungewiss…
 
Voller Energie, mit wenig Gewicht am Rücken und in freudiger Erwartung auf das mir bevorstehende starte ich 9 Uhr am Campingplatz in Huben. Ein früherer Aufbruch ist nicht möglich gewesen, weil wir erst sehr spät am Vortag von der Weißkugeltour  zurück gekehrt sind. Mein Weg sollte mich durch den Wald auf schmalen Bergpfaden direkt zur Breitlehnalm führen, doch kam ich zu meinem Ärger bei der Polltalalm heraus. Nun fängt es auch noch an zu regnen und es wird recht frisch. Wenigstens bin ich allein ziemlich schnell unterwegs! Für kurze Zeit denk ich sogar an ein Scheitern der Überschreitung.
 
Doch schnell erreiche ich um 10:30 Uhr die Breitlehnalm und begebe mich von da aus ins Breitlehntal auf die wunderschöne Route zum Breitlehnjoch. Ohne Pause komme ich auf dem bekannten Weg gut voran und erreiche schon 12 Uhr das Joch. Das Wetter wird deutlich besser, Regenschauer scheinen immer weniger wahrscheinlich zu werden und es weht ein nur schwacher Hauch. 15 Minuten Pause. Und weiter im genussvollen Laufschritt hinab ins Kar südwestlich der Kleinen Geige 3152m und westlich des Hohen Kogel 3293m. Beim Aufschwung ins Kapuzinerjöchl (T3+) gehe ich beim Tempo erstmals heute bis an meine Leistungsgrenze. 12:55 Uhr.
 
Der Weg bis Auf Gawinden, wo der Westgrat der Hohen Geige beginnt, sieht von hier noch furchtbar weit aus! Vom Jöchl aus wird erstmals der schöne Blick zum Kaunergrat frei. Der Blick ins Pitztal weckt eine Sehnsucht, auch einst mal von dort aus Touren zu starten. Auch über den größten Teil des Westgrats gibt es von hier aus einen guten Überblick. Sieht nicht sehr schwierig aus :)
 
Im Abstieg vom Joch gibt es nur einige schwache Markierungen. Etwas Orientierungssinn und Geländevertrautheit dürfte bei schlechteren Verhältnissen Voraussetzung für diesen Abschnitt sein (T3). 13:30 Uhr Auf Gawinden betrete ich nun Neuland. Kein Mensch scheint unterwegs zu sein. Auch um die Rüsselsheimer Hütte herrscht Ruhe. Ein Wegweiser weist zum Einstieg des Westgrats. Zunächst führen noch deutliche Wegspuren über angenehmes, grünes Gelände. Doch schon bald wird das Gelände blockiger, steiler und anstrengender. Erste kleine Pausen zum kräftigen Durchatmen nehme ich mir. Dabei überblicke ich die Normalroute zum heutigen Gipfelziel und die geplante Route zurück ins Ötztal über das Weißmaurachjoch: 600Hm Gegenanstieg von der Hütte aus. Eine Übernachtung in der Hütte kommt nicht in Frage. Auf bekannten Routen bin ich erfahrungsgemäß sehr schnell unterwegs. Also lege ich mich noch nicht fest, wie ich wieder zurück gehe.
 
Zunächst gelangt man als geübter Berggänger genussvoll und unschwierig über die Gratfelsen aufwärts (I-II) in Erwartung bald auf den Normalweg zu treffen.  Meist halte ich mich südseitig (rechts). Etwas später erreiche ich die Stelle, wo der Westgrat mit dem Normalweg zusammen trifft. Irrtümlicherweise schlage ich diese kurz in Abstiegsrichtung ein, drehe aber bald wieder um, weil ich zu viele Höhenmeter verliere.
Zügig überwinde ich nun die etwas ausgesetzten Drahtseilpassagen und suche am Rand der Gletschermulde wieder den Westgrat zu erreichen. Ich schlage diesen zwar mühsameren, aber direkteren Weg ein und gelange schließlich in einigen ausgesetzten und überfirnten Schlusspassagen (T4, I) um 15:50 Uhr den Gipfel.
 
Ein Traum geht in Erfüllung. Schon vor drei Jahren habe ich die Hohe Geige als Ziel geplant, doch damals wurde es wegen schlechter Verhältnisse nur der Sulzkogel. Panorama fotografiert und Blick ins Gipfelbuch geworfen. Heute Vormittag gab es Neuschnee hier oben! Und alle Besucher kamen selbstverständlich von der Hütte… Nun stellt sich die Frage des Abstiegs. Auf den Übergang über das Weißmaurachjoch oder den Normalweg zurück habe ich keine Lust. Ersteres wegen zu wenig Zeit, letzteres scheint zu wenig interessant. Der AVF wüsste jetzt sicher Rat. Den ließ ich beim Zelt – zu viel Gewicht! Beim Blick auf den ordentlich überfirnten Äußeren Pirchlkarferner überkommt mich die Abenteuerlust. Wenn es einen Zugang vom Sattel P.3278m (zwischen Silberschneide und Hoher Geige) hinab auf den Ferner gäbe…
 
Also den Südgrat hinab in den lang gezogenen Sattel. Das Bad im 4°C kalten Gletschersee unten muss auch noch sein. Also baue ich schnell einen großen Steinmann an der Stelle im Sattel, wo ein Abstieg nach Osten möglich scheint und steige über Geröll und Firn zum See ab, nehme ein kurzes Bad und steige gut durchblutet wieder auf. 17:20 Uhr. Nun beginnt das Abenteuer. Eine Info-Sms an meine Bergfreunde über meine Abstiegspläne gesendet – und los geht’s.
Eine schmierige, schuttige Flanke vermittelt den oberen Abstieg und wird von kleinen, festen Felsstufen unterbrochen. Den Übergang auf den Gletscher bildet eine bis 45° steile Firnflanke, die nach einer recht gutmütig aussehenden Randkluft flach ins Gletscherbecken ausläuft. Teils im Schutt abfahrend und teils griffig hinein tretend gelange ich schnell abwärts. Dabei trete ich Unmengen an Steinen los, die in der schon vorgeformten Firnrinne unterhalb bis auf den Gletscher rollen. Die Felsstufen bieten etwas Sicherheit. Ohne Stöcke würde ich hier an keinen Abstieg denken! In der Firnflanke geht es nun dank der von den Steinen in den Schnee gerissenen Rinne sehr gut abwärts. Auf deren Ränder stelle ich je links und rechts einen Fuß und rutsche einfach langsam hinab.
 
Der nun folgende Gletscher ist solo wenig bedenklich, weil es heute recht kühl geblieben ist und eine vollständig geschlossene, dicke Firndecke alles bedeckt. Dennoch gehe ich mit großer Aufmerksamkeit auf den vor mir liegenden Untergrund gerichtet voran, sondiere zuweilen mit den Stöcken, wenn etwas verdächtig nach Spalten aussieht. Einige schmale sind auch mit einem großen Schritt definitiv zu überqueren. Die Höhenlinien auf meiner Karte zeigen auch am unteren Rand des Gletschers nur weit auseinander liegende Höhenlinien, so dass ich keine Bedenken vor dem Abklettern schwieriger Steilstufen zu haben brauch. Doch im Randbereich, wo auch viele Häusergroßen Blöcke auf dem Eis liegen, wird das Gelände etwas unübersichtlicher und wild. Ich halte mich am linken (nördlichen Rand) des Eises und umgehe einige mit sehr weichem Firn überzogene Eispassagen im Geröll.
 
Bald bekomme ich, sehr glücklich und zufrieden über den gelungenen Abstieg, das erste Grün unter die Stiefel. Sofort ziehe ich das Tempo wieder an und beschließe, erst bei dem Zusammenfluss der beiden Pirchlkarbäche zu pausieren. Dort angekommen werfe ich wieder einen Blick auf die Karte. 18:45 Uhr. Das Ziel ist nun sehr nahe. Es gilt den Jubiläumsweg, der vom Hahlkogelhaus hinab zur Pollesalm führt, zu erreichen. Das Wasser der Gletscherbäche ist eine herrliche Erfrischung! Ich spüre nun die Strapazen des hohen Tempos am ganzen Tag. Zwei Powergels helfen auf dem Rest des Wegs das Tempo nochmals anziehen zu können. Über steile Wiesen führt meine Route nun hinab direkt auf den gesuchten Weg vorbei am Fall des Pirchlkarbachs.
 
19:25 Uhr erreiche ich im Laufschritt die Pollesalm. Für einen frischen Joghurt hätte ich nochmals 10min pausiert, doch es gibt leider keinen. Dass ich auch das letzte Stück bis hinab nach Huben beinahe ununterbrochen im zügigen Laufschritt absolviere, liegt an meinem sportlichen Ehrgeiz am heutigen Tage. Da ich bis jetzt schnell war, kann ich auch nun zum Schluss ein letztes Mal alles geben! Die Knie und Oberschenkel freuen sich :)
An einer Kapelle bei der Sattelalm, wo gerade ein Chor probt, halte ich kurz inne und lausche den schönen Klängen. Zum Schluss geht’s wieder steil durch den Wald auf schönem Wege hinab direkt zum Campingplatz von Huben, den ich genau um 20:04 Uhr erreiche.
 
Diese Tour gehört zu meinen großartigsten Alleingängen bis dato. Am Zelt schaue ich gleich in den AVF und lese, dass genau meine Abstiegsroute, die Aufstiegsroute der Erstbegeher war. Dass ich diese Route durch genaue Geländebeobachtung und Kartenstudien am Berg entdecken konnte, freut  mich natürlich unermesslich! Die Route aus dem Ötztal wählen sicher die allerwenigsten wegen der elenden Länge und den vielen Höhenmetern. Auch logistisch scheint sie heute kaum mehr relevant. Wenn jemand diese Route schon im Aufstieg gegangen sein sollte, würde ich mich über eine kurze Nachricht oder ein Kommentar freuen!
 
Wenig Gewicht und eine sehr gute Kondition sind Voraussetzungen für diese Unternehmung gewesen. Der Grad T5 wird einerseits beim Westgrat und andererseits beim Abstieg aus dem Sattel bis hinab ins Moränengelände erreicht.  WS- weil man am Grat sichern könnte (alpin) und auf dem Gletscher sichern sollte...

Tourengänger: alpensucht

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