"Sea Cliff Climbing" in Sagres (Portugal)


Publiziert von simba , 27. September 2012 um 16:10.

Region: Welt » Portugal » Algarve
Tour Datum:21 September 2012
Klettern Schwierigkeit: 6a+ (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: P 

"Sea cliff climbing can feel more intimidating and is often more committing, but once the extra skills and confidence needed are mastered, the rewards and memories gained from climbing them are all the greater" (Simon Marsh)

Klettern an der Steilküste über dem Meer - auf diese Idee kamen zuerst die Briten. Naheliegend, wo doch gerade im flachen Wales und Cornwall Felswände an Land kaum in Reichweite liegen, dafür aber umso beeindruckendere Felsen an der Steilküste über der Brandung zu finden sind, beispielsweise in Pembroke dem britischen Mekka des "Kliff-Kletterns". 

Es verwundert also weder, dass die hart kletternden und kein "Plaisir" kennenden Briten in dieser Disziplin stets die beeindruckendsten Leistungen vorweisen können (vgl. hier Dave McLeod bei der freien Begehung des höchsten britischen Cliffs "The Long Hope" (F8b+/E10 7a) http://www.youtube.com/watch?v=0Ds5LZel0WU) noch ist man darüber erstaunt, dass auch an der Steilküste der Westalgarve rund um den Ort Sagres britische Kletterer die treibenden Erschließer sind.

Obgleich unsere Leistungen beim Beklettern der südportugiesischen Steilküsten natürlich bei weitem nicht so beeindruckend waren, wie obige, können auch wir das besondere Erlebnis des "Sea Cliff Climbing" nur bestätigen und weiterempfehlen.

Das Klettern an der Steilküste der Algarve steckt gewissermaßen noch in den Kinderschuhen. Topos soll es zwar in einem Kletterführer von "Jingo Wobbly" geben. Allerdings hörten wir, dass diese nicht zu gebrauchen sind und die Schwierigkeitsangaben nur in wenigen Fällen der Realität entsprechen. Daher führte uns ein Tip aus dem Internet ins Café Dromedario in Sagres, wo es auf Nachfrage einen Ordner mit allerhand selbstgezeichneten Topos aus der Gegend gibt. Deren Qualität ist sehr schwankend...die richtige Route vor allem vom Ausstieg oberhalb zu finden, bleibt in manchen Sektoren ein Glücksspiel.

Da man zunächst über die Routen auf Bänder oder Podeste über dem Meer abseilen muss, sollte man in jeder Hinsicht einige Reserven mitbringen. 
Das gilt zunächst für die Abseillängen: Unser 60 Meter Seil war oft deutlich zu kurz, um daran bis zu den Ständen am Fuß der Steilklippen abzuseilen. Weil dazwischen immer nur Bohrhakenlaschen zu finden waren, konnten wir einige Routen nur top rope von der Klippe gesichert angehen - wir kamen schlichtweg ohne Materialverlust gar nicht zu deren eigentlichem Einstieg. Nächstes Mal würde ich mind. ein 70er, eher sogar 80-Meter Seil mitnehmen. Wer sich auf die gebohrten Routen beschränkt, dem genügen ansonsten 13 Expressen (lange Seillängen). Wer sich noch ans "Trad-Climbing" wagen will, muss sein "Rack" entsprechend ausbauen...

Ansonsten sollte man sich - die angesprochenen Reserven betreffend - über die prekäre Rückzugssituation im Klaren sein und auch schwierigkeitsmäßig eher einmal tiefstapeln: Hat man nämlich einmal auf eine "Ledge" über dem Meer abgeseilt und das Seil abgezogen, gibt es nur noch den Weg nach oben (der englische Begriff "committing" trifft es sehr gut). Ein weiteres Seil nur zum Abseilen und für einen etwaigen Rückzug sowie Material fürs Jümarn mitzunehmen, ist somit sicherlich kein Fehler.

Wir kletterten vorwiegend auf der Halbinsel Ponta da Baleira bei Sagres, auf der sich an die 10 Klettersektoren befinden. Diese Sektoren selbst zu finden, gestaltete sich trotz Luftbild-Fotos im Dromedario-Ordner aber oftmals schwierig, weil die Suche nach den selten offensichtlich angebrachten Abseilhaken infolge der sehr gleichförmigen flachen Ebene an der Abbruchkante der Steiküste teils etwas zeitraubend ist.
Wem es nur ums Klettern geht, der wird aus diesem Grund beim Steilküstenklettern sicherlich nicht 100%tig glücklich, denn auch aufgrund des vielfachen Abseilens klettert man letztlich deutlich weniger Routen während eines Zeitraums als in einem "normalen Klettergarten".

Dafür ist aber die Kletteratmosphäre einmalig: Die ohrenbetäubende Brandung ist mehr als nur einschüchternd und verschluckt teils jedes Rufen des Sicherungspartners. Der Tiefblick ins schäumende Meer ist bei jedem Mal ein Erlebnis. Psychisch ist die Kletterei daher aus meiner Sicht bei weitem anspruchsvoller als an üblichen Kletterfelsen.

Unser Lieblingsspot auf der Ponta da Baleira war die "Navigator Slab". Eine von der gegenüberliegenden Halbinsel ziemlich offensichtliche helle Platte auf der Westseite der Ponta. Sie bietet 3 ca. 35 - 40 Meter lange Routen mit einigen Varianten, die sich alle im Bereich zwischen 5- und 6a+ bewegen. Die handelt sich durchweg um teils plattige, teils fein- und seitgriffige Wandkletterei an fantastischem scharfen Kalk. Die Absicherung mit Bohrhaken ist ebenfalls sehr gut.

Der Sektor Jardim auf der Meerseite der Ponta bietet einfachere Routen großteils im 4. Schwierigkeitsgrad mit bis zu zwei Seillängen. Diese sind für den Schwierigkeitsgrad allerdings sehr steil und einschüchternd, der Fels ist gottseidank aber sehr stark strukturiert und großgriffig. Die Absicherung ist anfängertauglich. Da in diesem Sektor beim Abziehen des Seils erhebliche Gefahr eines Seilverhängers besteht, ist besonders hier ein zusätzliches Abseilseil sehr zu empfehlen!

In Richtung des Fischerhafens findet man dann noch die Sektoren The Chamber (ein auffälliger Einschnitt in der Landzunge) und First Landing die beide vor allem schwierigere Routen (großteils 6a bis 7b) an wunderbarem orange-roten Kalk bieten. 

Im "Chamber" sticht sofort eine herrliche 25 Meter Rissverschneidung (im Topo Pooh Corner genannt, 6a) ins Auge - diese ist allerdings, weil gerade hier das Regenwasser von oben abfließt, recht sandig und dreckig und daher nicht so toll zu klettern, wie sie aussieht. Den danebenliegenden Riss "Litte Yosemite" (6b+) kamen wir trotz wunderbarstem Fels nichtmal im top rope hoch - allerdings bin ich auch ein sehr bescheidener Risskletterer. Ganz am rechten Rand des Sektors befindet sich der Cavala Arete eine schöne, gut abgesicherte 2-SL Route im 4. Schwierigkeitsgrad. Daneben nochmal eine herrliche, plattige und feingriffige 6a-Wandkletterei (Hoodie Groove) im orangen Kalk, die zwar nicht so gut abgesichert ist, sich aber auch problemlos top rope machen lässt.
Im Sektor "First Landing" gibt es im 6. Schwierigkeitsgrad ebenfalls eine reiche Auswahl an Wandklettereien in bestem Fels. Leider konnten wir dort aus Zeitgründen nur zwei Routen angehen.

Der Ordner im Café Dromedario hätte noch Stoff für mehrere Wochen Kletterei hergegeben - allein schon mit all den Sektoren am Cabo Sao Vicente und den Möglichkeiten zur Trad-Kletterei an der Steiküste der Ponta da Sagres. Wir mussten Sagres nach unserer Urlaubszeit leider verlassen - aber immerhin mit tollen Erlebnissen im Gepäck.
 


Tourengänger: simba, Nala

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Kommentare (3)


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Saxifraga hat gesagt:
Gesendet am 28. September 2012 um 22:57
Super Bericht! Ich war vor über 10 Jahren in Sagres, damals noch nicht-kletternder Weise, aber schon von den Steilklippen beeindruckt. Seitdem hab ich oft daran gedacht, wie es dort wohl zum Klettern sein muss. Jetzt hab ich einen ersten Eindruck bekommen. Wär mal wieder eine Reise wert :-)

simba hat gesagt: Danke fürs Lob!
Gesendet am 29. September 2012 um 08:19
Hoffe in dem Fall, dass es auch dich mal wieder nach Sagres verschlägt - mit dem notwendigen Equipment versteht sich;) Portugals Küsten sind aber auch schon an sich einfach ein fantastisches Reiseziel!
Grüße aus Süddeutschland

ASA hat gesagt: Kletterguide Sagres
Gesendet am 12. April 2016 um 13:32
Sagres ist auf jedenfall einfach eine kleine Kletter Perle. Falls euch die Zeit fehlt, um sich selber durch die "Topos" im Dromedario durchzukämpfen, checkt doch einfach die Internetseite www.amea.pt dort gibt es Topos, die Ihr über Volta do Mar, einem KletterTour Anbieter in Lagos, beziehen könnt. Oder checkt einfach www.algarve-sea-adventures.com hier gibt es einen Guide/Kletterlehrer und Ihr könnt Klettermaterial ausleihen. Auf jeden fall ist es immer eine Reise wert. Viel Spass


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