Gross Ruchen (3138m)


Publiziert von أجنبي , 23. August 2012 um 23:29.

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:18 August 2012
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Aufstieg: 1800 m
Abstieg: 1800 m
Strecke:P. 1406 – Lauweli – Nösslenen – Steinboden – Ruch Chälen – Ruchchälenpass – P. 2837 – P. 2842 – Gross Ruchen – retour auf gleicher Route
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Auto bis Brunni (P. 1406) / Fahrbewilligung für 20.- beim Hotel Alpina in Unterschächen erhältlich.
Zufahrt zum Ankunftspunkt:Auto ab Brunni (P. 1406)
Kartennummer:LK 1:25.000: 1192 Schächental

Das zweite Wochenende in Folge gutes, stabiles Sommerwetter! Die Juli-Wochenendwetter-Nörgelei war definitiv zu Ende und die eigentlichen Sommertouren-Pläne konnten endlich ausgepackt werden. Nochmals eine Tour mit Biwak? Hmm... Hüttenübernachtung am Wochenende? Neee, sicher nicht! Bei grosser Hitze lange im Zug oder im Auto sitzen? Auf keinen Fall! Also... Gross Ruchen!

Dank platonismo's *Bericht wussten wir einigermassen um die Verhältnisse. Freeman's hilfreiches Foto des Gipfelaufbaus setzte uns über den heiklen Schlussaufstieg gut ins Bild und nach der Lektüre *dieses Beitrages von markom wussten wir auch, dass man nach Umgehung des Chanzeli der Kante entlang tendenziell schneefrei zum Ostgrat gelangen konnte.

Um 5.30 Uhr ging's beim Parkplatz vor der Brücke (P. 1406) los. Unmittelbar nach der Brücke geht's nach rechts, dann im Gebiet Lauweli dem Bach entlang weiter. Im Stirnlampenlicht hatten wir etwas Mühe, auf dem „Weg“ zu bleiben. Wie wir am Nachmittag im Abstieg dann sahen, gibt's davon aber auch einige – und alle sind nicht so wirklich deutlich erkennbar, schon gar nicht im Dunkeln. Jedenfalls überschritten wir den östlichsten der drei Bäche etwas zu früh und kämpften uns dann im Dschungel in die Höhe. Naja, auf der richtigen (im Aufstieg: links) Seite des Nösslenen-Felsbandes waren wir jedenfalls und kurz bevor der Bach auf knapp 1600m wiederum überquert wird, stiessen wir wieder auf den Weg.

Auf dem Pfad ging's an staunenden Kühen vorbei durch den Steinboden in die Ruch Chälen. 800hm Geröllaufstieg erwartete uns. Eine gefühlte Ewigkeit... Der Ruchchälenpass war zwar von weit unten bereits sichtbar, doch eben: Er wollte und wollte nicht näher kommen. Unterhalb von P. 2034 verloren wir den Weg bzw. folgten einem Pfad, der in der Senke nördlich der markanten Moräne folgt. Direkt auf ihr zu gehen wäre wohl aber besser gewesen. Nun, auch unsere Variante führte in die Höhe und um 7.30 herum erreichten wir auf ca. 2450m die mühsamste Stelle im Aufstieg.

Hier galt es, einen markanten Felsen rechts zu umgehen siehe Foto. Dies war die steilste und rutschigste aller rutschigen Passagen in den Ruch Chälen. Helme hatten wir längst montiert – und spätestens an dieser Stelle manifestierte sich dessen Sinn: Kein Stein schien hier auf dem anderen zu halten, alles war in Bewegung. Man tut gut daran, dort versetzt hochzusteigen oder unmittelbar hintereinander. Wenn sich noch andere Bergsteiger in der Passage befinden, ist äusserste Vorsicht und allenfalls geduldiges Warten angesagt. Ohne Steinschlag auszulösen kommt hier wohl keiner durch!


Um 8 Uhr erreichten wir – endlich! – den Ruchchälenpass. Der Gross Düssi begrüsste uns von der anderen Talseite her und wir waren uns sicher, den übelsten Teil des Aufstiegs hinter uns zu haben. Nun sollte der Genuss folgen. Zunächst steigen wir am Kreuz vorbei der Kante entlang zum Fuss des Chanzeli. Hier ging's nun in den Schnee bzw. auf den Ruchenfirn. Die Steigeisen blieben im Rucksack, ebenso das Seil.

Nun hatten wir endlich freie Sicht auf den Gipfel. Hui...! Der sah ja schon noch recht happig bzw. steil und rutschig aus! Nach Umgehung des Chanzeli steuerten wir direkt auf die Kante zu, hinter welcher es inetwa 800m beinahe senkrecht in die Ruch Chälen hinunter geht. Wir bevorzugten diese schneefreie Variante via P. 2837 und P. 2842 dem Aufstieg über den Firn. Am Einfachsten ist es, möglichst hart an der Kante zu bleiben. Hin und wieder darf gekraxelt werden.

Nach P. 2842 (Biwakplatz an wunderbarer Lage!) ging's ein paar Höhenmeter hinunter und dann querfeldein hinüber und hoch zum Ostgrat. Diesen erreichten wir um 9.20 Uhr. Auf dem Grat gab's zwei, drei einfache, leicht ausgesetzte (nach meinem Empfinden...) Kletterstellen zu meistern. Kurz bevor wir auf den Schnee mussten, deponierten wir die Hälfte unseres Gepäcks. Und ja: Man hat das Gipfelkreuz vor Augen und weit ist's nicht mehr, doch nun ging's zur Sache.

Mit etwas gemischten Gefühlen stapften wir den Schnee hoch zum Südost-Couloir. Freeman hat den Einstieg und die Aufstiegsroute auf einem Foto bestens eingezeichnet. Während ich gegen Ende des äusserst ungemütlichen Couloirs nach links auswich (rote Variante), kletterte meine Freundin auf der rechten Seite (blau) hoch. Im Couloir bewegt sich alles und auch der Fels ist nicht über alle Zweifel erhaben. Wir sind einzeln durch's Couloir gestiegen, um einander nicht mit Steinen zu bombardieren.

Da, wo sich auf dem erwähnten Foto die rote und die blaue Route kreuzen, trafen auch wir uns wieder. Mir war klar, wo sich die Kette auf dem Gipfelgrat befinden würde, doch wie genau dort hochkommen? Die blaue eingezeichnete Route führt durch steilen, rutschigen Schutt, was uns nicht gerade vertrauenerweckend erschien. Meine Freundin, die weit besser klettert als ich und nicht unter Höhenangst leidet, stieg daher die abschüssigen Platten links der blauen Route hoch.

Ich schaute derweil links um die Ecke, wo mir ein Aufstieg machbar schien. Die Ausgesetztheit wäre mir aber nicht gut bekommen. Der Fels ist meist abwärts geschichtet und überall hat's loses Geröll drauf. Von oben wurde gemeldet, ich solle doch rechts der Platten (also wirklich genau der blauen Route entlang), aufsteigen. Ich tat's und es ging besser und problemloser als erwartet.

Nun wurde das Gelände etwas einfacher, schien mir. Nach wenigen Schritten erreichten wir die Kette. Noch vor einem Jahr hätte ich diese Passage nicht mitgemacht (bzw. wäre wohl auch nicht erst dort hinauf gelangt) doch nun hatte ich keinerlei Mühe damit. Die Stelle, wo die Kette drin ist, könnte gut auch frei geklettert werden – jedenfalls ist sie nicht schwieriger als das, was man weiter unten schon bewältigt hat – allerdings ohne Ketten und Fixseile.

Nach der Kette erreicht man den zunächst schmalen Gipfelgrat, der auf den letzten Metern zum Gipfelkreuz hin breiter wird. Um 10.45 Uhr kamen wir oben an. Irgendwie erleichtert und stolz, es geschafft zu haben, denn im Gipfelaufstieg zweifelten wir ein paar Mal. So wirklich relaxt waren wir aber nicht, denn es stand ja noch der heikle Abstieg zurück auf den Ostgrat an. Für den Gipfelaufstieg hatten wir wohl rund eine Stunde gebraucht, im Wiederholungsfall bräuchten wir wohl bloss die Hälfte davon.

Das Gipfelpanorama war indes fantastisch: Zahlreiche Walliser 4000er gab's zu sehen, ein Super-Blick auf die beiden Windgällen, ein berauschender Tiefblick auf die Windgällenhütte... Eier wurden geschält, Sandwiches verdrückt und Haut eingerieben. Eine halbe Stunde später ging's in den Abstieg. Da wir nun wussten, wo's lang ging und ich mich – seit rund einem Jahr etwa – komischerweise im Abstieg oft besser fühle als im Aufstieg (trotz omnipräsentem Tiefblick...), benötigten wir viel weniger Zeit als im Aufstieg. Wir folgten exakt der blauen Route. Schlüsselstelle war definitiv die Kletterei ins Couloir hinein.

Um 12 Uhr erreichten wir unser Materialdepot auf dem Ostgrat und nach einer weiteren Pause bei P. 2842 um 13.30 den Ruchchälenpass. Der Abstieg durch die Ruch Chälen war... naja... vergessen wir's! Jedenfalls hätte ich gerne Skis an den Füssen gehabt. Er dauerte jedenfalls ewig – und angenehm war's auch nicht. Viel angenehmer war hingegen das Bad im eiskalten Bach auf dem Steinboden. Und noch besser jenes unterhalb P. 1406 (wo wir gegen 16 Uhr eintrafen), wo der Bach etwas wärmer und die „Badewannen“ etwa tiefer waren... Und übrigens: Wir haben den ganzen Tag keine Menschenseele angetroffen.

Wir waren recht stolz darauf, den Gross Ruchen geschafft zu haben. Für mich war die ungesicherte Kletterei am lebendigen Gipfelaufbau recht am Limit bzw. gerade noch leicht darunter. Der Gipfel sieht toll aus und das Panorama dort oben entschädigt für all das Geröll, den Steinschlag und die vielen Höhenmeter. Für mich war die Tour weit happiger als jene *auf den Bristen am Wochenende zuvor oder jene
*auf's Gross Schärhorn zwei Tage später. Falls ich aber je nochmals auf den Gross Ruchen gehe, dann wohl im Frühsommer, wenn in den Ruch Chälen noch Schnee liegt. Den Gipfel als Skitour zu machen erscheint mir indes noch recht fern.


Tourengänger: أجنبي

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