Kleines Seehorn mit Lawinenunglück


Publiziert von MatthiasG , 23. August 2012 um 16:04.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Silvretta
Tour Datum:16 April 1998
Klettern Schwierigkeit: I (UIAA-Skala)
Ski Schwierigkeit: ZS+
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A 
Zeitbedarf: 12:00
Aufstieg: 1000 m
Abstieg: 1000 m

Frühling 1998, das Ende meines Wehrdienstes rückt immer näher. Eine Alpinwoche in der Silvretta noch, das ist wie Urlaub, oder?!

Denkste, unsere Ausbilder waren leider großteils rücksichtslose Psychopathen, die wohl wissend sinnlos das Leben der Rekruten gefährden. Ich will hier aber nur auf einen von mehreren Zwischenfällen eingehen, da er hierher passt.

Nachdem wir vom Madlenerhaus in die Seelücke gestiegen waren, wollte ein Unteroffizier noch eine kleine, freiwillige Extratour machen. Ich war natürlich sofort dabei, und noch 12 weitere. Aber aus freiwilligkeit wurde schnell Zwang. Zuerst bestiegen wir noch problemlos das kleine Seehorn, der Firn war perfekt. Während der Gipfelpause sahen wir einen Schweizer Abfangjäger auf Augenhöhe vorbeifliegen, der wird sich auch gewundert haben, was das österreichische Militär da auf schweizerischem Gebiet macht... 

Aber wie jeder weiß, wird die Schweiz nach Norden durch ein geheimes Atom-U-Boot im Bodensee gegen die Deutschen, nach Westen durch Panzereinheiten gegen die Franzosen, nach Süden durch Tornado-Flugzeuge die aus geheimen Berghöhlen starten gegen die Italiener und nach Osten, gegen die Österreicher, durch die Pfadfindergruppe St. Gallen hervorragend beschützt. Also hat er sich sicher keine Sorgen gemacht.

Außerdem sahen wir zwei oder drei Schneebretter am Hang gegenüber abgehen. Auch unterhalb der Kromerscharte lag ein Schneebrett, das aber schon mindestens einen Tag davor abgegangen sein mußte. Da erklärte uns der besagte Unteroffizier plötzlich, dass er nicht auf direktem Weg durch die Seelücke zurück wollte, sondern zuerst noch durch die Kromerscharte und die Kromerlücke wollte. Wir waren alle dagegen. Nicht nur wegen der unnötigen Höhenmeter, sondern vor allem wegen der Lawinengefahr.

Als wir wenig später an der Seelücke vorbei kamen flammte die Diskussion nochmal kurz auf, aber wir wurden mit einer Anzeige wegen Befehlsverweigerung bedroht (auf einer nicht genehmigten, "freiwilligen" Extratour auf schweizerischem Gebiet, wie konnten wir darauf nur reinfallen!) und so marschierten wir alle auf das alte Schneebrett hoch. Der schlaue Unteroffizier war sich natürlich sicher, dass auf einem alten Schneebrett sicher nicht noch eins abgeht. Denkste!

Ein dumpfer Knall und schon rutschte der ganze Hang 100 meter ab. Es dauerte trotz Spaten ganz schön lange bis wir uns alle wieder ausgegraben hatten, das Zeug wird hart wie Beton. Niemand war tiefer als bis zur Hüfte verschüttet, zum Glück. Natürlich rief der Unteroffizier deswegen noch lange keine Hilfe, wen interessiert es schon wenn da einer vielleicht durch den Schock nachher noch abstürzt? Ist aber zum Glück nicht passiert. Beinahe auf Knien wurden wir angefleht das niemandem zu erzählen, und wir Idioten stimmten sogar noch zu. Aber wenig später flog es dann doch noch auf. Einer von uns (ich denke ich weiß wer) hat es an die Presse weitergegeben, nachdem es dann noch weitere Vorfälle gegeben hatte.

Muß ein Riesen Spaß gewesen sein für den damaligen Militärkommandanten, als er beim Frühstück die Zeitung aufgeschlagen hat... Danach gab es eine riesige Untersuchungskommission, Fernsehinterviews usw. aber natürlich keine ernsten Konsequenzen außer einer Degradierung des erwähnten Unteroffiziers. Klar, ist ja sein Job Leute in den Tod zu schicken. Well done!

Sobald ich den zum Glück aufbewahrten Zeitungsartikel finde, werde ich den mal einscannen und hochladen. Denn in den online Archiven ist komischerweise nix mehr...  Presseberichte und Artikel scheinen wie von Zauberhand aus den Archiven der Zeitungen zu verschwinden. Niemand will hören, dass wir mit unserem Wehrdienst sinnlos das Leben von jungen Männern auf's Spiel setzen.

Nachtrag: Hab den Artikel eingescannt. Wie man sehen kann wurde der Zwischenfall in den offiziellen Berichten um einen Kilometer nach Osten versetzt, damit es nicht mehr auf Schweizer Boden war, und auch ein paar weitere Dinge wurden verfälscht und vermischt.

Tourengänger: MatthiasG

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Kommentare (11)


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TomClancy hat gesagt: Entschuldige!
Gesendet am 23. August 2012 um 18:18
Hallo Matthias, nimms mir bitte nicht übel, aber ich denke nicht, dass Hikr das geeignete Forum für pauschale Verunglimpfungen (Kader = Psychopathen) und Verschwörungstheorien (Berichte die aus Archiven verschwinden) ist. Wenn Du dieses Ereignis nach 13 Jahren noch nicht verarbeitet hast, empfehle ich Dir dringend, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mit sportlichen Grüssen

TC

MatthiasG hat gesagt: RE:Entschuldige!
Gesendet am 23. August 2012 um 20:13
Das war nicht pauschal, da musst du die Worte "hauptsächlich" und "damals" überlesen haben. Ich hab es aber Dir zu Liebe nochmal entschärft. Es gibt auch gute Soldaten.

Und wie man dem inzwischen nachgelieferten Zeitungsabschnitt leicht entnehmen kann sind das keine Verschwörungstheorien. Da ist noch mehr passiert als dass nur Berichte verschwanden. Ich habe zusätzlich 12 lebende Zeugen dafür.

Verarbeitet habe ich das Ereignis übrigens bestens, wie man anhand meiner Bergaktivitäten leicht sehen können müsste.

Den Rest Deines Postings überlese ich 'mal großzügig.

marmotta hat gesagt: Vielleicht...
Gesendet am 23. August 2012 um 20:12
...könntest Du Dich künftig in Deinen Tourenberichten einfach auf die Schilderung der landschaftlichen Eindrücke, der Route, deren Schwierigkeiten usw. beschränken, als diese regelmässig zum Anlass zu nehmen, um in beleidigender Art und Weise Andere zu verunglimpfen, zu denunzieren und über ihre Fehler herzuziehen!?

Nach meinem Verständnis ist dies nicht der richtige Ort dafür.

BTW: Die Schwierigkeitsbewertung "T6" für die Besteigung des Chlein Seehorns im Frühjahr ist m.E. ziemlich daneben...

MatthiasG hat gesagt: RE:Vielleicht...
Gesendet am 23. August 2012 um 20:22
Nein. Das interessanteste an den Tourenberichten ist immer, wenn etwas schief geht. Daraus kann man am meisten lernen. Den Rest kann man sich auch aus einem Tourenbuch holen.

Hier wird niemand denunziert oder verunglimpft. Wenn Dir an meinen Berichten etwas nicht passt, lies sie nicht.

Und warum ist T6 daneben? Wir sind durch gemischtes Gelände geklettert, nach meinem Gefühl ungefähr eine II. Wenn es einen leichteren Weg gibt kannst Du ihn ja hier verlinken.

83_Stefan hat gesagt:
Gesendet am 23. August 2012 um 20:20
Zu diesem "Bericht" fällt mir ein englisches Wort ein, das ich im normalen Sprachgebrauch wo immer möglich meide. Meiner Meinung nach ist dieses Forum nicht der richtige Ort für solchen - sorry! - Unsinn!
Und in der Tat: "T6" für einen Skiaufstieg ist ziemlicher Blödsinn! Da hättest du auch eine Mountainbike-Schwierigkeit angeben können...

Wie gesagt: Sorry - ich bin eigentlich ein toleranter Mensch, aber diesen "Bericht" finde ich echt ziemlich daneben.

MatthiasG hat gesagt: RE:
Gesendet am 23. August 2012 um 20:28
Wir haben da keine Skier mehr angehabt und bei den Ski-Schwierigkeitsstufen kenn ich mich nicht aus. Anstatt einfach "Blödsinn" anzukreiden, wie wäre es mit einer konstruktiven Aktion: was ist denn ungefähr der Schwierigkeitsgrad für den Ski-Teil bei dieser Tour?

Was sonst findest du an dem Bericht "daneben"?

Leute, mich wundert das Echo nicht, ich spiele nur naiv. Mir ist ganz klar, dass hier viele Soldaten (vor allem Kader) herumgeistert. Wer sonst hat Zeit das ganze Jahr auf Berge zu kraxeln.

Schluckt euer Riesen-Ego runter, es betrifft euch ja nicht. Seid lieber froh, dass ich nicht noch mehr auspacke.

83_Stefan hat gesagt: RE:
Gesendet am 23. August 2012 um 20:36
Du meinst, man könnte den Bericht mit einer derartigen "konstruktiven Aktion" retten, wenn aus ihm nicht mal hervorgeht, dass der Aufstieg bereits ohne Skier vonstatten ging, weil kaum ein Wort zur Tour selbst verloren wird?!?
Ja, ich pack jetzt auch was aus - eine Tafel Schokolade ;-) . Gute Nacht!
Soll jeder Leser selbst entscheiden, welche Autoren man ernst nehmen kann ;-) ...

MatthiasG hat gesagt: RE:
Gesendet am 23. August 2012 um 20:48
Eine sehr reife Reaktion.

Sag mal warst du überhaupt schon auf dem Seekopf? Wie willst du den oberen Teil bitte mit Schiern klettern? Wärst du auch so frech wenn da einer umgekommen wäre?

Halt mal still, was betrifft dich denn das so?

Die wertvolle Lektion, die man aus meinem Bericht lernen kann ist, dass ein Schneebrett auch auf einem Schneebrett abgehen kann, und dass der Aufstieg von Süden zur Kromerscharte dafür steil genug ist. Und, dass man nicht alles glauben soll, was in der Zeitung steht. Und daher wird der Bericht so bleiben.

kopfsalat Pro hat gesagt:
Gesendet am 24. August 2012 um 10:57
sicher ein traumatisches erlebnis. dass hikr dafür aber die richtige platform ist, würde ich bezweifeln.

dass kader im militär meist psychopathen sind, kann ich dir hingegen voll und ganz beipflichten. auch die vertuschung unliebsamer ereignissen ist beim militär (auch in der schweiz) die bevorzugte strategie, statt offen und ehrlich zu kommunizieren, was meist erst nach erheblichem druck durch die medien geschieht.

da aber bei dem unglück niemand ums leben kam, er mittlerweile über 10 jahre zurückliegt und das internet damals, wenn überhaupt, erst in seinen kinderschuhen steckte, sollte es nicht verwundern, wenn davon on-line nichts zu finden ist.

schliesslich wird auch nicht jeder sack reis der in china umfällt elektronisch erfasst und schon gar nicht zurück bis zur ming-dynastie.

roko Pro hat gesagt: Lernen aus Fehlern
Gesendet am 25. August 2013 um 12:51
Das Militär ist in Österreich wie in der Schweiz (weltweit, siehe Wikileaks) immer noch eine "Heilige Kuh" in der Fehler nicht eingestanden, sodern möglichst vertuscht werden. Leider!
Fand deinen Bericht übrigens sehr interessant...den man nicht kritisieren, sondern aus dem man lernen sollte!
Gruss Robert

MatthiasG hat gesagt: RE:Lernen aus Fehlern
Gesendet am 27. August 2013 um 10:49
Danke!

Auch wenn der Bericht emotional ist (ich bin auch nur ein Mensch) sollte man entweder dankbar für die Informationen sein, oder ihn einfach ignorieren.

Klar könnte ich den Bericht "diplomatischer" gestalten. Aber ich habe ihn so niedergeschrieben, wie ich es einem guten Freund erzählen würde und mich erstmal wenig um den Stil gekümmert, damit es möglichst unverfälscht bleibt. Nachträglich daran herumzudoktern fände ich schade, auch wenn es im Sinne der Selbstdarstellung reizvoll wäre. Und wo zieht man die Grenze? Am Ende bleibt nicht mehr übrig, als in der Zeitung.

Was Wegbeschreibung betrifft: das ist lange her und besser als eine fehlerhafte ist gar keine. Soll man deswegen den Bericht hier nicht veröffentlichen? Dann wären die vielen anderen wertvollen Informationen verloren. Ich selbst lese gerne Berichte, aus denen ich etwas neues lernen kann, unabhängig davon ob sie mir die Wegbeschreibung liefern, die ich vielleicht gerade dringend finden wollte.


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