Schesaplana


Publiziert von MatthiasG , 23. August 2012 um 09:29.

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Rätikon
Tour Datum:24 Juni 2012
Wandern Schwierigkeit: T4- - Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   A   A-V 
Zeitbedarf: 6:00
Aufstieg: 1400 m
Abstieg: 1000 m
Strecke:Normalweg
Kartennummer:Schweizer Landeskarte "Schesaplana" 1:25000

Die beliebte Schesaplana, mittlerweile war ich nun auch zum dritten mal oben. Diesmal schreib ich aber einen Bericht, weil etwas interessantes vorgefallen ist.

Ich finde ja immer die Berichte am interessantesten, wo etwas schief gegangen ist. Daraus kann man oft am meisten lernen. Respekt und Dank an alle, die auch von ihren eigenen Mißgeschicken hier berichten!

Genau vor einer Woche war ich auch schon oben, da waren die Schneefelder vom Gipfel bis zum Lünersee hinunter noch fast durchgehend, wir konnten fast 1000 Höhenmeter abrutschen (siehe Video). Nur eine Woche später ist der Schnee großteils abgeschmolzen, gerade mal die obersten 400 Höhenmeter konnten noch teilweise abgerutscht werden. So schnell geht das. Hätte ich nicht gedacht, aber das Wetter war sehr warm.

Diesmal war ich mit meiner Freundin Sylvia, die inzwischen auch schon ganz schön Bergfit geworden ist, immerhin brauchten wir kaum länger rauf als ich mit Paul. Vorbildlich waren wir mit Steigeisen und Pickel ausgerüstet, obwohl es vielleicht auch ohne Steigeisen gegangen wäre. Aber den Pickel finde ich in steilen Schneefeldern schon fast obligat, wie soll man denn sonst bremsen, wenn man mal ausrutscht?

Bis hinauf zur Totalphütte waren natürlich wie immer viele Touristen am Weg, mit teils unzureichender Ausrüstung und Bekleidung (wobei wir vor der ersten Bahn oben waren, die sahen wir also erst am Rückweg). Darüber hinaus sind vor allem bei so einer Schneelage normalerweise keine DABs ("dümmster anzunehmender Bergsteiger") mehr am Weg.

Aber einer hat's doch noch geschafft eine gedankliche DAB Medaille von mir zu erhalten. Ausgerechnet im steilsten Stück des Abstiegs meinte er uns neben der Trittspur vorbei überholen zu müssen. Mit Wanderstöcken! Die sind in einem sacksteilen Schneefeld nur leider nicht gut zum Bremsen geeignet bei einem Sturz.

Ich hab gewisse medizinische Erfahrung und glaube, dass es die kleine Energieersparnis nicht wert ist, sich die Schultern massiv abzunützen, die ja evolutionär eigentlich nicht mehr dafür ausgelegt sind unser Körpergewicht mitzutragen, außerdem degeneriert ja der Gleichgewichtssinn, den man im alpinen Bereich eigentlich dringend braucht. Ich weiß schon, viele schonen damit im Abstieg ihre Knie, und wenn man da schon Probleme hat, ist das sicher eine Möglichkeit. Aber die Knie machen im Normalfall viel weniger Probleme als die Schultergelenke, welche rein Muskelgeführt sind. Das ist also ein eher schlechter Tausch, wenn es den Knien eh noch gut geht.

Abgesehen davon, und das hat man uns bei dieser Tour schön demonstriert, kann man mit den blöden Stöcken in der Hand sehr schlecht bremsen (auch bei einem Sturz im steinigen Gelände erhöht sich die Verletzungsgefahr wenn man Stöcke in der Hand hat). Schon beim ersten Schritt neben die Spur ist der Kollege ausgerutscht und völlig unkontrolliert 10 Meter abgerutscht, die Arme mit den Stöcken wild herumrudernd. Ich hab noch mehrmals gebrüllt "auf den Bauch drehen!" aber das hat er nicht gemacht. (Keine alpine Erfahrung?) Zu seinem großen Glück hat ihn eine größere "Bodenwelle" ausgebremst, sonst wäre es gleich nochmal 20-30 Meter runter gegangen, diesmal dann aber senkrecht. Das wäre sicher nicht mehr glimpflich ausgegangen.

Natürlich blieb der Herr cool und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken ist er weiter marschiert. Ob ihm klar ist, wie knapp er einer Katastrophe entronnen ist? Hat er gesehen, wie weit es da noch runter ging? Hat er durch den Vorfall kapiert, dass er für das Gelände nicht ideal ausgerüstet war? Hat er gelernt, dass man es am Berg nicht eilig haben sollte, dass der Sturz nicht nötig gewesen wäre, weil 10  Meter weiter unten ein flaches Stück war, wo er viel leichter hätte überholen können? Weiß er, dass dieselbe Aktion im Fels tödlich ausgehen hätte können ohne Helm? Ich fürchte nein. 

Ansonsten ist der Abstieg ereignislos verlaufen. Nur eine kleine Anmerkung noch: ich hab nix gegen Gehstöcke, bei Schneeschuhtouren und bei geeigneten Passagen nehm ich sie ja selbst. Und im Wandergelände vor allem abwärts ist es wahrscheinlich sinnvoll solange man es nicht übertreibt mit den armen Schultergelenken. Aber ansonsten kann ich nur davon abraten. Man muß ja nicht jeden Trend mitmachen.

Tourengänger: MatthiasG, SylviaB

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Kommentare (5)


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steinziege hat gesagt: firn und stock
Gesendet am 23. August 2012 um 10:18
danke für diese bemerkenswerten ausführungen!
stockeinsatz bei steilen abstiegen kann in der tat ins gegenteil des beabsichtigten effekts ausarten, wenn die leut ihr volles körpergewicht auf die stöcke bringen (schultern!) und sich dann in den nächsten abwärtsschritt regelrecht plumpsen lassen, was den knien sicher schlechter bekommt als gehen ohne stock.
(auf fast jeder tour mehrfach beobachtet!)
vernünftiger gebrauch (leichte unterstützung beim "tieftreten", ansonsten verzicht, um die trittsicherheit nicht abzutrainieren) hingegen kann tatsächlich helfen, wenn die kniegelenke so allmählich nachlassen.

MatthiasG hat gesagt: Kein Vorteil ohne Nachteil
Gesendet am 23. August 2012 um 12:20
Kein Vorteil ohne Nachteil, so ist das halt im Leben.

Wer die Tour wiederholen möchte aber lieber einsam am Gipfel ist: vor der ersten Lünerseebahn oben sein, der böse Tritt ist in Wirklichkeit recht harmlos. Früh im Jahr gehen, da trauen sich die meisten wegen Schnee noch nicht (aber Vorsicht, in den letzten beiden Hängen Lawinenpotential).

sven86 hat gesagt: RE:Kein Vorteil ohne Nachteil
Gesendet am 23. August 2012 um 13:21
Die Variante über den Panüeler Kopf ist doch aber bestimmt weniger stark frequeniert?

MatthiasG hat gesagt: RE:Kein Vorteil ohne Nachteil
Gesendet am 23. August 2012 um 14:00
Mit Sicherheit. Aber auf dem Gipfel kommt dann halt alles wieder zusammen. Ist aber nicht schlimm, der Schesaplana Gipfel (wie der Name schon sagt) hat genug Platz für alle.

churfirst hat gesagt:
Gesendet am 23. August 2012 um 14:20
Bin hier wahrscheinlich nicht gerade repräsentativ, aber ich nutze Stöcke eigentlich nur bei Aufstiegen in Gehgelände, da sie dann doch eine gute Unterstützung beim schnelleren Vorankommen sind. Im Abstieg halte ich sie eher für hinderlich, da man ja einmal mit dem Stock hängen bleiben kann, außerdem kann man die Belastungen für die Knie m.E. mit der "richtigen Lauftechnik" in Grenzen halten. Absolut zu vermeiden ist Stockeinsatz, wenn man die Hände frei haben muss, um mal an den Fels zu packen. Auf Gletschern würde ich auch eher einem Pickel als Stöcken vertrauen.


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