Fahnenstock (2612 m)-Grauspitz (2478 m): Hitzeschlacht zwischen Calfeisen- und Weisstannental


Publiziert von marmotta , 20. August 2012 um 21:35.

Region: Welt » Schweiz » St.Gallen
Tour Datum:18 August 2012
Wandern Schwierigkeit: T5 - anspruchsvolles Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-SG 
Zeitbedarf: 6:30
Aufstieg: 1500 m
Abstieg: 1840 m
Strecke:Gigerwald, Staumauer - St. Martin - Malanseralp - Obersäss - Rappenstein - Plattenseeli - Heubützlipass - Fahnenstock - Muetertalerfürggli/Muotatalsattel - Grauspitz, P. 2475 - Grauspitz, P. 2478 - Grauplangg - Scheubser Hinteralp - Alp Oberscheubs - Schwammbrüggli - Gula - Weisstannen, Oberdorf
Zufahrt zum Ausgangspunkt:cff logo Gigerwald, Staudamm
Zufahrt zum Ankunftspunkt:cff logo Weisstannen, Oberdorf
Kartennummer:LK Blattzusammensetzung 2509 Pizolgebiet (1:25.000)

Das hintere Calfeisental ist eine der abgelegensten Ecken des Kantons St. Gallen, die aus brüchigem Sardona-Flysch aufgebauten Gipfel vis á vis des die Kantonsgrenze bildenden Ringelgebirges werden dementsprechend meist von Einheimischen oder von Besuchern der Sardonahütte SAC bestiegen. Will man als Tages- und öV-Tourist bis zu den hintersten Gipfel im Talschluss vordringen, muss man einen ziemlich weiten An- und Ausmarsch in Kauf nehmen - eine Überschreitung vom bzw. ins Weisstannental drängt sich in diesem Fall geradezu auf.
 
Die öV-Verbindungen ins Calfeisen- bzw. Weisstannental eröffnen für eine derartige Überschreitung ein Zeitfenster von max. 8,5 h und ermöglichen diese Tour somit auch Wanderern, die das Ganze etwas gemütlicher angehen wollen. Da ich aber an diesem Abend noch etwas vorhatte, wollte bzw. "musste" ich unbedingt den 16 Uhr-Bus ab cff logo Weisstannen, Oberdorf erwischen. Der nächste Bus fährt nämlich erst 2 h später, um 18 Uhr. Diese Vorgaben machten meinen Plan, den Gipfel des Fahnenstock/Fanastock (2612 m) zu besteigen und anschliessend den Grauspitz mit seinen beiden fast gleich hohen Gipfeln (2475 bzw. 2478 m) zu überschreiten, zu einer echten Herausforderung, erst recht bei der vorherrschenden Gluthitze, die an diesem Tag der limitierende Faktor sein sollte.
 
Im für einmal fast vollbesetzten Postauto ging es von Bad Ragaz in knapp 1-stündiger Fahrt ins Calfeisental bis auf die Staumauer des Gigerwald-Stausees (1341 m). Ab hier heisst es marschieren - Automobilisten können noch die einspurige, durch mehrere Tunnels führende Strasse entlang des Gigerwaldsees bis zur alten Walsersiedlung St. Martin fahren.
 
Auf der sanft ansteigenden Alpstrasse erreichte ich nach 1 h 15 min die (bewirtete) Malanseralp (1832 m) , von hier leiten im übrigen Schilder zu einem Ort, an dem man die im Calfeisental angesiedelten Bartgeier beobachten kann. Ich ging jedoch weiter Richtung Obersäss (1900 m)-Rappenstein (2073 m)-Plattenseeli (2319 m), die Bartgeier sollte ich später gleichwohl aus nächster Nähe sehen…
 
Leider lief bei mir bereits ab der Alp Obersäss gar nichts mehr zusammen. Müde und von der Hitze wie erschlagen, schleppte ich mich -immer wieder pausierend und nach Luft schnappend- zum wunderschön gelegenen Plattenseeli hinauf. Herrlich, wie sich die höchsten St. Galler Gipfel rund um den Ringelspitz in dem kleinen Bergsee spiegeln! Eine Herde Kühe, die vor der mächtigen Felsmauer des Ringelgebirges posierte, machte die Idylle perfekt.
 
Vom Plattenseeli führt ein markierter Wanderweg die Hänge nach Westen querend hinauf zum Heubützlipass (2462 m), zum Schluss ziemlich ruppig und steil (T2-T3).
 
Am Heubützlipass eröffnet sich ein herrlicher Ausblick nach Norden ins Spitzmeilengebiet sowie auf Churfirsten, Alvierkette und Alpstein. Auch einige der hohen Glarner Gipfel sind bereits sichtbar.
 
Ich deponierte meinen Rucksack auf der Passhöhe und folgte der deutlich ausgeprägten und guten Wegspur, die das erste Felsbollwerk des Fahnenstock-Ostgrats in der Nordflanke im typischen Sardona-Flysch umgeht. Mühsam und anstrengend im Aufstieg, angenehm im Abstieg. Man erreicht den Grat dort, wo sich der Schutt am weitesten hinaufzieht. Anschliessend folgt man dem Grat für einige Meter auf Wegspuren bzw. über einfache Schrofen, bevor man in die Südflanke wechselt und über diese auf Wegspuren- und bändern ohne Schwierigkeiten den höchsten Punkt (2612,3 m) mit Gipfelsteinmann und -buch erreicht (T4-).
 
Wie aus dem Gipfelbuch zu entnehmen ist, wird der Fahnenstock sehr häufig besucht, sowohl von der Sardonahütte als auch vom Weisstannental (Vorsiez oder Walabütz, mit PW erreichbar). Allein für die letzten 3 Monate zählte ich über 50 Einträge! Umso erstaunlicher, dass dieser Gipfel auf Hikr.org bislang noch in keinem einzigen Bericht dokumentiert war.
 
Ich genoss die schöne Aussicht, die lediglich nach Süden und Südwesten durch die höheren Gipfel von Ringelspitz, Piz Sardona & Co. eingeschränkt ist. Von kaum einem anderen Gipfel hat man eine solch schöne Nahsicht auf die höchsten St. Galler Gipfel! Dank der für einen solch heissen Sommertag erstaunlich guten Fernsicht blitzte im Osten zwischen den vergletscherten Silvrettagipfeln und den Davoser Dreitausendern rund um den Piz Vadret weit hinten sogar die eisbedeckte Kuppe des Ortlers auf.
 
Wieder zurück am Heubützlipass (der Name "Heubützli" soll übrigens auf die Bezeichnung Bütz=Teich, vom romanischen puoz, für die beiden malerischen Seen im Oberen Heubützlikar und Hei=hoch zurückgehen), querte ich auf dem markierten Wanderweg durch die Nordflanke des Fahnenstocks zum Muetertalerfürggli (2409 m), T3. Hier wurde ich dann Zeuge der fantastischen Flugkünste der im Calfeisental ausgewilderten Bartgeier: Ein Jungvogel zog seine Kreise direkt über meinem Kopf - sah ich schon so "verwest" aus? ;-)
 
Entlang des Schafzauns ging es in südlicher Richtung der Gratkante nach auf den Ostgipfel des Grauspitz, P. 2475. Da der Schafzaun denkbar "blöd" platziert war, musste ich etwas weiter in die bewachsene Südostflanke ausweichen, als mir lieb war (T3). Das langgestreckte Bergmassiv des Grauspitz fällt nach Süden in einer schuttigen, in Gratnähe aus abwärts geschichteten Flysch-Platten bestehenden Flanke und nach Norden in brüchigen Felswänden ab. Der rund 400 m lange Grat zwischen den annährend gleich hohen Gipfeln lässt sich gut und einfach begehen, mit Ausnahme einer Schichtstufe unmittelbar östlich der tiefsten Einsattlung: Hier bricht der Grat in unangenehm brüchigen, abwärts geschichteten Felsplatten ab. Man könnte die wenigen Meter auf der Schneide ausgesetzt abklettern (T6), weil dies aber angesichts der Brüchigkeit des Gesteins (die scharfkantigen Platten brechen unter Belastung sofort heraus) einem Hasardspiel gleicht, scheint eine (weiträumige) Umgehung in der Südflanke ratsam. Da ich von der Hitze bereits platt war und mir zudem die Zeit im Nacken sass, wollte ich den Ab- und anschliessenden Wiederaufstieg so gering wie möglich halten. Dies brachte mir eine ebenso heikle wie mühsame Querung auf unzuverlässigen Felsstüfchen und haltlosem Steilschutt unmittelbar unterhalb des besagten Schichtkopfs ein (T5). Es sei gesagt: Je weiter (und tiefer) man in der Südflanke ausholt, desto einfacher wird das Gelände. Auch wenn es dann keine eigentliche Überschreitung des Grauspitz mehr ist, würde ich bei einer allfälligen Wiederholung der Tour lieber entweder weit unten die Südflanke queren oder gleich ganz auf den Ostgipfel verzichten. Man hat ohnehin von beiden Gipfeln die gleiche (eingeschränkte) Aussicht. Im Übrigen ist der Grauspitz eher ein Gipfel, den man einmal besteigt, um "mal oben gewesen" zu sein (Gipfelsammler) - als lohnenden Aussichtsgipfel würde ich ihn nicht bezeichnen.
 
Von der tiefsten Einsattlung erreicht man über den breiten Grasgrat den Westgipfel, mit 2478 m der höchste Punkt des Grauspitz. Nach kurzem Abstieg geht es anschliessend ziemlich botanisch über die letzte, westlichste Graterhebung, bevor der lange Abstieg Richtung Weisstannental beginnt.
 
Wie ich mit Blick auf die Uhr feststellen musste, blieben mir für diesen Abstieg bis zur Bushaltestelle cff logo Weisstannen, Oberdorf noch genau 2 Stunden Zeit. Nicht mehr und nicht weniger. Da kommt es natürlich nicht gut, wenn man noch einen Umweg einbaut: Auf dem grasigen Südwestrücken des Grauspitz bin ich zu weit abgestiegen. Nachdem ich immer wieder nach rechts geäugt hatte, den weiteren Verlauf des Geländes im Hinblick auf einen möglichst frühzeitigen Abstieg nach Norden in die Weideböden der Alp Scheubs aber nicht einsehen konnte, holte ich auf einer Höhe von ca. 2100 m dann doch die Karte raus. Diese bestätigte mir, was der gerade zuvor gekreuzte Viehweg bereits andeutete: Oberhalb der 2120er Höhenlinie, unter der das Gelände steil abbricht, ist eine Querung der Flanke nach Nordosten zur Scheubser Hinteralp gut möglich. Ich hätte mich bereits kurz nach der letzten Graterhebung des Grauspitz auf der sog. Grauplangg nach Nordwesten orientieren können und sollen - so waren weitere kostbare Minuten und Energiereserven verflossen, wenigstens konnte ich an einem Rinnsal in der Grauspitz-Nordflanke noch meine Getränkeflaschen auffüllen.
 
Der Rest ist schnell erzählt: Auf den zunehmend deutlicheren Wegspuren hastete ich von der Scheubser Hinteralp -den Graseggchopf (2065 m) rechts liegen lassend- zur Alp Oberscheubs ( 1896 m) und weiter über den ab hier mit spärlichen, alten Markierungen versehenen Alpweg hinunter zum Schwammbrüggli (1483 m) über den Scheubser Bach. Wenigstens fand ich hier unten im Wald zeitweise Schutz vor der sengenden Sonne - die brütende Hitze setzte mir immer mehr zu. Bald einmal wurde klar, dass es trotz maximal möglichem Tempo ganz eng werden würde mit dem 16 Uhr-Bus ab Weisstannen. Zudem war der äusserst ruppige Alpweg durch das Vieh teilweise übel zugerichtet und dementsprechend schlecht zu begehen, insbesondere wenn man im Laufschritt unterwegs ist…
 
Mit wunden Füssen, an denen sich nun auch schmerzhafte Blasen bemerkbar machten, erreichte ich nach schier endlosem Höhenmetervernichten den Talboden bei Vorsiez (1176 m). Für die verbleibenden 2 km auf der asphaltierten Strasse blieben mir nun noch 10 min - mit schweren Bergstiefeln und ebensolchem Rucksack ein schier aussichtsloses Unterfangen. Vernünftigerweise gab ich die Hatz wenig später auf und verliess mich auf das "Daumen-Taxi". Und ich hatte Glück: ein älterer Einheimischer war so nett und nahm mich bis zu seinem Wohnort Mels mit, wo ich in "meinen" Bus, den wir unterwegs ein- und überholt hatten, umsteigen konnte.
 
Wer die Wanderung, insbesondere den Abstieg ins Weisstannental, etwas entspannter durchführen möchte, sollte unbedingt den vollen öV-Zeitrahmen von 8,5 h einplanen. 2 h für den Abstieg vom Grauspitz über die Alp Scheubs nach Weisstannen, Oberdorf sind schon eine sehr aggressive Zeitvorgabe, vor allem bei einer solchen Sommerhitze…

Tourengänger: marmotta

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Kommentare (2)


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fuemm63 Pro hat gesagt:
Gesendet am 20. August 2012 um 21:48
Wunderbare Bilder!!! Dein Bericht macht mich (trotz der Blasen...) an, meinen Plan für einen Berglauf im Calfeisen-Gebiet endlich unter die Füsse zu nehmen :-)

marmotta hat gesagt: RE:
Gesendet am 20. August 2012 um 22:29
Danke! Das mit den Blasen war halb so schlimm - die Strecke ist, mit Ausnahme der Abstecher auf Fahnenstock und Grauspitz, gut mit Trailrunner zu bewältigen.

Freu mich schon auf den Bericht und die Fotos, wenn Du in dieser schönen Gegend unterwegs warst!

G.
marmotta


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