"Il tempo vola" an der Südostwand des Schijenstocks


Publiziert von stataprofi , 22. August 2012 um 21:43. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Schweiz » Uri
Tour Datum:13 August 2012
Wandern Schwierigkeit: T6- - schwieriges Alpinwandern
Klettern Schwierigkeit: 5b (Französische Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-UR 
Zeitbedarf: 10:00
Unterkunftmöglichkeiten:Bergseehütte
Kartennummer:1231 Urseren

Einsames und alpines Sportklettererlebnis der Extraklasse.

Wer schon einmal die Bergseehütte besucht oder insbesondere auf dem Bergseeschijen gestanden ist, der kennt sicherlich die imposante Südostwand des Schijenstocks. Der Schijenstock ist mit 3161m rund 250 Meter höher als der viel bekanntere Bergseeschijen.

Heute haben wir uns endlich an die einfachste Route durch die Wand, "Il tempo vola" (5c+, 5b obl.), gewagt und sind mit einem einmaligen, einsamen aber auch langen und ziemlich alpinen Sportklettererlebnis belohnt worden. Es hat sich allerdings auch ausbezahlt, dass wir mit ausreichend Respekt und Vorbereitung in die Route gestartet sind (die Route ist allerdings auf dem Netz praktisch nicht dokumentiert; deshalb an dieser Stelle etwas ausführlichere Informationen).

Gestartet sind wir um etwas vor halb acht von der Bergseehütte. Man folgt zunächst dem Weg zur Südwand des Bergseeschijen, welchen man aber schon bald verlässt und auf Moranenrücken, teilweise auf Wegspuren, direkt auf die Südostwand des Schijenstocks zuhält. Wir haben rund 1,5 Stunden bis zum Schneefeld gebraucht, dann nochmals fast eine Stunde bis wir endlich in die Route gestartet sind (zeitraubendes Stufenschlagen über das Schneefeld).

Nach einer kurzen Aufwärmrunde (wir sind etwa in der Mitte des 2. Seillänge gestartet), gibt es in der 3. und 4. Seillänge schon ziemlich steile Kletterei (in der 4. Seillänge einige wenige nasse Stellen vom Regenschauer vom Vorabend). Vom Stand nach der 4. Seillänge klettert man nach links über einen kurzen Aufschwung (hier fehlt ein Bohrhaken, gelber Cam kann als Ersatz gelegt werden) und steht dann vor dem ca. 20-25m langen Plattenquergang. Der Quergang schaut auf den ersten Blick abschreckender aus als er tatsächlich ist (nur wenige Meter müssen direkt auf Reibung geklettert werden). Dennoch, aufgrund der relativ grossen Hakenabstände sollten Vor- und Nachsteiger hier gleichermassen sicher unterwegs sein. Es folgt eine steilere Seillänge mit einer kurzen plattigen Schlüsselstelle (5c+, kann A0 geklettert werden). In vier einfacheren Seillängen gelangt man relativ schnell an den wiederum steileren obersten Teil der Wand. In den letzten drei Seillängen gelangt man in sehr schöner Kletterei fast direkt zum Gipfelkreuz. Für die Kletterei haben wir ca. 4 Stunden gebraucht.

Leider hat sich der Gipfel in Wolken gehüllt, und so konnten wir nur ein sehr eingeschränktes Panorama geniessen. Da noch ein weiter Abstieg wartete, haben wir uns schon bald auf den Rückweg gemacht.

Man folgt zunächst dem Ostgrat (immer etwas nördlich des Grats, teilweise auf Wegspuren) und steigt bald einmal, leicht linkshaltend, in der Ostflanke ab bis die Flanke wieder abflacht. Hier wieder dem Grat folgen bis zum Einstieg ins Westcouloir (ca. eine Stunde vom Gipfel bis hierher).

Hier kann zunächst an einem improvisierten Abseilstand ca. 20m in die Scharte abgeseilt werden. Von der Scharte sind wir, immer rechtshaltend, im Couloir abgestiegen. Am Schluss äusserst mühsam über sehr steilen Schutt bzw. Schnee (hier wären Bergschuhe definitiv ein Vorteil). Hier wollte ich auf dem Schnee runtersurfen, da das Gelände merklich etwas abflacht. Aber leider nicht genug. Schon nach den ersten paar Metern hats mich hingeworfen und ich bin den Rest des Couloirs auf dem Hosenboden bzw. Rucksack nach unten gerauscht. Zum Glück nichts passiert. Von hier in nochmals gut einer Stunde zurück zur Bergseehütte.


Hinweise zum Zustieg:
- Zunächst folgt man dem Weg, der von der Hütte nordwärts zur Südwand des Bergseeschijens führt. Später folgt man auf den Moräenrücken (auf der Landeskarte gut sichtbar) bis zum steilen Schneefeld unterhalb der Südostwand des Schijenstocks.
- Die notwendige Ausrüstung für das Queren des Schneefelds hängt stark von den Verhältnissen ab. Wir waren hier eher minimalistisch ausgerüstet mit Zustiegsschuhen sowie nur einem Pickel. Je nachdem könnten auch Steigeisen notwendig sein.

Hinweise zum Routenverlauf:
- Das Topo im "Plaisir Ost" ist insgesamt ausreichend genau. Hier nur einige Ergänzungen, die nicht aus dem Topo ersichtlich sind.
- Der Einstieg ist von unten nicht sehr gut sichtbar. Am besten sichtbar ist die blaue Markierung, welche auf die Abzweigung zum Einstieg der benachbarten Route ("Goldrausch") hinweist. Bei dieser Markierung führt die "Il tempo vola" mehr oder weniger direkt (etwas linkshaltend) nach oben (Bohrhaken sichtbar). Etwas weiter unten befindet sich ein Bohrhaken mit einer roten Schlinge, welcher ebenfalls zur Route gehört.
- In der 11. Seillänge quert die Route, wie im Topo vermerkt, am Schluss nach rechts. Nach einigen Metern sieht man über sich eine Verschneidung mit alten Schlaghaken. Hier sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, in diese Verschneidung hochzuklettern, sondern man muss weiter nach rechts queren, bis man zu einem Stand mit zwei Bohrhaken gelangt.
- Der Stand nach der 12. Seillänge befindet sich direkt überhalb eines markanten Felsblocks, der vom vorherigen Stand gut sichtbar ist. Man umklettert den Block rechterhand (von unten gesehen).
- Ist man erst mal in den Plattenquergang gestartet, kann erst wieder abgeseilt werden, wenn man auch die nachfolgende Seillänge durchgeklettert ist (siehe Topo).

Hinweise zum Abstieg:
- Man folgt zunächst dem Ostgrat (immer leicht nördlich des Grats), teilweise auf gut sichtbaren Wegspuren und teilweise mit Steinmännchen markiert, bevor man - leicht linkshaltend - in die Ostflanke quert.
- Sobald die Flanke abflacht (ca. 2900m) folgt man wieder dem Gratverlauf bis man zum Einstieg des Westcouloirs gelangt (ich habe einen entsprechenden Wegpunkt eingefügt). Der Einstieg befindet sich nördlich von Pkt. 2889 (auf der Landeskarte gut sichtbar).
- Wir haben zunächst ca. 20m zur Scharte abgeseilt (auf Seilführung achten!). Abklettern erschien uns hier zu heikel.
- Man könnte von der Scharte aus nochmals abseilen, das erschien uns aber wenig ratsam (Seilverklemmer vorprogrammiert, Steinschlag fast zwingend beim Abziehen des Seils). Abklettern ist hier einfach möglich.
- Wir sind das Couloir immer rechtshaltend abgesteigen. Das geht einigermassen gut, bis sich das Couloir öffnet und nur noch aus Schutt bzw. festem Schnee besteht.
- Was wir leider zu spät gesehen haben: Es gibt eine weitere Abseilmöglichkeit rechterhand (im Abstiegssinne), etwa auf der Höhe auf welcher sich das Couloir öffnet). Wir würden dringend raten, an dieser Stelle abzuseilen (man kommt vermutlich bis ins flachere Gelände mit 2x50/60m Seilen).
- Alternativ könnte man aus der Scharte nach Osten absteigen, um schliesslich bei Punkt 2600 den Normalabstieg vom Bergseeschijen zu erreichen (hat eine holländische Seilschaft am Vortag so gemacht). Dieser Weg ist zwar weiter, aber man kann so das Westcouloir umgehen.

Absicherung:
- Die Absicherung in den schwierigeren Seillängen lässt sich mit den Routen in der Südwand des Bergseeschijen vergleichen (nach Plaisir "gut"). Das Prädikat "so so" im Plaisir geht wohl auf die etwas spartanischere Absicherung in den einfacheren Längen zurück (oder die Route wurde zwischenzeitlich saniert).
- Mobile Sicherungen können nur teilweise eingesetzt werden.
- Vor- und Nachsteiger sollten den 5. Grad beherrschen (Plattenquergang in der 5. Seillänge).

Material:
- 50/60m Doppelseil (für einen allfälligen Rückzug aus der Route).
- Ein kleines Set an Friends hilfreich (vor dem Plattenquergang in der 5. Seillänge fehlt ein Bohrhaken, hier kann stattdessen sehr gut ein gelber Cam platziert werden).
- Mindestens ein Pickel pro Seilschaft, besser ein Pickel pro Person (zu den momentanen Bedingungen).
- Wem es nichts ausmacht, mit Bergschuhen zu klettern bzw. die Bergschuhe im Rucksack mitzutragen, ist mit Bergschuhen für den Zu- und Abstieg sicherlich gut beraten.

Tourengänger: Sunneschy, stataprofi

Galerie


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