Similaun (3606 m) - eine Woche über Gipfel und Jöcher


Publiziert von 83_Stefan , 21. Juli 2012 um 21:38. Text und Fotos von den Tourengängern

Region: Welt » Österreich » Zentrale Ostalpen » Ötztaler Alpen
Tour Datum:13 Juli 2012
Wandern Schwierigkeit: T4 - Alpinwandern
Hochtouren Schwierigkeit: WS-
Klettern Schwierigkeit: II (UIAA-Skala)
Wegpunkte:
Geo-Tags: A   I   A-T 
Zeitbedarf: 7 Tage
Aufstieg: 5000 m
Abstieg: 5000 m
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Auf der B186 nach Obergurgl. Im Ort Halteverbotszone und nur extrem kostenintensive Privatparkplätze, daher am besten an günstiger Gelegenheit vor dem Ort parken. Achtung: Am tagsüber kostenfreien Großparkplatz der Festkogelbahn am Ortseingang herrscht zwischen 0 und 8 Uhr Halteverbot ("Abschleppzone")!
Unterkunftmöglichkeiten:Langtalereckhütte (2430 m, DAV Sektion Karlsruhe); Ramolhaus (3006 m, DAV Sektion Hamburg und Niederelbe); Martin Busch Hütte (2501 m, DAV Sektion Berlin).
Kartennummer:AV-Karten 30/1 Ötztaler Alpen Gurgl und 30/2 Ötztaler Alpen Weißkugel.

Die Ötztaler Alpen - Inbegriff für hochalpine Gletscherwelten. Trotz der Klimaerwärmung befindet sich die größte Massenerhebung der Ostalpen noch immer im Banne des Eises - Gletscher soweit das Auge reicht! Im Spannungsfeld zwischen Österreich und Italien gelegen, trennt heute eine mitten durch das Gebirge verlaufende Staatsgrenze die über Jahrhunderte zusammen gewachsene Region Tirol. Der Alpenhauptkamm verbindet sie. So kommt es, dass Schnalstaler Bauern seit Urzeiten ihre Schafe über's Niederjoch nach Nordtirol zu ihren Weidegebieten treiben - als gäbe es keine Grenze. Und auch heute fühlt man sich auf den Gipfeln wie im Herzen Tirols und nicht zwischen zwei unabhängigen EU-Staaten. Schön, dass in einem vereinigten Europa die Grenzen immer mehr verwaschen!
Die hier vorgestellte Mehrtagestour führt von Obergurgl über die Stützpunkte Langtalereckhütte, Ramolhaus und Martin Busch Hütte nach Vent. Besucht werden dabei Anichspitze, Hinterer Spiegelkogel, Similaun und Kreuzspitze. Hat man mehr Zeit, lässt sich die Tour auch noch deutlich ausdehnen. Bei so vielen Gipfeln wird einem bestimmt nicht langweilig werden...


Tag 1:
Der erste Tag führt von Obergurgl zur Langtalereckhütte. Obergurgl als "höchstes Kirchdorf Österreichs" wird sicherlich keinen Schönheitspreis gewinnen; auch der Preis für die verkehrsfreundlichste Gemeinde wird ihm verwehrt bleiben.
An der Festkogelbahn wird der Bach überschritten. Auf der anderen Seite führt ein Steig bergan, der bald rechts abknickt und über dem Ort in südwestlicher Richtung entlang führt. Er mündet in einen Fahrweg, der durch die skiindustriegeschundene Landschaft - die Richtung beibehaltend - zur Schönwieshütte leitet. Weiter auf dem Fahrweg hoch über der Gurgler Ache, bis die Langtalereckhütte erreicht ist. Dort endet auch der Fahrweg.

Tag 2:
Von der Langtalereckhütte geht's nach Süden auf gutem Steig auf den Langtaler Ferner zu, bis man auf den Steig zum Hochwildehaus nach rechts abzweigt, der hinunter zum Bach führt. Dieser wird auf einer Brücke überschritten. Auf der anderen Seite durch Gletscherschliffgelände bergan und um den Felsrücken des Schwärzenkamms herum. Der Weg zum Hochwildehaus wird auf gutem Steig nach rechts verlassen und man steigt problemlos zum Gurgler Ferner ab. Das zu querende Gletscherstück ist mit Schutt übersät und durchgehend markiert, sodass die Querung bei guten Bedingungen keinerlei Probleme bereitet. Auf der anderen Seite über eine Leiter und einige Stahlkrampen die glatten Felsen hinauf. Der Steig führt durch Gletscherschliffgelände und später durch eine begrünte Flanke aufwärts. An einer Verzweigung nach links bergan, zuletzt zusammen mit dem Hüttenweg von Obergurgl steil ansteigend zum lange sichtbaren Ramolhaus hinauf.

Tag 3:
Wetterbedingter Ruhetag. So schön die Lage des Ramolhauses auch ist, auf über 3000 Metern Höhe kann es schon mal passieren, dass man wegen eines Wintereinbruchs festsitzt. Es gibt auf der Hütte Material zum Lesen und Kartenspiele sind vorhanden.

Tag 4:
Die Anichspitze (Nördlicher Ramolkogel) ist ein von der Hütte vergleichsweise gut zu erreichendes Ziel. Man folgt dem markierten Weg zum Ramoljoch hinüber ins Kar, das bis vor wenigen Jahren noch vom Ramolferner bedeckt war. Dort, wo sich der Weg scharf nach links wendet, geradeaus weiter zum Gletscherrand (bezeichnet). Hier Anseilpunkt.
Auf dem Gletscher geht's hoch zu einem Schrofenrücken, der mittlerweile ausgeapert ist; um ihn günstigerweise links herum und man gelangt auf den zentralen Teil des Ferners. In einem Rechtsbogen wird die Steilstufe umgangen und wieder zurück nach links querend, erreicht man die Scharte zwischen Mittlerem Ramolkogel und Anichspitze. Von dort folgt man dem gutmütigen Südwestkamm (bis I) nach oben zum Gipfel.
Retour geht's auf dem Anstiegsweg. Wer noch nicht ausgelastet ist, kann auf dem Rückweg noch den äußerst lohnenden, gletscherfrei erreichbaren Hinteren Spiegelkogel mitnehmen. Dazu wird der markierte Weg dort verlassen, wo er den Ostpfeiler des Hinteren Spiegelkogels kreuzt (höchster Punkt des Gegenanstiegs). Auf dem Grat des Pfeilers geht's ohne größere Schwierigkeiten auf deutlicher Trittspur bergan; zudem ist die Route markiert, sodass es keine Orientierungsschwierigkeiten gibt (I und Gehgelände; ganz oben eine nicht besonders ausgesetzte, feste Stelle II). Der Pfeiler schließt am Verbindungsgrat zwischen Hinterem Spiegelkogel und Ramoljoch an, dem man nach links über Blockwerk (bis I) zum sehr geräumigen Gipfel folgt.
Der Südgrat (bis I, teilweise etwas brüchig und stellenweise ausgesetzt) leitet hinunter zum Spiegeljoch. Am tiefsten Punkt wendet man sich links und steigt über erdige Absätze durch die steile Flanke hinab, bis flacheres Gelände (Firnfeld) erreicht wird. Eine weitere Steilstufe wird etwas links haltend durchstiegen. Weiter unten trifft man auf den Hüttenweg des Ramolhauses, dem man das letzte Stück hinauf zur Hütte folgt.

Tag 5:
Das Firmisánjoch ermöglicht einen Übergang vom Gurgler Tal ins Niedertal. Um es zu erreichen, folgt man dem Hüttenweg ein kurzes Stück abwärts, bis man günstig zum Moränenrücken aufsteigen kann, der in süd-südwestlicher Richtung verlaufend im Hang eingelagert ist. In den dadurch gebildeten Mulden liegen einige schöne, kleine Seen. Auf dem Rücken quert man den Hang (deutliche Steigspuren, ab und zu Steinmänner), bis die Rampe erreicht ist, die vom Verbindungsgrat zwischen Firmisánschneide und Schalfkogel kurz vor dem Firmisánjoch herunter zieht. Man folgt der Rampe durch schrofiges, häufig erdiges Gelände hinauf zum Grat, der wenig nördlich des Jochs erreicht wird. Auf dem breiten Kamm ohne Schwierigkeiten zum Joch hinunter.
Auf der Westseite reicht der Diemferner bis zum Firmisánjoch hinauf. Er wird für den Abstieg benutzt. Nach dem Anseilen geht's an der rechten Gletscherseite abwärts, bis man günstig auf den deutlichen Moränenwall aufsteigen kann (nicht zu weit absteigen, sonst ermüdender Gegenanstieg!). Auf dem Moränenwall abwärts; weiter unten prägt sich eine Trittspur aus. Auf dem Rücken wird der markierte Verbindungsweg zwischen Martin Busch Hütte und Ramoljoch erreicht. Auf ihm nach links, hinab zur Niedertaler Ache und auf der anderen Seite hinauf zum breiten Versorgungsweg der Martin Busch Hütte. Nach links auf dem Fahrweg bergan, bis die Hütte erreicht ist.

Tag 6:
Der Similaun ruft! Von der Hütte folgt man dem Steig zum Niederjochbach, der auf einer Brücke überquert wird. Der Steig leitet durch die Nordostflanke des Marzellkamms bergauf zu dessen Kammhöhe. Stets aussichtsreich geht's auf dem Marzellkamm in wechselndem Auf und Ab dahin, bis der Kamm unter den Gletscher taucht. Dort Anseilpunkt.
Die Spur zieht über den mäßig steilen Hang in Richtung des steilen Gipfelaufbaus hinauf, der rechts umgangen wird; am Kamm trifft man auf die Anstiegsroute von der Similaunhütte. Nach dem Abseilen folgt man dem problemlosen Blockgrat bergan, der kurz vor dem Gipfel in einen Firngrat übergeht. Auf ihm - teils etwas ausgesetzt - zum bereits lange sichtbaren Gipfelkreuz.
Die Aussicht vom Similaun ist wahrlich gigantisch und wird theoretisch nur durch die Erdkrümmung begrenzt. Steht man an einem sonnigen Tag mit guter Sicht am Gipfel, wird man diesen Ausblick garantiert nie vergessen.
Der Rückweg führt wieder auf dem Gipfelgrat zum Seildepot. Nach dem Anseilen geht's auf die linke Zunge des Niederjochferners - die Steilstufe in einem Rechtsschwenk umgehend - hinunter, bis der Gletscher nahe des Niederjochs auf Schutt nach links verlassen wird (alternativ Spurwahl etwas weiter oben: geringerer Gletscheranteil, meist am Ostgrat entlang; in der AV-Karte eingezeichnet). Auf deutlicher Wegspur wird in wenigen Minuten die lange sichtbare Similaunhütte erreicht. Die schöne Hütte am Niederjoch bietet sich für eine Rast an - ein italienischer Kuchen mit Cevedaleblick!
Der Abstieg zur Martin Busch Hütte ist schnell beschrieben: Am markierten Weg geht's - zuerst durch die felsige Flanke, später durch Geröll und Grasgelände - durch's Niedertal zum Quartier hinab.

Tag 7:
Die Kreuzspitze ist als Hüttenberg der Martin Busch Hütte mit ihren stolzen 3457 Metern auf markiertem Wanderweg erstaunlich unschwierig erreichbar. Über die Grasflanke zieht der nicht zu verfehlende Weg steil nach oben, bis flaches Gelände erreicht wird ("Auf den Sömen"). In den Mulden liegen einige schöne Seen eingebettet. Anschließend wendet sich der Steig etwas nach rechts und führt den schuttigen Hang hinauf zu einem Blockkar, das gequert wird. Jenseits durch Schrofen hinauf zu einer Scharte im Gipfelkamm der Kreuzspitze. Nach links, immer am gutmütigen Kamm entlang, zum Gipfel. Das Kreuz wird erst wenige Meter unterhalb des höchsten Punkts sichtbar. Die Kreuzspitze ist ein hervorragender Aussichtspunkt, die Martin Busch Hütte zeigt sich allerdings von dort nicht.
Der Abstieg zur Hütte erfolgt auf dem Anstiegsweg.
An der Hütte angekommen, gönnt man sich am besten noch eine Rast, bevor man auf dem ungemein öden Fahrweg durch's Niedertal nach Vent absteigt. Ist man dann irgendwann endlich im Dorf angekommen, gewinnt die Frage nach der Rückkehr zum Auto an Aktualität. Diese lässt sich wohl nur per Bus bewerkstelligen (Bus verkehrt meist im Halbstundentakt; Umsteigen in Zwieselstein). Je nach Verspätung früher oder später erreicht man somit wieder Obergurgl und ist froh, wenn man zurück am Ausgangspunkt ist.

Schwierigkeiten:
Von Obergurgl zur Langtalereckhütte: T1.
Von der Langtalereckhütte zum Ramolhaus: T3.
Vom Ramolhaus zur Anichspitze: L (Hochtour), T3+, I (am Grat).
Ostpfeiler zum Hinteren Spiegelkogel: T4-, II (eine Stelle).
Abstieg über Spiegeljoch: T4, I.
Vom Ramolhaus via Firmisánjoch zur Martin Busch Hütte: L (Hochtour), T4.
Über Marzellkamm zum Similaun: WS- (Hochtour, Firngrat etwas ausgesetzt); T3+, I (bis zum höchsten Punkt des Marzellkamms).
Abstieg über Similaunhütte: WS- (am Firngrat); T3 (ab Similaunhütte).
Wanderung zur Kreuzspitze: T3.
Von der Martin Busch Hütte nach Vent: T1.

Fazit:
Eine abwechslungsreiche 5*-Mehrtagestour, die sich beliebig ausbauen lässt. Mit Hinterem Spiegelkogel und Kreuzspitze werden zwei Berge besucht, die ohne Hochtourenausrüstung erreichbar sind.
Langtalereckhütte und Ramolhaus sind uneingeschränkt empfehlenswert (Essen wird mit großer Mühe zubereitet), auf der Martin Busch Hütte braucht man starke Nerven, da die Hütte meist überfüllt ist und einer Abfertigungsstation gleicht (was dem Bergsteigeressen an Qualität fehlt, wird allerdings durch Quantität wieder wettgemacht; genialer Trockenraum).

Mit auf Tour: Anne (Tage 1-7), felixbavaria (Tage 1-7), Gerd (Tage 1-4), Hinnerk (Tage 1-7, ohne Kreuzspitze), Peter (Tage 2-4), Stefan (Tage 1-7, ohne Kreuzspitze).

Anmerkungen:
Anstelle des fast nie begangenen Firmisánjochs kann als Übergang vom Ramolhaus zur Martin Busch Hütte auch der markierte Weg über's Ramoljoch genutzt werden (mittlerweile gletscherfrei).
Die Anichspitze sollte auf beschriebener Route nur mit vollständiger Hochtourenausrüstung angegangen werden; am Similaun ist - sofern der Gletscher nicht blank ist - vollständige Gletscherausrüstung eine absolute (!) Selbstverständlichkeit.
Die Rückfahrt mit dem Bus erfordert - je nach Pünktlichkeit - fast schon mehr Durchhaltevermögen, als die gesamte Tour; mit 7,30 € (Stand 07/2012) ist man dabei.

Tourengänger: felixbavaria, 83_Stefan


Galerie


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Kommentare (4)


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alpstein Pro hat gesagt:
Gesendet am 22. Juli 2012 um 09:15
Danke für den schönen Bericht und die tollen Fotos. Die Gletscher sehen momentan ja noch sehr ansehnlich aus im Gegensatz zu früheren Sommern. Vergleicht man die Bilder des Gurgler Ferners von früher und heute, dann wird einem schon etwas anders.

Gruß
Hanspeter

PS.: Für den Aufstieg zur Schönwieshütte ist statt der Skipiste der Weg über den Zirbenwald zu empfehlen

83_Stefan hat gesagt: RE:
Gesendet am 22. Juli 2012 um 09:40
Hallo alpstein! Ich danke dir für dein Lob und freue mich, wenn dir die Bilder gefallen.
Der Gurgler Ferner ist in der Tat nur noch ein Bruchteil seiner selbst. Aber es wird Zeiten geben, in denen er wieder wachsen wird.

PS.: Dein beschriebener Weg ist bestimmt der schönere; uns kam es aber nur darauf an, mit dem schweren Gepäck möglichst schnell und unkompliziert zur Hütte zu kommen ;-) .

ADI hat gesagt:
Gesendet am 22. Juli 2012 um 22:08
Hallo Stefan!

Wunderschöne Eindrücke aus den Ötztalern!
Grazie!
Das Wetter war ja auch echt gut, wie ich sehen kann; freut mich für Euch.
Demnächst wieder mal eine Tour zusammen.....

VLG vom ADI

83_Stefan hat gesagt: RE:
Gesendet am 22. Juli 2012 um 22:28
Seawas ADI! Danke dir! Du hast ja in dieser Ecke auch schon allerhand schöne Touren - vor allem im Winter - gamacht. Da muss ich erstmal aufholen...
Klar, freu mich schon und bin gespannt, wo's hingehen wird!
Viele Grüße zurück!


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