Cuolm Tgietschen (2798 m) und Heimstock (3102 m) oder "Pleiten, Pech und Pannen"


Publiziert von PStraub , 19. Juli 2012 um 13:49.

Region: Welt » Schweiz » Graubünden » Surselva
Tour Datum:18 Juli 2012
Wandern Schwierigkeit: T6 - schwieriges Alpinwandern
Wegpunkte:
Geo-Tags: CH-GR   CH-UR   Claridengruppe 
Zeitbedarf: 10:00
Zufahrt zum Ausgangspunkt:Sumvitg - Alp Russein
Kartennummer:1193

Von der Claridengruppe fehlten im HIKR noch drei Gipfel/Wegpunkte: Cuolm Tgietschen, Piz Val Pintga und Heimstock. Diese wollte ich am gleichen Tag besteigen, aber einmal mehr kam einiges anders als geplant.
 
Mit dem Auto sehr früh nach Sumvitg - Punt Grondo und von dort das Val Russein hinauf (Fahrbewilligung Fr. 7.-). Motorisiert, das ist zwar nicht die feine Art, aber der Cuolm Tgietschen lässt sich sinnvoll nur von dort besteigen, und allein der Anmarsch ab Cumpadials dauert gut und gern drei Stunden. Zu dieser "Strasse" ist nur zu sagen: Wers einmal gemacht hat, probiert es nie wieder!
 
Was bei P. 1845 auf den Luftbildern wie ein Parkplatz aussieht, ist der Melkstand vom Oberstafel der Alp Russein. Überall stehen Kühe rum und warten darauf, gemolken zu werden. Ein Durchkommen zur Brücke über den Val-Pintga-Bach muss richtig erkämpft werden. An sich war für die ganze Schweiz strahlend schönes Wetter angesagt, aber über der Surselva ist es dicht bewölkt und ich ahne mehr als dass ich es sehe, wohin ich gehen muss. Und Wege sucht man in dieser weltfernen Gegend eh umsonst.
 
Ich steige durch kniehohes, taunasses Gras recht steil den Hang hinauf, in etwa in nördlicher Richtung. Nach einer guten halben Stunde wird das Gelände flacher und schliesslich bin ich über dem Nebel. Es folgt ein prächtiger Aufstieg über die blumenreichen Matten von Sur Plattas. Die Vegetation wird gegen oben häufiger von Felsplatten unterbrochen und gegliedert.  
Man besteigt so recht einfach den östlichen Gratrücken, auf oder an dem man bald einmal den Gipfel erreicht. Wo der Grat selber nicht begehbar ist, weicht man in gut gegliederte und wenig steile Blockschutt-Bänder auf der Nordseite aus. Der ganze Aufstieg ist so im T4-Bereich und - abgesehen von der Lage am A... der Welt - wirklich wunderschön.
 
Wer auf dem Gipfel steht, kann sich über die Führer-Literatur nur wundern. Kein halbwegs vernünftiger Mensch würde aus dem Val Russein via Val Pintga da Russein von Nordwesten oder von via Val Gronda da Russein von Nordosten aufsteigen. Beides ist an der Gratlücke zwischen Cuolm Tgietschen und Heimstock brutal schwierig. Zwei vertikale Platten gliedern diesen Grat, und nur im nördlichsten der drei Couloirs muss man einen Aufstieg überhaupt versuchen. Und einmal auf dem Grat, müssen erst einmal die beiden Platten überkraxelt werden.
Auch der postulierte Auf- oder Abstieg vom Grat in die Mulde im Norden ist keineswegs "überall möglich". Vielleicht früher, als da noch ein Gletscher war, aber heute ist gut beraten, wer genau schaut, welche Route die Gemsen benutzen. Dort hat sich nämlich eine akzeptable Spur gebildet - was in frei begehbarem Gelände kaum je der Fall ist (T5 bei guter Routenwahl - sonst nach oben offen).  
 
Mein Plan war, vom Cuolm Tgietschen ins Val Pintga abzusteigen und via die Fuorcla Val Pintga Piz Val Pintga und Heimstock zu besteigen. Doch der Abstieg erschien mir dann doch wenig attraktiv, und im recht steilen Aufstieg zur Fuorcla Val Pintga lag Neuschnee. Beides zusammen, das war mir zu heikel. 
Also eine Passage hinunter auf das Plateau östlich von Cuolm Tgietschen und Heimstock gesucht, das auf gut 2500 m liegt. Die Idee war, einen Aufstieg durch die Ostflanke zu probieren.
 
Gemäss Literatur wird diese vom Sandpass aus begangen. Ich denke, das wäre möglich, wurde aber seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht. Warum sollte jemand, der vom Claridengebiet her kommt, sich diese Plage antun, wenn er via Piz Cazarauls eine recht attraktive Gratüberschreitung machen kann?
 
Ich bin direkt in der Falllinie des Gipfels eingestiegen. Das wusste ich zwar nicht, da dieser auf der ganzen Route nie als solcher zu erkennen ist. Die erste Stufe ist wirklich steil und man muss jeden erdenklichen Geländevorteil nutzen. Dann flacht der Hang etwas ab, die Plattenfluchten machen endlosen Schutthängen Platz. Von Feinschutt bis zu riesigen Platten findet sich alles, und all das wartet auf einen - meist minimalen - Startkick, um krachend in die Tiefe zu fahren. Tonnenschwere Brocken auf dem Neuschnee von letzter Woche lassen keinen Zweifel daran, dass dieser Berg ständig am Einstürzen ist. Das Positive daran: Einen Helm braucht man nicht. Er würde eh nichts nützen ..
 
Auf etwa halber Höhe habe ich einen Stock als Wegmarke zurückgelassen, fein säuberlich mit Steinen so ummauert, dass er sicher stehen bleibt. Schliesslich wollte ich den Einstieg zum Ausstieg später wieder finden. Ab dort musste teilweise über steile Schneefelder aufgestiegen werden. Dieser war mit Neuschnee bedeckt, ohne kräftiges Treten griffen die Eisen nur schlecht. Auf dem zweitletzten dieser Schneefelder fühlte sich das eine Eisen plötzlich merkwürdig an und hing nur noch schlaff am Schuh. Oft genug habe ich über Bergsteiger gespottet, die mit ihrer Ausrüstung nicht klar kommen, und jetzt war es mir selber passiert. Meinte ich, bis ein zweiter Blick bestätigte: Das Eisen war in der Mitte entzwei gebrochen. Das hatte mir gerade noch gefehlt!
 
Nun gut, die restlichen rund hundert Meter halt wie ein lahmender Gaul zum Grat hinauf, den man wirklich wenige Meter nordöstlich des Gipfels erreicht. Ein paar Fotos, und dann auf den mit zwiespältigen Gefühlen erwarteten Abstieg. Mit einem Eisen hinauf, na ja, suboptimal, aber hinunter?
Immerhin, es geht, wenn man rückwärts geht und bei jedem Schritt bewusst den Pickel gut verankert. Weiter unten hätte ich mir am liebsten die Ohren zugestopft. Ständig rieselte oder donnerte es neben und unter mir. Das ist wirklich kein attraktives Gelände, was scheinbar auch die Steinböcke so sehen. Unten habe ich ein paar gesehen, im Hang selber gabs kaum Spuren von ihnen. - Ich brauchte für die rund 500 Meter fast zwei Stunden. 
Für einmal ist die Schwierigkeitsbewertung einfach: Extrem heikles, steiles und rutschiges Gelände, keine sinnvolle Möglichkeit zum Sichern: ein klassisches T6.
 
Im Tal unten habe ich den Bach gequert, um auf der Sandpass-Wegspur zur Alp zurück zu gehen. Das war, wie es sich herausstellen sollte, keine gute Idee. Denn dieser Weg bleibt die ganze Zeit auf der linken Talseite, hat also keine Brücke über den Bach. Als ich das realisierte, war dieser zu einem stattlichen Wildbach angewachsen, und von Furt keine Spur. Also auf ein paar Brocken bis über die Mitte und dann ein auf den Stöcken aufgestützer Mutsprung. Der mir gründlich missriet: Ich kam zwar mit nassen Hosen davon, aber die Stöcke blieben im Flusskies hängen und wurden sogleich vom reissenden Wasser weggeschwemmt. Dass diese Stöcke ein Geschenk von Irène waren, machte den Verlust noch bitterer. - Panne Nummer zwei.
 
Beim ersten Steilhang der Strasse rutschte das rechte Vorderrad etwas hart über einen Stein. Bald merkte ich, dass da einiges nicht in Ordnung war, ständig setzte die Karre unten auf: Ich hatte mir offensichtlich einen Plattfuss eingefangen. Nun ist das mit Reifenwechseln auf einem Schotterweg mit über 20 % Gefälle halt so eine Sache. Darum auf den Felgen - mehr rutschend als fahrend - soweit hinunter, bis ich an einer ebene(re)n Stelle das Rad wechseln konnte - Panne Nummer drei. Schön "süferli" nach Sumvitg hinunter, und dann in gehobenem Schrittempo (diese Pannenreifen erlauben nicht mehr als 80 km/h) nach Hause.
 
Damit hat es auch für die Claridengruppe für jeden Gipfel/Wegpunkt eine Erwähnung.
Noch nicht komplett sind die Tödi- und die Bifertengruppe. 
Ich werde mir etwas mehr Zurückhaltung auferlegen müssen: Derart teure Touren wie diese, das kann ich mir schlicht nicht leisten ..

Tourengänger: PStraub


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Kommentare (8)


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Bergamotte Pro hat gesagt:
Gesendet am 19. Juli 2012 um 14:55
Hallo Peter

Ein durchs Band amüsanter Bericht - aber auch nur, weil ich ihn gemütlich vom Sofa zuhause lesen kann. Die Erledigung des Heimstocks war auch noch so ein entfernter Plan von mir, aber das hat sich nun für den Moment erledigt. Hast Du die Gratvariante ab Planura schon mal gemacht?

Gruss
Bergamotte

PStraub hat gesagt: Grat Cazarauls - Heimstock
Gesendet am 19. Juli 2012 um 15:59
Nein, den Grat habe ich selber nie gemacht, ich bin nicht so der Kletterer.
Auf dem 'Heimstock'-Bild siehst du rechts die Grattürme. Für einen Einzelgänger erschiene mir das als eine ernstzunehmende Tour.

ma90in94 hat gesagt: RE:
Gesendet am 19. Juli 2012 um 21:17
Hallo
Ich hab mal die Tour vom Cazarauls über Heimstock - Piz Val Pintga - Cambrialas gemacht. Ist leider schon 19 Jahre her und genaueres kann ich nicht mehr dazu beitragen.
Aber an schwierige Passagen die ZS+ oder 3. Grad erreichen kann ich mich nicht erinnern, eher WS bis höchstens ZS-, zu mehr bin ich auch nicht in der Lage. Ging eigentlich sehr zügig und nach 3 1/2 Std. war der Cambiralas erreicht. An einzelne Gratstücke die eher lästig waren und ich umgangen habe kann ich mich schon erinnern. Glaube, es gab sehr viel Schutt unterwegs.
Biwakiert hatte ich am Cazarauls.

PStraub hat gesagt: Grat Cazarauls - Cambrialas
Gesendet am 20. Juli 2012 um 07:27
Hallo Günter
Schade, dass du das nicht mehr so präsent hast, das hätte ich äusserst spannend gefunden. Vor allem auch die Passage zwischen Vor- und Hauptgipfel des Cambrialas.
Über das Stück Cazarauls - Heimstock kann ich nichts sagen, aber 2003 waren die heiklen Stellen am Piz Val Pintga weit über ZS-. Allerdings gut möglich, dass da Platten abgerutscht sind, das ganze Gebiet ist ja doch sehr "lebendig".
Gruss Peter

Bertrand Pro hat gesagt: Bravo !
Gesendet am 19. Juli 2012 um 15:30
Magnifique récit, mériterait d'être édité par le CAS...bravo ! Ta plume est digne de D. Anker ou M. Volken...

PStraub hat gesagt: RE:Bravo !
Gesendet am 20. Juli 2012 um 07:15
Wow .. herzlichen Dank!

sven86 hat gesagt:
Gesendet am 20. Juli 2012 um 10:53
Dieses interaktive Engagement würde ich mir auch mal von den Führerautoren der Ostalpen (Alpenvereinsführer) wünschen.

Beste Grüße
Sven

PStraub hat gesagt: Das ist etwas ..
Gesendet am 21. Juli 2012 um 17:07
.. viel verlangt von Autoren, die oft glauben, sich damit um Lohn und Brot zu bringen. Ein alter E.. wie ich kann sich das jedoch leisten.
Es wird noch einige Zeit brauchen, bis alle begriffen haben, dass dem "Crowdsourcing" auch in diesem Bereich die Zukunft gehört.

Gruss Peter


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